Meine Fluggesellschaft fragt mich am Morgen als erstes, ob ich mich schon auf Hamburg freue. Ja, schon. Aber gleichzeitig würde ich gern noch eine Weile hier bleiben.
Ich trinke meinen Kaffee auf der Terrasse, ich arbeite ein bisschen, ich räume ein bisschen auf und putze. Dann gehe ich los, die letzte Runde drehen. Baden natürlich, ein letztes Mal Ćevapčići im Brot, ein letztes Eis von Hajduk.
Zwei Szenen möchte ich berichten. Auf dem Hinweg zum Strand sehe ich, wie ein etwas älterer Amerikaner einer alten kroatischen Bettlerin Geld geben möchte, er fummelt sein Portemonnaie raus, und dann höre ich im Weitergehen noch, wie er sie fragt, ob er mir ihr ein Selfie machen kann. Wie bitte? Was will er damit? Es in den sozialen Medien posten, „guckt mal, was für ein guter Mensch ich bin, ich habe einer Bettlerin Geld gegeben“? ODER WAS? Ich habe ihre Antwort nicht mehr gehört, und es hat auch einen Moment gedauert, bis ich kapiert hatte, was ich da gerade gehört habe. Ich hoffe, ich habe irgendwas falsch interpretiert. Fürchte aber, ich hätte auch sonst nicht die Eier gehabt, etwas zu sagen.
Auf dem Rückweg vom Strand laufe ich am Hafen entlang, an einer Stelle liegen die großen Mietyachten, und am Kai vor einem dieser schicken, dreistöckigen Schiffe stehen die Leute, die offensichtlich darauf eingeladen sind, und zwar mit Dresscode, alle in Weiß und Sand. Ich bin hin- und hergerissen, einerseits sieht es irgendwie cool aus, wenn alles so aufeinander abgestimmt ist, andererseits vollkommen albern, als würden sie einen Werbespot drehen. Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt schon mal irgendwo eingeladen war, wo es einen solchen Dresscode gab. Neujahrsempfang mit „strictly Abendgarderobe“, okay. Aber noch nie mit Farbcode. Auch sonst nicht mit Verkleiden, anscheinend machen meine Leute keine Mottopartys. (Es wird überhaupt zu wenig gefeiert.)
Das Baden habe ich heute ein bisschen in die Länge gezogen, es wird auf längere Zeit das letzte Mal im Mittelmeer gewesen sein. Ich war einfach zweimal drin, mit einem kleinen Sonnenbad dazwischen, es ist so unfassbar schön! Der Eisverkäufer auf dem Rückweg begrüßt mich freudig, er bedauert, dass es mein letzter Tag ist, er weiß, dass ich Schokoglasur möchte. Ich bin hier quasi zu Hause!


So ein Bade-Sommer ist wirklich ein Gleichniß eines Menschenlebens.
Goethe an Charlotte von Stein, Carlsbad, 16. August 1808.
Danke, Split. Danke, allerbeste Alida! Ich bin schockverliebt in die Stadt, und Mai ist wohl wirklich die beste Jahreszeit. Liebe Alida, ich komm jetzt öfter. Das hast du nun davon!
Joghurt-Waldfrucht
PS: Erster Satz des neuen Romans: „Eine der Möwen war verrückt geworden.“
Heute gelernt: Die Mittelmeermöwe hat eine Spannweite von 1,20-1,40 m. Alter! Also, falls hier noch jemand an meinem „furchterregend“ gezweifelt hat. Aber wir haben uns irgendwie arrangiert.
Vorletzter Tag. Zeit, du komisches Ding! Erst meint man, man hat ewig Zeit, und dann ist sie plötzlich rum und man fragt sich, wo sie hingegangen ist. Ich verbringe den Tag so wie die letzten: Bisschen arbeiten, dann Gang durch die Stadt zum Strand, baden, wieder zurück. Es ist richtig heiß, sicher 30°C. Unterwegs ein Eis. Weiterarbeiten, außerdem schon mal ein bisschen mit Aufräumen und Putzen anfangen, damit ich nicht alles morgen machen muss. Ich fühle mich irgendwie schon sehr zu Hause und könnte noch bleiben. Morgen alles zum letzten Mal.

Salzkaramell
Nur noch heute, morgen, übermorgen. Herrje! Wie ging das denn jetzt wieder so schnell? Ich verbringe den Vormittag arbeitsam am Schreibtisch auf der Terrasse und versuche es zur Abwechslung damit, beruhigend auf die Möwen einzureden, statt sie anzubrüllen. Funktioniert nicht. Dann gehe ich quer durch die Stadt zur neuentdeckten Badestelle, das ist ein schöner Spaziergang von einer guten halben Stunde. Dort angekommen, frage ich zwei freundlich aussehende ältere Damen (ohne Kreuzworträtselheft), ob sie auf meine Sachen aufpassen und gehe ins Wasser und möchte am liebsten gar nicht mehr raus. Wieso tut einem das so gut, im Wasser zu sein, vor allem in natürlichem Wasser, ich liebe das so sehr. Es kommt mir vor, als wäre das Wasser im Laufe meiner Tage hier bereits wärmer geworden, es hat jetzt exakt die perfekte Temperatur. Wenn es an der Luft 30°C sind, darf das Wasser nicht allzu warm sein, sondern ungefähr haargenau so, wie es jetzt ist. Als ich aus dem Wasser komme und auf mein Handy gucke, ist da eine Mail von der Fluggesellschaft, dass ich jetzt schon online einchecken kann. Isch möschte das nisch!
Auf dem Rückweg beschließe ich, dass das Eis, das ich auf dem Hinweg gegessen habe, strenggenommen das Nachholeis von vorgestern gewesen sein muss und hole mir noch eins für heute. Regeln sind Regeln! Der Eisverkäufer bei Hajduk kennt mich jetzt.
Dann kaufe ich ein bisschen zu viel ein, schleppe alles in den fünften Stock und setze mich wieder auf die Terrasse. Heute Abend will ich mir Salat machen.
Aber erstmal sitze ich so da, still und zurückgelehnt auf meinem Stuhl, und gucke den Mauerseglern zu, und plötzlich wackelt es, und in der Wohnung klappert etwas, es ist also nicht mein Kreislauf oder eine plötzliche Gleichgewichtsstörung. Verrückt, ich glaube, mein letztes Erdbeben war in Japan, und das ist wirklich ewig her. Es war aber auch schon wieder vorbei, als ich gerade „huch, Erdbeben“ dachte.
Nur noch zwei Tage. Ich könnte gut noch bleiben.

