Heute war alles anders, heute hatte ich eine Verabredung! Vor ein paar Tagen schrieb mir Doris Akrap, dass sie eine taz-Reisegruppe durch Dalmatien begleitet, und ob ich heute Abend mit ihnen essen gehen möchte. Na logisch möchte ich! Das Restaurant liegt am Rand der Halbinsel Marjan, ich gehe ein Stündchen früher los und laufe noch ein bisschen herum und setze mich zum Sonnenunterganggucken ans Meer, das wollte ich schon die ganze Zeit, und das hätte ich schon längst tun sollen. Leider liegt auf dem ganzen Weg keine Eisdiele, ich werde das heutige Eis vielleicht morgen nachholen müssen. Dafür gab es dann herrliches Essen mit einer netten Runde und der tollen Doris, das war nach neun Tagen Alleinsein sehr schön. (Es wäre auch sonst schön gewesen.) Und wie herrlich ist es bitte, bis Mitternacht in Rock und Bluse und mit nackten Füßen draußen zu sein, und es ist kein bisschen kalt! An der langen Tafel neben uns saß eine Gruppe von über 20 Frauen, die eine Gitarre dabeihatten und zwischendurch gesungen haben, teilweise mehrstimmig und wahnsinnig schön. Einfach so im Restaurant beim Essen. Wir haben kurz über Rainald Grebe gesprochen, dessen Musik ich jetzt zu Hause angemacht habe, und ischwör, in dieser Sekunde, in der ich das hier tippe, singt er: Ich wollt noch so viel machen, jetzt ist der Tag schon aus. In diesem Sinne: gute Nacht.


Vorbemerkung: Einmal im Jahr fahren wir mit 10 Autor:innen ins fantastische Gutshaus Lexow, um eine Woche lang über das Schreiben zu sprechen und uns auszutauschen. Während dieser Woche machen wir auch eine öffentliche Lesung – dieses Jahr am 25. Juni, falls jemand dann gerade an der mecklenburgischen Seenplatte ist. Anfangs haben wir jeweils eigene Texte gelesen, irgendwann fanden wir es aber schöner, wenn die Texte erstens miteinander zu tun haben, und sie zweitens auch dort entstanden sind. Seither geben wir uns immer eine gemeinsame Schreibaufgabe: jemand sagt, nimm doch mal das Buch da vorne, schlag Seite 84 auf, was ist das erste Substantiv in der vierten Zeile? Im Jahr 2023 ermittelten wir so die fünf Wörter BAR, STÄRKE, FROSCH, KORRESPONDENZWEG, HALS. Diese Wörter mussten wir alle in einem kurzen Text unterbringen. Hier kommt die Geschichte von Alida Bremer, und jetzt wisst ihr auch, warum ich mich schon seit Monaten auf dieses Museum gefreut habe, in dem ich gestern endlich war. Danke für diese Geschichte, Alida!

Alida Bremer: Seefahrt ist nötig
Für die Kreuzfahrt auf der Arcadia entschied sie sich, nachdem sie die Werbung gelesen hatte: „Die Grand Tour zum Verlieben!“ Wenn sie schon eine „Paarschiffsreise“ unternahm, dann auf hohem Niveau. Dafür bürgte die Route, eine Spurensuche nach dem Erbe der Griechen und Römer an der östlichen Adriaküste, begleitet von Vorträgen prominenter Kulturwissenschaftler und Kulturwissenschaftlerinnen, denen es weniger um Honorare ging, sondern mehr um den Spaß, so zumindest hatten es ihr die beiden Professorinnen erklärt, mit denen sie am ersten Tag am Pool einen Aperol Spritz getrunken hatte.
Sie sagte sich, dass die Klientel hier ihren Vorstellungen entsprach und dass kein ungehobelter Typ ein solches Programm buchen würde: Vorträge über die Keramikkunst der Griechen und über die römische Architektur der Thermen und der Aquädukte. Auf der Insel Lošinj würden sie die Bronzestatue des Apoxyomenos sehen, der seinen Körper nach dem Wettkampf mit Hilfe eines Schabeisens, genannt Strigilis, von Öl, Staub und Schweiß säubert. Zuvor würden sie das Amphitheater der Stadt Pula besichtigen, das so gut erhalten ist wie jenes in Rom und sogar besser als das in Verona, und dort einen Vortrag über Gladiatoren hören.
