Amos Oz

Einmal habe ich ihn am Geräteschuppen aufgehalten. Habe gefragt, was er liest.
Boas zuckte die Achseln und antwortete widerstrebend, „’n Buch. Warum?“
Ich wollte wissen, welches Buch.
„Sprachbuch.“
Das heißt?
„Grammatik für Mund und Ohr. Dass mit der Rechtschreibung und all dem mal Schluss ist.“
Kann man ein „Sprachbuch“ lesen, als sei es Unterhaltungslektüre zum Zeitvertreib?
„Worte und das“, er schenkt mir sein bedächtiges Lächeln, „das ist wie Menschen kennen. Woher sie stammen. Wer mit wem verwandt ist. Wie jeder sich in allen möglichen Situationen verhält. Und außerdem“ (er zögert, schickt die rechte Hand auf eine lange Reise um seinen riesigen Schädel, um sich damit die linke Schläfe zu kratzen, eine unlogische und doch fast königliche Geste), „und außerdem gibt’s das gar nicht: Zeit vertreiben. Die Zeit vergeht überhaupt nicht.“
Vergeht nicht? Was soll das heißen?
„Was weiß ich? Vielleicht isses umgekehrt. Dass wir in der Zeit weitergehen. Was weiß ich? Oder dass die Zeit die Menschen verbringt.“

Amos Oz: Black Box. Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama.

Jetzt ist auch noch Amos Oz gestorben, mit nur 79 Jahren. Ich hatte doch eigentlich gefunden, es sei mal wieder genug gestorben worden. Möge ihm die Erde leicht sein.

Vom Laufen

Beim Laufen im Park wurde mir soeben mitgeteilt, ich zitiere im Wortlaut:

„Dein Hintern ist Pudding!“

Ich bin schockiert. Ehrlich. Wie verroht muss man sein, um jegliche Achtung vor dem Gebrauch kontextadäquaten Vokabulars fahren zu lassen? Ich meine, wer wildfremden Leuten im Park gänzlich ungeniert mitteilt, dass er Teile ihres Körpers für eine süße Nachspeise hält, der benutzt doch bitte nicht so einen verschämten, um nicht zu sagen: verklemmten Ausdruck wie Hintern. Da kann man doch verfickt noch mal bitte Arsch sagen, wie sich das gehört! Wo kommen wir denn sonst hin – als nächstes wird man noch gesiezt oder was? „Verzeihung, gnädige Frau, Ihr Allerwertester ist Crème Brûlée“? Nee, nee, nee, da wollen wir doch mal bitte schön die Contenance bewahren.

F. W. Bernstein

Bilanz

Hab keine Romane geschrieben;
keine einzige Sinfonie.
Mein Umsturz ist Stückwerk geblieben;
wie meine Tanztheorie.

Nicht eine Kathedrale!
Kein Dachgeschoß ausgebaut!
Und wenn ich mal male,
wird’s Mist.

Nie im Puff und keine Visionen,
kein Sieg, keine Oper, kein Mord.
Kein Starkult und keine Millionen,
kein Hit, kein Hut, kein Rekord.

Nobelpreis? Nix draus geworden.
Kein Kriegsheld, Konzernherr, null Orden.
Tor des Monats, Befreiungskampf, Geige?
Macht? Schönheit? Genie? – Fehlanzeige.

Nur dieses kleine Gedicht.
Reicht das nicht?

(F. W. Bernstein: „Die Gedichte. Das heißt in diesem Falle alle.“ Verlag Antje Kunstmann.)

Nein, das reicht nicht. Wir hätten noch mehr davon gewollt. Ja, NOCH mehr.
Ach Mann. Ist mal genug gestorben jetzt, ja? Danke. Bitte hört damit auf.

Wilhelm Genazino

Ich setze mich auf eine Holzbank und schaue auf das Gestrüpp neben der Bank. Es gefällt mir sehr gut, weil es nichts als sein eigenes Ausharren ausdrückt. Ich möchte so sein wie dieses Gestrüpp. Es ist täglich da, es leistet Widerstand, indem es nicht verschwindet, es klagt nicht, es spricht nicht, es braucht nichts, es ist praktisch unüberwindbar. Ich empfinde Lust, meine Jacke auszuziehen und sie in hohem Bogen in das Gestrüpp zu werfen. Auf diese Weise hätte ich vielleicht Anteil an der Beharrungskraft des Gestrüpps. Schon das Wort Gestrüpp beeindruckt mich. Es ist vielleicht das Wort für die Gesamtmerkwürdigkeit allen Lebens, nach dem ich schon so lange suche. Das Gestrüpp drückt meinen Schmerz aus, ohne mich anzustrengen. (Ein Regenschirm für diesen Tag, S. 93/94)

Wilhelm Genazino ist gestorben. Sehr traurig. Er war erst 75 Jahre alt. Gerade habe ich das Wort „Gestrüpp“ in meine Übersetzung geschrieben.

