Split, Tag 21

Meine Fluggesellschaft fragt mich am Morgen als erstes, ob ich mich schon auf Hamburg freue. Ja, schon. Aber gleichzeitig würde ich gern noch eine Weile hier bleiben.
Ich trinke meinen Kaffee auf der Terrasse, ich arbeite ein bisschen, ich räume ein bisschen auf und putze. Dann gehe ich los, die letzte Runde drehen. Baden natürlich, ein letztes Mal Ćevapčići im Brot, ein letztes Eis von Hajduk.

Zwei Szenen möchte ich berichten. Auf dem Hinweg zum Strand sehe ich, wie ein etwas älterer Amerikaner einer alten kroatischen Bettlerin Geld geben möchte, er fummelt sein Portemonnaie raus, und dann höre ich im Weitergehen noch, wie er sie fragt, ob er mir ihr ein Selfie machen kann. Wie bitte? Was will er damit? Es in den sozialen Medien posten, „guckt mal, was für ein guter Mensch ich bin, ich habe einer Bettlerin Geld gegeben“? ODER WAS? Ich habe ihre Antwort nicht mehr gehört, und es hat auch einen Moment gedauert, bis ich kapiert hatte, was ich da gerade gehört habe. Ich hoffe, ich habe irgendwas falsch interpretiert. Fürchte aber, ich hätte auch sonst nicht die Eier gehabt, etwas zu sagen.

Auf dem Rückweg vom Strand laufe ich am Hafen entlang, an einer Stelle liegen die großen Mietyachten, und am Kai vor einem dieser schicken, dreistöckigen Schiffe stehen die Leute, die offensichtlich darauf eingeladen sind, und zwar mit Dresscode, alle in Weiß und Sand. Ich bin hin- und hergerissen, einerseits sieht es irgendwie cool aus, wenn alles so aufeinander abgestimmt ist, andererseits vollkommen albern, als würden sie einen Werbespot drehen. Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt schon mal irgendwo eingeladen war, wo es einen solchen Dresscode gab. Neujahrsempfang mit „strictly Abendgarderobe“, okay. Aber noch nie mit Farbcode. Auch sonst nicht mit Verkleiden, anscheinend machen meine Leute keine Mottopartys. (Es wird überhaupt zu wenig gefeiert.)

Das Baden habe ich heute ein bisschen in die Länge gezogen, es wird auf längere Zeit das letzte Mal im Mittelmeer gewesen sein. Ich war einfach zweimal drin, mit einem kleinen Sonnenbad dazwischen, es ist so unfassbar schön! Der Eisverkäufer auf dem Rückweg begrüßt mich freudig, er bedauert, dass es mein letzter Tag ist, er weiß, dass ich Schokoglasur möchte. Ich bin hier quasi zu Hause!


 

 So ein Bade-Sommer ist wirklich ein Gleichniß eines Menschenlebens.

Goethe an Charlotte von Stein, Carlsbad, 16. August 1808.

Danke, Split. Danke, allerbeste Alida! Ich bin schockverliebt in die Stadt, und Mai ist wohl wirklich die beste Jahreszeit. Liebe Alida, ich komm jetzt öfter. Das hast du nun davon!

