Wasserstandsmeldung

Ach, was soll ich sagen. Dass 2020 nicht das beste Jahr aller Zeiten ist, wisst ihr selbst. Mich hat Corona erstmal gelähmt. Eigentlich hätte ich im Frühjahr noch eine ganze Reihe Lesungen gehabt, zwischendurch wollte ich ein paar Tage zum Schreiben nach Helgoland. Ich wollte natürlich auf die Leipziger Buchmesse und zur Übersetzertagung nach Wolfenbüttel … stattdessen saß ich auf dem Sofa und nichts ging. Ich habe endlich das Pfauenpuzzle gepuzzelt, das ich damals nur angefangen, aber nie fertig bekommen hatte. War irre langweilig. Schreiben ging aber nicht.
Dann sind zum Glück 130 Seiten Übersetzung vom Himmel gefallen, die mich an den Schreibtisch zurückgeholt haben. Das war perfekt – einen ganzen Roman hätte ich nicht mehr eingeschoben, aber diese 130 Seiten waren genau die richtige Menge, um mich durch den Rest des Lockdowns zu bringen, ohne bekloppt zu werden. Als ich damit fertig war, entspannte sich alles, ich konnte für ein paar Tage auf die Insel, und es wurde Sommer.
Der lustige Mann hätte ab den Sommerferien eigentlich ein Sabbatical gehabt (das er glücklicherweise um ein Jahr verschieben konnte). Er wollte 10 Monate auf Weltreise gehen, ich wäre teilweise mitgefahren, den kompletten Juli wollten wir in Kanada verbringen. Jenun. Stattdessen waren wir ein paar Tage bei einer Freundin an der Mosel und ein paar Tage in Berlin, das war beides sehr schön, und haben ansonsten ein bisschen Ferienprogramm zu Hause gemacht. Ende August war ich wieder im Schreibcamp, das war wieder das Highlight des Jahres. Viel gelernt, viel gelacht, viel gebadet, großartig gegessen, alles herrlich.

Im September sind zwei Bücher erschienen: Eine neue alte Jane Gardam, „Robinsons Tochter“, was wieder absolut großartig ist. Gardam selbst sagt: „In Robinsons Tochter steht alles, was ich zu sagen habe“. Es erzählt die lange Lebensgeschichte von Polly Flint, die 1904 im Alter von sechs Jahren als Waisenkind zu ihren frommen Tanten in ein großes gelbes Haus am Meer irgendwo in Nordost-England kommt und ihr ganzes Leben dort verbringen wird. Sie erlebt dort eine kühle Kindheit, zwei Weltkriege, Liebe, Einsamkeit, Freundschaft, Absturz, Verlassenwerden und Glück. Und liest auf ihrer eigenen einsamen Insel immer wieder Robinson Crusoe.
 
 
Und dann Britt Bennetts „Die verschwindende Hälfte“, das ich zusammen mit Robin Detje übersetzt habe. Auch ein absolut großartiger Roman über zwei schwarze Zwillingsschwestern in den Südstaaten der USA und ihre extrem unterschiedlichen Lebenswege. Es geht vor allem um Identität und die Frage, in wieweit man die eigene Identität selbst definieren und neu erfinden kann; welche Brücken man dafür abreißen muss und ob es ein Zurück gibt. Und um Rassismus. Beides dringende Leseempfehlungen!

