Im Bett mit …

Vor ein paar Wochen hat Katrin Bedot mich für ihre Reihe „in bed withinterviewt. Bei der Gelegenheit habe ich ihr Simone Buchholz ans Herz gelegt – und jetzt sollte tatsächlich Simone interviewt werden, und Katrin fand, an ihrer Stelle könnte ich doch das Interview führen. Und dann hat sie uns gleich noch zusammen ein Erste-Sätze-Quiz machen lassen, bei dem wir kläglich versagt haben.

(Vorspann auf Englisch, dann geh’s aber auf Deutsch weiter.)

Film: Toni Erdmann

Jajaja, den haben natürlich alle schon gesehen. Ich jetzt auch! Mit Maximilian. Allerdings hatte ich etwas falsche Vorstellungen, aus irgendeinem Grund habe ich mit einem lustigen Film gerechnet. Und ja, er ist auch lustig. Aber vor allem ist er herzzerreißend, und das meine ich vollkommen unironisch. Es zerreißt einem das Herz.
Winfried Conradi ist ein schrecklich einsamer Mensch. Er ist Musiklehrer, sein letzter Klavierschüler kündigt, seine Mutter ist steinalt, sein Hund ebenfalls, die Tochter macht Karriere in einer Unternehmensberatung, für die sie zur Zeit in Rumänien arbeitet. Sie trägt dunkelblaue Hosenanzüge, telefoniert pausenlos und träumt davon, bei McKinsey zu arbeiten. Winfried Conradi versucht verzweifelt, sich mit Scherzartikeln und albernen Verkleidungen aus der Einsamkeit herauszuwitzeln; das klappt natürlich nicht so recht und führt beim Zuschauer dauernd zu leichtem Fremdschämen.
In einem besonders einsamen Moment fliegt er kurzentschlossen nach Bukarest und besucht seine Tochter. Unangekündigt. Das läuft natürlich auch nicht besonders gut, also reist er ab, und an seiner Stelle taucht „Toni Erdmann“ auf, denn Winfried will seine Tochter, die ihm irgendwie entglitten ist, zurückerobern. Als Vater hat er das nicht geschafft, also versucht er es in dieser Rolle und schreckt dabei vor keiner Peinlichkeit zurück. Wie Peter Simonischek es schafft, die ganze Zeit haarscharf an der Kante zum echten Verrücktwerden entlangzubalancieren, das ist umwerfend. Und noch umwerfender ist Sandra Hüller als seine Tochter Ines. Auch sie balanciert den ganzen Film über an verschiedenen Kanten entlang: Etwa an der Kante zwischen Scham über ihren Vater und ihrer Liebe zu ihm. Zwischen eiskalter Karrierefrau und Verletztlichkeit. Zwischen professionell und privat, zwischen Selbstsicherheit und Zweifel, zwischen den Rollen, die sie spielt, und denen, die sie gern spielen würde, zwischen Angespanntheit und Souveränität. Und wer nicht heult, wenn sie singt (weil ihr Vater sie dazu zwingt), der hat kein Herz.

Also: Unbedingt angucken! Sensationeller Film. Es wird übrigens alles ganz unaufgeregt erzählt. Keine spektakulären Kamerafahrten oder Schnitte, nicht dauernd Musik, kein Schischi. Nur diese Menschen, die man im echten Leben vermutlich nur schwer ertragen könnte, aber einfach lieben muss. Was für ein Film!

Buch und Regie: Maren Ade.

Glück auf.

Johannes Korten ist tot.

Hannes war in meinem Internet, seit ich im Internet bin. Er bloggte anfangs über Jazz, das interessierte mich nicht besonders, aber am Rande meiner Wahrnehmung war er immer da. Dann kamen Twitter und Facebook, und er war präsent, es ging längst nicht mehr nur um Jazz. Hannes war Markencoach und Social-Media-Mensch der GLS-Bank und war mit Leidenschaft bei der Sache; nicht zuletzt ihm ist es zu verdanken, dass mein Geld jetzt dort ist. Er hat die Anliegen der Bank mit jeder Faser seines Lebens geatmet, ihm lag daran, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen, und das hat er gemacht, nicht nur durch seine Arbeit bei der GLS, sondern auch durch Aktionen wie Ein Buch für Kai oder eine Spendenaktion für die Familie eines verstorbenen Freundes. Hannes war es, mit dem ich korrespondierte, als ich eine Zeitlang GLS-Werbung im Blog hatte, und Hannes war es, der uns für wasmachendieda Starthilfe gab, indem er auch dort GLS-Werbung schaltete. In einem Blog, das es noch gar nicht gab; nur, weil er uns kannte und vertraute. Die Zusammenarbeit mit ihm war schnell, unkompliziert, kompetent: Wollen wir? – Klar, machen wir, zackzack. Am Tag, als wasmachendieda online ging, war Hannes zufällig in Hamburg, zur TEDx-Konferenz. Wir haben zusammen Vorträge gehört und gleichzeitig die Statistik des neuen Projekts im Auge gehabt, und am Ende die Nachmittagsvorträge geschwänzt und lieber angestoßen. Hannes hat uns zur Bloggerlesung in der Bank nach Bochum eingeladen. Am nächsten Tag haben wir ihn für wasmachendieda interviewt.
Hannes war immer da, Hannes gehörte zum Internet. Er war einer von den Guten, von denen, die nachdachten und anpackten. Wenn wir uns gesehen haben, kam er mir vor wie jemand, der in sich ruhte. Im Internet konnte man in letzter Zeit ahnen, dass es ihm nicht sehr gut ging.

