Max Porter (U. Strätling, M. Göritz): Trauer ist das Ding mit Federn

Was für ein umhauendes Buch, was für eine rohe Wucht. Ich bin noch ganz erschüttert und weiß nicht, ob ich das in Worte fassen kann.
Eine relativ junge Frau ist plötzlich gestorben. Ihr Mann und die beiden kleinen Söhne trauern. Wenige Tage nach dem Unglück platzt eine überlebensgroße Krähe in ihr Leben, die fortan bei ihnen bleibt, sie begleitet und ihnen immer wieder das Herz aufhackt und ihnen die Eingeweide rausreißt. Brutal, schonungslos, heilsam. Es wird aus wechselnden Perspektiven – Dad, Krähe, Jungs – erzählt, in ganz kurzen Szenen, Träumen, Geschichten; manchmal rhythmisiert, immer karg, assoziativ, wild, im Fall der Krähe stellenweise voller Neologismen und Lautmalereien. Ein Sprachkunstwerk, wirklich fantastisch übersetzt von Uda Strätling und Matthias Göritz. Hochliterarisch, ohne auch nur im Geringsten hermetisch oder schwer zugänglich zu sein; im Gegenteil, es ist eher so, dass es einen ohne Umweg über den Kopf gleich mitten in die Seele trifft.
Es ist ein ganz kurzes Buch, 125 Seiten im kleinen Format. Die meisten Kapitel sind nicht länger als eine Seite. Aber das reicht. Man muss die meiste Zeit nicht mal weinen beim Lesen, weil der Schmerz noch viel tiefer geht, weil jeder zweite Satz einem mit voller Wucht in die Magengrube donnert, weil die Krähe nicht nur dem Vater und den Jungs das Herz aufhackt, sondern auch dem Leser. Es tut viel zu weh, als dass man weinen könnte, es raubt einem den Atem. Unmittelbar, roh, bildhaft, ohne Erklärungen oder Beschreibungen, man stürzt vollkommen ungeschützt mit der Familie in tiefschwarzen Schmerz und Verzweiflung. Und das tut überraschenderweise irgendwie gut, man fühlt sich hinterher fast ein bisschen geheilt und ein bisschen schwer und sehr dankbar. Und Humor hat der Roman auch noch.
Ich werde jetzt tun, was Rezensenten immer gern behaupten, was ich aber tatsächlich noch nie gemacht habe: Ich werde es direkt noch mal lesen. Das kommt auf meine ungeschriebene Liste der besten Bücher aller Zeiten. Bitte lest das Buch und verschenkt es und sagt es weiter.

Max Porter (Uda Strätling und Matthias Göritz): Trauer ist das Ding mit Federn. Hanser, 125 Seiten, 16,90 €
Taschenbuch, Kein und Aber, 9,- €
E-Book 6,99 €

(Links zur Buchhandlung Cohen und Dobernigg. Keine Werbekooperation, nur ein Vorschlag. Gibt’s auch in jeder anderen Buchhandlung.)

JUNGS
Auf meinem Kopfkissen liegt eine Feder.
Kissen sind aus Federn, schlaf jetzt.
Es ist eine große, schwarze Feder.
Dann komm zu mir ins Bett.
Auf deinem Kissen liegt auch eine Feder.
Dann lassen wir die Federn eben Federn sein und schlafen auf dem Boden.

3 Kommentare

  1. Heike Freitag, 25. Mai 2018 um 19:22 Uhr [Link]

    So eine tolle überzeugende Rezension! Ich renne, kaufe, lese. Versprochen!

  2. GoldAgentin Freitag, 25. Mai 2018 um 23:16 Uhr [Link]

    Was Heike sagt.

  3. Till Raether Montag, 28. Mai 2018 um 22:20 Uhr [Link]

    Hammerbuch.

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