Der Sommer war eigentlich wieder ganz entspannt, die Infektionszahlen wirkten unter Kontrolle, man konnte alles draußen machen, ich habe meine Freunde wieder umarmt. Die Lesungen aus dem Frühjahr wurden teilweise abgesagt, teilweise in den November verschoben; teilweise sind sie jetzt schon wieder abgesagt, teilweise noch nicht, aber ich rechne nicht mehr wirklich damit, dieses Jahr noch größere Lesereisen zu machen. Es wird Winter, die Inzidenz explodiert, ich fahre nicht mehr ins Büro, weil das zweimal täglich zwanzig Minuten S-Bahn bedeutet, sondern sitze wieder zu Hause und locke mich down.
Und sage mir die ganze Zeit: Mir geht es gut. Ich habe keine Existenzsorgen, ich bin zu zweit, wir haben eine schöne Wohnung, wir sind gesund, wir haben alles, sogar Klopapier. Aber ich habe auch Sehnsucht nach Menschen, sowieso immer, und jetzt besonders. Ich möchte mich in volle Kneipen drängen, ich möchte mein Wohnzimmer voll Menschen laden, ich möchte ins Kino und ins Theater, ich habe Sehnsucht nach Aerosolen, Umarmungen und Nähe. Ich gehe nicht ins Büro, ich bin nicht zu einer Freundin aufs Land gereist, um eine Woche zu schreiben, aber ich habe beschlossen, weiterhin gelegentlich Freund:innen zu treffen, denn ohne das geht es auch nicht. Ach ja, irgendwann zwischendurch habe ich übrigens dem NDR erzählt, wie ich mir die Zeit nach Corona vorstelle.
Also dann: auf in den Winter. Ich ahne, dass er nicht so schön wird. Aber ich muss ein Buch schreiben – keinen Roman, sondern ein kleines Zwischenprojekt, das erzähle ich dann beizeiten. Inzwischen ist der Druck auch hoch genug, dass ich mich vom Drecksvirus nicht wieder so lähmen lassen kann, sondern jetzt endlich verdammt noch mal aus den Puschen kommen muss. So gesehen ist eigentlich alles beim Alten. Und ihr so?

6 Kommentare

  1. elke schmitter Samstag, 24. Oktober 2020 um 00:26 Uhr [Link]

    Ja, das ist schön und anmutig zu lesen und trifft es, das soziale Wetter, das uns alle beutelt und drückt und zugleich einen Dankbarkeitssinn stimuliert, von dem man vorher nicht so genau wusste, wo der denn sitzt. Jetzt weiß man´s: „Ich habe keine Existenzsorgen, ich bin zu zweit, wir haben eine schöne Wohnung, wir sind gesund, wir haben alles, sogar Klopapier. Aber“ trotzdem. Das Trotzdem gibt´s eben eben. So gesehen, wie Du so schön schreibst, ist eigentlich alles beim Alten. Aber eben schöner, wenn man´s zur Sprache bringen kann wie Du.

  2. Bea Schmitt Samstag, 24. Oktober 2020 um 10:55 Uhr [Link]

    Gut getroffen. So kenn ich dich! Ich umarme dich aus der Ferne und nächstes Jahr endlich in echt! glg, b

  3. Sammelmappe Samstag, 24. Oktober 2020 um 19:18 Uhr [Link]

    Ich versuche Ruhe zu bewahren und fühle täglich die Panik in mir hochsteigen. Am meisten belastet mich, dass ich meinen schwerkranken Lieben in schwierigen Zeiten nicht beistehen kann.
    Oder besser gesagt: dass ich ihnen nur aus der Ferne und körperlos beistehen kann.

  4. Isabel Bogdan Samstag, 24. Oktober 2020 um 21:34 Uhr [Link]

    Ja, Ruhe bewahren versuchen wir vermutlich alle. (Wir haben hier sämtliche Eltern und Schwiegereltern über achztig, teilweise ein bisschen betreuungsbedürftig. Das überlegt man sich schon, wie oft man sie besucht und in welcher Form. Es ist einfach eine Kackzeit.) Alles Gute für dich und deine Lieben!

  5. lihabiboun Freitag, 30. Oktober 2020 um 15:23 Uhr [Link]

    Ach verehrte Frau Isabel, welche Freude, Sie wieder zu lesen! Ich schicke Ihnen ein paar leuchtendrote Herbstblätter hier von der Isar und ein fettes Kilo Aufmunterung, extra bio und REINE NATUR. Nämlich.

  6. LiFe Dienstag, 10. November 2020 um 16:01 Uhr [Link]

    Ihr so? Very sad & bad, wenn man mich so fragt. Da viele Künstler, Schauspieler und Entertainer Auftritte und Engagements gestrichen bekommen haben, wegen C. erübrigt sich mein Buchprojekt vom „Tellerwäscher zum….“ mit dem ich glaubte andere Projekte lancieren zu können bei einem Verlag landen zu können. Es drängeln sich viele Bücher zu schreiben und wer Bekanntheitsgrad genießt, der hat bessere Aussichten bei einem Verlag zu landen. Life is not a picnic.

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