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Es war schon wieder herrliches Wetter, und wir sind mit dem Schiff in die Stadt Hvar auf der Insel Hvar gefahren. Hvar ist „die schönste Insel der Welt“, oder zumindest „das St. Tropez der Adria“. Was soll ich sagen: stimmt. Es ist sagenhaft schön, sehr herausgeputzt auch, es gibt elegante und coole Strandbars, das Städtchen ist schmuck, das Wasser glasklar, oben drüber thront eine Festung, unten dümpeln kleine Yachten im Hafen herum, und ich glaube, wir haben die allerbeste Jahreszeit erwischt. Warm und sonnig genug zum Baden, aber noch keine Hochsaison, es ist noch nicht so voll. Wir gehen am Meer entlang und trinken einen Kaffee in einer schicken Strandbar, dann erklimmen wir die Festung, von der aus man mal wieder einen spektakulären Blick über die nächstgelegenen Inseln hinweg hat. Blau, blau, blau, so weit das Auge reicht. Man kann einfach immer mal wieder irgendwo sitzen- oder stehenbleiben und eine Weile gucken. Sonst nichts. Und riechen, es duftet überall nach Pinien, nach Jasmin oder nach einem Baum, der laut Google Lens Chinesischer Klebsame heißt.








Wir gehen wieder runter, stromern ein wenig durch die Stadt und steigen noch auf den Uhrenturm und besichtigen das alte Theater: tatsächlich das älteste öffentliche Theater Europas, 1612 eröffnet. Verrückt! Auf so einer kleinen Insel! Ich hätte eher auf Paris oder London oder so getippt. Und was ist mit den griechischen und römischen Theatern, waren die nicht öffentlich? Hm. Und hübsch ist es! (Die jetzige Inneneinrichtung ist allerdings geringfügig jünger.)



Und dann gehen wir in die andere Richtung am Meer entlang bis zu einem kleinen Badestrand. Man gewöhnt sich an die Wassertemperatur, es ist – natürlich! – herrlich.
Irgendwie sind wir schon wieder 22.000 Schritte gelaufen, und so viel Sonne und frische Luft machen seltsamerweise müde. Zu Hause müssen wir uns richtig aufraffen, um nochmal rauszugehen und uns etwas zu essen zu suchen.


Eis: Pfefferminz mit Schokostückchen
Donnerstag, 7. Mai
Es fühlt sich ein bisschen seltsam an, ganz allein nach Split zu fliegen, ungewohnt, eine Reise allein anzutreten, aber der lustige Mann wird nachkommen. Und dann muss er nach einer Woche zurück, denn die Schule fängt wieder an, ich aber bleibe noch für den Rest des Monats. Meine Freundin Alida hat eine Wohnung in Split, sie sagt schon lange, wir sollen kommen, sie zeigt uns ihre Stadt, sie geht für die Zeit zu ihrer Mutter, ich kann bleiben, solange ich will, wir schreiben zusammen. Jetzt musste sie leider doch zu Hause in Deutschland bleiben, und ich bin ohne sie hier.
Aber ich bin ja schon groß und finde den Weg in ihre Wohnung in Split auch alleine. Ich schicke ihr Fotos nach Münster, sie freut sich, dass ich gut angekommen bin und schickt mir gleich die ersten Tipps. Ich gehe raus und Richtung Altstadt, der Weg findet sich quasi von allein, man sieht schon von der riesigen Terrasse im fünften Stock das Meer, da will ich hin, das ist die richtige Richtung! Es ist alles fußläufig erreichbar, man geht nur wenige Schritte und ist schon in der Altstadt, ich gehe eine Fußgängerstraße hinunter, unten glitzert die Adria, und auf einer Bühne singt ein Chor mehrstimmig in einer abartigen Lautstärke, und mir kommen tatsächlich plötzlich die Tränen, weil es so schön ist. Das Meer, die Stadt, der Gesang, die Palmen, die Menschen. Auf der Uferpromenade ist ein Markt, ich lasse mich von Stand zu Stand treiben, es gibt so bunte Klapperenten für Kinder, die man an einem Stab vor sich herschiebt, sehr viele Kinder schieben solche Enten, und es gibt unfassbare Mengen von Kochlöffeln zu kaufen, manche Leute kaufen ganze Kochlöffelsträuße. Alida lacht, als ich sie frage, was das mit den Kochlöffeln ist, sie sagt, das ist bei diesem Fest immer so, da kaufen die Leute Kochlöffel. Es sei das Fest des heiligen Duje, des Schutzpatrons der Stadt. Jetzt, drei Tage später, ärgere ich mich, wieso habe ich keinen Kochlöffel gekauft? Okay, ich brauche keinen Kochlöffel. Andererseits, braucht man nicht immer Kochlöffel, sind Kochlöffel nicht ein essenzielles Accessoire des Lebens? Wie dumm kann man sein? Die Stadt ist rappeldickevoll, auf den Plätzen sind Bühnen aufgebaut, überall ist Musik in irrer Lautstärke. Es ist gar nicht so warm, um die 20°C, nicht viel wärmer als in Hamburg, aber es fühlt sich anders an. Ich esse ein Eis, die beiden immerwährenden allgemeingültigen Urlaubsregeln lauten bekanntlich: 1. einmal am Tag ein Eis, 2. einmal am Tag ins Wasser. Letzteres habe ich schon mal gleich nicht gemacht, das Wasser dürfte aber auch noch ganz schön kalt sein. Eis: Joghurt-Amarena.


