Hat jemand mein Superheldinnencape gesehen?

Die nächste Jane Gardam ist fertig und erscheint schon im Mai. Eigentlich hätte sie ein bisschen früher fertig sein sollen, aber dann bin ich eine Woche lang auf dem gebrochenen Fuß von einem Arzt zum anderen gerannt und kam nicht zum Übersetzen, was blöd war, denn noch eigentlicher muss ich dringend schreiben.
Aber jetzt ist sie fertig, letzte Woche Samstag habe ich das letzte Kapitel weggeschickt, und die Korrekturen kamen dann auch schon am Montag Mittag zurück, weil ich den Rest schon vorher abgegeben hatte. Montag Abend hatte ich sie durchgeguckt und zack.
Dienstag bin ich nach München gefahren, das war schön, weil Simone zufällig am gleichen Tag nach München fuhr und wir einfach mal fünf Stunden Zeit hatten.
Nachmittags im Hotel habe ich mit der Lektorin telefoniert und letzte Fragen geklärt, und damit ist der Keks jetzt auch wirklich gegessen, und ich habe den Kopf frei für meinen eigenen Roman.
In München war ich einen Tag zu früh, meine Lesung dort war erst am Mittwoch. Aber ich fand, ein ganzer Tag Anreise, abends Bühne, und am nächsten Tag schon wieder den ganzen Tag in der Bahn klang nicht so verlockend, also bin ich früher hin und wollte einfach mal einen Tag gemütlich durch München stromern. Was ja an sich eine gute Idee gewesen wäre, aber halt nicht mit einem gebrochenen Fuß. Der allerdings auch dramatischer klingt, als er ist. Ich habe also ausgeschlafen, gemütlich gefrühstückt, kurz ein bisschen gelesen, dann bin ich doch zu Fuß durch den Englischen Garten zu meiner Mittagessenverabredung gegangen und danach auch zu Fuß wieder zurück. Denn Fußkaputt hin oder her, nach drei Wochen Dauerschreibtisch und Fußhochlegen hatte ich dringend das Bedürfnis nach frischer Luft und Bewegung. Geht auch gut mit dem flotten Vorfußentlastungsschuh. Dann Mittagsschläfchen und abends Jane-Gardam-Veranstaltung mit Jo Lendle im Literaturhaus.


(Es war natürlich ein hochseriöser und sehr ernsthafter Abend. Foto: Amelie Fried)

Am nächsten Tag bin ich weitergefahren nach Berlin. Kein und Aber hatte zum Buchhändlerabend mit Max Porter eingeladen, und nachdem ich sein letztes Buch so toll fand und darüber gebloggt hatte, haben sie ein Zitat von mir auf die Rückseite des neuen Romans gesetzt und mich deswegen zu diesem Essen eingeladen. Das hat mir geschmeichelt, und es war total nett, mit Feuer draußen und leckerem Essen drinnen und dann wieder Lesung am Feuer draußen und lauter netten Berliner BuchhändlerInnen und anderen.
Freitag hatte ich noch eine Frühstücksverabredung in Berlin, bin dann nach Hause gefahren und habe abends im Büchereck Niendorf gelesen. Heute Nachmittag dann noch eine Lesung bei Boysen und Mauke, Zusammenbruch in … drei … zwei …


(Schon wieder dasselbe Kleid. Hab ich neu. Foto: Martin Paas)

Quatsch, geht schon. Morgen bin ich noch auf einem Geburtstag eingeladen, und ab Montag muss ich mich dann dringend an meinen Roman setzen. Richtig dringend. Ich habe Anmerkungen von meiner Agentin, meiner Lektorin und einem Freund bekommen, die muss ich jetzt kollationieren und alles ineinanderfrickeln und meine eigenen Notizen noch mal sichten und so weiter. Ende des Monats fahren wir wieder zu dritt zehn Tage in Schreibklausur, und da muss es dann mal langsam zum Ende kommen. Ich bin inzwischen ziemlich unter Druck, irgendwann Anfang März muss es fertig sein, und das ist ungefähr übermorgen. Wir haben jetzt einen Titel, das Cover ist in Arbeit, Erscheinungstermin ist irgendwann im September, es gibt sogar schon einen Premierentermin (ich sage rechtzeitig Bescheid), es ist alles ganz schön aufregend.

