Karen Duve: Thomas Müller und der Zirkusbär

Thomas Müller ist bekanntermaßen der Teddy von Marc Wortmann. Ihr erinnert euch?
Dieses Jahr Weihnachten hat Herr Wortmann eine Überraschung für die ganze Familie: Zirkuskarten! Thomas Müller ist nicht gerade begeistert, er würde lieber Lederstrumpf Teil zwei gucken. Aber schließlich geht er doch mit und stellt fest: da gibt es einen Bären im Zirkus! Er kann Fahrrad fahren, vorwärts und rückwärts und im Kopfstand, und dabei Che sera, sera singen. Thomas Müller ist ganz aus dem Häuschen. Und gibt dem Zirkusbären eine seiner neuen Visitenkarten, die er zu Weihnachten bekommen hat.
Am nächsten Tag bricht Zirkusbär Momps aus und will zurück nach Hause, nach Sibirien. Aber erst holt er seinen neuen Freund Thomas Müller ab, die Adresse hat er ja. Und dann fahren die beiden los, mit dem Fahrrad, und machen sich auf den Weg nach Sibirien. Durch Schnee und Wind und durch Hamburg. Und natürlich ist das mal wieder alles ganz zauberhaft, und natürlich wird am Ende alles gut. Und die Illustration von Petra Kolitsch mag auf den ersten Blick vielleicht ein wenig kitschig wirken, aber ist dann doch auch sehr hübsch. Lieblingsbild: der alte Elbtunnel. Oder der Zirkus von außen bei Nacht. Oder, ach, egal.
Ebenso rührendes wie lustiges Büchlein für zwischendurch, bestimmt auch super für Kinder.

PS: Liebe Karen Duve, können wir bitte noch mehr Geschichten von Thomas Müller haben?
Lieber Eichborn-Verlag, wenn bei Euch wieder ein bisschen Ruhe einkehrt, würdet Ihr das dann bitte in korrekte Rechtschreibung bringen? Danke.

Karen Duve: Thomas Müller und der Zirkusbär. Eichborn, gebunden, 80 Seiten, 9,95 €.
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Tilman Rammstedt: Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters

Der Roman beginnt so:

Sehr geehrter Herr Willis,
geht es Ihnen gut?
Mit freundlichen Grüßen
Tilman Rammstedt

Darauf folgt ein kleiner Absatz über den ehemaligen Bankberater, der ein eigenartiger Typ ist. Und so geht es immer weiter: eine Mail an Bruce Willis, ein kleiner Absatz über den Bankberater. Die Mails an Bruce Willis werden immer länger, die Absätze über den Bankberater sind jeweils nur wenige Zeilen lang.
Bruce Willis antwortet nie. Tilman Rammstedt hakt nochmal nach, sagt, dass das keine Floskel war, sondern er wirklich wissen will, ob es Bruce Willis gutgeht, denn, so stellt sich nach einigen Mails endlich heraus: Tilman Rammstedt braucht Bruce Willis. Er steckt nämlich mit seinem neuen Roman in einer ziemlich verzwickten Situation fest (Banküberfall!), beziehungsweise sein Bankberater steckt in dieser schwierigen Situation fest, und mit solchen Situationen kennt Bruce Willis sich natürlich aus. Im Gegensatz zu Tilman Rammstedt, der überhaupt nicht weiß, wie es weitergehen soll. Wenn einer das noch zu einem guten Ende bringen kann, dann Bruce Willis. Also fragt Tilman Rammstedt Bruce Willis per Mail, ob er nicht bitte eine Rolle in seinem neuen Roman spielen könne, denn: „Es geht um das glückliche Ende einer Geschichte. Darum geht es doch immer, nur darum geht es immer.“ (S. 34)
Und auch wenn Bruce Willis nie auf diese Mails reagiert, spielt er natürlich dann doch eine Rolle im Roman, in dem es zwar ein paar kleine Ausbrüche von action gibt, Tilman Rammstedt ansonsten aber meistens damit beschäftigt ist, irgendeine Art von Reaktion aus Bruce Willis herauszukitzeln. Beziehungsweise es zu versuchen. Denn Bruce Willis reagiert nicht nur nicht auf Tilman Rammstedts Mails, sondern ist auch in der Handlung eher ein Klotz am Bein als eine Hilfe. Der Autor, anders gesagt, ist nämlich so oder so auf sich allein gestellt, bei einer Schreibkrise hilft nicht mal Bruce Willis.
Und das ist dann auch das Problem: ich mag es nicht, wenn der Autor eine Rolle im Buch spielt, ich möchte keine Bücher über Schreibkrisen lesen, auch wenn das natürlich das Thema ist, das Autoren am allermeisten beschäftigt. (Das vermute ich jedenfalls. Aber ich bin ja auch keine Autorin, sondern quasi eine einzige Schreibkrise.) Ich möchte eine Geschichte erzählt bekommen, und die Geschichte soll nicht „mir fällt gerade nichts ein“ lauten.
Andererseits: andererseits bin ich die erste, die immer sagt, dass mir die Geschichte eigentlich herzlich egal ist. Ich lese der Sprache wegen. Wenn die Sprache stimmt und schön ist oder besonders und einen Rhythmus hat und einen Ton, dann kann man mir ruhig „boy meets girl“ oder einen Banküberfall erzählen. Meinetwegen sogar mit einem glücklichen Ende. Denn darum geht es doch immer. Und natürlich schreibt Tilman Rammstedt schon wieder dauernd so wundervolle Sätze, ich möchte ihn schon wieder dauernd zitieren, und deswegen ist das ein tolles Buch – trotz Schreibkrisenthema, und trotz leichter Längen, wo es halt mit der Story nicht vorangeht, aber das ist ja nun auch das Thema, in sofern passt das schon alles sehr gut. Außerdem ist die Idee, einen Schauspieler zu bitten, eine Rolle im Roman zu übernehmen, natürlich sensationell. Also auf jeden Fall eine dicke Empfehlung, denn das ist wieder alles unglaublich komisch. Anders gesagt: wenn schon Schreibkrise, dann bitte genau so.

