Mein neunter Tag in Split ist der siebte für den Mann, und sein letzter. Wir gehen gemütlich frühstücken und sind dann plötzlich beide so unfassbar müde, dass wir eine Art spätes Vormittagsschläfchen halten. Am Nachmittag gehen wir nochmal auf die Halbinsel Marjan, diesmal auf der Nordseite, wir laufen eine ganze Weile am Wasser entlang auf einer Straße, die einmal eine Straße war und jetzt nur noch für Fußgänger und Radfahrer frei ist, wie herrlich! Es geht unter Pinien oder Kiefern hindurch, rechts immer das Meer. Das Wetter ist ein bisschen unentschlossen, warm, kalt, ziemlich windig, Schatten, Sonne, dies, das. Wir sind genauso unentschlossen, wollen wir baden, wollen wir nicht, es ist so windig, bestimmt zu kalt. Aber dann merken wir, dass der Wind immer aus derselben Richtung kommt und wenn wir da jetzt gleich um die Ecke biegen, dann ist da kein Wind. Und kaum Leute, es war wohl mal eine großräumig angelegte Strandbar mit Zugang ins Wasser und allem, ist jetzt aber eine recht verlassene Baustelle, aber der Wasserzugang ist natürlich noch da. Wir baden, und logisch ist es wunderbar, was denn sonst. Beim Rausgehen sagt der Mann: „Da hinten schwimmt was. Was Großes“, und deutet vage in Richtung des Stegs. Ich gucke, und: DELFINE! Gar nicht so weit weg, gleich hinter dem Steg, das sind ganz eindeutig und unzweifelhaft Delfine, mindestens drei Stück! Wie toll ist das bitte? Wir sind quasi mit Delfinen geschwommen!



Auf dem Rückweg kehren wir in Alidas Lieblingscafé ein (denn, alte Regel: immer schön tun, was Alida sagt, macht man nie was falsch) und ich esse eine krasse Buttercremetorte. Dann nach Hause, duschen, ein letztes Mal in die Stadt, Abendessen suchen. Wenn man etwas Vegetarisches möchte, ist das nicht so einfach, die allermeisten Restaurants haben entweder gar nichts oder Gemüserisotto. („Gemüse“ unspezifisch.) Manche haben zur Auswahl auch noch Spaghetti mit Tomatensoße oder griechischen Salat. Erstaunlich. Heißer Tipp: „Veg Plant Based“ am Katzenplatz.
Fior di Latte-Blaubeere
Es war schon wieder herrliches Wetter, und wir sind mit dem Schiff in die Stadt Hvar auf der Insel Hvar gefahren. Hvar ist „die schönste Insel der Welt“, oder zumindest „das St. Tropez der Adria“. Was soll ich sagen: stimmt. Es ist sagenhaft schön, sehr herausgeputzt auch, es gibt elegante und coole Strandbars, das Städtchen ist schmuck, das Wasser glasklar, oben drüber thront eine Festung, unten dümpeln kleine Yachten im Hafen herum, und ich glaube, wir haben die allerbeste Jahreszeit erwischt. Warm und sonnig genug zum Baden, aber noch keine Hochsaison, es ist noch nicht so voll. Wir gehen am Meer entlang und trinken einen Kaffee in einer schicken Strandbar, dann erklimmen wir die Festung, von der aus man mal wieder einen spektakulären Blick über die nächstgelegenen Inseln hinweg hat. Blau, blau, blau, so weit das Auge reicht. Man kann einfach immer mal wieder irgendwo sitzen- oder stehenbleiben und eine Weile gucken. Sonst nichts. Und riechen, es duftet überall nach Pinien, nach Jasmin oder nach einem Baum, der laut Google Lens Chinesischer Klebsame heißt.








Wir gehen wieder runter, stromern ein wenig durch die Stadt und steigen noch auf den Uhrenturm und besichtigen das alte Theater: tatsächlich das älteste öffentliche Theater Europas, 1612 eröffnet. Verrückt! Auf so einer kleinen Insel! Ich hätte eher auf Paris oder London oder so getippt. Und was ist mit den griechischen und römischen Theatern, waren die nicht öffentlich? Hm. Und hübsch ist es! (Die jetzige Inneneinrichtung ist allerdings geringfügig jünger.)