(Hier ist ein schöner Nachruf von Jo Lendle.)

Loslassen

Einer hat sich von seiner Liebsten getrennt. Nicht, weil da keine Liebe mehr wäre oder zu wenig, oder weil es zwischen ihnen nicht mehr funktionieren würde, sondern weil er katholischer Priester ist und es nicht mehr aushält. Wenn er die Kirche aufgäbe, verlöre er seine kompletten Rentenansprüche, und er ist nicht in dem Alter, in dem man noch neue aufbauen könnte. Liebe deinen Nächsten, sagt die Kirche, aber wenn du bei mir arbeiten möchtest, gefälligst nur platonisch. Und was, Kirche, ist eigentlich mit dem Thema Verzeihen? Ihr könnt einem Menschen nicht verzeihen, dass er liebt? Es zerreißt ihn, und seine Liebste mit.

Ein Sohn zieht zu Hause aus, und anderswo eine Tochter. Loslassen mit Freude und Sorge und Wehmut und dem Wissen, dass es richtig ist und nur ein bisschen Loslassen und nicht komplett.

Einer musste seinen Hund einschläfern lassen. So ein Baum von einem Mann, er ist innen drin ganz weich, glaube ich, deswegen hat er außen rum so eine Schutzschicht aus Ironie und Bart und Gebrumm, aber manchmal, da macht er die Tür auf und man kann ein bisschen reingucken, und dann ist es da drin warm und schön. Er schreibt: „Das ist der letzte Weg, den ich mit meinem Kumpel gehe“, und es bricht mir das Herz. Er war sein Kumpel, dieser Hund, ich kannte den Hund nicht, aber wenn er über ihn sprach, dann hat man das gemerkt. Am nächsten Morgen frage ich, wie es ihm geht. „Beschossen wär noch geprahlt“, schreibt er, und dann, dass das „beschissen“ heißen sollte, und ich sage: „Ich versteh dich auch beschossen.“

Paare trennen sich, meistens ist das gut so, aber nie geht es ohne Schmerz. Manche hatten schon lange losgelassen, es sich aber nie eingestanden. Manchmal gibt es ein Gezerr um die Kinder, dabei können die am wenigsten dafür, alle sind überfordert. Manchmal können Menschen, die sich einmal geliebt haben, nicht mehr miteinander reden. Vielleicht würde es besser gehen, wenn sie losließen. Verzeihen hat mit Loslassen zu tun.

Bei einer wurde eingebrochen. Ihr Schmuck wurde geklaut – Familienerbstücke, Erinnerungsstücke an besondere Momente im Leben, Urlaubsmitbringsel. Alles nicht viel Geld wert, aber es hingen Erinnerungen dran. Man soll sein Herz nicht an Dinge hängen, aber das tut man, man gewinnt Gegenstände lieb, sogar dann, wenn man sie gar nicht mehr trägt, wenn man sie nur einmal im Jahr beim Aufräumen findet und jedes Mal denkt, „ach, das hast du damals in Kroatien auf dem Markt gekauft“. Es ist nicht der materielle Wert.

Eine muss sich von ihrem Kinderwunsch verabschieden. Ihr Mann auch, aber für Männer ist es anders, als Frau ist die Zeit irgendwann vorbei. Der Abschied kommt schleichend, über Jahre, und das sind Jahre der monatlichen Hoffnung und monatlichen Enttäuschung, der zermürbenden Behandlungen und der noch schlimmeren Bemerkungen von Freunden, Kolleginnen, Familie. Mit der Zeit werden die Kommentare weniger, und den Schmerz wickelt man vorsichtig in weiche Tücher, damit er nicht mehr so scharfkantig ist, aber weggehen wird er nicht, und sein Gewicht behält er. Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke.

Zwei haben Krebs. Eine ist alt und der Krebs vielleicht in den Griff zu kriegen, das ist noch nicht ganz klar. Eine ist jung und der Krebs der Brutalste, den man haben kann. Vernichtend. Ich kann mir dieses Loslassen nicht mal im Ansatz vorstellen. Das Leben loslassen. Die geliebte Person loslassen, endgültig und für immer, einfach nur so, weil Krebs ein Arschloch ist. Wie soll das gehen.
 
Wir wissen, dass alles, was kommt, auch wieder geht.
Warum tut es dann immer wieder und immer mehr weh?

(Gundermann)

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