Don’t judge a book by its cover. Immer wieder habe ich „Grunewaldsee“ auf meinen Wunschzettel gesetzt und es dann doch wieder runtergenommen, weil das Cover einfach zu und zu hässlich war. Jetzt ist es als Taschenbuch rausgekommen und nicht mehr hässlich (obwohl ich eigentlich immer lieber gebundene Bücher habe), und außerdem hat die Lieblingsbuchhändlerin es empfohlen – und zwar zu Recht.

Paul ist nicht gerade ein Macher. Er lebt in Berlin, hat Geschichte studiert und wartet jetzt auf einen Referendariatsplatz. Der ist ihm sicher, kann aber ein paar Jahre dauern. Bis dahin macht er hauptsächlich nichts, außer Warten und zwischendurch mal einen Job anzunehmen. Beim Warten begegnen ihm auch schon mal Frauen, ansonsten erinnert er sich an andere Frauen aus seiner Vergangenheit, das ist aber alles eher flüchtig. Wirklich passieren tut in seinem Leben die meiste Zeit nicht viel.
Einmal nimmt er im Sommer einen Job als Deutschlehrer in Malaga an. Und dort begegnet er Maria, mit der er eine leidenschaftliche Affäre anfängt. Dass es eine Affäre bleiben wird, ist von vornherein klar, denn Maria ist erstens verheiratet und zweitens schwanger. Aber so lange es dauert, ist es das Paradies. Als letztes ruft sie ihm hinterher: Permanecemos juntos! Wir bleiben zusammen! Und Paul fährt zurück nach Berlin. Und wartet jetzt nicht mehr nur auf einen Referendariatsplatz, sondern auch auf Maria. Und lebt so vor sich hin.
In den kommenden Jahren schreiben die beiden sich Briefe, allerdings sehr sporadisch. Und schließlich kündigt Maria an, zu einem Kongress nach München zu reisen und Paul sehen zu wollen.
Oberflächlich passiert nicht viel. Aber Treichel schweift immer wieder länger ab (ich würde dann jetzt gern mal auf die Pfaueninsel), und das sorgt dann doch für Spannung. Das einzig Große, was an der Oberfläche passiert, ist, dass in Berlin die Mauer fällt, aber das interessiert Paul nun wirklich überhaupt nicht – bzw. eigentlich passt es ihm nicht mal so richtig. Dabei ist es nicht mal so, dass er sich für gar nichts interessieren würde, er interessiert sich sehr für die Pfaueninsel, kommt aber auch nicht aus den Puschen, da mal irgendwas zu machen. Stattdessen wartet er. Netter Kerl, der Paul, aber halt ein klassischer Loser. Die Lieblingsbuchhändlerin sagt, diese Losertypen um die dreißig heißen in deutschen Büchern immer Paul, ich nehme an, da hat sie nicht Unrecht, ich habe nur ein zu schlechtes Gedächtnis, als dass mir spontan auch nur ein einziger einfiele.
Zu mehr als dieser eher banalen Inhaltsangabe bin ich gerade nicht in der Lage, aber: das ist ein tolles, tolles Buch! Lesen! Ist auch Sex drin!
Treichel wohnt im Regal zwischen B. Traven und Sakae Tsuboi.
Hans-Ulrich Treichel: Grunewaldsee. Suhrkamp, 237 Seiten. Gebunden: 19,80 €, Taschenbuch: 8,95 €

Wir sind zu einer Landpartie eingeladen. Der Schwager des Geburtstagskinds hat ein Ferienhaus am Westensee bei Kiel, auf einem großen Grundstück direkt am See, es ist geplant, dass lauter Freunde mit lauter Kindern bei strahlendem Sonnenschein auf der Wiese herumlümmeln, essen und trinken und spielen und zwischendurch in den See springen.
Tatsächlich ist aber gar kein strahlender Sonnenschein, es regnet vielmehr, jedenfalls zwischendurch immer mal wieder, es weht ein frischer Wind, höchstens 15°C. Die Kinder tragen Gummistiefel und Matschhosen, die Erwachsenen Gummistiefel und Jeans, ich die neue Hose und ganz normale Schuhe, aber egal. Immerhin habe ich meinen Friesennerz dabei. Die Sätze „das reißt gleich noch auf“ und „da hinten wird’s schon heller“ mausern sich schnell zum Running Gag des Nachmittags. Wir kennen ungefähr niemanden (außer dem Geburtstagskind) und machen erstmal ein bisschen Konversation. Das Wetter. Ja, schade. Ist aber trotzdem schön. Wir stehen auf der überdachten Veranda, trinken Sekt, essen Sandwiches und gucken raus ins Grau.
