Der Social-Networks-Posting-Planer für das ganze Jahr

Ohmeingott. Ein neues Jahr ist im Anmarsch. Das bedeutet: schon wieder 365 Tage lang die ganzen sozialen Netzwerke füttern müssen. 365 Tage bloggen, twittern, facebooken, flickrn, googleplussen, formspringen, quote-fmen, foursquaren und was dergleichen mehr ist – was soll man da bloß immer überall reinschreiben? Maximilian und ich haben da etwas für Euch vorbereitet. Wer ratlos vor der Tastatur sitzt – ein Blick in unseren Posting-Planer reicht, und es läuft wieder.
Bitte, gern geschehen, gar kein Problem.

Der Social-Networks-Posting-Planer für das ganze Jahr

Januar:

Ausführliches Jammern über den Kater.
Ältere: Darauf hinweisen, was man früher alles vertragen hat. Das waren noch Zeiten!
Gute Vorsätze posten. Dafür gern Coelho-Tonfall benutzen. (“Meiner Seele ihre Flügel zurückgeben”, so die Richtung.)
Witze über gute Vorsätze machen.
Im Fitnessstudio die Leute doof finden, die man vor Januar nie dort gesehen hat.
Winterspeck und Weihnachtsfigur noch einmal ausgiebig thematisieren.
„Wenigstens wird’s schon wieder heller, haha.“
Klagen über die finanzielle Ebbe (Weihnachtsgeschenke, die ganzen jährlichen Abbuchungen).
Noch in der ersten Woche irgendwas mit „Das fängt ja gut an“.
Beschwerden über Heilige Drei Könige als Feiertag in BaWü, Bayern und Sachsen-Anhalt.
Sternsinger doof finden und nichts geben wollen oder aber gut finden und was geben, in diesem Fall dann natürlich doof finden, dass andere nichts geben.
Erzählen, wie man früher selbst gesternsingert hat. Das waren noch Zeiten!
Nichteltern: Fotos von ironisch gemeinten Schneemännern. Ordentlich mit Instagram verfremden! Lustige Filter anwenden! Volles Rohr!
Eltern: Fotos von Kindern mit Schneemännern.
Katzenhalter: Fotos von der Katze im Schnee.
Gemüsekistenabonnenten: Pastinaken doof finden. Über Schwarzen Rettich staunen.
Anke Gröner: Irgendwas mit Gomez.

Februar:

Witze über den vollkommen nutzlosen Winzmonat.
2012 ganz wichtig: Schaltjahr! Witze über Menschen, die an Schalttagen geboren werden, die Schaltjahre nicht verstehen, die Schaltjahre übersehen. Überhaupt Witze darüber, was man mit dem zusätzlichen Tag alles anfangen kann. Viele!
Karneval doof finden. Sehr wichtig, geht den ganzen Monat! Sehr oft posten!
Valentinstag doof finden. Witze über Schlangen von Männern vor Blumenläden. Über Abzocke der Floristeninnung schimpfen, die ganze Sache als amerikanische Unsitte bezeichnen.
Männer: Fotos von den Blumen posten, die man dennoch gekauft hat
Eltern: Karnevalskostümbasteln doof finden. Trotzdem natürlich Ergebnis posten.
Gemüsekistenabonnenten: Nach neuen Kohlrezepten fragen.
Katzenhalter: Fotos von der Katze auf der Heizung.
Anke Gröner: Irgendwas mit Gomez.

März:

1. März: Fragen, wann denn dieser Schalttag jetzt ist. Irre komisch!
Bei Temperaturen unter 20 Grad das Ausbleiben des Frühlings bemängeln.
Heroische Beschlüsse zum Fasten verkünden. Berichten, wie gut das in den letzten Jahren getan hat. Fortgeschrittene Humoristen verzichten jetzt auf irgendwas vollkommen Sinnloses und posten das stolz. Sieben Wochen ohne Kapern! Wahlweise: Fasten doof finden.
Klagen über Zeitumstellung und Schlafmangel. Mehrmals! Behaupten, die Stunde würde einem bis zum Herbst durchgehend fehlen.
Den Deppen da draußen die Zeitumstellung erklären. Merksätze posten! Nichtversteher veralbern! Dann zur falschen Zeit “Morgen” posten.
Allergiker: Pflanzen doof finden. Sehr viel über Heuschnupfen. Symptome detailliert darstellen.
Ältere: Heitere Berichte mit Cebit-Erlebnissen von damals. Das waren noch Zeiten!
Katzenhalter: Fotos von der Katze auf der Heizung.
Literaten: Leipziger Buchmesse. Alle anderen: Nachfragen, was das schon wieder ist und ob das nicht sonst immer in Frankfurt war.
Gemüsekistenabonnenten: Wurzelgemüse nicht mehr sehen können (gilt auch ganzjährig).
Eltern: Warten, dass es endlich warm wird und man den Kindern nicht mehr so viel anziehen muss.
Anke Gröner: Irgendwas mit Gomez.

April:

Total lustige Aprilscherze (“Ich hör übrigens auf zu bloggen”).
Die Aprilscherze anderer doof finden.
Blasphemische Witze zu Ostern. Wahlweise erklären, warum blasphemische Witze nicht lustig sind.
Beschwerden über die Staus zu Ostern, am besten gleich direkt aus dem Stau heraus senden.
Diesen einen Bilderwitz mit den Schoko-Osterhasen posten.
Erste Erdbeeren melden.
Jammern über Erkältungen kurz vor dem Frühling. Symptome gründlich erläutern!
Familiäre Spargelrezepte fundamentalistisch verteidigen.
Aprilwetter doof finden.
Bei schönem Wetter: Frühling lässt sein blaues Band etc.
Katzenhalter: Bilder von Katzen im Osternest.
Eltern: Ostereierfärben doof finden. Irgendwas über nicht gefundene Ostereier und die Eier vom letzten Jahr.
Ältere: Erzählen, wie das früher auf den Ostermärschen war. Parolen wie “Petting statt Pershing” aus der Mottenkiste holen. Das waren noch Zeiten!
Gemüsekistenabonnenten: Anprangern, dass kein Spargel in der Gemüsekiste ist.
Anke Gröner: Irgendwas mit Gomez.

Mai:

Witze darüber, dass man am Tag der Arbeit nicht arbeitet.
Anprangern, dass die Erdbeeren noch nicht schmecken.
Anprangern, dass es immer noch nicht warm genug ist. Fragen, ob das etwa diese globale Erwärmung sein soll, die man uns seit Jahren verspricht.
Alle paar Stunden zusammenhanglos „Erdbeeren!“ posten
Auf den Eurovision Song Contest freuen. Vorbereitungspostings. Live mitbloggen / -twittern. Wahlweise: Song Contest doof finden.
Irgendwas über Muttertag/Vatertag.
Irgendwas mit Wonnemonat.
Ältere: Behaupten, früher wären die Erdbeeren besser gewesen. Das waren noch Zeiten!
Gemüsekistenabonnenten: Erfahrungsaustausch zu Mairübchen suchen
Katzenhalter: Fotos von Katzen auf dem Rücken im Gras.
Anke Gröner: Irgendwas mit Gomez.

Juni:

Viel zu frühes Ende der Spargelzeit anprangern
Spargelsilvester erklären
Witze über Fronleichnam (Happy Kadaver, haha! Brüller!)
YouTube-Video “Wann wirds mal wieder richtig Sommer” posten
2012: Fußball-EM. Entweder hysterische Fan-Postings, oder ununterbrochen darauf hinweisen, wie egal einem die EM ist.
Hamburger: Harley-Days doof finden. Brandneue Witze über ältere Zahnarztfrauen in Leder
Gemüsekistenabonnenten: Jetzt die Ehre des unterschätzten Mangolds retten
Ältere: Jüngeren den 17. Juni erklären. Das waren noch Zeiten!
Eltern: Mit Kindern draußen spielen müssen, dabei andere Spielplatzeltern doof finden
Anke Gröner: Irgendwas mit Gomez

Juli:

