Anderswo – Das Feuilleton

- ReLü, die Rezensionszeitschrift für Übersetzungen, hat mit der wirklich wundervollen Bärbel Flad gesprochen, die jahrzehntelang Lektorin bei KiWi war und die tollsten Autoren und Übersetzerinnen betreut hat. Und das teilweise immer noch tut. Außerdem gibt sie großartige Übersetzerseminare.

- Der Montaigne-Übersetzer Hans Stilett ist gestorben. Hier ein Nachruf in der Welt.

- Auch Assia Djebar ist gestorben. Lange her, dass ich etwas von ihr gelesen habe.

- Der kleine Prinz ist gemeinfrei geworden, und prompt gibt es eine Flut von Neuübersetzungen. Felicitas von Lovenberg schreibt in der FAZ darüber. Ich weiß nicht, was ich mit einem so ikonischen Satz wie „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“ machen würde. Zumal dann, wenn er so wunderbar übersetzt ist. Es ist ja schlechterdings unmöglich, ihn unbefangen und unvoreingenommen einfach so zu übersetzen, wie es sich im eigenen Textfluss gerade ergibt.

- Lektorin Katharina Raabe spricht über die Ménage à trois zwischen Autor, Lektor und Übersetzer, über verschiedene Möglichkeiten, wie es laufen kann, und kommt zu einigen Erkenntnissen.

- Die Buchbranche sucht einen Bestseller-Nachfolger für „Darm mit Charme“. So ähnlich muss diese Suche ablaufen, bestimmt.

- WELTNEUIGKEIT: Man kann auch Bücher wegwerfen. Doch, ehrlich.

- Und wenn ich demnächst mal schlechte Laune habe, lasse ich sie mir von Karen Köhler und Nina Lauterbach in wenigen Sekunden wegzaubern.

Das ist der Trailer – das ganze Interview ist genauso zauberhaft.

Neuerscheinung: Jonathan Evison, „Umweg nach Hause“

9783462046595Inzwischen habe ich knapp 50 Bücher übersetzt, und ich gestehe: ich habe durchaus nicht alle meine Kinder gleich lieb. Ich würde auch keine Top-Three vergeben wollen, aber dieses hier nimmt eindeutig einen der Spitzenplätze ein. Was für ein Buch! Wahnsinnig tragisch und genauso komisch, derb und berührend, man lacht und man schluckt. Und bevor ich jetzt vollends unsachlich werde, lasse ich lieber Jonathan Evison selbst etwas über die Hintergründe zu diesem Roman berichten (von mir übersetzt, gebloggt mit freundlicher Genehmigung von KiWi).

Liebe Leute, kauft dieses Buch, lest es, verschenkt es, verleiht es, bringt es unters Volk.
Übrigens wird es auch gerade prominent verfilmt. Ich hoffe, es wird ein großer Erfolg; nicht, weil ich dann reich würde, sondern weil es so toll ist.