Hat jemand mein Superheldinnencape gesehen?

Das Turbanmädchen

Dieser Artikel ist diesen Monat in der Zeitschrift Sense of home zu lesen.
 
Natürlich war mal wieder das Internet schuld. Die Malerin Melanie Tilkov schickte mir eine Freundschaftsanfrage auf Facebook. Ich glaube, sie hat sich uns für Was machen die da angeboten, aber wir konnten nicht kurz mal eben ins Rheinland fahren, um sie zu interviewen. Ich klickte mich aber durch ihre Bilder und sah, was sie malt: Frauenfiguren vor allem. Und Mädchen. Einige mit Turban auf dem Kopf. Oder eher: Immer wieder dasselbe Mädchen mit Turban. In klaren Farben, viel blau und weiß, meist ein roter Turban. Ich war sofort schockverliebt, vor allem in ein bestimmtes Turbanmädchen.
Wochen- und monatelang klickte ich immer wieder das eine Bild an. Es kamen auch dauernd neue dazu, Melanie Tilkov ist unglaublich produktiv. Ich verstehe nichts von Kunst, aber diese Turbanmädchen erwischten mich immer wieder – ich machte Facebook auf, sah ein neues Turbanmädchen und dachte: wow. Das ist ein Mädchen, das etwas mit sich herumträgt. Das etwas weiß. Das etwas zu sagen hat, es aber nicht tut, weil es ein irgendwie zurückhaltendes, melancholisches Kind ist. Man lernt es nach und nach ein bisschen kennen, gleichzeitig bleibt es geheimnisvoll. Das Mädchen auf den Bildern wurde älter. Wurde eine junge Frau. Zwischendurch nahm es auch mal den Turban ab. Ich entdeckte immer wieder neue Bilder, und außerdem kam ich immer wieder auf das erste Lieblingsbild zurück und betrachtete es. Diese Farben. Diese Melancholie.
Irgendwann fasste ich mir ein Herz und fragte Melanie Tilkov nach dem Preis. Und dachte: Ja, kein Wunder, ist ja auch Kunst, die soll ja auch was kosten, das ist schon richtig. Aber halt viel Geld für mich. Ich habe noch nie ernsthaft Geld für Kunst ausgegeben.

Kurz vor Ostern 2015 hatte Melanie Tilkov eine Ausstellung in der Nähe meiner Schwiegereltern. Wir fuhren bei der Galerie vorbei, und ich sah mein Lieblings-Turbanmädchen im Original. Und ein paar andere.
Ich war erwartungsgemäß hingerissen, von den Farben ebenso wie vom Ausdruck, genau so hatte ich es mir vorgestellt. So ganz sicher kann man ja nie sein, wenn man es nur auf dem Bildschirm gesehen hat. Der Turban des Lieblingsmädchens leuchtet in einem satten Rot, das mit dem kühlen Hellblau des Hintergrunds kontrastiert. Das Mädchen sieht nach unten, hat aber gar nichts Trauriges oder Geknicktes, sondern eher eine große Ernsthaftigkeit. Und es trägt seinen Turban mit ganz viel Stolz und Anmut. Ich seufzte, und wir fuhren nach Hause.
Am nächsten Tag schickte ich dem Galeristen eine Mail, in der nicht viel mehr stand als: „Ja, ich will.“ Und noch einen Tag später, am Karfreitag, fuhren wir die anderthalb Stunden wieder hin und holten unser Turbanmädchen ab. Seitdem hängt es über dem Sofa, es hängt dort perfekt, und ich freue mich jeden Tag darüber. Dem Geld habe ich keine Sekunde hinterhergeweint. Ich mag die Vorstellung, dass über anderen Sofas in anderen Wohnzimmern andere Turbanmädchen hängen. Beziehungsweise dasselbe Mädchen auf anderen Bildern, die unmerklich miteinander kommunizieren.

