Split, Tag 7

Kulturtag! Die Wettervorhersage hat ausnahmsweise recht: Es ist grau und ziemlich frisch, 16°C. Wir gehen schön frühstücken und dann ins Museum. Es gibt Gemälde ab dem 14. Jahrhundert, ist das nicht immer wieder irre, dass so alte Dinge immer noch da sind? Wie toll ist das bitte! Emotional erreichen Märtyrer und Heilige und halbnackte Frauen mich meist eher nicht so, aber bei den modernen Sachen sind ein paar tolle dabei. Mich beeindrucken zum Beispiel die Gastarbeiter-Zeichnungen von Dragutin Trumbetaš oder die Fotoserie „Compassion“ von Zlatko Koplja. Den „Raucher“ von Ivo Šebalj halte ich für einen Kiffer, aber hey. Toll ist er!

Wir machen kurz Mittagspäuschen zu Hause, und dann scheint, ZACK!, die Sonne und wir packen die Badesachen ein und gehen ans Meer. Dort angekommen, kommt es mir plötzlich doch wieder sehr kalt vor, aber, alte Regel: wenn man erstmal drin ist, ist es super. Ist einfach immer so. Das allwissende Internet sagt, die Wassertemperatur liege aktuell bei 17°C, ich sage zum Mann, Eisbaden sei ja auch der heiße Scheiß, und er sagt, das sei doch kein Eisbaden, also sage ich, es ist mindestens Arschkaltbaden. Quasi Einsteigereisbaden für Memmen. Danach ein zum Kleid passendes Getränk.

Am Abend gehen wir ins Ballett, „Le Corsaire“ von Adolphe Adam (das ist der, der auch Giselle komponiert hat). Es war sehr bunt und sehr voll auf der Bühne, aber ich fürchte, wir sind von Hamburg auch echt verwöhnt. Nicht, dass wir dort dauernd ins Ballett gingen, aber wenn, dann ist es halt fantastisch.

Eis: Salzkaramell mit Schokoglasur.

Split, Tag 6

Programmpunkt heute: Die Festung Klis. Eine halbe Stunde mit dem Bus in teilweise abenteuerlichen Serpentinen den Berg hoch, und dann: die Aussicht! Unfassbar. Was für ein Blick über Split hinweg, über Brač hinweg, über Hvar hinweg, und es ist auch schon wieder viel blauer als angesagt, und wärmer. Man schlendert von einer Terrasse zur anderen, von einer schönen Aussicht zur nächsten und kann überall stehenbleiben und einfach nur gucken. Man kann schon verstehen, warum Menschen sich hier angesiedelt haben, warum man hier sein möchte, warum man sich hierher sehnt. In der Festung wurde übrigens ein Teil von Game of Thrones gedreht (was ich nicht gesehen habe), das Thema ist zum Glück nicht übermäßig präsent.
Dummerweise ist vor vielleicht drei Wochen meine Sonnenbrille kaputtgegangen, die Beschichtung der Gläser hat sich aufgelöst, es war kein Durchgucken mehr. Wenn ich viel Glück hätte, hieß es beim Optiker, könnte es vielleicht noch rechtzeitig mit neuen Gläsern klappen. Kurz vor der Abreise habe ich nochmal angerufen, und die freundliche Mitarbeiterin hat extra für mich beim Hersteller der neuen Gläser nachgefragt und mir gesagt, es klappt leider gar nicht, überhaupt keine Chance. Am Nachmittag, als ich hier ankam, kam die SMS, dass die Brille fertig sei. Aber halt in Hamburg. Ich bin *so* kurz davor, mir ein schlechtsitzendes Billigding für 10,- € zu kaufen, mit dem ich weder gut sehe, noch gut aussehe. Oder so ein albernes Touristenhütchen, das mir die Augen beschattet?

Nachmittags zu Hause kurz die Füße hoch, heute Abend nochmal raus, Veggi-Burger und Pommes auf einer Bank an der Strandpromenade, dann verifizieren, was es mit der Gelateria Emiliana auf sich hat. Es ist nämlich so: es gibt hier an jeder Straßenecke eine Eisdiele. Eine Kugel Eis kostet zwischen 2,50 € und 3,50 €. Vor der Gelateria Emiliana steht, wann immer man dort vorbeikommt, eine respektable Schlange, vor den anderen nicht. Wir wollten also wissen, warum, und die Antwort ist: keine Ahnung. Das Eis kostet 3,- €, ist also im Rahmen, es ist nicht besser als anderswo, die Waffel ist sogar schlechter. Ich hatte Griechischer Joghurt-Mango-Passionsfrucht (und dass ich keine Kerne in meinem Eis mag, ist natürlich mein Privatproblem und sagt rein gar nichts über die Eisqualität).

