Split, Tag 11

Blauer Himmel! Nachdem es gestern den ganzen Tag geschüttet hat, ist es heute wieder blau. Ich trete mit meinem ersten Kaffee auf die Terrasse und werde sofort von einer höchst ungehaltenen Möwe attackiert, die auch gleich ihre Kumpels herbeischreit. Ich glaube, sie haben ein Nest auf dem Dach, und sie sind erstens riesig, und zweitens not amused, dass ich jetzt auch hier wohne. Wenn man unter dem Vordach bleibt, sehen sie einen von oben nicht, aber sobald ich unter dem Dach hervortrete, machen sie Alarm und sind wirklich furchteinflößend. Der lustige Mann schreibt, ich soll einen Besen nehmen und ihnen zeigen, was eine Harke ist. (So hat er das in den letzten Tagen gemacht, es hat mal besser, mal schlechter funktioniert.)
Alida schreibt, die Möwenbabys sind so dumm, sie sind auch schon mal in die Wohnung gekommen. Ich habe noch kein Möwenbaby gesehen, und das ist vermutlich auch besser so. Für uns beide.

Ich arbeite an bisschen an meinem Nebenprojekt. Erwähnte ich, dass ich schlimme Angst vor dem leeren Blatt habe? Ich weiß, dass das self-fulfilling ist. Trotzdem prokrastiniere ich erstmal mit dem anderen Projekt, das übrigens ganz lustig wird, und immerhin habe ich etwas Kleines dafür fertigbekommen. Es wird aber noch ein bisschen dauern, bis ich davon erzählen kann.
Ich kurbele die Markise ein Stück raus, sie läuft ziemlich schräg nach unten, das schützt mich hinreichend vor den Killermöwen, und ich kann draußen Yoga machen.


Links liegt immer ein dickes Kreuzfahrtschiff. Jeden Tag ein anderes.

Es zieht sich doch wieder ein bisschen zu. Ich drehe ich meine Runde durch die Stadt; ein paar Schritte gehen, aufs Meer gucken, Eis essen, einkaufen, aufregender wird es auch heute nicht. Was übrigens wirklich bemerkenswert ist: es gibt immer und überall Sitzbänke, in ausreichender Menge auch für größere Touristenmassen. Und Mülleimer. Und Geldautomaten, ich glaube, es gibt ungefähr doppelt so viele Geldautomaten wie Eisdielen, und das will wirklich was heißen. An jeder Ecke eine Eisdiele, alle paar Meter ein Geldautomat. Und eine Sitzbank. Oder viele.
Als ich wieder nach Hause komme, hat das Killerkommando sich einigermaßen abgeregt, ich sitze ein bisschen draußen, koche mir ein Abendessen, und dann ist der Tag auch schon wieder rum.

Dunkle Schokolade. Fast schwarz, der Wahnsinn.

Split, Tag 10

Um kurz nach vier steht der lustige Mann auf und nimmt um fünf den Bus zum Flughafen. Ab jetzt bin ich allein. In den letzten sieben Tagen sind wir im Durchschnitt 17.000 Schritte pro Tag gegangen, das werde ich nicht beibehalten können, und auch nicht wollen, denn ich bin ja zum Arbeiten hier. Passenderweise regnet es, ach was, es schüttet! Und hört gar nicht mehr auf. Es ist grau und kalt, ich sitze in der Wohnung und habe nichts zu berichten. Allerdings habe ich erfahren, dass jemand zu Hause krank ist und sich täglich meine Einträge vorlesen lässt, dass er das liebt und dass ich bitte mehr schreiben soll. Also werde ich schreiben, auch wenn ich nichts zu erzählen habe, ist doch klar. (Grüße gehen raus an alle, die krank sind.)

Irgendwann am Nachmittag lässt der Regen nach, und ich gehe einkaufen. Dann drehe ich schlauerweise mitsamt meinen Einkäufen noch eine Runde durch die Stadt, hole mir das Eis des Tages (Prioritäten!), und dann schüttet es wieder, ich habe zwar einen Schirm dabei, stelle mich aber trotzdem lieber einen Moment unter. Ich stehe am Katzenplatz. Der Katzenplatz heißt mit Sicherheit anders, den Namen habe ich ihm gegeben, weil dort auf einer etwas erhöhten Grünanlage ein paar kleine Katzenhäuschen stehen und die Katzen auch gefüttert werden. Bei dem Wetter sind nicht mal die Katzen da, vielleicht sind sie in ihren Häuschen, ich gucke nicht nach.
Mir ist kalt, die Wohnung liegt aber im fünften Stock, und oben ist einem dann doch wieder warm. Magie!


Foto von einem anderen Tag mit anderem Wetter.