Manchmal fragen mich Leute, ob das Mädchen einen Namen hat. Ich finde die Idee vollkommen abwegig, ihr einen Namen zu geben, sie ist das Turbanmädchen. Ich weiß nicht, wer sie ist. Sie ist großartig.

Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß.

Ach ja, Tagebuchbloggen! Finde ich ja bei anderen immer total interessant, bei mir selbst sterbenslangweilig. Die langweiligste Geschichte ist die von heute.
Dann tut mir also der Fuß ein bisschen weh, der rechte, der operierte. Als wäre mir etwas draufgefallen, als hätte ich da einen blauen Fleck oder sowas, aber es ist nichts draufgefallen. Macht ja auch alles nix, sowas behandle ich normalerweise mit Ignorieren, und der rechte Fuß jault ja eh gelegentlich. Oder um es mit meiner Tante Ingrid zu sagen: Was von allein gekommen ist, wird auch von allein wieder gehen. So schlimm ist es nicht, und ich neige ja nicht so zum Jammern.
Sondern laufe lieber eine Runde, das hilft ja bekanntlich gegen alles. Nur gegen Fußschmerzen dann halt doch nicht, eher im Gegenteil, zum Ende der Runde tut es dann doch wieder mehr weh. Und dann ziemlich. Und das hört auch übers Wochenende nicht auf und wird nicht besser. Der Fuß ist geschwollen. Am Montag Mittag rufe ich bei der Lieblingsärztin („Physikalische und Rehabilitative Medizin“) an; fünf Minuten nach Ende der Telefonsprechzeit. Dienstag beginnt die Telefonsprechzeit erst um 12, und an dem Nachmittag geht nichts mehr. Mittwoch morgen könne ich kommen, „sonst erst wieder ab April“.
Ich verlege also gleich zwei Mittwochmorgentermine und bin heute um halb neun da. Als erste. Komme trotzdem erst um neun dran, das ist nett, denn zufällig kommt auch gerade eine Freundin zu derselben Ärztin, und ich freu mich sehr, sie zu treffen. Wir sind jetzt in dem Alter, in dem man sich zufällig im Wartezimmer trifft, scheint’s.
Die Ärztin sagt das gleiche, was auch schon mein medizinisch nicht sehr bewanderter Kopf und Dr. Google gesagt haben: Verdacht auf Stressfraktur. Ermüdungsbruch. Ich soll ein Röntgenbild machen lassen, und nein, das geht nicht hier. Auch wenn sie in der Fachklinik mit drin ist, aber da dürfen nur Operateure Röntgenbilder machen. Bescheuert, aber so steht’s geschrieben. Ich muss woanders hin. Wenn man auf dem Bild nichts sieht, MRT-Termin ausmachen. Wenn man was sieht, dann zum Chirurgen (wieso kann ich nicht zu ihr zurück? Weil der Chirurg … ich hab’s schon vergessen). Ob sie einen kennt, frage ich. Ja, sagt sie, Dr. S., da sei ich doch auch schon mal gewesen. Ach, und wenn ich schon dabei sei, solle ich auch gleich mal meine Knochendichte messen lassen, von wegen Osteoporose. Und im Übrigen könne das auch ein Gichtanfall sein, ob mit meiner Harnsäure alles in Ordnung sei? – Äh keine Ahnung? – Es sehe auch nicht nach Gicht aus, sagt sie.
Ich fahre also mit der U-Bahn zu Dr. S., wo man mich gleich wieder wegschickt, auf der Überweisung stehe ja „Radiologie“. Aber da steht auch erstmal Röntgen, sage ich, und ich wurde doch hier schon mal geröntgt. Ja, schon, aber sie seien keine Radiologen. Ich müsse also … gut 10 Minuten Fußweg, Spitzenidee mit meinem Fuß.
In der radiologischen Praxis warte ich wieder eine Weile. Und dann ist auf den Bildern nichts zu sehen. Um einen Termin fürs MRT auszumachen, muss ich bitte noch hoch in den vierten Stock. Für die Knochendichtemessung können wir auch hier einen Termin machen, der ist dann allerdings nicht hier, sondern in Altona. HERRGOTTNOCHMAL! Ich habe jetzt einen Termin Anfang Februar zur Knochendichtemessung in Altona. Und am Montag einen zum MRT in der Stadt.
Was ich bis Montag mit meinem inzwischen doch beschissen schmerzenden Fuß machen soll – keine Ahnung. Ich habe der Superärztin gemailt, mal sehen, was sie antwortet. Schmerzmittel, hochlegen, nicht rumlaufen, schätze ich. Ich will aufn Arm.

