Tagebuchbloggen: Split, Tag 4

Sonntag, 10. Mai
 
Das Wetter sieht besser aus als angekündigt, es ist immerhin hellgrau und trocken, hier und da guckt sogar ein bisschen blauer Himmel raus. Wir beschließen, den Diokletianspalast auf einen Tag mit schlechterem Wetter zu schieben und heute lieber einen langen Spaziergang durch die Halbinsel Marjan zu machen. Es geht ziemlich den Berg hoch, erst durch eine sehr schöne Wohngegend, dann am verfallenen jüdischen Friedhof vorbei durch die Natur, bzw. parkähnliche Anlagen, immer weiter nach oben, immer mit Blick aufs Meer. Der Blick aufs Meer und auf die vorgelagerten Inseln ist atemberaubend, ich kann mich gar nicht sattfotografieren, und nie genügen die Bilder, in Wahrheit ist alles imposanter, blauer, schöner, herrlicher. Und die Luft so weich. Wie schön die Welt ist, und wie gefühllos die Menschen manchmal mit ihr umgehen!

Ganz oben steht noch ein ziemlicher Aussichtsturm, wir fahren mit dem Aufzug hoch, nicht ahnend, dass dort oben der Fußboden aus einem Maschengitter besteht und sich das garantiert jemand ohne Höhenangst ausgedacht haben muss. Ich jedenfalls fahre recht bald wieder runter. Und dann steigen wir auch den Berg wieder hinunter, auf der anderen Seite, Richtung Kašjuni Beach, ein Strand mit feinen Kieseln. Feiner als gestern in Brač, aber wer seine Badeschuhe vergessen hat, ist einfach blöd. Aua. Das Wasser kommt uns kälter vor als gestern, aber natürlich ist es herrlich.
Alida schreibt, wenn wir da sind und auch zu Fuß wieder zurück wollen, dann müssen wir unterwegs in der schönsten und besten Pizzeria der Welt einkehren. Und wer wären wir denn, nicht das zu tun, was Alida sagt? Wir gehen auch zu Fuß zurück, diesmal nicht über den Berg, sondern unten am Ufer entlang, was genauso herrlich ist. Wir kehren in der schönsten und besten Pizzeria der Welt ein, mit Blick aufs Meer, was sonst, und essen wunderbare Pizza. (Möglicherweise nicht gerade die kroatische Nationalspeise, aber hey.) Es ist Sonntag, es war Erstkommunion, die Restaurantterrasse ist voller entzückender kleiner Mädchen in weißen Kleidern und kleiner Jungs in weißen Hemden, die kleine Banden bilden und von hier nach dort rennen und dann wieder zurück. Unten im Hafen liegen die Yachten, über uns kreischen Möwen. Plötzlich merken wir, dass ein bisschen Wind aufkommt, und dass auf einmal gar nicht mehr viele Leute da sind, und dass die Sonnenschirme zusammengefaltet werden. Er soll ja noch gewittern, sage ich, und der lustige Mann sagt: das soll hier manchmal sehr plötzlich losgehen. Wir bezahlen zügig und haben noch eine halbe Stunde Fußweg nach Hause, wir sind pappsatt und pizzaschwer, kein Platz im Bauch für ein Eis, außerdem denken wir, dass es jeden Moment anfangen wird zu donnern. Als wir vor der Haustür sind, fallen die ersten drei Tropfen. Und dann ziemlich lange keine mehr, das Gewitter kommt erst am Abend um elf, es regnet in der Nacht noch eine Weile.

Addendum zur Eisregel: ein verpasstes Eis kann am nächsten Tag nachgeholt werden. Das Eis für den nächsten Tag wird dann natürlich neu gezählt. (Erwachsensein ist so geil! Man kann sich seine Regeln einfach selbst machen!)