Der Kapitän der Arcadia, der auf elektronischem Korrespondenzweg jeden Morgen neben den Wetterdaten Anekdoten zum angesteuerten Hafen zum Besten gab, sah in seiner weißen Uniform vertrauenserweckend aus, verstörend wirkte nur die dicke goldene Kette um seinen Hals, die eher zu einem osteuropäischen Mafioso passte als zu einem norddeutschen Seemann. Sie schrieb in ihr Notizbuch: „Ist die Kette vielleicht ein Andenken?“ Bestimmt umschwärmten ihn bei jeder Tour unternehmungsfreudige Damen, es ging ihm vermutlich wie den Arbeitenden in der Schokoladenfabrik, die so viel naschen dürfen, wie sie wollen, und die schon nach einigen Wochen für den Rest ihres Lebens keine Schokolade mehr sehen können. Sie hatte bemerkt, dass alle Passagiere Notizbücher oder MacBooks mit sich herumschleppten und etwas notierten. Monatelang hatte sie mit der Entscheidung gehadert, diese Reise zu buchen, und jetzt wusste sie, dass sie richtig gehandelt hatte. Hier war sie unter ihresgleichen.
Im Atrium des Museums, das dem Apoxyomenos gewidmet ist, erzählte eine der Kunsthistorikerinnen derart beschwingt vom Können des griechischen Bildhauers, dem es gelungen sei, die Stärke des muskulösen Athleten darzustellen, dass einige der anwesenden Frauen leise seufzten. Die Statue befand sich auf der obersten Etage des als Spirale konzipierten Gebäudes, und man konnte sie nur durch runde Fensterchen aus dem Raum betrachten, der seine klimatisierte Wohnstätte umgab. Dort pflegte er einsam und herrlich seinen nackten, perfekten Bronzekörper.
Später in der Bar der Arcadia machten sich einige Männer über das „erotische Knistern“ lustig, das sie vernommen haben wollten, als Dutzende weiblicher Augenpaare die Statue taxiert hatten. Sie schrieb die Wörter „knistern“ und „taxieren“ in ihr Notizbuch und sah den Mann an, der sie ausgesprochen hatte. Er blickte zurück, sein Kopf war mit Locken bedeckt wie der Kopf des bronzenen Griechen. Sein Name sei Adrian, sagte er, seine Vorfahren mütterlicherseits stammten von der Adria, die Großmutter aus Durrës in Albanien, der Großvater aus Otranto in Italien, aber sein Vater sei Deutscher, und er sei in Hamm in Westfalen geboren. Zoologe und Dichter, so stellte er sich vor. Bald waren sie in ein Gespräch vertieft – über den Spruch navigare necesse est, über das Schreiben, über das erotische Knistern. Zwei Stunden später tranken sie kalten Weißwein in seiner Kabine, die sogar über einen Außenbalkon verfügte. In der Dunkelheit schien ihr sein Körper jenem des Apoxyomenos zu gleichen. Am Morgen musste sie ihren Eindruck zwar ein wenig revidieren, aber das war egal, denn sie hatte sich verliebt.
In Split sollten sie den Palast besichtigen, den Kaiser Diokletian als römisches Militärlager erbauen ließ. Aber Adrian kannte sich aus, er hatte etwas anderes vor. Sie trennten sich von der Gruppe und eilten zu einem ehemaligen Kino. Über dem Eingang stand: The Froggyland. Es ginge hier um Taxidermie, die Kunst der Haltbarmachung von Tierkadavern, flüsterte er und zeigte auf einen ausgestopften und lackierten Frosch, der in einer Puppenstube vor einer winzigen Nähmaschine saß.
Er war dann in Split geblieben, aber sie wusste nicht, wo. Den Kapitän erreichten jeden Morgen E-Mails, in denen die Anstrengungen der örtlichen Polizei beschrieben wurden, die nach ihm suchte, während die Arcadia ihre Fahrt fortsetzten musste, und er leitete sie an die Passagiere weiter. Der Kapitän bedauerte den Vorfall, äußerte sich aber zuversichtlich. Es komme immer wieder vor, dass Passagiere von Bord gingen, das sei Teil der Kreuzfahrtkultur, sie würden schon den Weg über Land zurück in ihre Heimat finden. Adrians Kabine wurde versiegelt. Nach einigen Tagen dachte niemand mehr an ihn. Nur sie fragte sich bisweilen, ob aus ihnen beiden etwas mehr hätte werden können, angesichts seines Interesses am tierischen Anthropomorphismus und ihrer Ekelgefühle, die sie bei dem Anblick jener menschenähnlichen Frösche verspürt hatte.
