Flashback

Ich sitze auf dem Balkon und arbeite und werde von Mücken zerstochen. Irgendwo müssen doch noch … es gibt wahrscheinlich nur ein einziges Wort, das ich nur auf Japanisch kenne, aber nicht auf Deutsch oder Englisch. Irgendwo müssten doch noch Katorisenkô sein, nicht mehr aus Japan, sondern von Korfu vor ein paar Jahren. Ich suche sie, und tatsächlich ist da eine ganze Packung, auf Englisch heißen sie also mosquito coil, und jetzt sitze ich mit Katorisenkô auf dem Balkon und es riecht total intensiv nach Japan. Das passt ein bisschen, weil ich in der Übersetzung gerade in Hongkong bin, ich war noch nie in Hongkong, aber vielleicht riecht es da auch nach Katorisenkô.
Jetzt hätte ich vielleicht gern ein paar Sushi oder eine schöne Nudelsuppe, dazu würde man das Ding-ding-ding des nahegelegenen Bahnübergangs und die Zikaden hören.

Daniel Schreiber: Nüchtern

HB Schreiber_978-3-46-24650-8_MR.inddWow. Was für ein Buch. Ein Buch über Alkoholismus. Ich habe es gelesen, weil Daniel Schreiber ein Vorwort zu meiner demnächst erscheinenden Übersetzung geschrieben hat, und ich war so begeistert von diesem Vorwort, dass ich ihm erstens schnurstracks meine Facebookfreundschaft angetragen habe und meine Lektorin mir zweitens sagte, sie könne mir auch sein Buch schicken, das sei nämlich ebenfalls großartig.
So. Und damit habe ich mich jetzt quasi gerechtfertigt, warum ich ein Buch über Alkoholismus lese, denn ich will natürlich nicht, dass ihr denkt, ich hätte etwa ein Alkoholproblem. Ihr sollt nicht denken, dass ich zu viel trinke, und ihr sollt auch nicht denken, dass ich gar nicht trinke, denn trinken, das tut man doch, und zwar gerne, aber vernünftig und in Maßen, nicht wahr. Aber man trinkt, natürlich trinkt man, man genießt das ja, ein schönes Glas Wein zum Essen, Sekt zum Feiern, Bier zum Grillen und so weiter. Man gönnt sich was. Und wer nicht trinkt, ist entweder ein genussfeindlicher Spießer und verklemmter Spielverderber, oder, was vermutlich noch schlimmer ist: trockener Alkoholiker. Beides irgendwie verdächtig.
Das ist ein ziemliches Dilemma: dass die Gesellschaft – und jeder von sich selbst – erwartet, dass man trinkt, aber bitte nur so viel, wie es „Spaß“ macht und irgendwie vertretbar ist. Zum „Problem“ soll es bitteschön nicht werden. Nur: Je mehr man trinkt, desto mehr lernt das Gehirn das Trinken und wird krank. Dieses Paradoxon arbeitet Daniel Schreiber in seinem Buch sehr viel eloquenter heraus als ich das hier kurz nacherzählen kann. Ebenso wie die damit zusammenhängende Tatsache, dass es sich beim Alkoholismus um eine Krankheit handelt, nicht um eine blöde Angewohnheit.

Von einer Gesellschaft, die sich kollektiv den Genuss eines Rauschmittels erlaubt, würde man eigentlich erwarten, dass sie nicht auf die Menschen herabschaut, die ein Problem mit dem Konsum dieser Droge haben und davon krank werden. Vielleicht kommen wir als Gesellschaft, wie bei unserem Verständnis von Krebs und Tuberkulose, irgendwann einmal tatsächlich an diesen Punkt. Doch zurzeit ist Alkoholismus bei uns immer noch eine der Krankheiten, für die man sich schämen muss. Was tragisch ist. Denn möchte man die Chance haben, diese Krankheit zu überleben, muss man als Erstes aufhören, sich dafür zu schämen, dass man sie hat. (S. 77)

Schreiber legt die Soziologie und die Neurologie des Trinkens dar, und und das tut er anhand seiner eigenen Trinkergeschichte. Diese eigene Geschichte ist aber nie Selbstzweck, sondern ausschließlich Mittel zum Zweck – Schreiber schont sich dabei nicht, macht sich aber auch nicht unnötig nackig, er bleibt immer sachlich. Was dem Buch natürlich ausgesprochen guttut. Gleichzeitig schafft er es, über Scham zu schreiben, ohne dass man sich fremdschämen muss; auch das geht nämlich durchaus sachlich. Überhaupt ist das alles sehr, sehr klug, hervorragend recherchiert, mutig, klar und glänzend geschrieben. Wirklich beeindruckend.
Als ich fertig war mit Lesen, fragte der lustige Mann: Und? Er sagt bestimmt, wir sind auch schon Alkoholiker, hm? Nein, tut er nicht. Schreiber sagt überhaupt nicht, was man ist oder nicht ist, was man tun oder lassen soll, wieviel man trinken „darf“ oder was „normal“ ist, oder wo womöglich irgendeine Grenze verläuft. Er stellt die Folgen des Trinkens dar, die irreversiblen Auswirkungen von Alkohol auf das Gehirn, die Entwicklung, die sich daraus unvermeidlich ergibt, ebenso wie diejenige, die sich schlimmstenfalls ergeben kann. Daran koppelt er aber weder Urteile noch Ratschläge. Das ist nämlich ein sehr, sehr kluges Buch, sagte ich das? Lest es ruhig. Freundlicherweise hat es auch nur 150 Seiten, das geht prima an zwei Abenden. Und hinterher ist man garantiert klüger.