Tagebuchbloggen: Split, Tag 1-3

Donnerstag, 7. Mai
 
Es fühlt sich ein bisschen seltsam an, ganz allein nach Split zu fliegen, ungewohnt, eine Reise allein anzutreten, aber der lustige Mann wird nachkommen. Und dann muss er nach einer Woche zurück, denn die Schule fängt wieder an, ich aber bleibe noch für den Rest des Monats. Meine Freundin Alida hat eine Wohnung in Split, sie sagt schon lange, wir sollen kommen, sie zeigt uns ihre Stadt, sie geht für die Zeit zu ihrer Mutter, ich kann bleiben, solange ich will, wir schreiben zusammen. Jetzt musste sie leider doch zu Hause in Deutschland bleiben, und ich bin ohne sie hier.
Aber ich bin ja schon groß und finde den Weg in ihre Wohnung in Split auch alleine. Ich schicke ihr Fotos nach Münster, sie freut sich, dass ich gut angekommen bin und schickt mir gleich die ersten Tipps. Ich gehe raus und Richtung Altstadt, der Weg findet sich quasi von allein, man sieht schon von der riesigen Terrasse im fünften Stock das Meer, da will ich hin, das ist die richtige Richtung! Es ist alles fußläufig erreichbar, man geht nur wenige Schritte und ist schon in der Altstadt, ich gehe eine Fußgängerstraße hinunter, unten glitzert die Adria, und auf einer Bühne singt ein Chor mehrstimmig in einer abartigen Lautstärke, und mir kommen tatsächlich plötzlich die Tränen, weil es so schön ist. Das Meer, die Stadt, der Gesang, die Palmen, die Menschen. Auf der Uferpromenade ist ein Markt, ich lasse mich von Stand zu Stand treiben, es gibt so bunte Klapperenten für Kinder, die man an einem Stab vor sich herschiebt, sehr viele Kinder schieben solche Enten, und es gibt unfassbare Mengen von Kochlöffeln zu kaufen, manche Leute kaufen ganze Kochlöffelsträuße. Alida lacht, als ich sie frage, was das mit den Kochlöffeln ist, sie sagt, das ist bei diesem Fest immer so, da kaufen die Leute Kochlöffel. Es sei das Fest des heiligen Duje, des Schutzpatrons der Stadt. Jetzt, drei Tage später, ärgere ich mich, wieso habe ich keinen Kochlöffel gekauft? Okay, ich brauche keinen Kochlöffel. Andererseits, braucht man nicht immer Kochlöffel, sind Kochlöffel nicht ein essenzielles Accessoire des Lebens? Wie dumm kann man sein? Die Stadt ist rappeldickevoll, auf den Plätzen sind Bühnen aufgebaut, überall ist Musik in irrer Lautstärke. Es ist gar nicht so warm, um die 20°C, nicht viel wärmer als in Hamburg, aber es fühlt sich anders an. Ich esse ein Eis, die beiden immerwährenden allgemeingültigen Urlaubsregeln lauten bekanntlich: 1. einmal am Tag ein Eis, 2. einmal am Tag ins Wasser. Letzteres habe ich schon mal gleich nicht gemacht, das Wasser dürfte aber auch noch ganz schön kalt sein. Eis: Joghurt-Amarena.

 


 
 
Freitag, 8. Mai
 
Spoiler: Schon wieder Regel zwei missachtet, Regel eins ordnungsgemäß absolviert. Aber erstmal ausschlafen, Yoga (das ist eigentlich seit langem einen eigenen Blogeintrag wert, wie ich plötzlich zur Yogamaus mutiert bin), Koffer auspacken, die Wohnung in Besitz nehmen, ankommen. Und dann lasse ich mich einfach wieder den Großteil des Tages durch die Stadt treiben, esse irgendwo etwas und lese dabei Olivas Garten, entdecke Läden für Badeentchen oder Weihnachtsdeko, setze mich mit dem Eis (Schokolade) auf eine Bank am Meer und gucke Schiffe und Menschen und denke: was für ein schönes Leben. Echtjetztma. Spät am Abend kommt der Mann, ich hole ihn am Busbahnhof ab und finde das irgendwie romantisch. Es ist schön, dass er da ist und wir eine Woche lang alles gemeinsam erkunden können, bevor ich dann zwei Wochen zum Schreiben allein hier bin.
 

 
 
