Work in Progress: Hand of Glory

Immer wieder überraschend, was man beim Übersetzen so lernt: Eine Hand of Glory ist die abgehackte Hand eines Menschen (genauer gesagt: eines Erhängten). Wenn man sich als Einbrecher Zutritt zu einem Haus verschafft hat, kann man, wenn alle anderen im Haus schlafen, eine Kerze in diese Hand stecken (ich erspare Euch die Zutaten, aus denen die Kerze herzustellen ist), und mit folgender Beschwörung dafür sorgen, dass alle im Haus sehr fest schlafen und nur der Einbrecher hübsch wachbleibt:

Let those who rest more deeply sleep,
Let those awake their vigil keep.
Oh hand of Glory, shed thy light,
Direct us to our spoil tonight.

Alsdann ruft der Einbrecher in meiner Geschichte mithilfe der leuchtenden Hand seine Bande zusammen, die draußen wartet:

Flash out thy light, oh skeleton hand,
And guide the feet of our trusty band.

Ich bin mit meinen Versuchen bis hier gekommen:

Lass die, die schlafen, tiefer ruhn,
und die, die wach sind, hellwach sein.
Hand des Lichts, wirf deinen Schein
Auf unsre reiche Beute nun.

Wirf dein Licht, du Leichenhand
Und zeig den Weg der Räuberband’.

… aber noch gar nicht glücklich. Na los, Ihr seid doch besser als ich.

Simone Buchholz: Mexikoring

Nicht zu fassen, ich habe hier erst über einen einzigen Roman von Simone Buchholz geschrieben? Dabei habe ich seitdem noch Eisnattern, Blaue Nacht und Beton Rouge gelesen. Und jetzt Mexikoring. Anders gesagt: Ich bin Fan.
All diese Romane gehören zur selben Reihe um die ermittelnde Staatsanwältin Chastity Riley. (Jaja, komischer Name erstmal, erklärt sich aber.) Die Romane befassen sich inhaltlich immer mit unterschiedlichen Themen, diesmal mit Clankriminalität, und sind immer sehr sauber recherchiert. Die Krimihandlung ist mir beim Lesen allerdings gar nicht so wichtig, das Großartige an dieser Reihe sind nämlich zum einen die Figuren, ihre Entwicklung und ihr Zusammenspiel, und zum anderen die Sprache. Der Sound.
Chastity Riley ist eine beschädigte Seele, sie raucht und trinkt unfassbare Mengen, sie ist herzzerreißend einsam und bindungsunfähig. Aber über all dem Scheiß und dem Elend, mit dem sie immer wieder konfrontiert ist, ist sie nie hart geworden, sie hat ein sehr fein justiertes Gerechtigkeitsempfinden und ein gutes Gespür für die emotionalen Nöte ihrer Freunde und Kollegen. Nur mit ihren eigenen findet sie keinen rechten Umgang. Umso besser ist sie im Kreis dieser Freunde und Kollegen aufgehoben – allesamt ebenfalls beschädigte Seelen, die aufeinander aufpassen, so gut sie es eben können. Und die versuchen, Dinge richtig zu machen und in Ordnung zu bringen, auch wenn sie selbst dabei neue Narben davontragen. Im Laufe der Serie verschieben sich die Freundschafen und verändern sich, manche gehen weg, andere kommen zurück. Alles hat seine Zeit, und die darf es auch haben.
Und die Gefühle dürfen dabei ruhig groß sein, und zwar deswegen, weil sie nie künstlich groß gemacht werden und weil sie nie mit einem Klischee beschrieben werden, nie mit einem Satz, den man schon kennt. Es steht nie das erwartbare Adjektiv vor einem Substantiv. Ganz kleines Beispiel: „Sein Blick ging mir …“ na, wohin ging er? Bis ins Mark? Durch Mark und Bein? Durch und durch? Nichts davon. Sondern: „Sein Blick ging mir bis in die letzte Ecke.“ Sagt inhaltlich das gleiche, ist nur eine winzige Verschiebung, aber der Satz erwischt einen plötzlich ganz neu, man versteht ihn auf einmal wieder, wie man ihn bei „Sein Blick ging mir durch und durch“ gar nicht mehr verstehen würde, weil man das schon zu oft gelesen hat. Oder hier: „In der Kneipe liegen ein paar letzte Sonnenstrahlen herum.“ Macht gleich ein etwas anderes Bild als „ein paar letzte Sonnenstrahlen fallen in die Kneipe“.
Oder sie haut solche Lebensweisheiten raus wie „Dosenbier kannst du nur dann mit Würde trinken, wenn du weißt, wie der Regen im Rinnstein schmeckt.“ Ist natürlich, wenn man drüber nachdenkt, Quatsch, aber in dem Moment passt es einfach und muss so. Und dann kommt irgendwann auch noch diese hinreißende Kussszene, und man möchte sofort auch geküsst werden. Dringend. Und zwar genauso dringend.