Jammern über Hitze/Kälte/Regen/Vogellärm
Anderen den Urlaub neiden oder selbst von Mallorca aus Postkartenmotive posten
Sehr viel über das Grillen. Witze über Vegetarier. Angeben mit den Fleischmengen, die man vertilgt hat. Blähungen verschweigen.
Jammern über die Sommergrippe. Symptome ausführlich erläutern!
Tour de France-Fan-Postings. Wahlweise Tour de France doof finden / Fans doof finden. Dopingwitze! Viele!
Fragen, ab wann eigentlich Sommerreifen drauf müssen.
Katzenhalter: Bild von dem toten Rotkehlchen, das die Katze angeschleppt hat. Dann Grundsatzdiskussion mit Vogelschützern.
Sommer doof finden.
Alsterwasser/Radler doof finden.
Beschwerden über zu wenig bekleidete Menschen in Großstädten (“Parmesanhacke”)
Gemüsekistenabonennten: Irgendwas mit Bohnen. Zum Beispiel in die Ohren, haha.
Ältere: Sommer von damals lindgrenmäßig verzerrt beschreiben. Das waren noch Zeiten!
Eltern: Klagen über das viele Gepäck, das man für Kinder verstauen und tragen muss.
Anke Gröner: Irgendwas mit Gomez.

August:

Jammern über den drohenden Herbst und die Sommerhitze.
Wespen doof finden.
Ausflüge aufs Land machen. Landbevölkerung doof finden.
Mehrmals immer gleich über das Meer, das Schwimmen und das Eisessen schreiben.
Ältere: Darauf hinweisen, dass man früher als Kind nicht eingecremt wurde. Das waren noch Zeiten!
Eltern: Irgendwas mit Muscheln basteln, fotografieren und posten.
Eltern: Ende der Sommerferien herbeisehnen.
Autofahrer: Hass auf Mähdrescher thematisieren.
Nicht vergessen, den ersten Pflaumenkuchen zu erwähnen. Familiäre Pflaumenkuchenrezepte fundamentlistisch verteidigen.
Gemüsekistenabonennten: Obstorgien.
Anke Gröner: Irgendwas mit Gomez.

September:

Beschwerden über Lebkuchen in den Supermärkten. Behaupten, das käme auch immer früher.
Angeben mit komplett gekauften Weihnachtsgeschenken.
Angeben mit komplett geplanter Silvesterfeier.
Fotos von buntem Laub. Mehrmals! Alle Instagram-Register!
Eltern: Bilder von Kindern im Herbstlaub.
Katzenhalter: Bilder von der Katze im Herbstlaub.
Jammern über die erste Erkältung.
Oktoberfest doof finden. Auch doof finden, dass es im September stattfindet.
Rilkegedicht posten: Herr, es ist Zeit. etc.
Erzählen, wie man den 11.9. erlebt hat.
Eltern: Irgendwas über verbastelte Kastanien.
Männer: Sich freuen, dass Frauen wieder Röcke mit Stiefeln tragen.
Ältere: Darauf hinweisen, dass man früher die Heizungen erst im November oder bei 10 Zentimetern Schnee angemacht hat. Das waren noch Zeiten!
Frauen: Beschwerden über an Erkältung sterbende Männer.
Gemüsekistenabonnenten: Kürbisrezepte.
Anke Gröner: Irgendwas mit Gomez.

Oktober:

Kinder, die an Halloween um Süßes bitten, doof finden.
Halloween überhaupt doof finden.
Witze über sich selbst, weil man nix eingekauft hat und im Dunkeln sitzt und stillhält, wenn Kinder vor der Tür stehen.
Den 3. Oktober lauthals ignorieren. Wahlweise erzählen, wie man selbst den Mauerfall erlebt hat. Das waren noch Zeiten!
Zeitumstellung doof finden.
Laubpuster doof finden.
Laternenumzüge doof finden.
Literaten: Frankfurter Buchmesse. Deutscher Buchpreis. Literatur-Nobelpreis.
Gemüsekistenabonnenten: Nach Steckrübenrezepten fragen. Über Quitten staunen.
Eltern: Laternenbasteln doof finden. Irgendwas über Pseudo-Krupp.
Katzenhalter: Bilder von Katzen auf Heizungen.
Anke Gröner: Irgendwas mit Gomez.