„Ich wollte ihn gern trösten, aber ich war mir auf einmal nicht mehr sicher, wogegen Trost genau half.“ (S. 89)

Rammstedt wohnt im Regal zwischen Edgar Rai und Leif Rand. Keine schlechte Gesellschaft.

Tilman Rammstedt: Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters. DuMont, 156 bzw. 1002 Seiten. Gebunden, 18,99 €
E-Book, 14,99 €

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63,75

Pfiffige Sichtweisen auf eine im Grunde ihres Herzens liebenswerte Stadt. 63 Menschen schreiben über 75 Orte, Objekte, Sachverhalte in Wiesbaden.

Die Idee: die unterschiedlichsten Autoren bekommen per Mail ein Bild und eine ganz knappe Info über einen Platz in Wiesbaden. Und dann sollen sie über diesen Platz schreiben. Die allermeisten Autoren waren noch nie in Wiesbaden – wer wäre schon je in Wiesbaden gewesen, ich jedenfalls nicht –, mussten und sollten sich also kurzerhand etwas ausdenken. Zu einem Foto aus einer Stadt, die sie nicht kennen. Was für eine wunderbar beknackte Idee, da habe ich natürlich gerne mitgemacht, und außer mir noch 62 weitere Leute. Viel Bloggerprominenz dabei. Ich habe über den Goethestein geschrieben, extra kurz, weil ich das mit dem Layout irgendwie falsch verstanden hatte, aber egal.
Was anfangs als Ausgabe des Heimatmagazins geplant war, das die Agentur Stijlroyal regelmäßig herausgibt, ist plötzlich zu einem ganzen Buch angewachsen – und was für einem! DIN A3, durchgehend farbig, wunderschön gestaltet, liebevollst layoutet und mordsschwer. Und man kann es kaufen, für schlappe 39,90 €, am besten direkt beim Erzeuger oder halt bei Amazon. Für alle, die Wiesbaden lieben oder die sich noch nie für Wiesbaden interessiert haben. Ganz großer Spaß, tolle Bilder, tolles Layout und wirklich tolle Geschichten, dabei habe ich gerade erst angefangen zu lesen. Wiesbaden! Warum eigentlich nicht?

PS: Mein Text kommt morgen.

Neuerscheinung!

Der ganz normale Weihnachtswahnsinn
Eingeladen oder nicht, da sind sie wieder: großkotzige Onkels und stachlige Tanten, betrunkene Schwager, esoterische Nichten, Patchwork-Cousins. Die Großeltern fordern Gedichte, die Eltern zanken, die Schwester schmollt, der Bruder will eine Auszeit. Die ganze bucklige Verwandtschaft krönt Jahr für Jahr das Fest. Einziger Trost: Bei anderen zu Hause läuft es nicht besser. Im Gegenteil.

18 Geschichten von 18 Autoren über Weihnachten mit der buckligen Verwandtschaft – und eine ist von mir! Hurra! Es geht darin um das erste Weihnachtsfest eines adoptierten Jungen aus Vietnam bei seiner neuen Familie in Deutschland.
Desweiteren Texte von Katrin Seddig, Kathrin Weßling, Michel Bergmann, Hartmut Pospiech, Tina Uebel, Tillmann Prüfer, Harald Braun und anderen. Mal lustig, mal traurig, immer über Weihnachten (ich habe sie noch nicht alle gelesen, sind aber bestimmt alle super, logisch). Spitzen-Geschenkidee natürlich!

Dietmar Bittrich (Hg.): Weihnachten mit der buckligen Verwandtschaft. Rowohlt, 263 Seiten, 8,99 €.
Auch als E-Book erhältlich.
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