Split, Tag 15

Heute wäre mir fast etwas Komisches passiert. Ich bin rausgegangen, um etwas zu essen, und dachte tatsächlich: irgendwie haste heute gar keine Lust auf ein Eis. Und dann habe ich ganz hervorragende Ćevapčići im Fladenbrot aus der Kantun Paulina gegessen (wir erinnern uns: immer tun, was Alida sagt!), und eine Weile am Meer gesessen und bin noch ein bisschen herumgelaufen, wie jeden Tag, und dann hatte ich, ZACK! plötzlich doch Lust auf ein Eis. Puh, nochmal gutgegangen! Da habe ich gleich nochmal diese geile dunkle Schokolade von neulich genommen.

Ansonsten: kein Foto gemacht, keinen Roman geschrieben, keine einzige Sinfonie. Aber hey, gestern immerhin eine ganz lustige Idee für Projekt drei gehabt. Dummerweise ist Projekt drei gar nicht dran, es steht, nun ja, an dritter Stelle.

Bilanz

Hab keine Romane geschrieben;
keine einzige Sinfonie.
Mein Umsturz ist Stückwerk geblieben;
wie meine Tanztheorie.

Nicht eine Kathedrale!
Kein Dachgeschoß ausgebaut!
Und wenn ich mal male,
wird’s Mist.

Nie im Puff und keine Visionen,
kein Sieg, keine Oper, kein Mord.
Kein Starkult und keine Millionen,
kein Hit, kein Hut, kein Rekord.

Nobelpreis? Nix draus geworden.
Kein Kriegsheld, Konzernherr, null Orden.
Tor des Monats, Befreiungskampf, Geige?
Macht? Schönheit? Genie? – Fehlanzeige.

Nur dieses kleine Gedicht.
Reicht das nicht?

F. W. Bernstein

Split, Tag 14

Wenn man nicht mehr Urlaub macht, sondern zum Arbeiten da ist, dann hat man nicht jeden Tag etwas zu berichten. Außer der Eissorte, versteht sich. Das Wetter ist inzwischen herrlich sommerlich, paarundzwanzig Grad, nicht zu heiß, aber verlässlich warm. Heute habe ich noch mein Jäckchen mit rausgenommen, aber das habe ich dann halt in der Hand spazierengetragen. Zu Hause sitze ich den ganzen Tag auf der Terrasse.

Und so möchte ich heute, statt etwas zu erzählen, nur eine steile Hypothese aufstellen, nämlich: An Tagen, an denen die Möwen besonders aggro sind, sind abends auch die Motorradidioten besonders aggro. Ich werde das beobachten. Eine Woche habe ich noch.

Beim Yoga bin ich übrigens im Team Mady Morrison. Und was mich immer amüsiert, ist, dass anscheinend alle Welt meint, man würde Yoga quasi zwangsläufig morgens machen. Brüller! Morgens sitze ich auf der Terrasse und trinke Kaffee. Und dann ist plötzlich Mittag. Aber alle möglichen Leute fragen mich „machst du immer noch jeden Morgen Yoga?“ Nein, habe ich nie. Aber jeden Tag. Und es ist auch immer wieder schön, wenn Mady gegen 22:00 zum Ende der Einheit sagt: „Nimm das Gefühl mit in den Tag, der dir bevorsteht.“ Nö! Ich nehme es mit ins Bett. Ich Rebellin mache auch schon mal abends Einheiten mit Titeln wie „Rise and Shine“. Dann scheine ich halt im Bett, da kenne ich nix.

Unbeaufsichtigtes Gepäckstück

Zitrone-Basilikum

Split, Tag 12

Heute ist zum ersten Mal so ein richtiger Mittelmeer-Sommertag, wie man sich das vorstellt. Nicht richtig heiß, aber herrlich warm und einfach den ganzen Tag blau. Ich glaube, die Möwen brüten doch nicht auf meinem Dach. Als ich heute Morgen rauskam, waren sie nicht da, ich konnte ganz unbehelligt auf die Terrasse, auch unter dem Dach hervor. Keine Möwe, nirgends. Irgendwann kam eine, setzte sich oben auf die Satellitenschüssel und plapperte ein bisschen vor sich hin, aber kein Geschrei, keine Aggression, nichts. Ich glaube, es geht einfach darum, wer zuerst sein Handtuch hinlegt, und heute war ich das. Wenn sie nach mir kommen, ist es okay, dass ich da bin. Ich werde das weiter beobachten.