Ich werde sehen, wie es mit dem Bloggen läuft. Ich bin jetzt nicht mehr im Urlaub oder auf Reisen, ich bin nicht mehr hier, um Dinge zu unternehmen und zu erleben, sondern um am Schreibtisch zu sitzen. Was genau ich da tue, weiß ich selbst noch nicht, und das ist mal wieder das Problem: das Anfangen mit einem neuen Roman ist für mich das Schwierigste. Wenn man erstmal Figuren hat und weiß, wohin die Geschichte gehen soll, dann geht es irgendwie, dann sind Zähigkeit und Sitzfleisch gefragt. Aber das Anfangen macht mir wirklich Probleme, ich habe schlimme Angst vor dem leeren Blatt.
Ich fange wieder an zu bloggen, um wieder ins Schreiben zu kommen. Ich habe gute Vorsätze. Yoga. Lesen. Schreiben.

Wolf Haas hatte seine Reihe von Brenner-Krimis mit einem sensationellen Kniff abgeschlossen (wird nicht verraten), mit dem glasklar war, dass wirklich Schluss ist. Aber irgendwann kam doch noch ein Band, und dann noch einer … Ich war ein bisschen ungehalten, ich fand, wenn man eine Sache beendet hat, dann soll man dazu stehen, Erfolg hin oder her. Aber dann! Dann las ich ein Interview, in dem er gefragt wurde, warum er denn nach diesem Ende doch noch einen weiteren Band geschrieben hat. Und Wolf Haas sagte, ACHTUNG: „Weil mir noch einer eingefallen ist.“ Sen-sa-tio-nell! Als würde einem kurz mal eben, quasi aus Versehen, ein Roman einfallen! Da war ich dann doch wieder versöhnt.

Zitrone. Von Hajduk, wo man eigentlich eine Schokoglasur angeboten bekommt, aber der ansonsten sehr freundliche Herr hat nicht gefragt. Pffft!

Split, Tag 9

Mein neunter Tag in Split ist der siebte für den Mann, und sein letzter. Wir gehen gemütlich frühstücken und sind dann plötzlich beide so unfassbar müde, dass wir eine Art spätes Vormittagsschläfchen halten. Am Nachmittag gehen wir nochmal auf die Halbinsel Marjan, diesmal auf der Nordseite, wir laufen eine ganze Weile am Wasser entlang auf einer Straße, die einmal eine Straße war und jetzt nur noch für Fußgänger und Radfahrer frei ist, wie herrlich! Es geht unter Pinien oder Kiefern hindurch, rechts immer das Meer. Das Wetter ist ein bisschen unentschlossen, warm, kalt, ziemlich windig, Schatten, Sonne, dies, das. Wir sind genauso unentschlossen, wollen wir baden, wollen wir nicht, es ist so windig, bestimmt zu kalt. Aber dann merken wir, dass der Wind immer aus derselben Richtung kommt und wenn wir da jetzt gleich um die Ecke biegen, dann ist da kein Wind. Und kaum Leute, es war wohl mal eine großräumig angelegte Strandbar mit Zugang ins Wasser und allem, ist jetzt aber eine recht verlassene Baustelle, aber der Wasserzugang ist natürlich noch da. Wir baden, und logisch ist es wunderbar, was denn sonst. Beim Rausgehen sagt der Mann: „Da hinten schwimmt was. Was Großes“, und deutet vage in Richtung des Stegs. Ich gucke, und: DELFINE! Gar nicht so weit weg, gleich hinter dem Steg, das sind ganz eindeutig und unzweifelhaft Delfine, mindestens drei Stück! Wie toll ist das bitte? Wir sind quasi mit Delfinen geschwommen!

Auf dem Rückweg kehren wir in Alidas Lieblingscafé ein (denn, alte Regel: immer schön tun, was Alida sagt, macht man nie was falsch) und ich esse eine krasse Buttercremetorte. Dann nach Hause, duschen, ein letztes Mal in die Stadt, Abendessen suchen. Wenn man etwas Vegetarisches möchte, ist das nicht so einfach, die allermeisten Restaurants haben entweder gar nichts oder Gemüserisotto. („Gemüse“ unspezifisch.) Manche haben zur Auswahl auch noch Spaghetti mit Tomatensoße oder griechischen Salat. Erstaunlich. Heißer Tipp: „Veg Plant Based“ am Katzenplatz.

Fior di Latte-Blaubeere

Split, Tag 8

Es war schon wieder herrliches Wetter, und wir sind mit dem Schiff in die Stadt Hvar auf der Insel Hvar gefahren. Hvar ist „die schönste Insel der Welt“, oder zumindest „das St. Tropez der Adria“. Was soll ich sagen: stimmt. Es ist sagenhaft schön, sehr herausgeputzt auch, es gibt elegante und coole Strandbars, das Städtchen ist schmuck, das Wasser glasklar, oben drüber thront eine Festung, unten dümpeln kleine Yachten im Hafen herum, und ich glaube, wir haben die allerbeste Jahreszeit erwischt. Warm und sonnig genug zum Baden, aber noch keine Hochsaison, es ist noch nicht so voll. Wir gehen am Meer entlang und trinken einen Kaffee in einer schicken Strandbar, dann erklimmen wir die Festung, von der aus man mal wieder einen spektakulären Blick über die nächstgelegenen Inseln hinweg hat. Blau, blau, blau, so weit das Auge reicht. Man kann einfach immer mal wieder irgendwo sitzen- oder stehenbleiben und eine Weile gucken. Sonst nichts. Und riechen, es duftet überall nach Pinien, nach Jasmin oder nach einem Baum, der laut Google Lens Chinesischer Klebsame heißt.

