Romreport, Teil 1
Ostersamstag
Nachmittags angekommen, Zimmer an der Piazza del Risorgimento bezogen. Das bedeutet zweierlei: erstens, es ist superzentral, dreihundert Meter zum Petersplatz, zweitens, es ist superlaut, Schlafen bei offenem Fenster unmöglich. Hande schickte uns zur Begrüßung per Mail sofort zu Pizzarium, einem kleinen, unscheinbaren Take-away-Pizzaladen in der Nähe einer uninteressanten Metro-Station, den wir im Leben nicht gefunden hätten, und der die beste Pizza der Stadt macht.
Abends blaue Stunde auf dem Petersplatz, dann ein ausgiebiger Bummel durch Trastevere, was sehr hübsch ist, lauter kleine Kneipen und Restaurants und Läden, wir aßen schon wieder Pizza und das erste Eis.
Auf dem Petersplatz und auch auf unserem Platz und an den meisten großen Kirchen stehen riesige Leinwände, auf denen in Endlosschleife ein Imagevideo über Papst Johannes Paul II läuft. Es ist auch die ganze Stadt mit seinem Konterfei plakatiert, er wird nämlich heute seliggesprochen. In dem Film immer wieder Bilder des verstorbenen Papstes, wie er ins Gebet versunken ist, ich finde das ungehörig, es ist mir zu intim, ich will das nicht sehen. Übrigens steht, wenn ich mich recht erinnere, sogar irgendwo in der Bibel, dass man sein Gebet nicht so demonstrativ verrichten soll, sondern bitte hübsch im stillen Kämmerlein. Aber da kann der Johannes Paul nun nichts mehr für, dass sie ihn so vorführen. (Allerdings kann er für alles mögliche andere was, und ich finde diese ganze Selig- und Heiligkeitsnummer im einundzwanzigsten Jahrhundert vollkommen grotesk. Wisst Ihr, dass er noch schnell ein Wunder vollbracht hat, direkt nach seinem Tod, damit das mit dem Seligsprechen überhaupt möglich ist? Mannmann.)
Ostersonntag
Kurz zum Petersplatz, Ostermesse gucken. Unfassbare Menschenmengen, wir kamen gar nicht auf den Platz, standen irgendwo dahinter. Wahnsinnig gute Soundanlage, man hätte jedes Wort verstanden, wenn man Latein könnte. Sehen konnten wir nicht viel, nur dass da vorne irgendwo was los war und einer dieser ganzen Leute Herr Ratzinger sein musste.
Nach zehn Minuten gingen wir, denn wir hatten ein Date, gleich das erste Highlight der Reise:
Osteressen bei Hande Leimer und ihrem Mann. Ich kenne Hande aus dem Internet, von Twitter, irgendwie ist sie aus dem Foodbloggeruniversum zu mir rübergeschwappt. Hande ist in Instanbul aufgewachsen, hat lange in Deutschland gelebt und ist jetzt in Rom, wo sie Weinverkostungen anbietet (dazu später mehr). Sie hat mir vor einer Weile bei der Übersetzung eines Romans geholfen, der in der Türkei spielt. Da hatte ich Fragen, und sie hat sie mit einer Engelsgeduld und ebensolcher Kompetenz beantwortet.
Jetzt also unsere erste Begegnung, und das gleich zum Osteressen, bei dem traditionell noch Freunde aus München da sind. Und immer wieder sind es erstaunliche und beglückende Momente mit diesen Menschen aus dem Internet: man hat gleich das Gefühl, man würde sich kennen. Stimmt ja auch, irgendwie. In dem Fall kommt noch Handes (und ihres Mannes) Herzlichkeit und Gastfreundschaft dazu, und noch dazu ist sie beruflich Sommelière und privat eine hervorragende Köchin. Und da habe ich ihre Wohnung noch gar nicht erwähnt, die ist nämlich auch herrlich, mit handbemalten Bodenfliesen und einer Dachterrasse, auf der wir den Aperitif einnahmen.
Ich bin keine Foodbloggerin und habe nicht mitgeschrieben, was es gab. Als Aperitiv jedenfalls Prosecco Franciacorta und Salami und Käse und Saubohnen und Erbsen und Sonne und Blick auf ganz Rom und Kennenlernen und erste Glücksgefühle. Dann, am Tisch in der Wohnung, Artischocken (noch nie gegessen) mit einer sensationellen selbstgemachten Mayonnaise (noch nie gegessen). Dann Nudeln mit Tomatengemüse (schon oft gegessen). Und dann tatsächlich ein ganzes halbes Milchferkel (noch nie gegessen) mit Namen Kurt, 6 Stunden bei 150°C gegart, mit knuspriger Schwarte und butterzartem Fleisch, dazu so grünes Fadengemüse, das es hier nicht gibt (noch nie gegessen), und Kartoffeln. Über die Kartoffeln möchten manche Menschen nicht sprechen, ich fand sie prima, alles andere fanden alle prima, wie überhaupt sowieso alles toll war und ich mich sofort in Hande und in Rom und ins Essen und Trinken und in das Leben verliebt habe und alles gut war. Ich weiß nicht, wieviele Stunden wir dort gesessen und gegessen und geredet haben. Oh, und getrunken. Getrunken haben wir. Wein. Zum Nachtisch selbstgemachtes Eis. Woah. Und getrunken.
Dann ein Spaziergang zur Spanischen Treppe, wo man nichts weiter tut, als auf der Treppe zu sitzen und zu gucken. Herrlich.
Auf dem Rückweg unterwegs ein schneller Kaffee im Stehen, wie man es in Italien macht, dann wieder zu den Leimers, wo Hande Pizza buk, als hätten wir nicht den ganzen Tag gefuttert. Oh, und möglicherweise gab es noch einen winzigen Schluck Wein. Nachts um zwölf wankten wir nach zwölf Stunden bei diesen wunderbaren Menschen aus dem Internet glücklich, satt und müde nach Hause.
Wo wir am nächsten Morgen erstaunlicherweise ohne Kopfschmerzen aufwachten.
Danke, Hande.