Presseschau Lewitscharoff

Künstliche Befruchtung sei widerwärtig, ein Onanieverbot weise, sagt Sibylle Lewitscharoff. Und:

Mit Verlaub, angesichts dieser Entwicklungen kommen mir die Kopulationsheime, welche die Nationalsozialisten einst eingerichtet haben, um blonde Frauen mit dem Samen von blonden blauäugigen ss-Männern zu versorgen, fast wie harmlose Übungsspiele vor. Ich übertreibe, das ist klar, übertreibe, weil mir das gegenwärtige Fortpflanzungsgemurkse derart widerwär- tig erscheint, dass ich sogar geneigt bin, Kinder, die auf solch abartigen Wegen entstanden sind, als Halbwesen anzusehen. Nicht ganz echt sind sie in meinen Augen, sondern zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas. Das ist gewiss ungerecht, weil es den Kindern etwas anlastet, wofür sie rein gar nichts können. Aber meine Abscheu ist in solchen Fällen stärker als die Vernunft.

Hier ist die ganze menschenverachtende Rede, die Sibylle Lewitscharoff am Staatsschauspiel Dresden gehalten hat.
Und hier der offene Brief von Robert Koall, Chefdramaturg am Staatsschauspiel Dresden, als Reaktion darauf.

Ich glaube, Dirk Knipphals in der taz war der erste, der in den großen Medien reagiert hat.

Richard Kämmerlings in der Welt.

Im Börsenblatt des Buchhandels wiegelt Kai Mühleck ab und bekommt in den Kommentaren sofort Gegenwind von seinem direkten Kollegen Michael Roesler-Graichen.

Georg Dietz im Spiegel.

Nochmal der Spiegel, ich bin zu blöd, den Namen der Autorin zu finden.

In der ZEIT erklärt Jo Lendle was über Liebe, Sex und Fortpflanzung, was mir irgendwie bekannt vorkommt.

Der Verlag Suhrkamp habe sich von Frau Lewitscharoff distanziert, heißt es. Die Formulierung kommt mir allerdings ein wenig weich vor.

Die Sopranisse wird ein bisschen persönlich und bleibt dabei erstaunlich sachlich. (Jetzt auch in der taz.)

Lewitscharoff selbst mit einem halbherzigen Relativierungsverusch in der FAZ und „man wird ja wohl noch sagen dürfen“. Na klar darf man sagen, aber wenn man so dermaßen dummes Zeug redet, dann muss man halt auch mit Reaktionen rechnen.

In der ZEIT macht sich David Hugendick lustig.

Judith Schalansky, die gerade mit einem solchen „Halbwesen“ schwanger ist, reagiert in der Süddeutschen kurz und knackig.

Und zum Schluss noch mal Robert Koall auf 3sat. Sehr sachlich und unaufgeregt und daher umso überzeugender. Respekt.

Und ich habe gerade keine Zeit und keinen Nerv, mich noch in wohlgesetzten Worten dazu auszulassen. Für wohlgesetzte Worte bin ich sowieso zu entsetzt, und inhaltlich habe ich den verlinkten Artikeln vermutlich nichts Großes mehr beizufügen.

Ceterum censeo,

… dass auf Literaturveranstaltungen und in allen anderen Darreichungsformen und Packungsgrößen von Autorengesprächen die Frage nach dem autobiografischen Anteil im jeweiligen Buch esse delendam.
Ehrlich. Immerzu werden Autoren gefragt, ob ihre Geschichte autobiografisch ist, wie viel von ihnen selbst im Protagonisten steckt usw. Ich denke dann reflexartig: das ist doch eine Schülerzeitungsfrage. Natürlich ist man ein bisschen neugierig, aber die Grenzen zwischen Neugier und Voyeurismus sind fließend und schnell überschritten. Wenn eine Autorin über eine richtig beschissene Kindheit schreibt, muss man sie dann fragen, wie viel davon autobiografisch ist? Reicht es nicht, sich zu denken, dass man mit solchen Fragen möglicherweise in Wunden bohrt? Wenn jemand mit einem Buch etwas verarbeitet: gut. Das gibt einem aber nicht automatisch das Recht nachzufragen, zumal dann nicht, wenn es so intime Fragen sind, dass man sie anderen Leuten normalerweise nicht stellen würde.
Aber es braucht nicht mal Intimes zu sein. Wenn ein junger Mann aus Ich-Erzählerperspektive über einen jungen Mann schreibt, egal was für eine Geschichte, muss man dann fragen, ob das seine Geschichte ist? Nein, muss man nicht. Es hat nämlich nichts damit zu tun, ob das ein gutes Buch ist. Oder, wie Per Leo gestern bei der Vorstellung der fünf Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse im Hamburger Literaturhaus sagte (aus dem Gedächtnis zitiert):

