Ich habe erwachsene Männer in kurzen Hosen und Socken eine einstudierte Choreographie zu „Under Pressure“ tanzen sehen, und ich weiß, wie unglaubwürdig das klingt, aber ich schwöre: es war un.fass.bar cool.
Und zwar bei Tap Stars im St. Pauli-Theater. Unglaubliche Show. Sieben (bzw. sechs) junge Männer vom Typ Hip-Hopper tanzen da einen Step, dass einem schwindelig wird. Und dass es einem in den Magen fährt und einen kaum auf dem Stuhl hält und man sofort mitmachen möchte, laut auf dem Boden rumstampfen und Rhythmus produzieren und Musik und Krach machen und tanzen.
Im ersten Teil geht es um die Geschichte des Stepptanzes, es werden ein paar berühmte alte Stepptänzer genannt und kurz ein paar Besonderheiten ihres Stils vorgeführt, und das kommt einem überhaupt nicht vor wie so ein betuliches Musicalgesteppe (worauf ich ja insgeheim ein bisschen stehe, aber das würde ich natürlich nie zugeben), sondern ist tatsächlich saucool; sie sind sogar zum abgedroschensten Stepstück aller Zeiten, „Singing in the Rain“, cool. Keine Ahnung, wie sie das machen. Im zweiten Teil zeigen sie dann einfach zu unterschiedlichster Musik nochmal alle, was sie können und erzählen kleinere Geschichten.
Für das, was sie können, fehlen mir die Worte. Technisch ist es unfassbar, man kann sich überhaupt nicht vorstellen, in welchem Tempo und mit welcher Präzision diese Jungs mit den Füßen Töne produzieren, wie das gehen soll, und zwar ohne dass es irgendwas Uhrwerkhaftes hätte wie bei Riverdance und all diesen unsäglichen Produktionen, sondern es ist Tanz und sieht aus, als wäre es reiner Spaß und Vergnügen. Eine Zeitlang. Und dann haben sie plötzlich nicht mehr nur Spaß, sondern können auch musikalisch und schauspielerisch was; da steppt einer zu „Send in the Clowns“, was sich ja nicht gerade zum Steppen anbietet, und was einfach unfassbar traurig ist – und er steppt dazu wütend, sehr wütend und verzweifelt, und das ergänzt die Musik wunderbar. Ich hätte fast geheult. Na gut, ich habe geheult. Und dann geht es von Sondheim über Queen zu Eminem und irgendwelchen Hip-Hoppern, die ich nicht kenne, teils ist es durchchoreografiert, teils grob abgestimmt, teils frei improvisiert, und überraschenderweise ist diese wilde Musikmischung sehr wohl stimmig und ausgewogen und passt hervorragend hintereinander. Und zwischendurch machen sie hemmungslos Quatsch. Die komplette Show ist von vorne bis hinten eine Sensation, die Tänzer einer cooler als der andere, das Publikum hat sich nicht mehr eingekriegt, Standing Ovations, und ich muss unbedingt mehr üben, mehr lernen, natürlich werde ich da nie hinkommen, aber ein bisschen was geht noch, ich willwillwill, und ich hätte gern wenigstens ein Fitzelchen von dieser Coolness.
Noch bis 20. August im St. Pauli-Theater. Geht hin und staunt. Sagte ich schon, dass das alles unfassbar cool ist?
PS: Wer steppen lernen möchte, kann das zum Beispiel bei Nicola Hartlef im Hoofers tun.
CulturMag hat Sommerpause gemacht, und ich war auch in Urlaub. Aber Urlaub hindert mich natürlich nicht am Sachenmachen, und heute ist CulturMag wieder da, mitsamt der neuen Kolumne: Bitte das Bild anklicken!