Hallo, 2019!

Wie du wohl wirst? Das große Ding wird sein, dass im September mein zweiter Roman erscheint. Der ist noch nicht fertig, ich muss erst noch fix eine Jane Gardam zu Ende übersetzen, aber das ist nicht mehr viel. Und dann kommt noch mal richtig intensiv Arbeit am neuen Roman, der soll im März fertigwerden.
Ich habe eine Scheißangst. Dass ich mich mit dem Roman übernommen habe, dass das Thema zu groß für mich ist, dass ich es nicht hinkriege, dass am Ende alle enttäuscht sind und es doof finden. Er ist wirklich etwas komplett Anderes als der Pfau. Allerdings finde ich die Grundidee immer noch super, und ich finde es auch immer noch richtig, etwas ganz anderes zu machen. Wenn ich noch so eine fluffige Komödie nachlege, dann bin ich in der Schublade drin und komme auch nicht mehr raus. Und ich fand schon am Übersetzen immer toll, dass mit jedem neuen Buch was ganz Neues kommt.
Außerdem: Einer dieser ewigen Lebensratschläge ist ja „Do one thing every day that scares you.“ Natürlich habe ich lauter Ängste, aber mir würde wohl nicht jeden Tag etwas Neues einfallen, wovor ich Angst habe. Aber einen eigenen Roman zu veröffentlichen, reicht ja wohl als furchteinflössende Tat für fast ein Jahr, und dann kann man noch ein paar kleinere Dinge hinzufügen. Ich habe heute Nacht nämlich schon damit angefangen und tatsächlich Karaoke gesungen. Ich! In ein Mikro rein! Es hat zum Glück niemand wirklich zugehört, weil die anderen alle mitgegröhlt haben, aber hey: Ich bin die Frau, die ein Jahr in Japan gelebt hat, ohne ein einziges Mal Karaoke zu singen. Weil ich zwar sonst wenig Scheu habe, mich auf alle erdenklichen Weisen zum Affen zu machen, aber Singen, wenn jemand das hört: nein. Ich werde sofort aggro, wenn man mich dazu zu zwingen versucht. Und dann habe ich es einfach trotzdem gemacht, und es ging irgendwie.
Was liegt sonst an? Im Februar fahren wir wieder zu dritt an die Ostsee zum Schreiben, da muss einiges am Roman passieren. Im März ist Buchmesse in Leipzig. Im Mai fahren wir für ein paar Tage nach Wien, kurz drauf ist Übersetzertagung, und im Juni wieder Schreibcamp, lauter Gründe für große Vorfreude. Bis zum Schreibcamp muss mein Roman auch durchs Lektorat sein, und ich kann anfangen, an etwas Neuem herumzudenken. Tatsächlich habe ich schon erste zaghafte Ideen, vielleicht kann ich die dort weiterentwickeln. Und dann ist im Sommer auch schon wieder die nächste Jane Gardam dran, die dann im Frühjahr 2020 erscheinen soll.
Ansonsten ist für die zweite Jahreshälfte noch nichts Großes geplant. Keine Ahnung, was wir in den Sommerferien machen, irgendwas Schönes bestimmt. Und dann kommt im September der neue Roman – sehr aufregend. Ob die BuchhändlerInnen ihn mögen werden? Ich hoffe natürlich, wieder auf Lesereise zu gehen, aber es kann auch sein, dass es deutlich weniger wird als beim Pfau. Dann schreibe ich was Neues, oder ich übersetze; langweilig wird es sicher nicht werden, es kommt ja immer was. Im Oktober ist Buchmesse, und danach ist das Jahr ja sowieso immer im Handumdrehen rum.
Ach ja, ein paar erste Lesungstermine für das neue Jahr gibt es auch schon (Stade, München, Hamburg, Berlin, Frankfurt für den Anfang)!

