am Montag sind wir losgefahren nach Schottland – mit der Fähre von IJmuiden nach Newcastle, wie immer, das ist total praktisch. Wir fahren ganz entspannt irgendwann vormittags zu Hause los, sind nachmittags in Amsterdam, das Schiff fährt über Nacht, die Kabinen sind gemütlich und haben ein eigenes Bad, und morgens kommt man ausgeschlafen in Newcastle an. Vor dort aus sind es noch viereinhalb Stunden zu fahren, das ist alles sehr schön stressfrei. Dienstag Nachmittag sind wir also angekommen und seitdem irgendwie beschäftigt. Wir waren schon auf drei verschiedenen Sessions, wo der Mann immer gleich rote Bäckchen und dieses glückliche Grinsen im Gesicht bekommt. Ich sitze dann quasi allein in der Kneipe, was ich normalerweise einigermaßen doof finden würde, aber dann rede ich entweder mit den Umsitzenden oder lese ein Buch, das ist beides gleichermaßen nett. Wir waren bei den einen Freunden und bei den anderen und bei den dritten, haben ein nagelneues und ein halbfertig umgebautes altes Haus besichtigt (beide so, dass man sofort einziehen möchte), waren zum Abendessen und zum Frühstück eingeladen, waren schon zweimal laufen, haben ein 500-Teile-Puzzle gemacht, einen neuen Hund kennengelernt und die bereits bekannten Tiere begrüßt, waren einkaufen und so weiter, und weil hier irgendwie alles etwas langsamer geht und etwas länger dauert, ist die erste Woche schon vorbei, und ich habe noch nicht mal mit dem Schreiben angefangen. So geht das eigentlich nicht! Ich wollte doch vorankommen.
Unsere Gastgeber sind jetzt erstmal für eine Woche weg, das ist für die Arbeitsmoral vielleicht gar nicht so schlecht. Die Begrüßungsrunden sind gemacht, jetzt kann die Arbeit losgehen. Tschakka! Wenn ich die Bemerkungen meiner Twitter- und Facebookumgebung richtig deute, haben wir hier übrigens deutlich besseres Wetter als Ihr in Deutschland. Tagsüber sind die Temperaturen sogar zweistellig! Nachts habe ich noch nicht aufs Thermometer geguckt. Aber jetzt ist es sieben Uhr Abends, und ich sitze im T-Shirt draußen in der Sonne. (Allerdings bin ich auch froh um die warmen Sachen, die ich dabei habe.)
Plan für die Zeit hier: der Pfau muss schärfer werden.
Fvonk ist ziemlich am Ende. Seine Freundin ist weg, das Verhältnis zu seiner Tochter nicht gerade innig, und seine Arbeit hat er auch verloren, wegen der Unkultur. Und dann verfolgen ihn auch noch die Schwangeren.
Eines Tages kommt eine mysteriöse Frau und mietet die beiden möblierten Zimmer in seinem Untergeschoss an. Stellt sich raus: der da einzieht, ist niemand Geringeres als Jens Stoltenberg, der norwegische Premierminister. Er braucht zwischendurch mal Zeit für sich, zum Abschalten und Runterkommen, er ist nämlich ganz schön ausgebrannt. Anders gesagt: fast genauso am Ende wie Fvonk, nur dass er nach außen hin noch funktioniert und weiterregiert.
Die beiden Männer freunden sich an, reden über alles mögliche, vor allem schüttet Jens Fvonk das Herz aus, sie unternehmen zusammen Skitouren, fahren zum Einkaufen nach Schweden, geben sich ihren respektiven Depressionen oder Psychosen hin und werden nach und nach etwas gesunder oder kranker, je nachdem. Und brechen einem zwischendurch das Herz. Zum Beispiel, weil der eine nie allein ist, und der andere immer:
Ich bin ja nie allein. Das ist wahrscheinlich der Kern des Problems. Viele, viele Jahre lang bin ich nie allein gewesen, dabei ist es wichtig, allein zu sein, sagt die Regierungsärztin, sehr wichtig, irgendwas passiert mit dem Gehirn, wenn man nie allein ist und nie mal gar nichts tut, ich weiß nicht mehr, was sie genau sagte, aber es war etwas mit dem Gehirnstoffwechsel, der gerät aus dem Gleichgewicht, und das ist nicht gut.