Irgendjemand hat mir dieses Buch empfohlen, ich weiß nicht mehr, wer. Und, äh: ich weiß auch nicht, warum. Ich habe es nach 50 Seiten beiseitegelegt. Der Erzähler ist ein ziemlich unangenehmer Typ – was allein kein Grund wäre, ein Buch nicht weiterzulesen, aber stilistisch ist es ebenso unangenehm, krampfhaft auf Pointe angelegt und vollgestopft mit Adjektiven und kruden Vergleichen. „Der Mond treibt sich wie ein billiger Freier um den Kirchturm herum“, du meine Güte! Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass verschiedene im Klappentext zitierte Rezensenten anderer Meinung sind, Meike Fessmann (SZ) beispielsweise hält es für „eine intelligente und originelle Liebesgeschichte mit betörenden Details“. Ich, öh, nicht.
Adam Davies kommt im Regal zwischen Rev. Christian Dabeler / Almut Klotz und Daniel Defoe. Und jetzt fragt bloß nicht wieder, warum ich Bücher, die ich nicht mochte, ins Regal stelle, statt sie gleich wegzuwerfen. *augenroll*
Adam Davies (Hans M. Herzog): Froschkönig. 382 Seiten. Diogenes Taschenbuch, 9,90 €.
Ich lese heute NICHT bei Poets on the beach, ich liege vielmehr im Bett und jammere. Blöder Mist. Die drei anderen lesen aber natürlich, alles weitere hier.
Oje, schon wieder eine tote Mutter. Beziehungsweise gleich zwei. Und jäi, schon wieder ein wundervolles Buch. Lukes Mutter kommt bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Der Vater fällt in ein tiefes Loch, trinkt, arbeitet nicht, kümmert sich nicht um Luke. Die beiden müssen ihr Haus verkaufen und in ein ziemlich heruntergekommenes Haus in einem gottverlassenen Kaff ziehen, in dem sie niemanden kennen, und wo klar ist, dass Luke ein Außenseiter sein wird.
Und dann lernt er Jon kennen, einen ebenfalls elfjährigen Jungen, der, wie sich herausstellt, noch schlimmer dran ist als er selbst. Die beiden freunden sich an, und langsam findet auch Lukes Vater wieder zu sich zurück. Ein großes Thema ist also neben dem Verlust auch die Freundschaft, das andere ist die heilsame Kraft der Kunst, denn Luke malt, und sein Vater stellt Holzspielzeug her. Und dann noch etwas Anderes, Großes.
In dieser Nacht drängte sich mir immer wieder eine Frage auf: wenn ich mir hätte aussuchen können, wer mich an jenem Tag vom Kunstunterricht abholt, hätte ich dann lieber Mum oder Dad das Auto fahren lassen? Es war ein schrecklicher Gedanke, aber ich konnte die Frage nicht abschütteln. Sie kam mir immer wieder in den Sinn, und es schien, als könnte ich nur eines tun, nämlich mich ihr stellen, damit sie mich endlich nicht mehr quälte und zur Ruhe kommen ließ.
Wundervolles Buch. Wer Tschick von Wolfgang Herrndorf mochte (das sind, soweit ich weiß, alle, die es gelesen haben), der wird das hier auch lieben. Die Jungs in „Tschick“ sind ein bisschen älter und machen sich auf den Weg, diese beiden hier, Luke und Jon, bemühen sich eher ums Ankommen, um einen Platz im Leben, trotzdem fühlte ich mich irgendwie daran erinnert. Vielleicht einfach, weil es ein Jugendbuch über zwei Jungs ist. Diesen beiden hier möchte man am liebsten mal einen ordentlichen Eintopf kochen. Sehr intensives und in all seinem Elend irgendwie schönes Buch. Man könnte ihm höchstens vielleicht vorwerfen, dass das Ende ein bisschen … ach, egal. Das ist schon alles richtig so. Lesen!
Robert Williams bekommt einen Regalplatz zwischen Oscar Wilde und Tennessee Williams.
Robert Williams (Brigitte Jakobeit): Luke und Jon. 186 Seiten. Berlin Verlag, Taschenbuch, 8,95 €.