Joghurt-Waldfrucht

PS: Erster Satz des neuen Romans: „Eine der Möwen war verrückt geworden.“

Split, Tag 19

Nur noch heute, morgen, übermorgen. Herrje! Wie ging das denn jetzt wieder so schnell? Ich verbringe den Vormittag arbeitsam am Schreibtisch auf der Terrasse und versuche es zur Abwechslung damit, beruhigend auf die Möwen einzureden, statt sie anzubrüllen. Funktioniert nicht. Dann gehe ich quer durch die Stadt zur neuentdeckten Badestelle, das ist ein schöner Spaziergang von einer guten halben Stunde. Dort angekommen, frage ich zwei freundlich aussehende ältere Damen (ohne Kreuzworträtselheft), ob sie auf meine Sachen aufpassen und gehe ins Wasser und möchte am liebsten gar nicht mehr raus. Wieso tut einem das so gut, im Wasser zu sein, vor allem in natürlichem Wasser, ich liebe das so sehr. Es kommt mir vor, als wäre das Wasser im Laufe meiner Tage hier bereits wärmer geworden, es hat jetzt exakt die perfekte Temperatur. Wenn es an der Luft 30°C sind, darf das Wasser nicht allzu warm sein, sondern ungefähr haargenau so, wie es jetzt ist. Als ich aus dem Wasser komme und auf mein Handy gucke, ist da eine Mail von der Fluggesellschaft, dass ich jetzt schon online einchecken kann. Isch möschte das nisch!
Auf dem Rückweg beschließe ich, dass das Eis, das ich auf dem Hinweg gegessen habe, strenggenommen das Nachholeis von vorgestern gewesen sein muss und hole mir noch eins für heute. Regeln sind Regeln! Der Eisverkäufer bei Hajduk kennt mich jetzt.
Dann kaufe ich ein bisschen zu viel ein, schleppe alles in den fünften Stock und setze mich wieder auf die Terrasse. Heute Abend will ich mir Salat machen.
Aber erstmal sitze ich so da, still und zurückgelehnt auf meinem Stuhl, und gucke den Mauerseglern zu, und plötzlich wackelt es, und in der Wohnung klappert etwas, es ist also nicht mein Kreislauf oder eine plötzliche Gleichgewichtsstörung. Verrückt, ich glaube, mein letztes Erdbeben war in Japan, und das ist wirklich ewig her. Es war aber auch schon wieder vorbei, als ich gerade „huch, Erdbeben“ dachte.
Nur noch zwei Tage. Ich könnte gut noch bleiben.

Nacholeis von vorgestern: Schokolade-Karamell-Haselnuss

Eis von heute: Blaubeer mit Schokoglasur

Split, Tag 15

Heute wäre mir fast etwas Komisches passiert. Ich bin rausgegangen, um etwas zu essen, und dachte tatsächlich: irgendwie haste heute gar keine Lust auf ein Eis. Und dann habe ich ganz hervorragende Ćevapčići im Fladenbrot aus der Kantun Paulina gegessen (wir erinnern uns: immer tun, was Alida sagt!), und eine Weile am Meer gesessen und bin noch ein bisschen herumgelaufen, wie jeden Tag, und dann hatte ich, ZACK! plötzlich doch Lust auf ein Eis. Puh, nochmal gutgegangen! Da habe ich gleich nochmal diese geile dunkle Schokolade von neulich genommen.

Ansonsten: kein Foto gemacht, keinen Roman geschrieben, keine einzige Sinfonie. Aber hey, gestern immerhin eine ganz lustige Idee für Projekt drei gehabt. Dummerweise ist Projekt drei gar nicht dran, es steht, nun ja, an dritter Stelle.

Bilanz

Hab keine Romane geschrieben;
keine einzige Sinfonie.
Mein Umsturz ist Stückwerk geblieben;
wie meine Tanztheorie.

Nicht eine Kathedrale!
Kein Dachgeschoß ausgebaut!
Und wenn ich mal male,
wird’s Mist.

Nie im Puff und keine Visionen,
kein Sieg, keine Oper, kein Mord.
Kein Starkult und keine Millionen,
kein Hit, kein Hut, kein Rekord.

Nobelpreis? Nix draus geworden.
Kein Kriegsheld, Konzernherr, null Orden.
Tor des Monats, Befreiungskampf, Geige?
Macht? Schönheit? Genie? – Fehlanzeige.

Nur dieses kleine Gedicht.
Reicht das nicht?

F. W. Bernstein

Split, Tag 14

Wenn man nicht mehr Urlaub macht, sondern zum Arbeiten da ist, dann hat man nicht jeden Tag etwas zu berichten. Außer der Eissorte, versteht sich. Das Wetter ist inzwischen herrlich sommerlich, paarundzwanzig Grad, nicht zu heiß, aber verlässlich warm. Heute habe ich noch mein Jäckchen mit rausgenommen, aber das habe ich dann halt in der Hand spazierengetragen. Zu Hause sitze ich den ganzen Tag auf der Terrasse.

Und so möchte ich heute, statt etwas zu erzählen, nur eine steile Hypothese aufstellen, nämlich: An Tagen, an denen die Möwen besonders aggro sind, sind abends auch die Motorradidioten besonders aggro. Ich werde das beobachten. Eine Woche habe ich noch.