Nein, das ist sicher nicht gut.
Wie ist das bei dir, schaffst du es, dir etwas Zeit zum Alleinsein freizuschaufeln?
Ja.
Magst du es?
Nein, sagte Fvonk, alles andere als das.
Was mit dem lustigsten Titel der Saison anfängt und dann lange zwischen Tragik und skurriler Komik changiert, wird im Laufe des Lesens dann doch eindeutig traurig. Herrje, man möchte die beiden am liebsten einfach mal in den Arm nehmen. Ein Buch über Männerfreundschaft und Einsamkeit. Und auf jeden Fall eine Leseempfehlung! Auch wenn es einen am Ende nicht gerade glücklich macht.
Vor einer Weile schrieb ich in einem Blogeintrag über Schokolade und Kaffee erst einiges über Schokolade, und dann:
Über Kaffee weiß ich ungefähr gar nichts, aber ich nehme an, dass die Probleme dort sehr, sehr ähnlich sind.
Bei Markus Trapp sah ich nun gerade diesen Film. Bei der Schokolade war das Hauptproblem die Kinderarbeit, beim Kaffee scheinen es die Pestizide zu sein, und bei beidem habe ich den Verdacht, dass die verlinkten Filme nur die Spitze des Eisbergs zeigen. Jedenfalls sieht man auch hier wieder: wenn ein Produkt billig ist, dann bedeutet das nur, dass irgendjemand anders den Preis zahlt. Wenn das schön weit weg passiert, braucht man es nicht zu sehen, es ist ja leider verdammt einfach, nicht hinzugucken. Darauf einen schönen Latte Macchiato.
… blogge ich bestimmt wieder. Am Sonntag habe ich mein Buch abgegeben, seitdem bin ich damit beschäftigt, die ganzen Dinge zu erledigen, die ich auf „mache ich alles, wenn das Buch fertig ist“ verschoben habe, außerdem muss ich natürlich dringend meine neue Freiheitzeit genießen.
Gleich fahre ich nach Göttingen, den Studenten dort was vom Übersetzen erzählen, und bald geht es dann auch schon in Urlaub, bzw. Schreiburlaub, das wird super, ich freu mich. Mal sehen, wie es da so mit dem Bloggen wird. Auf jeden Fall kommt noch eine Kurzbesprechung von Lisa Ranks Buch „Bist du noch wach?“ und von Erlend Loes „Jens. Ein Mann will nach unten“ (hier rechts in der Werbung). Spoiler: sind beide super.
So, was muss ich mitnehmen nach Göttingen? Vortragsnotizen, Wegbeschreibung, frisches T-Shirt (das sollen 37°C werden!), Bürste, Geld, Handy, Kabel, Bücher zum Vorzeigen(?), Übersetzungsvertrag, … *pack*
Russland erklärt Homosexuelle zu Freiwild. „Schwulenpropaganda“ wird verboten, das bedeutet im Prinzip, dass man gar nicht mehr aufklären kann. Menschen werden ermordet, weil sie lieben.
Und das natürlich nicht nur in Russland, da ist es nur gerade aktuell, aber es ist ja in vielen Ländern genauso. Auch hier bei uns wird unfassbarer Unfug zu dem Thema geredet, vor ein paar Tagen gab es eine schlimme Talkrunde bei Anne Will, die ich nicht gesehen habe, es hat gereicht, auf Twitter mitzulesen.
Es macht mich immer wieder vollkommen fassungslos, warum können die Menschen einander verdammt noch mal nicht einfach in Ruhe lassen. Einfach in Ruhe lassen, wenn man etwas nicht versteht, wenn man selbst anders lebt. Lasst die anderen doch verdammt noch mal in Ruhe. Das kann doch so schwer nicht sein. Man kann doch Menschen nicht hassen, weil sie lieben.