Daniel Schreiber: Nüchtern. 150 Seiten. Hanser Berlin, 16,90 €
Auch als E-Book, 12,99 €

Was ich so mache

Bloggen jedenfalls nicht, wie Ihr möglicherweise gemerkt habt. Manchmal frage ich mich selbst, was ich eigentlich mache, ich habe zum Beispiel in diesem Frühjahr gar kein Buch übersetzt, was mache ich eigentlich den ganzen Tag?

Mal kurz nachgezählt: Ich bin dieses Jahr schon 15 Mal verreist. Davon einmal für ein Interview nach Mannheim, mit Maximilian zusammen, morgens hin, Interview, nachmittags zurück. Alle anderen Reisen bedeuteten eine bis sieben Übernachtungen irgendwo, fast alle waren beruflich. Seminare, Workshops, Vorträge, Recherchen, Lektorat, und auch mal privat zu Eltern oder Schwiegereltern. Gerade war ich wieder in Klagenfurt, das war wieder super, mal sehen, ob ich noch darüber schreibe. Außerdem hatten wir zusammengerechnet mehr als zwei Wochen Besuch hier bei uns.

Wir haben neben unseren üblichen Wasmachendieda-Interviews noch sechs Folgen an Nido verkauft, da waren wir ein paarmal da, haben alles besprochen, die ersten Interviews sind geführt und befinden sich in unterschiedlichen Stadien der Papierwerdung, weitere sind angeleiert oder geplant. Das wird alles total super, ich freue mich sehr.

Dann gebe ich zusammen mit Anne von Canal eine Anthologie heraus, die im nächsten Frühjahr erscheint (keine Ahnung, wie viel ich schon verraten darf, Ihr werdet es natürlich rechtzeitig erfahren), mit lauter Originalbeiträgen, also mit Geschichten, die eigens dafür geschrieben werden. Was bedeutet: Sack Flöhe. Ein Autor sagt erst zu, dann doch wieder ab. Eine sagt ab, und als wir alle beisammen haben, fragt sie, ob sie doch noch mitmachen kann. Einer schickt den Vertrag seinem Agenten, der dann Sonderkonditionen haben möchte. Eine gibt und gibt nicht ab, ich schicke alle zwei Tage freundliche Auf-die-Füße-tret-Mails. Einer gibt eine halbe Seite ab, was nicht ganz das war, was wir uns unter „nicht mehr als 15 Seiten“ vorgestellt hatten, aber wenn Ihr später seht, wer das war, wisst Ihr auch, dass es trotzdem in Ordnung ist. Und so weiter. Dann will das alles lektoriert und mit den Autoren besprochen werden, und dann muss ich auch selbst noch eine Geschichte schreiben. Oh. Ähm. Nun ja. Bisher jedenfalls haben wir nur tolle Geschichten, das wird ein wirklich schönes Buch.

Und schließlich das Größte: Ich bin mitten im Pfau-Lektorat, beziehungsweise kurz vor fertig. Alles wird noch mal gründlich überarbeitet. Am 13. August muss er endgültig abgegeben werden, dann geht er in Satz. Das ist eine tolle Arbeitsphase, mein Lektor hat mir Anmerkungen reingeschrieben, wo er meint, dass ich eine Szene noch auserzählen könnte, wo noch etwas unklar ist, wo mehr Pfeffer dran muss, das ist total hilfreich und super. Gleichzeitig habe ich natürlich das Gefühl, dass es nicht reicht, dass das alles nicht gut genug ist.
Die wundervolle Smilla Dankert hat sensationelle Autorenfotos von mir gemacht, wir denken über ein Bild für die Umschlagklappe und eins für die Vorschau nach, es wird plötzlich alles sehr konkret und greifbar. Und: Wir haben einen unfassbar schönen Coverentwurf, da kommt jetzt die Feinarbeit, und ich bin sehr glücklich und sehr aufgeregt. Es ist noch so entsetzlich lange hin, bis es endlich erscheint! Februar! Sieben Monate! Mannmann, kann mal jemand vorspulen, bitte?

PfauIsa

Nee, halt, doch nicht. Bis dahin muss ich ja auch noch zwei Bücher übersetzen. Ob ich bekloppt bin? Ach, naja.

„Was machen die da“ bei Nido

So, jetzt ist es offiziell: In den nächsten Nido-Heften wird jeweils ein „Was machen die da“ erscheinen. Wir führen Interviews mit Leuten, die Kultur für Kinder machen. Das erste Heft ist heute erschienen, darin ein Interview mit Martin Paas, den ihr alle kennt. Doch, ehrlich. Hier mehr dazu. Jippie, ich freu mich!

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NACHTRAG: Die ausführliche Version des Interviews ist jetzt hier online nachzulesen.