Habt ein bonfortionöses neues Jahr, ihr alle! Macht Quatsch, habt euch lieb, und seid gut zu denen, die doof sind. Die haben nämlich auch alle ihr Päckchen zu tragen. Bleibt gesund. Redet miteinander. Lacht und feiert! Macht Euch locker. Packt an. Nehmt euch selbst nicht so wichtig, hört zu und fragt nach. Gebt mehr als ihr nehmt. Geht viel spazieren und schlaft viel. Und esst mehr Obst!

„Ich will mich wieder wundern, will erstaunt sein,
Will wie der allererste Mensch
Mit neuen Augen zwischen den Dingen stehen
Und nichts wiedererkennen,
Die Schritte setzen durch Wälder und Wiesen
Und sagen: ja es ist gut – ist gar nicht so schlecht.

Und also öffne ich meine Arme, ich öffne sie so weit ich kann,
Denn jeder Tag ist ein Geschenk, er ist nur scheiße verpackt,
Und man fummelt am Geschenkpapier rum und kriegt es nur mühsam wieder ab.
Doch ja ich weiß jetzt, es gibt Menschen, die diese Welt durchaus rechtfertigen,
Die durch ihr bloßes Dasein andern Menschen leben helfen,
Die lieben und lieben und lieben und lieben und lieben und lieben,
Als wäre es das leichteste der Welt.
Ich will einer von Ihnen sein.“

Dann komm mal rein, 2019. Mach’s dir bequem, nimm dir ’n Keks. Wir rocken das schon, ne?

Tschüss, 2018

Du warst ein Jahr voller wunderbarer Begegnungen und ein Jahr der Selbstzweifel. Wahrscheinlich ist der zweite Roman immer der schwerste, jedenfalls hat man mir das ungefähr eine Million mal gesagt, und das sei erst recht so, wenn der erste erfolgreich war. Jenun: es kommt mir vor, als stimmte das, jedenfalls ist mein zweiter immer noch nicht fertig, ich hadere und zweifle und kämpfe und komme nur furchtbar langsam voran.
Der Pfau hingegen flog einfach immer noch weiter, das Taschenbuch war fast das komplette Jahr immer noch auf der Bestsellerliste. Jetzt gerade wieder auf Platz 35. Ich höre nicht auf zu staunen, jetzt seit drei Jahren durchgehend. Alles vollkommen irre.
Beim Schreiben jedenfalls habe ich festgestellt, was ich auch 2017 schon festgestellt habe: Am Besten geht es, wenn ich wegfahre. Ich war mal wieder eine Weile allein auf Helgoland, außerdem war ich zweimal zu dritt und einmal kurz zu zweit zum Schreiben an der Ostsee, und das waren die produktivsten Zeiten überhaupt. Wenn es rechts und links von mir klappert, klappere ich auch. Und wenn es rechts und links von mir nicht klappert, sondern stöhnt, dann finde ich das sehr beruhigend. Andere sind auch nicht schneller, andere kämpfen und hadern auch. (Und kichern abends, das tut ebenfalls gut.)
Genau so super, aber ganz anders war das „große“ Schreibcamp im Juni, als wir zu neunt für eine Woche diesen irre schön renovierten Gutshof an der Mecklenburgischen Seenplatte gemietet hatten. Das taugte weniger, um tatsächlich zu schreiben, aber wir haben den ganzen Tag übers Schreiben geredet, gegenseitig Texte gelesen und drüber gesprochen, kleine Workshops gehalten, und das war alles ganz und gar großartig, inspirierend, hilfreich, lustig und überhaupt: ein Highlight des Jahres.