„Habe wieder begonnen, morgens nackt ein wenig zu turnen.“ Thomas Mann, Tagebuch, 20. Juli 1934

Ich bin nicht Thomas Mann, ich habe angezogen geturnt und auch nicht wirklich morgens, aber draußen, das macht mir große Freude. Gegenüber ist zwar ein Haus, aber das ist erstens ein bisschen entfernt, zweitens habe ich noch nie eine Bewegung hinter den Fenstern bemerkt, ich glaube nicht, dass irgendjemand mir zuguckt. Und wenn, dann stört es vermutlich keinen großen Geist. Der Terrassenfußboden ist uneben und hart, ich habe mir tatsächlich extra eine Reise-Yogamatte gekauft, die natürlich eher dünn ist, aber es ist trotzdem so schön, es draußen zu machen!
Ansonsten keine besonderen Vorkommnisse. Blöd, wenn man beschlossen und auch noch verkündet hat, täglich zu bloggen, denn dann muss man das ja auch einhalten, auch wenn nichts passiert. Die Ankündigung mit dem täglichen Eis war schlau, weil ich mir sonst zutraue, auch mal die Wohnung gar nicht zu verlassen, und das wäre wirklich bescheuert. Aber so habe ich eine Eisverpflichtung meinen Leser:innen gegenüber und muss einmal am Tag raus, das ist gut für mich. Ich versuche außerdem, mir für jeden Tag ein paar kleine Aufgaben zu geben, das Hauptprojekt, das Nebenprojekt, ein drittes, angefragtes Ding, über das ich nochmal nachdenken muss. Lesen. Turnen (angezogen). Bisschen was recherchieren. Sonst prokrastiniere ich ganze Tage weg, da bin ich schlimm. Hier gibt es einen ganzen Artikel darüber, warum Autor:innen besonders schlimm prokrastinieren, er ist allerdings hinter einer Bezahlschranke, und ich kann ihn nicht lesen. Ich habe noch neun Tage hier, und dann muss ich mit irgendeinem Ergebnis oder zumindest einem nennenswerten Schritt nach Hause kommen. Morgen, morgen wird hier SO RICHTIG was passieren, morgen bin ich fleißig und konzentriert und werde einen kreativen Durchbruch haben, aber sowas von, ischwör!

Joghurt-Waldfrucht.

Split, Tag 11

Blauer Himmel! Nachdem es gestern den ganzen Tag geschüttet hat, ist es heute wieder blau. Ich trete mit meinem ersten Kaffee auf die Terrasse und werde sofort von einer höchst ungehaltenen Möwe attackiert, die auch gleich ihre Kumpels herbeischreit. Ich glaube, sie haben ein Nest auf dem Dach, und sie sind erstens riesig, und zweitens not amused, dass ich jetzt auch hier wohne. Wenn man unter dem Vordach bleibt, sehen sie einen von oben nicht, aber sobald ich unter dem Dach hervortrete, machen sie Alarm und sind wirklich furchteinflößend. Der lustige Mann schreibt, ich soll einen Besen nehmen und ihnen zeigen, was eine Harke ist. (So hat er das in den letzten Tagen gemacht, es hat mal besser, mal schlechter funktioniert.)
Alida schreibt, die Möwenbabys sind so dumm, sie sind auch schon mal in die Wohnung gekommen. Ich habe noch kein Möwenbaby gesehen, und das ist vermutlich auch besser so. Für uns beide.

Ich arbeite an bisschen an meinem Nebenprojekt. Erwähnte ich, dass ich schlimme Angst vor dem leeren Blatt habe? Ich weiß, dass das self-fulfilling ist. Trotzdem prokrastiniere ich erstmal mit dem anderen Projekt, das übrigens ganz lustig wird, und immerhin habe ich etwas Kleines dafür fertigbekommen. Es wird aber noch ein bisschen dauern, bis ich davon erzählen kann.
Ich kurbele die Markise ein Stück raus, sie läuft ziemlich schräg nach unten, das schützt mich hinreichend vor den Killermöwen, und ich kann draußen Yoga machen.


Links liegt immer ein dickes Kreuzfahrtschiff. Jeden Tag ein anderes.