Freitag, 8. Mai
Spoiler: Schon wieder Regel zwei missachtet, Regel eins ordnungsgemäß absolviert. Aber erstmal ausschlafen, Yoga (das ist eigentlich seit langem einen eigenen Blogeintrag wert, wie ich plötzlich zur Yogamaus mutiert bin), Koffer auspacken, die Wohnung in Besitz nehmen, ankommen. Und dann lasse ich mich einfach wieder den Großteil des Tages durch die Stadt treiben, esse irgendwo etwas und lese dabei Olivas Garten, entdecke Läden für Badeentchen oder Weihnachtsdeko, setze mich mit dem Eis (Schokolade) auf eine Bank am Meer und gucke Schiffe und Menschen und denke: was für ein schönes Leben. Echtjetztma. Spät am Abend kommt der Mann, ich hole ihn am Busbahnhof ab und finde das irgendwie romantisch. Es ist schön, dass er da ist und wir eine Woche lang alles gemeinsam erkunden können, bevor ich dann zwei Wochen zum Schreiben allein hier bin.




Samstag, 9. Mai
Die Wettervorhersage für die nächsten Tage sieht nicht so richtig gut aus. Heute soll es noch recht sonnig sein, die nächsten Tage stehen immer Wolken und sowas wie „70% Regenwahrscheinlichkeit“ in der App. Also beschließen wir, gleich am ersten Tag einen Ausflug auf die Insel Brač zu machen, da soll es schön sein. Das Schiff fährt eine Stunde, und das wollen wir natürlich bei schönem Wetter machen.
Richtige Entscheidung! Wir schippern rüber und laufen dort erst ein bisschen durchs Dorf und dann einfach immer weiter an der Küste entlang, es ist wirklich herrlich, alles duftet nach Pinien, es sind kaum Leute unterwegs, das Wasser glitzert, es geht kaum ein Lüftchen und fühlt sich viel wärmer an als 20°C.
Der lustige Mann ist natürlich klüger als ich, er hat sich Badelatschen eingepackt. Vor vielen Jahren waren wir schon mal in Kroatien, ich hätte wissen können, dass „Strand“ hier nicht „Sand“ bedeutet. Ich besitze sogar richtige Badeschuhe, sie liegen zu Hause im Schrank. Aber finden eine Stelle, wo von einem Betonsteg aus eine Treppe ins Wasser führt und man nicht barfuß über Steine muss, und heiliger Duje, ist das kalt! Und ist das herrlich! Wir haben im Mittelmeer gebadet!
Eis: Dunkle Schokolade.










Die blaue Olga ist eine Schmuckkollektion mit Kettenanhängern und inzwischen auch Ringen von der großartigen Kat Menschik. Aus Porzellan und wunderschön. Zuerst trug Kat die Anhänger selbst, um den Praxistest zu machen. Ob die Fassung hält, ob die Farbe bleibt, sowas. Auf den Buchmessen in Frankfurt und Leipzig quiekten natürlich alle Frauen (allen voran ich): Wie toll, kann ich kaufen?
Im Herbst 2019 war die Testphase abgeschlossen, und Kat ging mit dem Schmuck online. Zehn verschiedene Motive in einer Auflage von jeweils fünfundzwanzig Exemplaren. Wenn die verkauft sind, ist Schluss, dann gibt es ein neues Motiv. Ich ging sofort auf die Webseite, sah den Preis und schluckte erstmal. Es ist Kunst, es ist Handarbeit, es ist eine limitierte Auflage – der Preis ist total in Ordnung, aber sowas kaufe ich doch nicht mal eben im Vorbeiklicken.
Kurz vor Weihnachten fragte das Hamburger Abendblatt ein paar Kulturschaffende: Was wünschen Sie sich für sich persönlich? Und wenn Geld keine Rolle spielt? Was wünschen Sie sich für das Hamburger Kulturleben? Und wenn Geld keine Rolle spielt? Wem würden Sie gern etwas schenken? Von wem hätten Sie gern ein Geschenk? … und so weiter. Ich antwortete dies und das, und für mich persönlich, wenn Geld keine Rolle spielt, vielleicht eine blaue Olga von Kat Menschik. Der Fragebogen erschien, und ich schickte Kat ein Foto davon.