Kurz drauf bin ich 50 geworden. FÜNFZIG! Nicht zu fassen. Ein bisschen hat mich das schon erschreckt, jedenfalls deutlich mehr als 30 und 40. Kurz vor dem Geburtstag hat man mir auch noch die Schilddrüse rausgenommen, das ist keine Riesensache im Vergleich zu dem, was andere so haben, aber es trug zu dem Gefühl bei: Jetzt bist du alt, jetzt gehen die Einzelteile kaputt.
Andererseits … als ich mit Anfang 20 in einer WG wohnte, wurden gleichzeitig Alice Schwarzer und Ulrich Wickert 50. Es gab ein großes Gespräch zwischen den beiden der ZEIT (glaube ich) mit der Überschrift „50 klingt so erwachsen“. Das fanden wir in der WG so lustig, dass wir es uns an die Küchenwand gehängt haben. Natürlich ist 50 erwachsen! Fanden wir. Inzwischen verstehe ich sehr gut, was sie meinten. Ich fühle mich auch nicht so erwachsen wie 50 klingt, und ich hoffe sehr, dass das mit 80 noch genauso ist.

Im Sommer waren wir in Apulien, das war wahnsinnig schön. Herrliches Wetter, sehr schöne Unterkunft und lauter wunderhübsche Kleinstädte. Perfekter Urlaub, viel gelesen und herumgestromert, viel Sonne und Wasser bekommen. Überhaupt: Was für ein Sommer! Einfach mal zuverlässig jeden Tag 30°C, genau meine Temperatur, meinetwegen hätte dieser Sommer ewig weitergehen können. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt so viel draußen war, ich habe gar nicht genug bekommen. Der Rest des Jahres ist dann irgendwie so versickert. Im September war Schreiben angesagt, im Oktober Buchmesse und ein paar Lesungen, unter anderem die große Benefizlesung zugunsten von Seawatch in der Katharinenkirche, mit sechs AutorInnen und 900 Gästen. Wo der November hin ist, ist mir vollkommen schleierhaft, und der Dezember, naja, man kennt das. Im Moment übersetze ich mal wieder, aber dann muss mein eigener Roman fertigwerden.

Das Schönste an 2018 waren die Begegnungen. Es gab ein paar neue Freundschaften und ein paar, die sich intensiviert haben. Und die mich alle sehr glücklich machen. Manche Leute purzeln einem einfach so ins Leben und fühlen sich gleich richtig an. Danke – you know who you are.
Ich war insgesamt ziemlich viel unterwegs. Habe viele Leute getroffen, war im Kino, auf Konzerten, im Theater, hatte Gäste, habe gefeiert, gelacht, geküsst, getrunken, gezweifelt, gehadert, gekämpft, Lesungen gemacht, auf Podien gesessen, bin ausgegangen und gereist und hatte sehr viel Leben. Ich fühle mich auf die allerbeste Weise angekommen, im Literaturbetrieb, in Hamburg, im Leben. Danke, Leben. Du rockst.

Kommt alle gut ins neue Jahr!

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