Simone Buchholz: Mexikoring. 248 Seiten. Suhrkamp, 14,99 €.
E-Book 12,99 €

(Die Links gehen zur Buchhandlung Cohen und Dobernigg. Keine Werbekooperation, nur ein Vorschlag. Gibts auch in jeder anderen Buchhandlung.)

Anderswo. Das Feuilleton

Ich will mal wieder versuchen, ob ich das Bloggen nicht doch wieder in Gang kriege. Zum Warmwerden erstmal ein kleines Feuilleton.

- Joachim Meyerhoff hat den Jonathan-Swift-Preis bekommen und eine hinreißende Dankesrede über Komik gehalten.

- Der Guardian hat die Shortlist für den Bad Sex in Fiction Award veröffentlicht. Ich bin froh, dass ich nicht in der Jury bin, ich könnte mich nicht entscheiden.

- Eike Schönfeld in der Welt über seine Neuübersetzung von Darwins Origin of the Species.

- Meine Freundin Simone Buchholz empfiehlt Bücher.

- Rosemarie Tietze – die Kollegin, von der ich mit Sicherheit am meisten gelernt habe – hat „Krieg im Kaukasus“ von Tolstoi übersetzt und sprich darüber in Druckfrisch mit Denis Scheck.

- Der Lieblingspodcast ist da! Ich gestehe: Ich habe nie Podcasts gehört. Immer mal wieder versucht, immer konnte ich mich nicht drauf konzentrieren, habe dann doch nicht zugehört und schnell wieder ausgemacht. Und jetzt haben Alena Schröder und Till Raether zusammen einen Autoren-Entlastungs-Podcast, der inzwischen in der sechsten Folge ist, und ich habe sie alle von vorn bis hinten gehört und bin in die beiden verliebt. Es geht immer ums Schreiben, immer um verschiedene Themen, diesmal sind sie mit Maike Rasch und Stephan Barthels in Schreibklausur und reden übers Schreibklausurschreiben und Alleinschreiben. Es ist bezaubernd und klug und lustig wie immer, und ich möchte sofort auch wieder in Schreibklausur.

Lesen hilft

Die großartige Christiane Hoffmeister vom Büchereck Niendorf hat sich mal wieder etwas ausgedacht, und diesmal wollte sie es richtig groß. Weil es richtig wichtig ist. Also hat sie 28 unabhängige Buchhandlungen Hamburgs zusammengetrommelt, sechs Autorinnen und Autoren und die charmanteste Moderatorin der Stadt und eine Benefizlesung zugunsten von Sea Watch auf die Beine gestellt. Ich habe natürlich sofort zugesagt, die anderen auch, und so lesen wir jetzt also am Dienstag, dem 6.11. um 19:30 Uhr in der Hamburger Katharinenkirche: Simone Buchholz, Karen Köhler, Arne Dahl, Abbas Khider, Saša Stanišić und ich. Moderation: Julia Westlake.
Der Eintritt kostet 10,- €, Karten gibt es bei den 28 teilnehmenden Hamburger Buchhandlungen. Niemand bekommt ein Honorar, die Verlage haben die Bücher gespendet, sämtliche Erlöse aus dem Kartenverkauf und dem kompletten Buchverkauf gehen an Sea Watch.

Kommt alle!

Parallel gibt es Veranstaltungen in Köln und Berlin.

Andreas Moster: Wir leben hier, seit wir geboren sind

„Wie großartig ist denn bitte Andreas Moster?“, fragt mein Freund Martin irgendwann im Frühjahr. „Keine Ahnung“, sage ich, „sagt mir nix.“ – „Wieso das denn nicht“, sagt Martin, „in der Klappe steht, er ist Übersetzer aus Hamburg, die kennst du doch alle. Außerdem habe ich ihn gegoogelt, und er wohnt gar nicht weit von dir. Und sein Roman ist sensationell.“
Wann immer wir uns in den folgenden Wochen sehen, fragt Martin, ob ich endlich Andreas Moster gelesen habe. Ich setze den Roman auf meine Wunschliste, da steht er erstmal gut, finde ich, die ganze Fensterbank ist voll mit „jetzt aber wirklich endlich lesen“-Büchern, ich muss nicht noch weitere kaufen. Und dann habe ich Geburtstag, und Martin schenkt mir den Roman, und zwei Tage später fahren wir in Urlaub und ich packe Andreas Moster ein.