Und dann gehen wir in die andere Richtung am Meer entlang bis zu einem kleinen Badestrand. Man gewöhnt sich an die Wassertemperatur, es ist – natürlich! – herrlich.
Irgendwie sind wir schon wieder 22.000 Schritte gelaufen, und so viel Sonne und frische Luft machen seltsamerweise müde. Zu Hause müssen wir uns richtig aufraffen, um nochmal rauszugehen und uns etwas zu essen zu suchen.

Pfefferminz mit Schokostückchen
Sonntag, 10. Mai
Das Wetter sieht besser aus als angekündigt, es ist immerhin hellgrau und trocken, hier und da guckt sogar ein bisschen blauer Himmel raus. Wir beschließen, den Diokletianspalast auf einen Tag mit schlechterem Wetter zu schieben und heute lieber einen langen Spaziergang durch die Halbinsel Marjan zu machen. Es geht ziemlich den Berg hoch, erst durch eine sehr schöne Wohngegend, dann am verfallenen jüdischen Friedhof vorbei durch die Natur, bzw. parkähnliche Anlagen, immer weiter nach oben, immer mit Blick aufs Meer. Der Blick aufs Meer und auf die vorgelagerten Inseln ist atemberaubend, ich kann mich gar nicht sattfotografieren, und nie genügen die Bilder, in Wahrheit ist alles imposanter, blauer, schöner, herrlicher. Und die Luft so weich. Wie schön die Welt ist, und wie gefühllos die Menschen manchmal mit ihr umgehen!



Ganz oben steht noch ein ziemlicher Aussichtsturm, wir fahren mit dem Aufzug hoch, nicht ahnend, dass dort oben der Fußboden aus einem Maschengitter besteht und sich das garantiert jemand ohne Höhenangst ausgedacht haben muss. Ich jedenfalls fahre recht bald wieder runter. Und dann steigen wir auch den Berg wieder hinunter, auf der anderen Seite, Richtung Kašjuni Beach, ein Strand mit feinen Kieseln. Feiner als gestern in Brač, aber wer seine Badeschuhe vergessen hat, ist einfach blöd. Aua. Das Wasser kommt uns kälter vor als gestern, aber natürlich ist es herrlich.
Alida schreibt, wenn wir da sind und auch zu Fuß wieder zurück wollen, dann müssen wir unterwegs in der schönsten und besten Pizzeria der Welt einkehren. Und wer wären wir denn, nicht das zu tun, was Alida sagt? Wir gehen auch zu Fuß zurück, diesmal nicht über den Berg, sondern unten am Ufer entlang, was genauso herrlich ist. Wir kehren in der schönsten und besten Pizzeria der Welt ein, mit Blick aufs Meer, was sonst, und essen wunderbare Pizza. (Möglicherweise nicht gerade die kroatische Nationalspeise, aber hey.) Es ist Sonntag, es war Erstkommunion, die Restaurantterrasse ist voller entzückender kleiner Mädchen in weißen Kleidern und kleiner Jungs in weißen Hemden, die kleine Banden bilden und von hier nach dort rennen und dann wieder zurück. Unten im Hafen liegen die Yachten, über uns kreischen Möwen. Plötzlich merken wir, dass ein bisschen Wind aufkommt, und dass auf einmal gar nicht mehr viele Leute da sind, und dass die Sonnenschirme zusammengefaltet werden. Er soll ja noch gewittern, sage ich, und der lustige Mann sagt: das soll hier manchmal sehr plötzlich losgehen. Wir bezahlen zügig und haben noch eine halbe Stunde Fußweg nach Hause, wir sind pappsatt und pizzaschwer, kein Platz im Bauch für ein Eis, außerdem denken wir, dass es jeden Moment anfangen wird zu donnern. Als wir vor der Haustür sind, fallen die ersten drei Tropfen. Und dann ziemlich lange keine mehr, das Gewitter kommt erst am Abend um elf, es regnet in der Nacht noch eine Weile.