Hannes hinterlässt zwei Kinder, den Junior und das Mademoisellchen, die er sehr geliebt hat, das hat man immer deutlich gespürt. Ich wünsche den beiden und ihrer Mutter und wer auch immer noch an Familie da sein mag, für die kommende Zeit … ach, ich weiß es doch auch nicht. Es ist furchtbar, und ich habe keine Worte. Freunde wünsche ich ihnen, die sie da durchtragen. Und robuste Seelen, die nicht daran zerbrechen.

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Hannes schreibt:

Wenn ich einen letzten Wunsch hätte, dann wäre es der hier: Schaut in jeder Situation gemeinsam nach vorn. Seit achtsam mit euch selbst und dann aufeinander. Macht die Welt im Großen wie im Kleinen wieder zu einem guten Ort. Lebt den Gedanken, dass das gemeinsam im Miteinander möglich ist, weiter. Das wäre mir ein letzter Trost. Vielleicht bekommt mein Dasein dann doch noch einen Sinn.

Hannes, Dein Dasein hatte einen Sinn, immer, für alle, die dich kannten. Die Vorstellung, dass es für Dich keinen mehr hatte, bricht mir das Herz. Die Welt ist ein bisschen ärmer geworden. Ich wünsche Dir so sehr, dass Du Frieden gefunden hast. Glück auf.

Das Feuilleton (etwas selbstreferenziell)

- Die wundervolle Gisela Steinhauer war bei mir, und wir haben eine Stunde geredet und sehr viel Spaß gehabt. Hier auf WDR5 im Tischgespräch.

- Die taz über mich. In einem ganzseitigen Artikel, ein wirklich wundervolles Portrait mit der besten Bildunterschrift ever. Danke, Hanna Klimpe!

- Die Welt bringt ein ebenso riesiges und ebenso wunderbares Portrait über Bov Bjerg. Von Klaus Ungerer.

- Die ZEIT über Hildegard Schwarz, 84jährige Sylter Buchhändlerin.

- Hatice Akyün in der ZEIT über den Duisburger Bücherbus.

- Ha! Lesen macht jetzt nicht mehr nur schön und klug, sondern auch noch nett.

Film: Nur wir drei gemeinsam

Wenn alle Welt Fußball guckt, das letzte Deutschland-Spiel der EM, dann ist eindeutig ein guter Zeitpunkt, ins Kino zu gehen. Außer uns waren noch vier weitere Menschen dort.

LeeresKino

Eigentlich wollten wir was ganz anderes sehen. Eigentlich wollten wir den Stefan-Zweig-Film sehen, das wollen wir auch immer noch, aber der lief nicht, vermutlich wegen Fußball. Deswegen also Nur wir drei gemeinsam. „Dieser Film beruht nicht auf einer wahren Geschichte – er ist eine wahre Geschichte“, heißt es im Trailer. Und zwar die Geschichte von Hibat, der unter dem Schah von Persien politisch aktiv war und acht Jahre im Gefängnis saß. Dann ist der Schah geflohen, Khomeini kam, Hibat und seine Freunde wurden aus dem Gefängnis entlassen, aber nichts wurde besser, sondern alles noch schlimmer. Hibat heiratete, bekam einen Sohn, und dann wurde der politische Druck so hoch, dass sie ins Ausland fliehen mussten, er und seine Frau und das Baby. Sie landeten irgendwann in Frankreich in der Banlieue von Paris, wo natürlich auch nicht gleich alles super war, aber langsam besser wurde. Das Baby ist heute erwachsen, ist Komiker geworden, nennt sich Kheiron und ist der Regisseur und Hauptdarsteller dieses Films.
Und jetzt weiß ich auch nicht recht, was ich sagen soll. Der Film wird als Komödie angekündigt. Der Stoff ist natürlich überhaupt nicht komisch, im Gegenteil, es ist nicht lustig im iranischen Gefängnis. Schon gar nicht, wenn man sich weigert, den Kuchen zu essen, den der Schah den Gefangenen spendiert hat; das sind schon Szenen, wo ich weggucke. Und an den Stellen, wo der Film lustig ist, ist er das irgendwie zu unentschlossen, fand ich. Die besten Witze sind quasi schon im Trailer verbraten. Man wandelt auf einem schmalen Grat, wenn man einen solchen Stoff als Komödie inszeniert, und ich bin nicht sicher, ob ich die Umsetzung für gelungen halte. Es ist manchmal lustig, ja. Es ist manchmal hart. Vor allem aber hätte es einem an vielen Stellen sehr viel näher gehen können, hat mich aber irgendwie nicht richtig erreicht. Was auch daran liegen könnte, dass die Figuren teilweise nicht richtig klar sind. Die Frau zum Beispiel – klug, wunderschön, teilweise sehr witzig und charmant, und dann wieder so unsagbar zickig (ob das lustig sein soll?), das erschließt sich einem gar nicht. Und auch Hibat selbst – sein politisches Engagement wird teilweise eher behauptet, als dass man es ihm abnehmen würde, aber dann kommen die fiesen Gefängnisszenen. Im zweiten Teil, in Frankreich, zerfasert dann alles ein bisschen, Privatleben, Geldverdienen, das Engagement im Jugendzentrum, es wird puzzlestückhaft und hört irgendwann einfach auf.
Dabei ist das alles überhaupt nicht „schlecht“. Wirklich nicht. Ich glaube nur, es wäre besser gegangen.