Dem Schwager ist das Wetter einigermaßen egal. Er trägt eine Wachsjacke und Gummistiefel und ist die meiste Zeit mit den Kindern im Garten unterwegs, Würmer suchen, matschen, auf Bäume klettern, mit dem nassen Hund rumtoben. Und dann die Ansage: wir gehen angeln!
Ich gehe mit, ich würde gern für Sachenmachen mal angeln, darf man aber nicht, wenn man keinen Angelschein hat, man darf nicht mal mit einem Angelscheinbesitzer mitangeln, höchstens zugucken. Zugucken will ich dann jetzt schon mal, wenn auch nicht für Sachenmachen.
Der Westensee ist voller Barsche, sagt der Schwager, man braucht die Angel bloß reinzuhängen und sie rauszuziehen, das geht ruckzuck. Kann man den Kindern mal zeigen, wie das geht. Eigentlich möchte er nicht so gern, dass sie alle mit auf den Steg gehen, die ganzen kleinen Kinder; allerdings nicht, weil er fürchten würde, dass sie runterfallen, sondern eher, weil sie die Fische vertreiben. Aber natürlich stehen bald doch alle auf dem Steg, ich auch, die Kinder auch, ich habe keine Ahnung, wie viele es sind. Alle gucken auf den Schwager, der die Angel ins Wasser hält. Manche sehen im Wasser Fische, ich stehe im falschen Winkel, ich sehe keine. Da, zack!
Tatsächlich zieht der Schwager nach allerkürzester Zeit einen kleinen Barsch aus dem Wasser. Alle schauen auf die Angel, auf den zappelnden Fisch, der Schwager nimmt den Fisch vom Haken, da macht es laut PLATSCH, und dann geht alles ganz schnell. Das Kind neben mir steht da nicht mehr, sondern liegt im Wasser, es ist vielleicht drei Jahre alt und liegt mit dem Gesicht nach unten im See. Da fackelt man nicht lange, ich lege die Kamera auf den Steg, ziehe mir die schräghängende Handtasche übern Kopf und will gerade reinspringen, da macht es wieder PLATSCH, und der Schwager ist auch reingesprungen, ich will, schon im Sprung, doch auf dem Steg bleiben, springe also nur so halb, halb rutsche ich weg, schlage mir folglich gehörig das Knie am Steg an, und dann macht es zum dritten Mal PLATSCH, und ich bin ebenfalls drin, das Wasser ist ungefähr hüfttief. Die Handtasche habe ich nicht mehr rechtzeitig auf den Steg werfen können, ich habe sie noch in der Hand, über Wasser zwar, aber sie ist erstaunlich nass. Der Schwager fischt das Kind raus (stellt sich raus: war sein eigenes) und setzt es auf den Steg. Wohin der Fisch geflogen ist, weiß niemand mehr, ist auch egal, wir gehen zum Haus zurück, drei Leute klatschnass, aber Adrenalin hält erstmal warm. Ich habe ein paar Klamotten für den nächsten Tag dabei, allerdings keine zweite Hose.
Eine unbekannte Frau bietet mir ihre an, ich dusche erstmal heiß und verbringe den Rest des Abends dann in der zu engen geliehenen Hose. Beim Essen abends muss ich den Knopf aufmachen, ich fürchte, es ist trotzdem ein bisschen das Knopfloch ausgeleiert, oder war das vorher schon? Mein Knie wird erst dick, dann auf Handtellergröße blau, alles halb so wild, Kamera, Handy und Uhr sind ebenfalls gesund und munter, aber was mir wirklich ein bisschen unangenehm ist: In der Handtasche war ein Übersetzungsvertrag mit einem neuen Verlag. Beziehungsweise sogar beide Verträge, das hatte ich noch nie, normalerweise bekomme ich die Verträge in doppelter Ausfertigung, vom Verlag bereits unterschrieben, und schicke einen zurück – dieser neue Verlag hat sie ohne Unterschrift geschickt, ich soll zuerst unterschreiben, und sie schicken mir dann einen zurück. Ich wollte sie auf dem Weg an den See irgendwo in einen Briefkasten werfen und habe es natürlich vergessen. Jetzt sind die Verträge wellig und angeschmuddelt, und wenn ich jetzt beim Verlag sage, die Verträge sind leider nass geworden, weil ich in einen See gesprungen bin, um beinahe ein Kind zu retten – die halten mich doch für bekloppt.
Ich kann das nur als ersten Versuch betrachten, das war alles noch nicht dramatisch genug, sowas ist doch Dramatik für Anfänger. Nächstes Mal rette ich das Kind wirklich. Und mache die Verträge richtig nass. Dann bin ich eine Heldin und sie schicken mir ehrfürchtig neue. Möchte vielleicht jemand sein Kind für mich ins Wasser schubsen, damit ich mal richtig retten kann? Ich wär gerade in Schwung.