November:

Frühe Dunkelheit doof finden.
Weihnachtsgeschenkesuche doof finden.
Über Leute lustig machen, die jetzt schon Weihnachtsgeschenke kaufen. Sie insgeheim beneiden.
Weihnachten schon mal doof finden.
Nebel doof finden.
Novemberdepression doof finden.
11.11.: Karneval doof finden
Irgendwas mit Abgrillen.
Gemüsekistenabonnenten: Fragen, was eigentlich Topinambur ist. Irgendwas über Rosenkohl, Grünkohl, Rotkohl, Weißkohl, Stängelkohl, Wirsingkohl, Chinakohl.
Eltern: Strohsternebasteln besonders doof finden.
Katzenhalter: Bilder von Katzen auf Heizungen.
Anke Gröner: Irgendwas mit Gomez.

Dezember:

Ökotestergebnisse zu Pestiziden in Mandarinen abschreiben.
Weihnachtsmärkte doof finden.
Weihnachtsessen doof finden, trotzdem das komplette Menü posten.
Foto vom Adventskranz / sonstiger Weihnachtsdeko verbreiten. Instagram jetzt endlich ganz ausreizen!
Firmenweihnachtsfeiern doof finden.
Freiberufler: doof finden, dass man keine Weihnachtsfeiern hat.
Eltern: Irgendwas Sarkastisches über abgefertigte Kinder.
Nicht-Eltern: Irgendwas Sarkastisches über abgefertigte eigene Eltern.
Fragen, wann man eigentlich Winterreifen draufmacht.
Bemerkungen über weiße Weihnacht / keine weiße Weihnacht.
Jahresrückblickfragebogen ausfüllen, “same procedure” drüberschreiben und auf die Jahresrückblickfragebögen der letzten X Jahre verlinken.
Sofort posten, wenn man zum ersten mal gewhamt wurde.
Dinner for one-Witze machen.
Nase rümpfen über Menschen, die Silvester mit Y schreiben.
Katzenhalter: Bilder von Katzen in Geschenkboxen.
Ältere: Darauf hinweisen, wie groß die Schneeflocken früher waren. Kommentatoren: Mit “Ja, früher war mehr Lametta” drauf antworten. Das waren noch Zeiten!
Silvester doof finden, um Mitternacht irgendwas schreiben statt zu feiern.
Anke Gröner: Irgendwas mit Gomez.
 

Immer:

Total doof finden, dass alle so vorhersehbar schreiben.
Anke Gröner: Irgendwas mit Opern.


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Ihr Lieben,

Ich wünsche Euch allen frohe Feiertage – auf dass Ihr sie so verbringen könnt, wie es Euch am liebsten ist. Macht Geschenke und ordentlich Unfug, seid nett zueinander, schlaft Euch aus, lest Bücher und esst reichlich Plätzchen. Und denkt zwischendurch mal an die, die keine Plätzchen haben und keine Bücher und keinen, der nett zu ihnen ist. Und weil’s so schön ist, hier noch ein bisschen Weihnachtsschmalz. Irgendwas mit Lichtern.

Murakami Haruki (Ursula Gräfe): Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede

Ich muss dringend wieder anfangen zu laufen, und da dachte ich, vielleicht motiviert mich dieses Buch. Um das Zusammenspiel von Laufen und Schreiben soll es da gehen, um Analogien, und wie das eine das andere befruchtet. Murakami schreibt seine eigenen Erfahrungen nieder, der Mann läuft und schreibt seit Jahrzehnten.
Tatsächlich geht es aber im Buch vor allem darum, dass Murakami Haruki ein toller Hecht ist. Oder wie Maik es auf Facebook zusammenfasst: nichts als „bin gelaufen, war etwas mühsam, ging aber doch. Habe dann einen Roman geschrieben, der irre super und erfolgreich war. Bin dann wieder gelaufen, musste etwas schwitzen, war aber dann doch super. Mein nächster Roman war ein durchschlagender…“ etc.
Zwischendrin schiebt er natürlich die üblichen Bescheidenheitsfloskeln ein, die einem erst recht bestätigen, dass sich da jemand für ziemlich toll hält. Etwa „Dies ist eine der wenigen Eigenschaften, auf die ich mir was einbilde“, wo man so-fort denkt: „eine der vielen“ wäre wohl ehrlicher gewesen.
Geradezu lustig wird es bei Unfug wie „Gestatten Sie mir eine persönliche Bemerkung“, obwohl es sowieso ausschließlich um ihn geht; da vermutet man kurz, dass es sich womöglich um Satire handelt. Tut es aber nicht, der Mann meint das alles bierernst. Schade, denn als Satire wäre einiges wirklich gut, hier noch ein paar Perlen:

„Obwohl ich bereits über dreißig war, hatte ich das Gefühl, mir stünden als Mensch noch viele Möglichkeiten offen.“ ALS MENSCH!

„Ich war also dreiunddreißig, als ich mit dem Laufen anfing. […] Das Alter, in dem Jesus starb.“

„Außerdem sollte man den Wert seines Daseins nicht nur daran messen, wie erfolgreich oder erfolglos man ist. In meinem Fitness-Studio in Tokyo hängt ein Plakat: ‚Muskeln sind schwer zu bekommen, aber leicht zu verlieren. Fett ist leicht zu bekommen, aber schwer zu verlieren.’ Traurig, aber wahr.“
Ja, es ergibt tatsächlich nicht mal alles einen Sinn. Traurig, aber wahr.

Oder hier: „Auf der Straße des Lebens kann man nicht immer auf der Überholspur sein.“ Könnte auch direktemang von Paulo Coelho oder aus dem nächstbesten Glückskeks geklaut sein.

Das Ganze gipfelt dann auf Seite 60 in dem Absatz:
„Jedenfalls war es sehr gut, dass ich nie mit dem Laufen aufgehört habe. Denn meine bisherigen Romane gefallen mir selbst auch. Und ich freue mich schon auf den nächsten, den ich hervorbringen werde. Wie wird er aussehen? Für einen unvollkommenen Menschen, einen Schriftsteller mit gewissen Grenzen, der einen unbedeutenden Lebensweg voller Widersprüche geht, ist es eine Leistung, so empfinden zu können. Auch wenn es übertrieben klingt, möchte ich es ein „Wunder“ nennen.“
Doch, doch, als Satire wäre es womöglich nicht so übel. Aber nicht 128 Seiten lang. Bis Seite 72 habe ich es geschafft, jetzt gebe ich auf. So selbstgerechte alte Männer kann ich nicht besonders gut ab.

Als E-Book gelesen.

Murakami Haruki (Ursula Gräfe): Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede. Dumont, gebunden, 16,90 €.
btb, Taschenbuch, 8,00 €
E-Book 5,99 €

PS: Der Titel ist natürlich super. Es gibt nämlich eine Kurzgeschichtensammlung von Raymond Carver mit dem Titel „Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden“. Murakami hat sie ins Japanische übersetzt. Auch ein bisschen unbescheiden, mit dem eigenen Buch darauf anzuspielen, aber mir gefällt das. Aber das war’s dann auch.

Zora Neale Hurston (Hans-Ulrich Möhring): Vor ihren Augen sahen sie Gott

Kennt Ihr die Edition fünf schon? Nicht? Also: Edition fünf ist ein relativ neuer Verlag, es gibt ihn seit ungefähr anderthalb Jahren. Jedes Jahr sollen fünf von Frauen geschriebene Lieblingsbücher erscheinen, diesen Herbst kamen die zweiten fünf. Die Bücher sehen wunderschön aus, in rotes Leinen gebunden, mit Lesebändchen und einer Banderole um das untere Drittel. Die Banderolen der ersten fünf waren in Grüntönen gehalten, bei den zweiten fünf geht es jetzt langsam in Blau über. Zusammen ergeben diese Banderolen einen Farbverlauf – ganz perfide Idee, damit man am Ende alle Bände haben will! Auf den Banderolen und darunter auf dem Leinendeckel findet sich jeweils eine dieser wunderschönen Illustration von Kathleen Bernsdorf. (Genau: Von ihr stammt auch mein Buchcover. Habe ich mir genau deswegen gewünscht, weil ich die Edition fünf so schön finde.)
 