Irgendwo las ich mal, es gebe eigentlich nur drei archetypische Kerngeschichten, die immer wieder in Variationen und Abwandlungen erzählt werden:
1. Boy meets girl
2. A stranger comes to town
3. Von einem, der auszieht

„Wir leben hier, seit wir geboren sind“ erzählt die zweite dieser prototypischen Geschichten. Ein Fremder kommt ins Dorf, und alles gerät aus den Fugen. Der Fremde kann gar nicht viel dafür, aber alles in diesem Dorf ist seit Ewigkeiten festgeschrieben, alles war schon immer so, wie es schon immer war, sodass ein Fremder allein durch seine Existenz alles auf den Kopf stellt. Noch dazu soll er die Rentabilität des Steinbruchs prüfen, der das Dorf ernährt. Und dann fängt er bei seiner Ankunft gleich mal damit an, dass er die Steine auf der Mauer am Dorfplatz umdreht. Langsam, einen nach dem anderen. Und die fünf Mädchen, die gerade im passenden Alter für den dörflichen Initiationsritus sind, beobachten ihn dabei. Den Mädchen ist irgendwie klar, dass sie aus dem Dorf wegmüssen; das ist aber nicht so einfach, wenn mehr oder weniger gewalttätige Väter über die Familien herrschen und immer alles so ist, wie es schon immer war. Und so nehmen die Dinge ihren Lauf: die Väter herrschen über die Familien, die wunderbar starken, trotzigen, mutigen Mädchen proben (im Kleinen, aber doch immerhin) den Aufstand, der Fremde versucht, seine Dinge zu erledigen, und das ganze Dorf versucht, sich gegen das Fremde und das Neue zu wehren. Und dagegen, dass das Alte verlorengeht. Denn der Steinbruch ist in Wahrheit am Ende.
Es wird nicht ganz klar, zu welcher Zeit und an welchem Ort der Roman spielt (oder ich habe die Hinweise verpasst, vor lauter Begeisterung). Wir sind jedenfalls in den Bergen, und Dinge wie Telefon oder Fernsehen werden nicht erwähnt. Könnte also vor 150 Jahren oder heute spielen, man weiß es nicht, es ist auch egal. Es gibt Rituale im Dorf, von denen man meint, es könnte sie heute nicht mehr geben, aber ich weiß nichts von Bergdörfern, vielleicht gibt es solche Rituale noch. Oder es gab sie vor 30, 40, 50 Jahren noch. Es ist egal, gleichzeitig würde ich den Autor wahnsinnig gern darüber ausfragen.
Denn Martin hatte natürlich recht: Wahnsinnig gutes Buch. Ich kann es gar nicht richtig in Worte fassen, die Sprache ist gleichzeitig ebenso reduziert wie das Dorfleben, kommt vordergründig unspektakulär und schlicht daher, erwischt einen aber in ihren Bildern immer wieder mit voller Wucht. Wie der Vater Nacht für Nacht die Mutter in zwei Hälften spaltet und sie sich morgens wieder zusammensetzen muss. Oder wie der uralte Berg einmal tief Luft holt und sich auf die Taten der Menschen vorbereitet. Oder als der Vater einmal nicht da ist und Mutter und Tochter gar nicht recht etwas mit der Situation anzufangen wissen:

Wir aßen schweigend, das Essen schmeckte wie immer, ohne dass wir es merkten. Auf dem leeren Stuhl des Vaters saß die Ordnung der Welt und sah uns beim Essen zu. Wir konnten nicht hinsehen.

Auf dem leeren Stuhl des Vaters saß die Ordnung der Welt. Puh. Die Ordnung der Welt gerät mit der Ankunft des Fremden aus den Fugen, und wenn man gerade meint, das absehbare Unglück wäre dann jetzt passiert, kommt es noch schlimmer. Und dennoch ist das nicht nur ein hartes Buch, sondern eben auch eins über eine Gruppe starker Mädchen, von deren Mut und deren Stolz man sich eine Scheibe abschneiden möchte. Wer Robert Seethaler mag, wird Andreas Moster lieben. Und ich werde nie verstehen, warum so ein unfassbar großartiger Roman so untergeht, oder vielleicht habe ich es auch nur verpasst, aber ich habe nicht bemerkt, dass er besonders besprochen worden wäre. Dabei ist das wirklich große Literatur, hätte gut ein Anwärter auf den deutschen Buchpreis oder andere große Preise sein können. Bitte, kauft den Roman, lest ihn, verschenkt ihn, macht den Autor reich und berühmt, besprecht ihn in euren Blogs, und wenn ihr Buchhändler seid, legt es auf den Tisch mit den besonderen Empfehlungen. So ein wahnsinnig guter Roman!

Andreas Moster: Wir leben hier, seit wir geboren sind. Eichborn, 175 Seiten, 18,00 €.
(Link zur Buchhandlung Cohen und Dobernigg. Keine Werbekooperation, nur ein Vorschlag. Gibts auch in jeder anderen Buchhandlung.)

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