Jonathan Evison: Lücken schließen

An dem Wochenende, als meine Schwester sechzehn wurde, fuhr sie mit ein paar Freunden nach Lucerne Valley in der Mojavewüste. In den zwei Wochen davor war diese Fahrt bei uns zu Hause Tischgespräch gewesen. Mein Vater war der Meinung, sie sei doch ein vernünftiges Kind, habe gute Noten, füttere ihre Haustiere zuverlässig und sei immer pünktlich zu Hause, also könne man ihr die Reise wohl erlauben. Meine Mutter hielt das für keine gute Idee. Sie traute den anderen Jugendlichen nicht. Sie waren eine wilde Meute.
Meine Schwester machte die Reise. Sie kehrte nicht zurück. Sie kam bei einem grauenvollen Autounfall ums Leben, als sie gerade sechzehn wurde. Der Unfall, dessen genauer Hergang nie zufriedenstellend geklärt wurde, zerriss unsere Familie. Meine Eltern ließen sich nach fünfundzwanzig Jahren Ehe scheiden. Ich verlor meine wichtigste Bezugsperson. Mein ältester Bruder hat zwei Jahre lang fürchterlich gelitten, und es hat ihn grundlegend verändert. Meine Familie spürt den Schock bis heute. Ich habe immer noch eine schwesterförmige Lücke im Herzen. Nach ein paar Bier lamentiert mein Bruder heute noch darüber, dass er ihr noch sieben Dollar schuldete, als der Unfall passierte. Die sieben Dollar waren ein Streitpunkt gewesen, der irgendwie mit dem Verkauf eines Zehn-Gang-Rads zusammenhing. Sie stritten sich heftig über das Geld, bis zu dem Tag, an dem sie losfuhr. Mein Bruder ist jetzt siebenundfünfzig und versucht immer noch, seine Schuld zu begleichen.
Es gibt Lücken in unserem Leben, die nicht geschlossen werden können – nicht vollständig, niemals. Aber wir haben keine andere Wahl, als es zu versuchen. Wir müssen weitermachen, im Angesicht schrecklicher Verluste, vernichtender Schuldgefühle und überwältigender Hoffnungslosigkeit. Aufgeben wäre der Tod. Mit dieser Einstellung lebe ich, seit ich fünf Jahre alt bin.
Ben Benjamin ist eine Figur, die wirklich alles verloren hat – seine Frau, seine Familie, sein Zuhause, seinen Lebensunterhalt. Gebrochen, pleite, vernichtet und ohne jede Hoffnung, nur noch ein Schatten seiner selbst. Fast zehn Jahre lang war er Hausmann und Vater, die Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt sind an ihm vorbeigegangen. Ben hat nicht viele Möglichkeiten und besucht einen Abendkurs über 28 Stunden mit dem Titel „Grundlagen der häuslichen Pflege“. Im überheizten Keller der Abundant Life Foursquare Church lernt er, wie man Katheter einführt, ohne sich strafbar zu machen. Er lernt, wie man sich professionell verhält, Grenzen zieht und einhält und wie man physischen und psychischen Abstand zum Patienten wahrt. Er lernt, dass häusliche Pflege auch nur ein Job ist.
Aber als er die Pflege des tyrannischen neunzehnjährigen Trev übernimmt, der unter einer fortgeschrittenen Muskeldystrophie vom Typ Duchenne leidet, stellt er fest, dass die zahllosen Eselsbrücken und Checklisten aus dem Kurs ihn nicht wirklich darauf vorbereitet haben, sich um einen sturen, verängstigten, sexuell frustrierten Heranwachsenden zu kümmern, der mit der gesamten Welt hadert.
Als ich anfing, diesen Roman zu schreiben, habe ich mir keine Roadstory vorgestellt. Ich wollte nie eine Roadstory schreiben – ich habe mich sogar gegen die Idee gesträubt. Aber die Figuren haben mich auf die Straße geschickt. Sie ließen mir keine Wahl, sie haben mich strampelnd und schreiend auf die Straße gezerrt. Es kam mir vor, als würden Ben und Trev ewig in Bens Van herumfahren, aber nie irgendwo ankommen. Sie steckten beide fest. Der Van musste sie irgendwo hinbringen. Und mich auch, nehme ich an. Denn das hat der Roman getan. Umweg nach Hause ist eine Geschichte des vollständigen Zusammenbruchs und schließlich der Wiederherstellung. Die desaströse Reise wird am Ende durch fünf Bundesstaaten geführt haben und eine Geburt, zwei Festnahmen, einen Moment des Kannibalismus, einen Sandsturm, einen Hagelsturm, mehrere Shitstorms und ein sechshundert Meilen währendes Katz-und-Maus-Spiel mit einem mysteriösen Skylark beinhalten.
Gepäck wird mitgenommen.
Herzen werden gewonnen und verloren.
Fehler werden verziehen.
Zukünfte werden begonnen.
Dieses Buch war eine emotionale Katharsis für seinen Autor. Ich habe es geschrieben, weil ich musste. Weil meine Schwester sich vor neununddreißig Jahren auf die Reise gemacht hat und nicht zurückgekommen ist. Und weil meine Familie immer noch nicht geheilt ist. Der Roman handelt von der Notwendigkeit, sich in diesen Van zu setzen, weil man keine andere Wahl hat, als sich einen Ruck zu geben und weiterzufahren, trotz aller grauenhaften Überraschungen immer weiterzufahren. Es geht um die Menschen und die Dinge, die man auf dem Weg zurück ins Menschsein einsammelt. Und am Ende ist Umweg nach Hause für mich der Van, in dem ich meine Schwester endlich nach Hause bringe.

***

Jonathan Evison: Umweg nach Hause. Kiepenheuer und Witsch, 384 Seiten, 19,99 €
Auch als E-Book, 17,99 € (Affiliate-Links zur Buchhandlung Osiander)

Was machen die da? Tobias und Jens tanzen

Man lernt ja nie aus. Das ist überhaupt das Tolle an „Was machen die da“, dass man immer etwas Neues lernt, in dem Fall das Wort „Equality Dancing“. So nennt man es, wenn im traditionellen Paartanz gleichgeschlechtliche Paare miteinander tanzen. Was heutzutage eigentlich ganz normal sein könnte, aber im Tanzsport immer noch nicht ist. Tobias und Jens haben uns davon erzählt. Klick!

DSC_0015-1200x798

Wer genau guckt, wird unter dem Eintrag einen Spendenbutton finden. Bislang war dort ein Flattrbutton, der sah auch nicht besser aus, hat aber auch nicht besonders gut funktioniert. Mal sehen, ob der Spendenbutton besser geht. Haut rein!