Addendum zur Eisregel: ein verpasstes Eis kann am nächsten Tag nachgeholt werden. Das Eis für den nächsten Tag wird dann natürlich neu gezählt. (Erwachsensein ist so geil! Man kann sich seine Regeln einfach selbst machen!)
Donnerstag, 7. Mai
Es fühlt sich ein bisschen seltsam an, ganz allein nach Split zu fliegen, ungewohnt, eine Reise allein anzutreten, aber der lustige Mann wird nachkommen. Und dann muss er nach einer Woche zurück, denn die Schule fängt wieder an, ich aber bleibe noch für den Rest des Monats. Meine Freundin Alida hat eine Wohnung in Split, sie sagt schon lange, wir sollen kommen, sie zeigt uns ihre Stadt, sie geht für die Zeit zu ihrer Mutter, ich kann bleiben, solange ich will, wir schreiben zusammen. Jetzt musste sie leider doch zu Hause in Deutschland bleiben, und ich bin ohne sie hier.
Aber ich bin ja schon groß und finde den Weg in ihre Wohnung in Split auch alleine. Ich schicke ihr Fotos nach Münster, sie freut sich, dass ich gut angekommen bin und schickt mir gleich die ersten Tipps. Ich gehe raus und Richtung Altstadt, der Weg findet sich quasi von allein, man sieht schon von der riesigen Terrasse im fünften Stock das Meer, da will ich hin, das ist die richtige Richtung! Es ist alles fußläufig erreichbar, man geht nur wenige Schritte und ist schon in der Altstadt, ich gehe eine Fußgängerstraße hinunter, unten glitzert die Adria, und auf einer Bühne singt ein Chor mehrstimmig in einer abartigen Lautstärke, und mir kommen tatsächlich plötzlich die Tränen, weil es so schön ist. Das Meer, die Stadt, der Gesang, die Palmen, die Menschen. Auf der Uferpromenade ist ein Markt, ich lasse mich von Stand zu Stand treiben, es gibt so bunte Klapperenten für Kinder, die man an einem Stab vor sich herschiebt, sehr viele Kinder schieben solche Enten, und es gibt unfassbare Mengen von Kochlöffeln zu kaufen, manche Leute kaufen ganze Kochlöffelsträuße. Alida lacht, als ich sie frage, was das mit den Kochlöffeln ist, sie sagt, das ist bei diesem Fest immer so, da kaufen die Leute Kochlöffel. Es sei das Fest des heiligen Duje, des Schutzpatrons der Stadt. Jetzt, drei Tage später, ärgere ich mich, wieso habe ich keinen Kochlöffel gekauft? Okay, ich brauche keinen Kochlöffel. Andererseits, braucht man nicht immer Kochlöffel, sind Kochlöffel nicht ein essenzielles Accessoire des Lebens? Wie dumm kann man sein? Die Stadt ist rappeldickevoll, auf den Plätzen sind Bühnen aufgebaut, überall ist Musik in irrer Lautstärke. Es ist gar nicht so warm, um die 20°C, nicht viel wärmer als in Hamburg, aber es fühlt sich anders an. Ich esse ein Eis, die beiden immerwährenden allgemeingültigen Urlaubsregeln lauten bekanntlich: 1. einmal am Tag ein Eis, 2. einmal am Tag ins Wasser. Letzteres habe ich schon mal gleich nicht gemacht, das Wasser dürfte aber auch noch ganz schön kalt sein. Eis: Joghurt-Amarena.



Freitag, 8. Mai
Spoiler: Schon wieder Regel zwei missachtet, Regel eins ordnungsgemäß absolviert. Aber erstmal ausschlafen, Yoga (das ist eigentlich seit langem einen eigenen Blogeintrag wert, wie ich plötzlich zur Yogamaus mutiert bin), Koffer auspacken, die Wohnung in Besitz nehmen, ankommen. Und dann lasse ich mich einfach wieder den Großteil des Tages durch die Stadt treiben, esse irgendwo etwas und lese dabei Olivas Garten, entdecke Läden für Badeentchen oder Weihnachtsdeko, setze mich mit dem Eis (Schokolade) auf eine Bank am Meer und gucke Schiffe und Menschen und denke: was für ein schönes Leben. Echtjetztma. Spät am Abend kommt der Mann, ich hole ihn am Busbahnhof ab und finde das irgendwie romantisch. Es ist schön, dass er da ist und wir eine Woche lang alles gemeinsam erkunden können, bevor ich dann zwei Wochen zum Schreiben allein hier bin.