Sie hatte dem Kapitän erzählt, was sie wusste: Der ungarische Künstler Ferenc Mere hatte zwischen 1910 und 1920 mehr als 1000 Frösche eigenhändig getötet und präpariert und sie dann in eine Reihe von Alltagsszenen aus dem Leben der Menschen eingebaut, etwa beim Tennisspiel und beim Zahnarzt, in der Schule, bei Bootstouren und bei der Ausübung verschiedener Handwerke. In der Kollektion waren nur noch 507 Frösche zu sehen, die restlichen galten als verschollen. Jedem toten Frosch wurden alle zwei Jahre Formaldehyd und Ammoniak gespritzt, das bewahrte sie vor dem Zerfall. Als sie gefragt hatte, warum Mere diese Kollektion zusammengestellt habe, war Adrian zornig geworden und hatte sie angefahren, ob sie denn glaube, dass es besser sei, eine Kreuzfahrt zu buchen, als präparierte Frösche auszustellen und die Welt damit hundert Jahre lang in Erstaunen zu versetzen. Sie habe nicht gewusst, was sie ihm antworten sollte, gestand sie dem Kapitän und starrte dabei auf seine dicke goldene Kette. Adrian sei dann in einen der hinteren Räume des Froschmuseums verschwunden. Sie sei zum Schiff zurückgekehrt, aber er sei nicht wieder aufgetaucht. Sie verschwieg, dass Adrian, von hinten betrachtet, einem der Frösche aus dem Froggyland ähnelte und dass sie kurz geglaubt hatte, eine winzige goldene Krone in seinen Locken zu erblicken.
Seit Tagen, ach was, seit Wochen freue ich mich auf diese Sehenswürdigkeit, freue mich darauf, ganz viele Fotos zu machen und sie euch zu zeigen, ihr solltet staunen! Ich wollte mir richtig Mühe geben mit den Fotos, ischwör! Weil es einfach so abgefahren ist! Also habe ich heute stolze 15,- € Eintritt gezahlt, und dann – dann war das Fotografieren verboten, und zwar strengstens, und weil das ganze Museum sehr, sehr klein ist und außer mir nur noch ein Paar da war, waren wir unter dauernder Überwachung, und ich habe nur heimlich und ganz schnell ein einziges Foto gemacht, und das ist natürlich nicht gut geworden.
Jedenfalls: Ich war im Froggyland. Im Froggyland sind 507 ausgestopfte Frösche in 21 Panoramen in menschlichen Posen und Situationen ausgestellt. Bei der Ausübung verschiedener menschlicher Berufe, beim Musizieren, bei unterschiedlichen Sportarten, am Strand, vor Gericht, im Zirkus. Ich wiederhole das gern noch mal: fünfhundertsieben ausgestopfte Frösche in einundzwanzig Vitrinen. Die Frösche wurden zwischen 1910 und 1920 vom ungarischen Taxidermisten Ferenc Mere präpariert, und das ist nur die Hälfte, die noch erhalten ist. Ursprünglich waren es doppelt so viele, die andere Hälfte gilt als verschollen (und falls sie je wieder auftauchen sollte, dürfte sie einigermaßen vergammelt sein). Es ist der komplette Irrsinn, falls jemand nach Split kommt, guckt euch das an, es gibt Frösche im Röhnrad und am Pranger, es gibt ein Klassenzimmer, in dem kleine Frösche einander mit dem Lineal auf den Kopf hauen, es gibt Strandszenen und eine Schmiede und Frösche beim Fensterln und in der Kneipe, Frösche an der Staffelei, Frösche mit einer Kippe im Mundwinkel, Frösche auf dem Pisspott, es ist der helle Wahnsinn. Es gibt Frösche, die eine Fischsuppe kochen, in der echte, winzige präparierte Fischköpfe schwimmen.