Ob ein Text literarisch ist oder nicht, ist eine Frage der sprachlichen Gestaltung. Nicht eine Frage des Fiktionalisierungsgrads.

Ganz abgesehen davon ist die Frage nach der autobiografischen Komponente so dermaßen abgedroschen, dass ich mich schon deswegen immer winde, wenn sie kommt. Und sie kommt nachgerade zuverlässig, andauernd.
Man könnte jetzt einwenden, dass Menschen am besten über das schreiben, was sie kennen, und dass die Frage, wie gut sie das Beschriebene kennen, daher durchaus legitim sei. Geschenkt. Ich glaube, es ist für die Bewertung eines literarisches Texts unerheblich. Man kann den Text einigermaßen unabhängig von seinem Autor betrachten (mit Einschränkungen, klar). Die Fragen, die man einer Autorin über ihr Leben stellt, sollten sich jedenfalls an die üblichen Grenzen halten. Es gibt Dinge, die man einfach nicht jeden fragt, und die man nicht jedem erzählt. Das Privatleben des Autors geht die Leserin nur sehr bedingt etwas an. Außerdem möchte ich zu dem Thema zum einemillionsten Mal James Krüss zitieren:

Wenn eine Geschichte einen Sinn hat, dann ist sie wahr, auch wenn sie nicht wirklich passiert ist.

Lasst doch bitte die Autoren mit der Frage in Ruhe, ob das ihre eigene Geschichte ist.

Berlin Book Lovers

Die wundervolle Katy hat sich was Neues ausgedacht:

Berlin Book Lovers ist eine nichtkommerzielle Kontaktseite für Menschen, die Bücher lieben und andere Buchliebhaber kennenlernen möchten – aus welchem Grund auch immer: zum Lieben, zum Bücher Tauschen, zum Schreiben oder Reden. Und weil unsere Lieblingsbücher so viel über uns sagen, reichen sie als Aussage auf den ersten Blick.

So funktioniert es: eine Fotografin macht Fotos von Menschen mit ihrem Lieblingsbuch. Dafür müssen die Menschen schon in Berlin sein; daher der Name. Jeder Eintrag besteht aus einem Bild und einem Kontaktformular. Mehr nicht. Wer möchte, kann sich bei dem jeweiligen Menschen melden. Das war’s.

Voilà, die Berlin Book Lovers. Es wird regelmäßige Fototermine geben – Mitmachen ist in bei der ersten Runde noch kostenlos, ab dann kostet es einmalig 25,- €, um die Kosten der Fotografin zu decken. Also, ich find’s super. (Außer dass ich selbst natürlich keine Ahnung hätte, welches Buch ich da nehmen sollte. Hihi.)

Interview: Angelika Klüssendorf

AF_Angelika_KluessendorfIch habe Angelika Klüssendorf interviewt, deren Bücher Das Mädchen und April ich Euch hier noch mal nachdrücklich ans Herz legen möchte. Tolle Frau, tolle Bücher, und ich finde es sowieso gerade sehr spannend, mit Autoren über das Schreiben zu sprechen. Das Interview gibt’s im KiWi-Blog. Nähkästchenplauderei: Es soll noch einen dritten Band geben, sagte Angelika Klüssendorf bei ihrer Lesung neulich im Hamburger Literaturhaus, und zwar mit der besten Begründung ever: drei Bände im Schuber. Ein Schuber ist ein hehres, legitimes und nachvollziehbares Ziel, finde ich. Ich selbst habe ja so ein Ding mit Lesebändchen, sollte mein Roman jemals veröffentlich werden, werde ich um ein Lesebändchen kämpfen. In Klüssendorfs Bücher habe ich natürlich selbst welche eingeklebt. (Foto: Alex Reuter)