Wow. Was für ein Buch! Ganz erstaunlich. Weil man hinterher irgendwie auch nicht wirklich klüger ist als vorher, man hat vielmehr das Gefühl, dass die Geschichte jetzt erst so richtig anfangen würde, aber da ist das Buch schon zu Ende. Und das ist ganz wunderbar so, denn der wichtigste Schritt der beiden Protagonistinnen ist da wahrscheinlich schon getan. Wenn die klassische Heldenreise damit anfängt, dass der Held nach anfänglichem Zögern aufbricht, um dann X weitere Stationen zu durchlaufen – dann hört es hier mit dem Aufbruch quasi auf.
Die beiden Schwestern Margarete und Fritzi sind, was ihr Alter angeht, irgendwo an der Schwelle von der Jugend zum Erwachsensein. Sie leben im „Gebiet“, einem ehemaligen Kohlerevier; im Laufe des Buchs erfahren wir, dass es dort unterirdische Feuer gibt, die Kohleflötze brennen schon seit Jahrzehnten, das Gebiet ist anscheinend zum großen Teil verwüstet und verlassen, aber so ganz genau erfahren wir es nicht. Der Vater ist Polizeichef der verschwindenden Stadt, die Mutter nicht mehr da. Es gibt in der Umgebung noch ein paar weitere bewohnte Ortschaften, aber auch das bleibt ein wenig unklar, wir erfahren nicht genau, was passiert ist, und wer noch da ist, und warum. Das vor allem: warum. Warum geht fast niemand weg, aus diesem tristen und offenbar begrenzten Gebiet? Da draußen ist die Welt, ganz normal, aber irgendwie bleiben die Leute, die noch da sind, zum größten Teil da. Man weiß nicht, warum. Man erfährt überhaupt ziemlich wenig, das aber auf eine unglaublich poetische Weise, die die ganze Geschichte ebenso klaustrophobisch wie hoffnungsvoll macht. Die beiden Schwestern suchen nämlich nach einem Fluss, den es einmal gegeben haben soll, und der möglicherweise unter der Erde verschwindet. Sie brechen auf, immer wieder, durchsuchen das gesamte Gebiet nach diesem Fluss, erleben Rückschläge und Krankheiten – und am Ende kommen sie, auch wenn ich eingangs etwas anderes behauptet habe, doch irgendwo an. Oder auch nicht. Ganz, ganz großartiges Buch, große Leseempfehlung.
Dieses Jahr könnte man meinen, ich wäre wahnsinnig fleißig. Dauernd erscheint irgendwas Neues. Stimmt natürlich nicht, ich habe gar nicht so viel auf einmal gearbeitet, sondern es erscheint nur irgendwie alles gleichzeitig. Jetzt also: Der Hamburger Ziegel 13.
Der „Ziegel“, das Hamburger Jahrbuch für Literatur, erschien zum ersten Mal vor 20 Jahren, damals in den Maßen des, genau, Hamburger Ziegels. Inzwischen ist das Buch etwas größer geworden, heißt aber immer noch „Ziegel“ und erscheint alle zwei Jahre. Darin versammelt findet sich die aktuelle Hamburger Literatur: Mit dabei sind unter anderem Stevan Paul, Katrin Seddig, Gunter Gerlach, Mirko Bonné, Alexander Posch, Tanja Schwarz, und naja, ungefähr die komplette Hamburger Literaturszene halt. Oder jedenfalls ein großer Teil. Und ich! Meine erste eigene literarische Veröffentlichung! Alles andere war bisher ja eher journalistisch. Und dann gleich zwei Geschichten, „Brombeeren“ (S. 28) und „Der Pfau“ (S. 473). Hurra! *plopp*
Jürgen Abel / Wolfgang Schömel (Hg.): Hamburger Ziegel 13. Dölling und Galitz, 555 Seiten, 14,80 €.
[Der Link führt zum Webshop der Buchhandlung Osiander.]
Morgen (Dienstag) bin ich im Radio: Punkt 20:00 Uhr bei Radio Tide 96,0 (kann man auch übers Internet hören). Wir sprechen überraschenderweise über „Sachen machen“, und ich lese auch was vor. Weiß noch nicht, was.
Ich war auf zwei Hochzeiten. Meistens schreibe ich über so eher private Dinge ja nicht, zumal es ja sogar die privaten Dinge anderer Leute sind, aber diesmal muss ich, weil jemand angedrohtkündigt hat, nach „Discofox Hamburg“ googeln und damit mein Blog finden zu wollen. Deswegen muss ich jetzt über Discofox in Hamburg schreiben, und den habe ich eben auf einer dieser beiden Hochzeiten getanzt, beziehungsweise, ich könnte natürlich auch einfach sonstwas über Discofox in Hamburg behaupten, völlig egal, Hauptsache, Google findet mein Blog mit „Discofox Hamburg“. Tue ich aber nicht, hier ist ja immer alles streng die Wahrheit.