Kat reagierte auf zwei Weisen: sie postete das Foto auf Facebook, und sie bot mir einen Freundschaftspreis für eine blaue Olga an. Und irgendwie fand ich dann doch, dass ich eine haben müsste, „Laufen“ war im Herbst erschienen und lief gut, und ich dachte, ich schenke mir einfach selbst eine. Es wurde Weihnachten und Neujahr, ich brauchte ein bisschen, um mich zu entscheiden und mir ein Motiv auszusuchen. Anfang Januar war ich soweit, ich schrieb Kat an einem Nachmittag eine Nachricht, welchen Kettenanhänger ich gern hätte.
Am nächsten Morgen lag er im Briefkasten. Ich staunte kurz, wie schnell das ging, öffnete das Päckchen, und: es war der falsche Anhänger. Dabei lag eine kleine Karte von einer mir völlig unbekannten gemeinsamen Facebookfreundin, die meinen Wunsch gesehen hatte und mir die blaue Olga mit dem Motiv der Charlotte Ritter geschenkt hat. Einfach so. Aus Nettigkeit.
Nachdem ich meine Kinnlade wieder hochgeklappt hatte, schrieb ich zuerst Kat: wer ist das, spinnt die, warum tut sie das, kennst du sie? Kat antwortete, dass sie die Dame auch nicht kenne, aber das Gefühl habe, sie spinne nicht, und ich könne es annehmen. Wenn es mir aber zu viel sei, könne ich den Anhänger natürlich auch einfach zurückschicken, gar kein Problem.
Ich versuchte zu googeln, ob man herausbekommen kann, ob die Dame sehr reich ist, kann man aber nicht. Dann schrieb ich sie an. Bedankte mich und fragte, ob sie vielleicht spinne. Oder ob sie ein bis zwei Nullen übersehen habe. Nein, schrieb sie, sie habe mir einfach eine Freude machen wollen. Einfach nur so. Sie freut sich, wenn ich mich freue. (Und nein, sie ist nicht sehr reich.)
Wir plauderten ein bisschen, irgendwann kam: „Ich habe nur zwei Bitten.“ Aaaaah, dachte ich, jetzt kommt’s. Jetzt kommt „ich habe einen Roman geschrieben, kannst du den mal lesen / mich bei deinem Verlag / deiner Agentur empfehlen“ oder sowas. Das kam aber nicht, die zwei Bitten waren: Erstens, dass ich ihren Namen nicht an die große Glocke hänge, und zweitens, dass ich den Anhänger ganz oft trage, damit möglichst viele Menschen diese schöne Arbeit sehen.
Das war alles.
Sofort ein Foto gemacht, um es der Schenkerin und Kat zu schicken.
Das ist jetzt sechs Jahre her, und ich staune eigentlich immer noch. Einmal haben wir uns getroffen, als ich gerade in ihrer Stadt war. Wir haben in einer Bäckereikettenfiliale einen Kaffee getrunken, es war total nett. Ein andermal trafen wir uns zufällig auf der Buchmesse, und fünf Minuten später auch noch Kat, das war schön. Es ist nicht so, dass sie mir seitdem auf die Pelle rückt oder sich für meine beste Freundin hält. Ich habe mich auch an beide Wünsche der Schenkerin gehalten: ich nenne ihren Namen nicht, obwohl ich diese Geschichte sehr oft erzähle. Und ich trage die Kette praktisch nonstop. Ich bin noch nie so oft auf ein Kleidungsstück oder Accessoire angesprochen worden wie auf die blaue Olga, allerdings habe ich auch noch nie eins so ausdauernd getragen. Wenn ich sie gelegentlich mal nicht umhabe, werde ich gefragt, wo denn meine schöne Kette sei. Dieses Geschenk rührt mich bis heute, es war einfach ein random act of kindness.