Es zieht sich doch wieder ein bisschen zu. Ich drehe ich meine Runde durch die Stadt; ein paar Schritte gehen, aufs Meer gucken, Eis essen, einkaufen, aufregender wird es auch heute nicht. Was übrigens wirklich bemerkenswert ist: es gibt immer und überall Sitzbänke, in ausreichender Menge auch für größere Touristenmassen. Und Mülleimer. Und Geldautomaten, ich glaube, es gibt ungefähr doppelt so viele Geldautomaten wie Eisdielen, und das will wirklich was heißen. An jeder Ecke eine Eisdiele, alle paar Meter ein Geldautomat. Und eine Sitzbank. Oder viele.
Als ich wieder nach Hause komme, hat das Killerkommando sich einigermaßen abgeregt, ich sitze ein bisschen draußen, koche mir ein Abendessen, und dann ist der Tag auch schon wieder rum.

Dunkle Schokolade. Fast schwarz, der Wahnsinn.

Split, Tag 10

Um kurz nach vier steht der lustige Mann auf und nimmt um fünf den Bus zum Flughafen. Ab jetzt bin ich allein. In den letzten sieben Tagen sind wir im Durchschnitt 17.000 Schritte pro Tag gegangen, das werde ich nicht beibehalten können, und auch nicht wollen, denn ich bin ja zum Arbeiten hier. Passenderweise regnet es, ach was, es schüttet! Und hört gar nicht mehr auf. Es ist grau und kalt, ich sitze in der Wohnung und habe nichts zu berichten. Allerdings habe ich erfahren, dass jemand zu Hause krank ist und sich täglich meine Einträge vorlesen lässt, dass er das liebt und dass ich bitte mehr schreiben soll. Also werde ich schreiben, auch wenn ich nichts zu erzählen habe, ist doch klar. (Grüße gehen raus an alle, die krank sind.)

Irgendwann am Nachmittag lässt der Regen nach, und ich gehe einkaufen. Dann drehe ich schlauerweise mitsamt meinen Einkäufen noch eine Runde durch die Stadt, hole mir das Eis des Tages (Prioritäten!), und dann schüttet es wieder, ich habe zwar einen Schirm dabei, stelle mich aber trotzdem lieber einen Moment unter. Ich stehe am Katzenplatz. Der Katzenplatz heißt mit Sicherheit anders, den Namen habe ich ihm gegeben, weil dort auf einer etwas erhöhten Grünanlage ein paar kleine Katzenhäuschen stehen und die Katzen auch gefüttert werden. Bei dem Wetter sind nicht mal die Katzen da, vielleicht sind sie in ihren Häuschen, ich gucke nicht nach.
Mir ist kalt, die Wohnung liegt aber im fünften Stock, und oben ist einem dann doch wieder warm. Magie!


Foto von einem anderen Tag mit anderem Wetter.

Ich werde sehen, wie es mit dem Bloggen läuft. Ich bin jetzt nicht mehr im Urlaub oder auf Reisen, ich bin nicht mehr hier, um Dinge zu unternehmen und zu erleben, sondern um am Schreibtisch zu sitzen. Was genau ich da tue, weiß ich selbst noch nicht, und das ist mal wieder das Problem: das Anfangen mit einem neuen Roman ist für mich das Schwierigste. Wenn man erstmal Figuren hat und weiß, wohin die Geschichte gehen soll, dann geht es irgendwie, dann sind Zähigkeit und Sitzfleisch gefragt. Aber das Anfangen macht mir wirklich Probleme, ich habe schlimme Angst vor dem leeren Blatt.
Ich fange wieder an zu bloggen, um wieder ins Schreiben zu kommen. Ich habe gute Vorsätze. Yoga. Lesen. Schreiben.

Wolf Haas hatte seine Reihe von Brenner-Krimis mit einem sensationellen Kniff abgeschlossen (wird nicht verraten), mit dem glasklar war, dass wirklich Schluss ist. Aber irgendwann kam doch noch ein Band, und dann noch einer … Ich war ein bisschen ungehalten, ich fand, wenn man eine Sache beendet hat, dann soll man dazu stehen, Erfolg hin oder her. Aber dann! Dann las ich ein Interview, in dem er gefragt wurde, warum er denn nach diesem Ende doch noch einen weiteren Band geschrieben hat. Und Wolf Haas sagte, ACHTUNG: „Weil mir noch einer eingefallen ist.“ Sen-sa-tio-nell! Als würde einem kurz mal eben, quasi aus Versehen, ein Roman einfallen! Da war ich dann doch wieder versöhnt.

Zitrone. Von Hajduk, wo man eigentlich eine Schokoglasur angeboten bekommt, aber der ansonsten sehr freundliche Herr hat nicht gefragt. Pffft!

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