Samstag, 9. Mai
Die Wettervorhersage für die nächsten Tage sieht nicht so richtig gut aus. Heute soll es noch recht sonnig sein, die nächsten Tage stehen immer Wolken und sowas wie „70% Regenwahrscheinlichkeit“ in der App. Also beschließen wir, gleich am ersten Tag einen Ausflug auf die Insel Brač zu machen, da soll es schön sein. Das Schiff fährt eine Stunde, und das wollen wir natürlich bei schönem Wetter machen.
Richtige Entscheidung! Wir schippern rüber und laufen dort erst ein bisschen durchs Dorf und dann einfach immer weiter an der Küste entlang, es ist wirklich herrlich, alles duftet nach Pinien, es sind kaum Leute unterwegs, das Wasser glitzert, es geht kaum ein Lüftchen und fühlt sich viel wärmer an als 20°C.
Der lustige Mann ist natürlich klüger als ich, er hat sich Badelatschen eingepackt. Vor vielen Jahren waren wir schon mal in Kroatien, ich hätte wissen können, dass „Strand“ hier nicht „Sand“ bedeutet. Ich besitze sogar richtige Badeschuhe, sie liegen zu Hause im Schrank. Aber wir finden eine Stelle, wo von einem Betonsteg aus eine Treppe ins Wasser führt und man nicht barfuß über Steine muss, und heiliger Duje, ist das kalt! Und ist das herrlich! Wir haben im Mittelmeer gebadet!
Eis: Dunkle Schokolade.










[Letztes Jahr im Juni las ich in Bremen im Literaturhaus. Das Literaturhaus Bremen ist aber gar kein Haus, sondern existiert nur virtuell, deswegen wird man außerdem immer gebeten, zwei Kolumnen zu einem Thema zu schreiben, das irgendwie zum vorgestellten Roman passt. Ich bekam das Thema Einsamkeit. Hier kommt die erste Kolumne, die zweite ist hier.]
Vor mehr als zwanzig Jahren lernte ich im Europäischen Übersetzerkollegium in Straelen am Niederrhein einen Kollegen aus Schweden kennen. Er erzählte, er sei gerade aus Stockholm weggezogen, aufs Land, in eine Region, die so groß sei wie Niedersachsen und so viele Einwohner habe wie Straelen. Etwa 15.000 Menschen. Ich fragte, ob ihm das nicht zu einsam sei. Er sagte: Weißt du – wenn man sowieso einsam ist, dann kann man das in der Einöde besser ertragen als in der Stadt, wo lauter Menschen um einen herum sind.
Es brach mir das Herz. Einsamkeit ist etwas anderes als Alleinsein. Alleinsein ist eine sachlich nachvollziehbare Tatsache: Wenn niemand anderes da ist, ist man allein, und das kann ganz wunderbar sein. Es gibt Menschen, die sehr viel allein sind, es herrlich finden und sich kein Bisschen einsam fühlen. Einsamkeit dagegen ist im Herzen. Man kann unter vielen Leuten und dennoch einsam sein.
Mein erster Gedanke war: Wenn ich mich in einer Stadt einsam fühlen würde, dann würde ich mir den Literaturbetrieb (oder was auch immer mein „Betrieb“ ist) suchen, mich irgendwo einklinken, dorthin gehen, wo die Leute hingehen, die ich interessant finde, ich würde Volkshochschulkurse buchen, in einen Verein eintreten, ein Ehrenamt ausüben, irgendetwas. Ich würde, statt es mir noch einsamer zu machen, Menschen suchen. Aber das bin eben nur ich, und der schwedische Kollege ist anders.
Mein zweiter Gedanke galt dem Löwen aus der Unendlichen Geschichte. Den Roman las ich, als ich ungefähr vierzehn war, es ist also gut möglich, dass ich mich falsch erinnere, aber in meiner Erinnerung lebt dieser Löwe mutterseelenallein mitten in der Wüste. Und weil in der Wüste alles verglüht und stirbt, kann niemand zu ihm hereinkommen. Er selbst kann aber auch nicht hinaus, weil er die Wüste in sich trägt und die Wüste immer um ihn herum sein wird. Ich erinnere mich, wie schrecklich ich dieses Bild damals fand; heute weiß ich, dass es solche Menschen gibt, die die Einsamkeit in sich tragen, und ich finde es immer noch schrecklich. Gegen diese Art von Einsamkeit hilft es nicht, wenn Menschen um einen herum sind. Ich weiß nicht, ob irgendetwas dagegen hilft, ob solche Löwen glücklich sein können, oder ob sie Zeit ihres Lebens aus der Wüste hinausmöchten. Jemanden suchen, der den Schlüssel zu ihrem Herzen findet. Oder ob sie sich in ihrer Wüste vielleicht ganz wohl fühlen.
Ich habe keine Ahnung, was aus dem schwedischen Kollegen geworden ist. Damals klang er nicht, als würde er sich in seiner Wüste besonders wohlfühlen. Im Internet lese ich, der Löwe sei eine der optimistischsten Figuren in Phantasien. Das wünsche ich dem schwedischen Kollegen auch.