Man kann mich bildergoogeln, auf den meisten Fotos der letztes sechs Jahre werde ich die Kette tragen. Auch auf den offiziellen. (Foto: Heike Blenk)
PS: Ein Gedanke, der mir erst später kam: Wenn es ein Mann gewesen wäre, hätte ich es wahrscheinlich nicht annehmen können. Was natürlich auch blöd ist.
PPS: Charlotte Ritter, die auf meiner blauen Olga zu sehen ist, ist eine Figur von Volker Kutscher aus der Reihe um Gereon Rath. Ich habe weder die Romane gelesen, noch die Serie Babylon Berlin gesehen. Charly Ritter ist die Coverillustration von Volker Kutschers / Kat Menschiks Moabit aus derselben Reihe. Irgendwann werde ich das nachholen.
Immer, wenn Galeria Karstadt-Kaufhof-Horten gerade mal wieder pleite ist und alle über die „Verödung der Innenstädte“ jaulen, denke ich: Verödung? Geht mal bitte nach Geschäftsschluss in eine klassische Fußgängerzone, öder geht es doch nicht. Und während der Geschäftszeiten: wie öde ist bitte Shoppen? Dinge kaufen, die wir in den allermeisten Fällen nicht brauchen? Niemand spricht miteinander, jeder macht sein Ding, aber alle auf einmal. Das soll „nicht öde“ sein? Das, was typischerweise als „Innenstadt“ bezeichnet wird, ist doch der Inbegriff von Ödnis. Da passiert überhaupt nichts, da laufen nur Leute durcheinander und konsumieren.
Und jedes Mal denke ich bei diesen Kaufhauspleiten: Ist doch super. Reißt die hässlichen Kästen ab und macht Orte hin, an denen Menschen sein möchten. Eine Grünfläche. Irgendwas mit Wasser. Ein Café, eine Buchhandlung, einen Blumenladen drumherum. Einen Spielplatz, und zwar einen amtlichen, für alle Altersgruppen. Einen Skaterpark. Vielleicht eine kleine Kita mit angeschlossenem Seniorenheim, weil sich die Kombination als super entpuppt hat. Eine Werkstatt zum Dinge-Selberreparieren, eine Mitkochküche, eine Bücherei. Kunst. Kunst!
Gestern war ich ENDLICH zum ersten Mal im Jupiter. Das ist das ehemalige Karstadt-Sport-Gebäude am Anfang der Mönckebergstraße. Wie toll ist das bitte? Ich bin total begeistert! Ein paar einzelne kleine Lädchen von Hamburger Labels. Jede Menge Kunst. Eine Hip-Hop-Schule, es läuft Musik, Menschen tanzen, sie üben Choreographien oder einzelne Moves. Mehr Kunst. Eine Open Lab Microfactory (mal nachgucken, was genau das ist). Ein Stockwerk nur für Kinder. Dachterrasse, Café, mehr Musik. Fantastischer Ausblick über die Stadt.
GEHT DOCH! Bitte unbedingt beibehalten und in anderen Städten und anderen Kaufhäusern nachmachen!





Und dann kommt noch etwas Neues! Eine Anthologie mit Texten von 20 Frauen über Wendepunkte im Leben. Herausgegeben von Maria-Christina Piwowarski, das heißt, logisch wird es super.
Mit Beiträgen von Gabriele von Arnim, Zsuzsa Bànk, Marica Bodrožić, Isabel Bogdan, Ann Cotten, Mareike Fallwickl, Julia Friese, Olya Grjasnowa, Claudia Hamm, Stefanie Jaksch, Rasha Khayat, Christine Koschmieder, Jarka Kubsova, Daria Kinga Majewski, Maria-Christina Piwowarski, Judith Poznan, Slata Roschal, Caca Savic, Clara Schaksmeier und Simone Scharbert.
Ganz schön illustre Gesellschaft, ich freu mich sehr, dabeisein!
Klappentext:
Unsere Leben verlaufen längst nicht so linear, wie Bücher sie oft erzählen. Spätestens in der Lebensmitte verlieren sich viele Menschen im Dickicht vergangener und zukünftiger Möglichkeiten, finden sich plötzlich in Sackgassen wieder, wo eigentlich Weggabelungen sein sollten. Insbesondere Frauen sehen sich mit gesellschaftlichen Hindernissen konfrontiert, wenn sie von vorgezeichneten Pfaden abweichen und einen Neuanfang wagen.
Die Anthologie Und ich – erzählt von Momenten des Innehaltens, in denen alles auf den Kopf gestellt wird, um am Ende wieder geradegerückt zu werden. 20 Autorinnen schildern darin ganz unterschiedliche Lebenswege, die früher oder später jedoch alle in einem Wendepunkt mündeten, in einer alles verändernden Entscheidung. 20 Texte, die inspirieren und ermutigen, aber auch verstören und aufrütteln. Und die zeigen, dass es nie zu spät ist, dem eigenen Leben eine neue Richtung zu geben.
»Von geraden Straßen muss man irgendwann abbiegen, um glücklich dort anzukommen, wo man nicht hinwollte. Die Geschichten dieser wunderbaren Anthologie erzählen davon.« Gabriele von Arnim
Erscheint am 26. September bei Ullstein.