Split, Tag 5

Nachdem wir zwei Tage hintereinander 20.000 Schritte gegangen sind, beschließen wir, es heute etwas gemütlicher angehen zu lassen. Wir frühstücken spät und ausgiebig, dann wollen wir endlich den Diokletianpalast sehen, der praktisch ein Teil der Altstadt ist und vor allem aus schmalen Gassen besteht. Wieder lassen wir uns einfach treiben, wir besichtigen nicht wirklich irgendetwas, wir informieren uns nicht weiter, wir gucken nur und finden alles toll. Nebenan ist Markt, wir kaufen ein Pfund Kirschen, vier Aprikosen und zwei Nektarinen für zusammen fünf Euro. Nachholeis von gestern: Mango.

Hier bitte Ton an! So schön.

Am Nachmittag nehmen wir den Bus zum Strand und baden. Eis für heute: Grüner Apfel (schmeckt ein bisschen nach Chemieunfall). Abends gehen wir einfach wieder in die Palastgegend und essen in einer Tourifalle mit charmantem Kellner. Auf dem Rückweg denke ich über ein drittes Eis nach, lasse es dann aber. Ich fühle mich so richtig rauskatapuliert aus dem Alltag, aus dem grauen Hamburg, gerade war doch noch Winter? Jetzt ist plötzlich Sommerferiengefühl, zwar nicht furchtbar heiß, aber warm und Meer und so viel blau und alte Steine. Und Meer, Meer, Meer. Es ist herrlich. Wir gehen etwas über 14.000 Schritte.

Ich war Schuhe shoppen. So viel besser!

Einsamkeit 2

[Letztes Jahr im Juni las ich in Bremen im Literaturhaus. Das Literaturhaus Bremen ist aber gar kein Haus, sondern existiert nur virtuell, deswegen wird man außerdem immer gebeten, zwei Kolumnen zu einem Thema zu schreiben, das irgendwie zum vorgestellten Roman passt. Ich bekam das Thema Einsamkeit. Hier kommt die zweite Kolumne, die erste ist hier.]

Anfang 2018 wurde in Großbritannien als erstem Land der Welt ein Ministerium für Einsamkeit eingerichtet. Genauer gesagt: das „Ministerium für Sport, Zivilgesellschaft und Einsamkeit“, was ein bisschen eine seltsame Aufzählung ist. Jedenfalls hat man erkannt, dass Einsamkeit sogar noch ungesünder sein soll als Rauchen (wie auch immer man das gegeneinander aufrechnen mag). Dass Einsamkeit zu einem so umfassenden Problem geworden ist, dass man dagegen angehen muss. Wenn man das Wort „Einsamkeitsministerium“ auf Deutsch googelt, landet man beim „Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend“, eine fast ebenso sonderbare Aufzählung wie in Großbritannien. Auch hier sollen also Maßnahmen gegen Einsamkeit ergriffen werden, man packt das Thema zu „Familie und das andere Gedöns“ (Gerhard Schröder). Und vielleicht liegt da schon der Kern des Problems – dass Teile der Gesellschaft einzeln in einem Ministeriumsnamen aufgezählt werden, andere nicht. Als wären die einen ein Problem, oder mindestens ein Thema, um das man sich kümmern muss, die anderen nicht.
Ich habe keine Ahnung, wie viel ein Ministerium tatsächlich gegen Einsamkeit tun könnte. Ansätze gäbe es sicherlich. Einsamkeit ist ein negativ besetztes Wort, daran ist nicht zu rütteln, schon das Wort „Einsamkeit“ macht einen ganz traurig. Niemand gesteht sich oder anderen gern ein, dass er sich einsam fühlt. Niemand möchte einsam sein.

Warum nicht einfach „Ministerium für Familie und Freundschaft“? Da wäre alles drin, alle Menschen, alle Beziehungsformen. „Familie“ sind die Leute, mit denen man zufällig verwandt ist. Mit manchen davon kann man vielleicht nicht besonders viel anfangen und möchte nicht das Leben mit ihnen teilen. Und das Gute ist: das muss man heute auch nicht mehr. Wir haben andere Möglichkeiten als die Kernfamilie, wir können in allen denkbaren sozialen Konstellationen leben – vorausgesetzt, wir finden Menschen, die auf dieselbe Weise mit uns leben möchten. Freundschaft, Paarbeziehung, Wohngemeinschaft, Familie was auch immer. Beide Arten von Beziehungen – Familie und Freundschaft – brauchen auch rechtliche Regelungen, und es wird Zeit, dass man die Freundschaft in vielen Bereichen der Familie gleichstellt.
Das Ministerium, das sich um alle anderen Krankheiten kümmert, heißt nicht Krankheitsministerium, sondern Gesundheitsministerium. Das Ministerium für Sport heißt nicht Ministerium für Herumsitzen. Ich finde, das Ministerium für Einsamkeit sollte lieber Ministerium für Freundschaft heißen. Oder wenn das nicht ausführlich genug ist: Ministerium für Familie, Freundschaft, soziale Beziehungen und Empathie. Da möchte man sich doch gleich viel lieber einsortieren als bei „Einsamkeit“.

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