Die erste Hochzeit ist damit auch schon raus, denn die war weder in Hamburg, noch habe ich dort Discofox getanzt. Sie war vielmehr in Mainz und ich tanzte Walzer, und zwar mit dem Gatten, und der wiederum braucht mein Blog nicht zu googeln, er kennt es ja schon. Aber die Hochzeit war super!
Eine Woche später auf der Hochzeit in Hamburg aber tanzte ich Discofox, was ich seit, ach, gefühlten hundert Jahren nicht getan habe, was unter anderem daran liegt, dass der Mann Discofox weder leiden noch tanzen kann, und andere Männer – was ist das eigentlich mit euch Männern? Warum tanzt ihr nicht? Macht doch so einen Spaß.
Auf der zweiten Hochzeit also tanzte dieser schöne, große Mann, mit dem wir vorher schon irgendwelchen Quatsch gemacht hatten, Discofox mit der einen Braut und sagte hinterher, er und Discofox, sie seien nämlich *so* miteinander, und da sagte ich, ich wolle bitte auch noch einen Discofox von ihm. Und dann warteten wir Stund’ um Stunde, und es lief Soul und Rock’n’Roll und lauter Musik unterschiedlichster Provenienz und Couleur, aber kein akzeptabler, tanzbarer Discofox mehr, und wir tranken Wein um Wein, und der Mann fing einen der beiden Brautsträuße – also, der Discofoxtänzer, nicht meiner – und alle gratulierten, und wir tranken noch mehr Wein, und gegen halb zwei lief endlich Sweet Dreams, und der schöne, große Mann und ich riefen gleichzeitig: jetzt!
Und dann tanzten wir Discofox, und es stellte sich raus, dass es eine extended version oder sowas von Sweet Dreams sein musste, denn das Lied hörte gar nicht mehr auf, und wir hörten auch nicht mehr auf, und mir war schwindelig vom Wein und vom Discofox in Hamburg, und der Tänzer sagte „sachma! Normalerweise geben die Frauen nach zwei Minuten schon auf“, aber ich doch nicht, ich gebe doch beim Tanzen nicht schon nach zwei Minuten auf, wo kämen wir denn da hin.
Und dann war das Lied zu Ende, und es kam kein Discofox mehr, und man soll ja auch aufhören, wenn es am schönsten ist, und jetzt habe ich hoffentlich oft genug die Wörter Discofox und Hamburg geschrieben, damit das Googleexperiment stattfinden kann und er mich findet, was natürlich total überflüssig ist, denn das hat er über Facebook eh schon. Welcome, Sir, das hier ist mein Blog.
Und so war auch diese zweite Hochzeit super, nicht nur wegen des Discofoxes, sondern auch wegen der strahlenden Bräute und der strahlenden und sich mitfreuenden Gäste, und weil Hochzeiten sowieso immer super sind, alte Regel. Ehrlich, Hochzeiten: toll. Und das beste ist, immer, wenn ich denke, schade, jetzt sind alle durch, jetzt sind alle verheiratet, dann stellt sich raus: stimmt gar nicht, irgendwer heiratet dann doch noch, und dann freue ich mich, weil Hochzeiten nämlich super sind. Manchmal kann man sogar Discofox tanzen oder Walzer.
[Hier, Hamburger Männer: Ich würde wirklich gern wieder tanzen. Niveau wäre sicher schnell wieder bei Bronze oder Silber, Körpergröße 1,85 Minimum, besser größer. Weil, 1,82 bin ich selber. Gern schwul; einfach deswegen, weil das ein oder andere Problem dann gar nicht erst im Raum steht. Muss aber nicht.]
In einer Museumsbuchhandlung kurz durchgelesen und sofort gekauft. Ging gar nicht anders.
Es gibt ein Land, in dem die Menschen fast gar nicht reden. Das ist das Land der großen Wörterfabrik. In diesem sonderbaren Land muss man die Wörter kaufen und sie schlucken, um sie aussprechen zu können. […] Es gibt Wörter, die sind wertvoller als andere. Man sagt sie nicht oft. Eigentlich nur, wenn man sehr reich ist. Denn im Land der großen Wörterfabrik ist Sprechen teuer. Diejenigen, die kein Geld haben, durchsuchen manchmal die Mülleimer. Aber die weggeworfenen Wörter sind meist wertlos: Man findet nur Hundekacka und Hasenpipi.
Was es in diesem Land aber auch gibt, ist die Liebe. Und die Eifersucht, die gibt es auch. Und es ist natürlich ganz unglaublich reizend, was dann wegen der Liebe passiert. Paul ist nämlich in Marie aus dem Nachbarhaus verliebt, aber das kann er ihr nicht sagen, denn er hat kein Geld. Am Ende wird aber alles gut, versprochen. Also gut, es schrammt vielleicht stellenweise hart am Kitsch vorbei, ebenso wie die Illustrationen – aber wer ein Herz hat, wird diesem kleinen Büchlein sofort erliegen. Ehrlich. Absolut zauberhaft.
[Die Links führen zum Webshop der Buchhandlung Osiander. Wenn Ihr sie hier anklickt und das Buch dann dort bestellt, werde ich unermesslich reich. Danke.]