Das supereilige Mammutprojekt schafft mich gerade ziemlich. Da kommt so ein „Einfach nur so“-Geschenk natürlich doppelt gut an. Anders gesagt, ich bin so fertig, dass ich glatt ein kleines Tränchen verdrückt habe vor lauter Rührung. Wolf Haas ist einer meiner absoluten Lieblingsautoren, ich freue mich wirklich sehr auf das Buch! Wenn ich erstmal abgegeben habe! Was ich dann alles mache! Bücher lesen! Rumlungern! Wohnen! Mehr lesen! Und rausgehen auch! Wo das Leben ist! Danke, Pia Ziefle!
Dass ein Nutellabrötchen immer auf die Nutellseite fiele, das ist ja wohl Wunschdenken.
Die Wahrheit ist: es kullert. Und zwar aus der Hand aufs Top, auf den Laptop, auf das Mit-dem-Laptop-im-Bett-sitz-Tablett, auf die Jeans, auf die Bettdecke, aufs Laken, auf die Schuhe, die vorm Bett stehen, und DANN erst mit der Nutellaseite nach unten auf den Boden.
Wir setzen uns in die S-Bahn, uns gegenüber auf dem Vierersitz sitzen ein junger Mann und eine junge Frau. Ob sie zusammengehören? Weiß man nicht. Alter und Styling lassen es möglich erscheinen, sie reden aber nicht miteinander.
Die Frau hat eine Medikamentenpackung in der Hand. VAGISAN steht drauf, in großen, roten Buchstaben auf weißem Grund, gut zu erkennen bis ans Ende des Wagens. Sie steckt die Packung nicht etwa verschämt in ihre Tasche, sondern betrachtet sie eingehend von allen Seiten. Auf allen Seiten steht groß und leuchtend VAGISAN und ein bisschen Kleingedrucktes. Der Mann tippt in sein Telefon, ruft jemanden an. „Na, alles fit?“ – „… im Schritt?“, denke ich und bekomme nur durch übermenschliche Anstrengung keinen Lachanfall.
Die Frau holt den Beipackzettel aus der Packung, verschließt die Packung umständlich wieder und steckt sie in ihre Handtasche. Der Mann beendet sein Telefonat. Die Frau liest den Beipackzettel, von unserer Seite aus sind prima die Zeichnungen zu erkennen, was man wo wie weit einführen soll. Der junge Mann macht den nächsten Anruf: „Na, alles fit?“ Sie liest den Beipackzettel, er sagt in sein Telefon: „Da kneif ich doch nicht gleich den Schwanz ein.“
Ich starre konzentriert aus dem Fenster.
Die Frau wirft den Beipackzettel in den S-Bahn-Mülleimer. Ich bin nicht sicher, ob das eine gute Idee ist.
Sie ruft ebenfalls jemanden an. „Na, alles klar?“
Wir steigen aus.
Neulich schrieb ich, dass ich es blöd finde, sich über Leute lustig zu machen, die irgendetwas nicht gut können.
Ebenso blöd finde ich es, sich über Leute lustig zu machen, die einen anderen Geschmack haben als man selbst. Dass man über Geschmack nicht streiten kann, wussten schon die alten Römer, und es ist ja auch sowieso klar: Geschmack ist etwas Individuelles. Was mir gefällt, gefällt meinem Nachbarn vielleicht nicht. Davon abgesehen hat Geschmack natürlich auch mit Modeerscheinungen zu tun, und dann auch mit Sozialisation und Herkunft und so weiter. Viele meiner engeren Freunde haben in manchen Dingen einen ähnlichen Geschmack wie ich. Aber niemand genau denselben. Nicht mal mein Mann und ich haben immer denselben Geschmack! Ich habe Freunde mit – für mich – vollkommen unmöglicher Wohnungseinrichtung, Freunde, die grauenhafte Musik hören, und Freunde, die entsetzliche Frisuren haben. Sie sind meine Freunde, weil sie tolle Menschen sind, und der Rest sind Äußerlichkeiten und eben Geschmackssache. Man stelle sich mal vor, wie langweilig die Welt wäre, wenn alle denselben Geschmack hätten. Ist doch super, dass das Leben bunt ist.
Manche meiner Freunde geben sogar ihren Kindern Namen, die ich nicht schön finde. Na und? Deswegen sind sie immer noch meine Freunde, und ihre Kinder auch. Nach dem ersten „oweia“-Gedanken ist es nämlich ganz schnell so, dass das Kind eben so heißt, wie es heißt, und fertig. Da braucht man dann auch nicht mehr dauernd drüber zu kichern. Und was für Freunde gilt, gilt erst recht für wildfremde Menschen: sie können ihre Kinder nennen, wie sie wollen. Wenn jemand seine Tochter Chantal-Cheyenne nennen möchte, dann soll er das doch bitte in Frieden tun dürfen, ohne dass gleich ganze Webseiten daherkommen und sich über die entsprechenden Geburtsanzeigen lustig machen. Nänänä, guckt mal, was für bescheuerte Namen die Leute ihren Kindern geben! Die haben vielleicht einen doofen Geschmack! Meiner ist viel besser, mein Kind heißt natürlich Johannes oder irgendeine Abwandlung davon. Entschuldigung, aber das ist doch primitiv.
Diese Eltern haben einfach einen *anderen* Geschmack als ihr. Das dürfen die! Und komme mir jetzt niemand mit „aber was die ihren Kindern damit antun“. Diese Eltern haben Namen für ihre Kinder ausgesucht, die sie schön finden. Sie geben Geburtsanzeigen auf, weil sie froh und glücklich über die Geburt ihrer Kinder sind, und weil sie ihre Kinder lieben. Und dann kommen so ein paar ungehobelte Hanseln daher, die sich für etwas Besseres halten, und kippen öffentlich im Internet Häme über diesen Eltern aus, bloß weil sie einen anderen Geschmack haben.
Das finde ich echt blöd. Es macht mich richtig wütend.
[Nein, ich werde die betreffende Webseite hier nicht verlinken.]
Im Übrigen: Unterschätzt mal die Kevins nicht! Die Kevins hauen uns raus!