 
Samstag, 9. Mai
 
Die Wettervorhersage für die nächsten Tage sieht nicht so richtig gut aus. Heute soll es noch recht sonnig sein, die nächsten Tage stehen immer Wolken und sowas wie „70% Regenwahrscheinlichkeit“ in der App. Also beschließen wir, gleich am ersten Tag einen Ausflug auf die Insel Brač zu machen, da soll es schön sein. Das Schiff fährt eine Stunde, und das wollen wir natürlich bei schönem Wetter machen.
Richtige Entscheidung! Wir schippern rüber und laufen dort erst ein bisschen durchs Dorf und dann einfach immer weiter an der Küste entlang, es ist wirklich herrlich, alles duftet nach Pinien, es sind kaum Leute unterwegs, das Wasser glitzert, es geht kaum ein Lüftchen und fühlt sich viel wärmer an als 20°C.
Der lustige Mann ist natürlich klüger als ich, er hat sich Badelatschen eingepackt. Vor vielen Jahren waren wir schon mal in Kroatien, ich hätte wissen können, dass „Strand“ hier nicht „Sand“ bedeutet. Ich besitze sogar richtige Badeschuhe, sie liegen zu Hause im Schrank. Aber finden eine Stelle, wo von einem Betonsteg aus eine Treppe ins Wasser führt und man nicht barfuß über Steine muss, und heiliger Duje, ist das kalt! Und ist das herrlich! Wir haben im Mittelmeer gebadet!
Eis: Dunkle Schokolade.

Einsamkeit 2

[Letztes Jahr im Juni las ich in Bremen im Literaturhaus. Das Literaturhaus Bremen ist aber gar kein Haus, sondern existiert nur virtuell, deswegen wird man außerdem immer gebeten, zwei Kolumnen zu einem Thema zu schreiben, das irgendwie zum vorgestellten Roman passt. Ich bekam das Thema Einsamkeit. Hier kommt die zweite Kolumne, die erste ist hier.]

Anfang 2018 wurde in Großbritannien als erstem Land der Welt ein Ministerium für Einsamkeit eingerichtet. Genauer gesagt: das „Ministerium für Sport, Zivilgesellschaft und Einsamkeit“, was ein bisschen eine seltsame Aufzählung ist. Jedenfalls hat man erkannt, dass Einsamkeit sogar noch ungesünder sein soll als Rauchen (wie auch immer man das gegeneinander aufrechnen mag). Dass Einsamkeit zu einem so umfassenden Problem geworden ist, dass man dagegen angehen muss. Wenn man das Wort „Einsamkeitsministerium“ auf Deutsch googelt, landet man beim „Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend“, eine fast ebenso sonderbare Aufzählung wie in Großbritannien. Auch hier sollen also Maßnahmen gegen Einsamkeit ergriffen werden, man packt das Thema zu „Familie und das andere Gedöns“ (Gerhard Schröder). Und vielleicht liegt da schon der Kern des Problems – dass Teile der Gesellschaft einzeln in einem Ministeriumsnamen aufgezählt werden, andere nicht. Als wären die einen ein Problem, oder mindestens ein Thema, um das man sich kümmern muss, die anderen nicht.
Ich habe keine Ahnung, wie viel ein Ministerium tatsächlich gegen Einsamkeit tun könnte. Ansätze gäbe es sicherlich. Einsamkeit ist ein negativ besetztes Wort, daran ist nicht zu rütteln, schon das Wort „Einsamkeit“ macht einen ganz traurig. Niemand gesteht sich oder anderen gern ein, dass er sich einsam fühlt. Niemand möchte einsam sein.

Warum nicht einfach „Ministerium für Familie und Freundschaft“? Da wäre alles drin, alle Menschen, alle Beziehungsformen. „Familie“ sind die Leute, mit denen man zufällig verwandt ist. Mit manchen davon kann man vielleicht nicht besonders viel anfangen und möchte nicht das Leben mit ihnen teilen. Und das Gute ist: das muss man heute auch nicht mehr. Wir haben andere Möglichkeiten als die Kernfamilie, wir können in allen denkbaren sozialen Konstellationen leben – vorausgesetzt, wir finden Menschen, die auf dieselbe Weise mit uns leben möchten. Freundschaft, Paarbeziehung, Wohngemeinschaft, Familie was auch immer. Beide Arten von Beziehungen – Familie und Freundschaft – brauchen auch rechtliche Regelungen, und es wird Zeit, dass man die Freundschaft in vielen Bereichen der Familie gleichstellt.
Das Ministerium, das sich um alle anderen Krankheiten kümmert, heißt nicht Krankheitsministerium, sondern Gesundheitsministerium. Das Ministerium für Sport heißt nicht Ministerium für Herumsitzen. Ich finde, das Ministerium für Einsamkeit sollte lieber Ministerium für Freundschaft heißen. Oder wenn das nicht ausführlich genug ist: Ministerium für Familie, Freundschaft, soziale Beziehungen und Empathie. Da möchte man sich doch gleich viel lieber einsortieren als bei „Einsamkeit“.

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