Fast alle Frösche stehen oder sitzen aufrecht, das heißt, die Augen gucken irgendwie nach hinten, die Füße sind breite Froschfüße, die Hände haben winzige Fingerchen. Man kann die Taxidermie natürlich als Kunstform betreiben, aber ich ahne doch, dass man leicht einen an der Waffel haben muss, um tausend Frösche zu präparieren und sie in solchen Posen zu installieren.
Hier auf der offiziellen Webseite gibt es eine schöne Bildergalerie, und auf YouTube ein kurzes Filmchen (auf Englisch). Guckt euch das an! Und dann, äh, schlaft gut und träumt was Schönes.
Und fürs Protokoll: was Kleines für Projekt zwei fertigbekommen.

Mango mit Schokoglasur
Heute wäre mir fast etwas Komisches passiert. Ich bin rausgegangen, um etwas zu essen, und dachte tatsächlich: irgendwie haste heute gar keine Lust auf ein Eis. Und dann habe ich ganz hervorragende Ćevapčići im Fladenbrot aus der Kantun Paulina gegessen (wir erinnern uns: immer tun, was Alida sagt!), und eine Weile am Meer gesessen und bin noch ein bisschen herumgelaufen, wie jeden Tag, und dann hatte ich, ZACK! plötzlich doch Lust auf ein Eis. Puh, nochmal gutgegangen! Da habe ich gleich nochmal diese geile dunkle Schokolade von neulich genommen.
Ansonsten: kein Foto gemacht, keinen Roman geschrieben, keine einzige Sinfonie. Aber hey, gestern immerhin eine ganz lustige Idee für Projekt drei gehabt. Dummerweise ist Projekt drei gar nicht dran, es steht, nun ja, an dritter Stelle.
Bilanz
Hab keine Romane geschrieben;
keine einzige Sinfonie.
Mein Umsturz ist Stückwerk geblieben;
wie meine Tanztheorie.
Nicht eine Kathedrale!
Kein Dachgeschoß ausgebaut!
Und wenn ich mal male,
wird’s Mist.
Nie im Puff und keine Visionen,
kein Sieg, keine Oper, kein Mord.
Kein Starkult und keine Millionen,
kein Hit, kein Hut, kein Rekord.
Nobelpreis? Nix draus geworden.
Kein Kriegsheld, Konzernherr, null Orden.
Tor des Monats, Befreiungskampf, Geige?
Macht? Schönheit? Genie? – Fehlanzeige.
Nur dieses kleine Gedicht.
Reicht das nicht?
F. W. Bernstein

Wenn man nicht mehr Urlaub macht, sondern zum Arbeiten da ist, dann hat man nicht jeden Tag etwas zu berichten. Außer der Eissorte, versteht sich. Das Wetter ist inzwischen herrlich sommerlich, paarundzwanzig Grad, nicht zu heiß, aber verlässlich warm. Heute habe ich noch mein Jäckchen mit rausgenommen, aber das habe ich dann halt in der Hand spazierengetragen. Zu Hause sitze ich den ganzen Tag auf der Terrasse.
Und so möchte ich heute, statt etwas zu erzählen, nur eine steile Hypothese aufstellen, nämlich: An Tagen, an denen die Möwen besonders aggro sind, sind abends auch die Motorradidioten besonders aggro. Ich werde das beobachten. Eine Woche habe ich noch.

Beim Yoga bin ich übrigens im Team Mady Morrison. Und was mich immer amüsiert, ist, dass anscheinend alle Welt meint, man würde Yoga quasi zwangsläufig morgens machen. Brüller! Morgens sitze ich auf der Terrasse und trinke Kaffee. Und dann ist plötzlich Mittag. Aber alle möglichen Leute fragen mich „machst du immer noch jeden Morgen Yoga?“ Nein, habe ich nie. Aber jeden Tag. Und es ist auch immer wieder schön, wenn Mady gegen 22:00 zum Ende der Einheit sagt: „Nimm das Gefühl mit in den Tag, der dir bevorsteht.“ Nö! Ich nehme es mit ins Bett. Ich Rebellin mache auch schon mal abends Einheiten mit Titeln wie „Rise and Shine“. Dann scheine ich halt im Bett, da kenne ich nix.
Unbeaufsichtigtes Gepäckstück
Zitrone-Basilikum