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Dorothee Elmiger: Einladung an die Waghalsigen

Wow. Was für ein Buch! Ganz erstaunlich. Weil man hinterher irgendwie auch nicht wirklich klüger ist als vorher, man hat vielmehr das Gefühl, dass die Geschichte jetzt erst so richtig anfangen würde, aber da ist das Buch schon zu Ende. Und das ist ganz wunderbar so, denn der wichtigste Schritt der beiden Protagonistinnen ist da wahrscheinlich schon getan. Wenn die klassische Heldenreise damit anfängt, dass der Held nach anfänglichem Zögern aufbricht, um dann X weitere Stationen zu durchlaufen – dann hört es hier mit dem Aufbruch quasi auf.
Die beiden Schwestern Margarete und Fritzi sind, was ihr Alter angeht, irgendwo an der Schwelle von der Jugend zum Erwachsensein. Sie leben im „Gebiet“, einem ehemaligen Kohlerevier; im Laufe des Buchs erfahren wir, dass es dort unterirdische Feuer gibt, die Kohleflötze brennen schon seit Jahrzehnten, das Gebiet ist anscheinend zum großen Teil verwüstet und verlassen, aber so ganz genau erfahren wir es nicht. Der Vater ist Polizeichef der verschwindenden Stadt, die Mutter nicht mehr da. Es gibt in der Umgebung noch ein paar weitere bewohnte Ortschaften, aber auch das bleibt ein wenig unklar, wir erfahren nicht genau, was passiert ist, und wer noch da ist, und warum. Das vor allem: warum. Warum geht fast niemand weg, aus diesem tristen und offenbar begrenzten Gebiet? Da draußen ist die Welt, ganz normal, aber irgendwie bleiben die Leute, die noch da sind, zum größten Teil da. Man weiß nicht, warum. Man erfährt überhaupt ziemlich wenig, das aber auf eine unglaublich poetische Weise, die die ganze Geschichte ebenso klaustrophobisch wie hoffnungsvoll macht. Die beiden Schwestern suchen nämlich nach einem Fluss, den es einmal gegeben haben soll, und der möglicherweise unter der Erde verschwindet. Sie brechen auf, immer wieder, durchsuchen das gesamte Gebiet nach diesem Fluss, erleben Rückschläge und Krankheiten – und am Ende kommen sie, auch wenn ich eingangs etwas anderes behauptet habe, doch irgendwo an. Oder auch nicht. Ganz, ganz großartiges Buch, große Leseempfehlung.

Dorothee Elmiger: Einladung an die Waghalsigen. DuMont, 144 Seiten, gebunden, 16,95 €.
Taschenbuch, 9,99 €
E-Book, 7,99 €

[Die Links führen zum Webshop der Buchhandlung Osiander. Wenn Ihr das Buch dort kauft, werde ich ich reich.]

Susann Pásztor: Ein fabelhafter Lügner

Jaaaa! Endlich mal wieder ein Buch, das mich so richtig begeistert. (Die Mumins sind natürlich auch super, laufen aber irgendwie außer Konkurrenz.) Jedenfalls:
Zum hundertsten Geburtstag ihres verstorbenen Vaters Joschi treffen sich die drei Halbgeschwister Marika, Hannah und Gabor. Marika und Hannah sind auch sonst in engem Kontakt, Gabor lebt weiter weg, und das nicht nur im wörtlichen Sinne. Bei den dreien ist außerdem Marikas Tochter, die sechzehnjährige Ich-Erzählerin. Zu viert fahren sie nach Buchenwald, wo Joschi inhaftiert war. Joschis erste Frau und die beiden ersten Kinder wurden in Auschwitz ermordet.
Den drei Frauen, von denen diese drei noch lebenden Kinder stammen, hat Joschi, wie sich herausstellt, ganz unterschiedliche Geschichten über seine Herkunft aufgetischt. Zu stimmen scheint nur, dass er Jude und in Buchenwald war. Ansonsten hat er frei drauflos erzählt, hat zwei Frauen quasi gleichzeitig geschwängert, hatte nach einem missglückten Selbstmordversuch drei Frauen an seinem Krankenbett stehen, hat gelogen und betrogen oder geschwiegen, hat irgendwie doch alle um den Finger gewickelt und schafft es am Ende, dass man ihn sogar als Leser irgendwie mag, trotz allem. Seine drei Kinder und seine Enkelin jedenfalls sind mit einem dermaßen umwerfenden trockenen Humor gesegnet, dass man ihnen sofort erlegen ist. Was dabei rauskommt: ein ganz wundervoll tragikomisches und warmherziges Buch; tatsächlich ein Buch mit Holocaust und Humor. Bemerkenswert. Ganz dicke Leseempfehlung, ich möchte eigentlich, dass Ihr das sofort alle kauft und lest und super findet und das weitersagt.