Beim Yoga bin ich übrigens im Team Mady Morrison. Und was mich immer amüsiert, ist, dass anscheinend alle Welt meint, man würde Yoga quasi zwangsläufig morgens machen. Brüller! Morgens sitze ich auf der Terrasse und trinke Kaffee. Und dann ist plötzlich Mittag. Aber alle möglichen Leute fragen mich „machst du immer noch jeden Morgen Yoga?“ Nein, habe ich nie. Aber jeden Tag. Und es ist auch immer wieder schön, wenn Mady gegen 22:00 zum Ende der Einheit sagt: „Nimm das Gefühl mit in den Tag, der dir bevorsteht.“ Nö! Ich nehme es mit ins Bett. Ich Rebellin mache auch schon mal abends Einheiten mit Titeln wie „Rise and Shine“. Dann scheine ich halt im Bett, da kenne ich nix.

Unbeaufsichtigtes Gepäckstück

Zitrone-Basilikum

Split, Tag 12

Heute ist zum ersten Mal so ein richtiger Mittelmeer-Sommertag, wie man sich das vorstellt. Nicht richtig heiß, aber herrlich warm und einfach den ganzen Tag blau. Ich glaube, die Möwen brüten doch nicht auf meinem Dach. Als ich heute Morgen rauskam, waren sie nicht da, ich konnte ganz unbehelligt auf die Terrasse, auch unter dem Dach hervor. Keine Möwe, nirgends. Irgendwann kam eine, setzte sich oben auf die Satellitenschüssel und plapperte ein bisschen vor sich hin, aber kein Geschrei, keine Aggression, nichts. Ich glaube, es geht einfach darum, wer zuerst sein Handtuch hinlegt, und heute war ich das. Wenn sie nach mir kommen, ist es okay, dass ich da bin. Ich werde das weiter beobachten.

„Habe wieder begonnen, morgens nackt ein wenig zu turnen.“ Thomas Mann, Tagebuch, 20. Juli 1934

Ich bin nicht Thomas Mann, ich habe angezogen geturnt und auch nicht wirklich morgens, aber draußen, das macht mir große Freude. Gegenüber ist zwar ein Haus, aber das ist erstens ein bisschen entfernt, zweitens habe ich noch nie eine Bewegung hinter den Fenstern bemerkt, ich glaube nicht, dass irgendjemand mir zuguckt. Und wenn, dann stört es vermutlich keinen großen Geist. Der Terrassenfußboden ist uneben und hart, ich habe mir tatsächlich extra eine Reise-Yogamatte gekauft, die natürlich eher dünn ist, aber es ist trotzdem so schön, es draußen zu machen!
Ansonsten keine besonderen Vorkommnisse. Blöd, wenn man beschlossen und auch noch verkündet hat, täglich zu bloggen, denn dann muss man das ja auch einhalten, auch wenn nichts passiert. Die Ankündigung mit dem täglichen Eis war schlau, weil ich mir sonst zutraue, auch mal die Wohnung gar nicht zu verlassen, und das wäre wirklich bescheuert. Aber so habe ich eine Eisverpflichtung meinen Leser:innen gegenüber und muss einmal am Tag raus, das ist gut für mich. Ich versuche außerdem, mir für jeden Tag ein paar kleine Aufgaben zu geben, das Hauptprojekt, das Nebenprojekt, ein drittes, angefragtes Ding, über das ich nochmal nachdenken muss. Lesen. Turnen (angezogen). Bisschen was recherchieren. Sonst prokrastiniere ich ganze Tage weg, da bin ich schlimm. Hier gibt es einen ganzen Artikel darüber, warum Autor:innen besonders schlimm prokrastinieren, er ist allerdings hinter einer Bezahlschranke, und ich kann ihn nicht lesen. Ich habe noch neun Tage hier, und dann muss ich mit irgendeinem Ergebnis oder zumindest einem nennenswerten Schritt nach Hause kommen. Morgen, morgen wird hier SO RICHTIG was passieren, morgen bin ich fleißig und konzentriert und werde einen kreativen Durchbruch haben, aber sowas von, ischwör!

Joghurt-Waldfrucht.

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