Nacholeis von vorgestern: Schokolade-Karamell-Haselnuss
Eis von heute: Blaubeer mit Schokoglasur
Der Tag fängt damit an, dass eine der Terror-Möwen mir im Anflug auf den Tisch kackt, direkt vor meiner Nase, während wir einander anbrüllen. Zum Glück neben den Laptop. Das ist unser Ritual geworden: wenn wir uns nicht einig sind, wer zuerst da war, dann brüllen wir einander ein bisschen an. Das werde ich zu Hause geradezu vermissen, zu Hause schimpfe ich auf dem Balkon nur gelegentlich ein bisschen mit den Tauben, wenn sie einen Platz zum Nisten suchen, aber sie schimpfen nicht zurück. Und niemand brüllt.
Terror-Möwe im Landeanflug, allerdings am Abend. Sie ist deutlich entspannter als morgens.
Nachdem wir das geklärt haben, sitze ich mal wieder bis zum Nachmittag auf der Terrasse, es ist wirklich hochsommerlich, ich schwitze und arbeite so vor mich hin, und am Nachmittag treffe ich mich nochmal mit Doris und wir gehen baden. Ich bin total bescheuert, dass ich das nicht jeden Tag gemacht habe, irgendwie fand ich es allein doof, aber heute waren wir an einem Strand bzw. auf einer Betonfläche, wo es nicht einsam war, sondern ordentlich was los, und natürlich kann ich auch, wenn ich allein bin, eine freundlich aussehende ältere Dame mit Kreuzworträtselheft fragen, ob sie kurz auf meine Sachen aufpasst, solange ich im Wasser bin. Und natürlich kann ich auch etwas später auf die Sachen eines stark gebräunten, sehr großen Muskelmannes aufpassen. Face it, Isa: du bist jetzt selbst eine freundlich aussehende ältere Dame, wenn auch ohne Kreuzworträtselheft. Das Wasser ist so herrlich, beim Reingehen nur noch kurz kalt, aber dann einfach wunderbar frisch, es gibt leichte Wellen, wir schwimmen zu den Vögeln, von denen wir nicht wissen, ob es Kormorane sind oder vielleicht doch Pinguine, für Kormorane sind sie eigentlich etwas zu klein. Doris spricht glücklicherweise Kroatisch, und die freundliche Kreuzworträtseldame sagt ihr, dass es keine Kormorane sind, sondern *kroatischer Name mit vielen Konsonanten*.
Ich habe nur noch drei Tage, Doris reist morgen mit ihrer Reisegruppe weiter. Ich will zusehen, dass ich es auch allein an den Strand schaffe. Bzw. auf den Beton.
Von Doris gelernt: der heiße Scheiß auf dem Kosmetikmarkt sind künstliche Sommersprossen, fake freckles. Ich google am Abend, was es da für verschiedene Methoden gibt, und lese: „Künstliche Sommersprossen können überall im Gesicht angebracht werden, typischerweise in der mittleren Gesichtshälfte zwischen den Wangen.“ Ich schätze, „mittlere Gesichtshälfte zwischen den Wangen“ wird mich heute Nacht wachhalten.
Ebenfalls heute gelernt: Kapern! Ich hatte keine Ahnung, wie Kapern wachsen. So wachsen sie.

Rose Peach Lemon. Schmeckt so edel wie es klingt!
Heute war alles anders, heute hatte ich eine Verabredung! Vor ein paar Tagen schrieb mir Doris Akrap, dass sie eine taz-Reisegruppe durch Dalmatien begleitet, und ob ich heute Abend mit ihnen essen gehen möchte. Na logisch möchte ich! Das Restaurant liegt am Rand der Halbinsel Marjan, ich gehe ein Stündchen früher los und laufe noch ein bisschen herum und setze mich zum Sonnenunterganggucken ans Meer, das wollte ich schon die ganze Zeit, und das hätte ich schon längst tun sollen. Leider liegt auf dem ganzen Weg keine Eisdiele, ich werde das heutige Eis vielleicht morgen nachholen müssen. Dafür gab es dann herrliches Essen mit einer netten Runde und der tollen Doris, das war nach neun Tagen Alleinsein sehr schön. (Es wäre auch sonst schön gewesen.) Und wie herrlich ist es bitte, bis Mitternacht in Rock und Bluse und mit nackten Füßen draußen zu sein, und es ist kein bisschen kalt! An der langen Tafel neben uns saß eine Gruppe von über 20 Frauen, die eine Gitarre dabeihatten und zwischendurch gesungen haben, teilweise mehrstimmig und wahnsinnig schön. Einfach so im Restaurant beim Essen. Wir haben kurz über Rainald Grebe gesprochen, dessen Musik ich jetzt zu Hause angemacht habe, und ischwör, in dieser Sekunde, in der ich das hier tippe, singt er: Ich wollt noch so viel machen, jetzt ist der Tag schon aus. In diesem Sinne: gute Nacht.