Susann Pásztor: Ein fabelhafter Lügner. 204 Seiten. Kiepenheuer und Witsch,
Gebundene Ausgabe, 17,95 €
Taschenbuch, 7,99 €
E-Book 7,99 €
Audio-CD, 12,99 €

(Die Links führen zum Webshop der Buchhandlung Osiander. Wenn Ihr das Buch dort bestellt, werde ich unermesslich reich.)

Helgoland, Tag 5

Habe ich gehofft, das Schiff würde nicht fahren? Habe ich wohl. Morgens gucke ich als erstes alle relevanten Webseiten durch, aber nirgends steht was. Um Punkt neun Uhr schalte ich eine Webcam am Hamburger Hafen ein und sehe den Katamaran losfahren. Also Koffer packen, während es draußen schüttet wie aus Kübeln. Eigentlich wollten wir heute noch auf die Düne. Ob das noch was wird?
Es hört auf zu regnen, wir gehen erstmal Schnaps kaufen (Steuerfrei! Zollfrei!) und es wird langsam heller. Auf dem Weg zur Dünenfähre sehen wir die Seebäderschiffe eintreffen – wenn man sonst so übers Meer guckt, sieht man ja nicht wirklich, wie hoch die Wellen sind, aber die Schiffe: ach Du Scheiße. Wenn ich das mal so sagen darf. Es sieht aus, als würden sie meterhoch vorne hochgehen und dann wieder runterstürzen, die Gischt spritzt bis über das Schiff hinaus. Ich bin hin- und hergerissen zwischen der Hoffnung, dass das Schiff nicht fährt, und der Angst, dass es doch fährt und ich … aber nein, ich werde ja nie seekrank, das eine Mal war die Ausnahme, die die Regel bestätigt, und dieses Erlebnis

habe ich in meinem Buch verarbeitet

(yeah, das wollte ich schon immer mal sagen), damit bin ich also fertig. Ab sofort werde ich nicht mehr seekrank, niemals, ich doch nicht.
Wir laufen um die Düne, die Sonne kommt raus, wir gucken mal wieder nach den Robben, die heute eindeutig aggressiv sind, sie kloppen sich, beißen und jagen einander, das muntere Robbenkindermachen von vorgestern scheint vergessen. Irgendwelche Seevögel (Basstölpel? Kormorane? Sie sind zu weit weg) fliegen imposante Fischfangmanöver, ein paar Flügelschläge nur über dem Wasser, dann Sturzflug und zack! haben sie einen Fisch. Wir gucken und gehen weiter, und da ist das Meer und das Blau und der Wind und das Wasser und überhaupt. Wir werden immer stiller, weil das ja auch alles genügt und man nichts sagen muss. Ich ziehe mir Schuhe und Strümpfe aus und gehe mit den Füßen ins Wasser, das muss so, und es ist toll.
Zum Abschluss landen wir, wie sich das gehört, im Dünenrestaurant, und zwar draußen, wie sich das gehört, und essen Pommes und trinken Bier und Apfelschorle, und dann muss ich am Ende ein bisschen aufpassen, dass ich nicht doch tatsächlich ein Tränchen verdrücke. Denn ich muss gehen und das Schiff kriegen, das möglicherweise ganz grauenhaft schaukeln wird, aber die Reisebegleitung und ihre Liebste bleiben noch einen Tag, und jetzt bleiben sie natürlich auf der Düne sitzen, und ich fahre allein zurück. Am Hotel treffe ich glücklicherweise noch Iris, die mich spontan zum Schiff bringt, was wirklich deutlich netter ist, als ganz allein zu gehen.
Die Bedienung auf dem Schiff sagt, es wird nicht so schlimm mit der Schaukelei. Zurück sei es nie so schlimm wie hin. Ich setze aber noch eine Reihe dramatischer Tweets ab, denn kaum sind wir aus dem Helgoländer Hafenbecken raus, kippen wir seitlich in ein Wellental, und ein Stapel Geschirr stürzt vom Tresen und geht zu Bruch. Ich sitze gleich daneben und denke, das fängt ja gut an. Tatsächlich war das aber auch schon das Schlimmste, es schaukelt noch bis Cuxhaven, macht aber nichts. Also, mir nicht. Ich bin ja bekanntermaßen seefest. Nur, wenn es nach Kotze riecht, dann finde ich es kurz mal schwierig, aber das finde ich auch ohne Geschaukel. Und so bin ich nun also wieder zu Hause, wo es auch schön ist. Aber da auf der Düne in der Sonne hätte ich schon auch noch eine Weile sitzenbleiben können. Im Gesicht merke ich die Sonne noch ein bisschen, das ist schön.

Mit bloßem Auge konnten wir nicht erkennen, was für Vögel das waren. Auf den gezoomten Bildern stellt sich raus: es waren Basstölpel dabei, aber auch andere – keine Ahnung, was das hier ist. Kein Kormoran, oder?

Entspannt: die Robbenjugend. Im Gegensatz zur Elterngeneration.

 *

Hey. Danke.

Danke Adelhaid, Du bist eine großartige Reisebegleitung. Und sowieso großartig.