Wir gehen wieder runter, stromern ein wenig durch die Stadt und steigen noch auf den Uhrenturm und besichtigen das alte Theater: tatsächlich das älteste öffentliche Theater Europas, 1612 eröffnet. Verrückt! Auf so einer kleinen Insel! Ich hätte eher auf Paris oder London oder so getippt. Und was ist mit den griechischen und römischen Theatern, waren die nicht öffentlich? Hm. Und hübsch ist es! (Die jetzige Inneneinrichtung ist allerdings geringfügig jünger.)

Und dann gehen wir in die andere Richtung am Meer entlang bis zu einem kleinen Badestrand. Man gewöhnt sich an die Wassertemperatur, es ist – natürlich! – herrlich.
Irgendwie sind wir schon wieder 22.000 Schritte gelaufen, und so viel Sonne und frische Luft machen seltsamerweise müde. Zu Hause müssen wir uns richtig aufraffen, um nochmal rauszugehen und uns etwas zu essen zu suchen.

Pfefferminz mit Schokostückchen

Split, Tag 4

Sonntag, 10. Mai
 
Das Wetter sieht besser aus als angekündigt, es ist immerhin hellgrau und trocken, hier und da guckt sogar ein bisschen blauer Himmel raus. Wir beschließen, den Diokletianspalast auf einen Tag mit schlechterem Wetter zu schieben und heute lieber einen langen Spaziergang durch die Halbinsel Marjan zu machen. Es geht ziemlich den Berg hoch, erst durch eine sehr schöne Wohngegend, dann am verfallenen jüdischen Friedhof vorbei durch die Natur, bzw. parkähnliche Anlagen, immer weiter nach oben, immer mit Blick aufs Meer. Der Blick aufs Meer und auf die vorgelagerten Inseln ist atemberaubend, ich kann mich gar nicht sattfotografieren, und nie genügen die Bilder, in Wahrheit ist alles imposanter, blauer, schöner, herrlicher. Und die Luft so weich. Wie schön die Welt ist, und wie gefühllos die Menschen manchmal mit ihr umgehen!

Ganz oben steht noch ein ziemlicher Aussichtsturm, wir fahren mit dem Aufzug hoch, nicht ahnend, dass dort oben der Fußboden aus einem Maschengitter besteht und sich das garantiert jemand ohne Höhenangst ausgedacht haben muss. Ich jedenfalls fahre recht bald wieder runter. Und dann steigen wir auch den Berg wieder hinunter, auf der anderen Seite, Richtung Kašjuni Beach, ein Strand mit feinen Kieseln. Feiner als gestern in Brač, aber wer seine Badeschuhe vergessen hat, ist einfach blöd. Aua. Das Wasser kommt uns kälter vor als gestern, aber natürlich ist es herrlich.
Alida schreibt, wenn wir da sind und auch zu Fuß wieder zurück wollen, dann müssen wir unterwegs in der schönsten und besten Pizzeria der Welt einkehren. Und wer wären wir denn, nicht das zu tun, was Alida sagt? Wir gehen auch zu Fuß zurück, diesmal nicht über den Berg, sondern unten am Ufer entlang, was genauso herrlich ist. Wir kehren in der schönsten und besten Pizzeria der Welt ein, mit Blick aufs Meer, was sonst, und essen wunderbare Pizza. (Möglicherweise nicht gerade die kroatische Nationalspeise, aber hey.) Es ist Sonntag, es war Erstkommunion, die Restaurantterrasse ist voller entzückender kleiner Mädchen in weißen Kleidern und kleiner Jungs in weißen Hemden, die kleine Banden bilden und von hier nach dort rennen und dann wieder zurück. Unten im Hafen liegen die Yachten, über uns kreischen Möwen. Plötzlich merken wir, dass ein bisschen Wind aufkommt, und dass auf einmal gar nicht mehr viele Leute da sind, und dass die Sonnenschirme zusammengefaltet werden. Er soll ja noch gewittern, sage ich, und der lustige Mann sagt: das soll hier manchmal sehr plötzlich losgehen. Wir bezahlen zügig und haben noch eine halbe Stunde Fußweg nach Hause, wir sind pappsatt und pizzaschwer, kein Platz im Bauch für ein Eis, außerdem denken wir, dass es jeden Moment anfangen wird zu donnern. Als wir vor der Haustür sind, fallen die ersten drei Tropfen. Und dann ziemlich lange keine mehr, das Gewitter kommt erst am Abend um elf, es regnet in der Nacht noch eine Weile.

Addendum zur Eisregel: ein verpasstes Eis kann am nächsten Tag nachgeholt werden. Das Eis für den nächsten Tag wird dann natürlich neu gezählt. (Erwachsensein ist so geil! Man kann sich seine Regeln einfach selbst machen!)

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