Und danke Klassik-Apartments, Ihr seid genauso hübsch wie Eure große Schwester (nur fehlt Euch der Balkon, aber dafür habt Ihr ja diese superschönen Fliesen im Flur und in den Bädern, das gleicht es wieder aus). Können wir dann gleich schon mal für nächstes Jahr buchen, bitte? Da haben wir nämlich bestimmt wieder furchtbar viel zu tun und müssen dringend mal auf die Insel.

Arbeit

Vor zehn Tagen habe ich hier versprochen, dass es letzte Woche weitergehen würde. Tja.
Es ist ja so: wenn ich viel zu tun habe, habe ich im Laufe der letzten Jahre festgestellt, dann blogge ich mehr. Sogar mehr richtige Texte, ich blogge quasi sogar besser, wenn ich viel zu tun habe, weil ich zwischendurch, als Entspannung zwischen der Übersetzungsarbeit, eigene kleine Sachen schreibe. Wenn ich aber nicht einfach nur viel, sondern grotesk viel Arbeit habe, dann blogge ich nicht, scheint’s. Es ist so viel, dass ich mir schon alberne kleine Belohnungsdingse ausdenke, so einen Quatsch wie: am Ende der Seite eine Waschmaschine anstellen, am Ende der nächsten Wäsche aufhängen, am Ende des Kapitels laufen gehen. Jaja, Waschmaschine Anstellen als Belohnung! Naja, als „Du bleibst jetzt hier sitzen, bis die Seite fertig ist“. Laufen muss sein, ich habe langsam wieder angefangen und laufe etwa 35 Minuten, um den Rücken zu lockern und draußen zu sein und Bewegung zu haben. Wird dann bestimmt bald wieder mehr, wenn ich weiter so konsequent bin. Und dann nehme ich mir vor, jeden Tag zweimal rauszugehen. Einmal Laufen, einmal Spazieren, wenigstens eine Runde um den Block. Briefkasten gilt nicht. Einkaufen vielleicht.
Ich übersetze ein tolles Buch, zusammen mit einer Kollegin, denn es sind 600 Seiten, die Mitte September fertig sein müssen. Und dann soll das bitteschön ein Bestseller werden und uns reich machen, und zwar am besten genauso sofort wie wir sofort übersetzen, denn wir werden dann Masseure und Personal Trainer und sowas für unsere Rücken brauchen, oder wenigstens einen sechswöchigen Urlaub in der Karibik. Was man halt als Übersetzer so macht *hust*.
Bis dahin – keine Ahnung. Vielleicht kommen mir ab morgen lauter lustige kleine Blogideen, die keine Arbeit machen. Kann aber auch sein, dass es hier einfach mal eine Weile etwas stiller wird. Oder Ihr lest solange einfach mein Buch. Wer noch ein signiertes Exemplar haben möchte: so geht’s.
Ansonsten nehme ich noch bis Mitte September Anfeuerungsrufe entgegen. Danke.

Horizon Field

Da waren wir also auf dem Horizon Field des britischen Künstlers Antony Gormley in den Hamburger Deichtorhallen („die Deichtorhallen“ gibt es irgendwie nur im Plural, aber das Horizon Field ist natürlich nur in einer der Hallen): Das ist eine riesige begehbare Fläche, die in siebeneinhalb Metern Höhe aufgehängt ist und einen schwarz-spiegelnden Boden hat. Ein irres Gefühl, darauf herumzulaufen. Durch den Spiegeleffekt wirkt es ein bisschen wie bodenlos; und weil die Fläche hängt, schwingt sie auch noch, und zwar genau im richtigen Maß. Nicht wie Kirmes, aber deutlich spürbar. Wenn jemand springt, schwingt die ganze Fläche mit, man spürt also immer auch die Bewegung aller anderen, die gerade auf der Fläche sind. Wenn man sitzt oder liegt, kann man das genießen oder sich jedenfalls darauf konzentrieren, es zu spüren – wenn man geht, ist es ein bisschen gruselig, man hat das Gefühl, gleich einzubrechen, als würde man auf Wasser gehen oder so. Verstärkt wird der Effekt dadurch, dass man die Fläche nur auf Socken oder barfuß betreten darf, also einen unmittelbareren Bodenkontakt hat als mit Schuhen. Ich kann nicht über Kunst schreiben, ich verstehe nix davon, fand das aber sehr toll. Großartiges Raumgefühl auch, so schwebend in siebeneinhalb Metern Höhe in dieser riesigen, schönen Halle.
(Dönchen am Rande: wir waren am Dienstag dort, nach meiner Buchpremiere am Montag Abend. Als ich die Fläche betrat, kam mir eine Frau entgegen und sagte: „Ich war gestern auf Ihrer Lesung. Und heute mache ich Sachen.“ – Und ich: „Ach. Ach was. Aber doch nicht deswegen?“ – Sie: „Nein, nein, das war schon vorher geplant.“ Aber kurz habe ich mich ganz prominent gefühlt!)

Noch bis 9. September, Eintritt frei.

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