 
Zora Neale Hurston also, „Vor ihren Augen sahen sie Gott“. Der Titel hätte normalerweise dafür gesorgt, dass ich das Buch nicht angerührt hätte, aber Herausgeberin Karen Nölle hat es mir dringend ans Herz gelegt – und sie hatte recht. Was für ein tolles, tolles Buch! Janie kehrt nach ein paar Jahren in ihr Dorf zurück, nachdem sie mit dem deutlich jüngeren Tea Cake abgehauen war. Im Dorf zerreißt man sich das Maul; nur Janies alte Freundin Pheoby geht zu ihr hin und fragt, was eigentlich geschehen ist. Daraufhin erzählt Janie ihr ihre komplette Lebensgeschichte. Die Geschichte einer schwarzen Frau in Florida zu Anfang des 20. Jahrhunderts.
Janie wächst bei ihrer Großmutter auf, die noch die Sklaverei erlebt hat, und die für Janie vor allem eins will: dass sie heiratet und „auf einem Thron sitzt“. Sie verheiratet Janie sehr früh an irgendwen; es dauert nicht lange, da brennt Janie mit einem anderen durch. Der setzt sie dann tatsächlich auf einen Thron, und auf dem langweilt Janie sich fürchterlich. Aber ich will hier nicht allzuviel vom Inhalt erzählen.
Das Buch legt ein bisschen langsam los, fand ich, oder ich habe einfach ein bisschen gebraucht, um reinzukommen, keine Ahnung. Dann wächst Janie einem aber sehr ans Herz. Sehr. Man leidet mit ihr und freut sich mit ihr und versteht sie nicht immer, aber dann irgendwie doch. Tolle Frau.
Auffallend ist die großartige sprachliche Verarbeitung. Das liegt zum einen natürlich an der Übersetzung von Hans-Ulrich Möhring (die Kollegen sagen „Hum“), aber auch die Autorin hat schon eine gute Entscheidung getroffen: zwar erzählt Janie ihre Geschichte, aber wir Leser bekommen sie dennoch nicht von ihr als Ich-Erzählerin präsentiert, sondern von einem personalen Erzähler. Würde man Janie konsequent selbst erzählen lassen, dann müsste sie es im Slang erzählen, und das wäre auf die Dauer wahrscheinlich sehr anstrengend zu lesen. Der personale Erzähler aber erzählt in einer Sprache, die auch nicht immer ganz hochsprachlich ist, sondern immer wieder kleine umgangssprachliche Formulierungen und Wörter und Grammatik“fehler“ einbaut, sodass man daran erinnert wird, wer hier erzählt, aber eben dezent und nicht aufdringlich-anstrengend.
Was aber eine reine Übersetzerentscheidung ist, und zwar eine wirklich erstaunliche, ist, dass in der wörtlichen Rede immer mal wieder Sätze auf Englisch stehengeblieben sind. In breitem Slang. Und zwar neben der Übersetzung – wer den Slang nicht lesen kann (und das ist nicht ganz einfach, man muss es sich schon laut vorlesen, um es zu verstehen), der verpasst trotzdem nichts, weil die Übersetzung auch irgendwie eingebaut ist. Anfangs fragte ich mich, was das soll, da englische Slangsätze mit reinzuschreiben, aber ich habe mich schnell daran gewöhnt und finde es jetzt sehr gut. Es sorgt für Kolorit, und man hat den Ton dieser Farbigen sehr viel eindrücklicher im Ohr, als wenn alles einfach übersetzt worden wäre. Wirklich übersetzen kann man den Slang ja ohnehin nicht – man kann den Figuren eine extrem einfache Umgangssprache in den Mund legen und sich bestimmte Formulierungen einfallen lassen, aber man kann nicht beim deutschen Leser ein so eindeutiges Bild auslösen wie es im Englischen geschieht. Es beim Übersetzen mit den Dialekt-Nachahm-Versuchen nicht zu übertreiben, sondern die Stimmung unter anderem ein bisschen dadurch rüberzuholen, dass man einzelne Sätze auf Englisch wiederholt, halte ich für eine sehr, sehr gute Entscheidung.
Wirklich ein tolles und wunderschönes Buch.
Zora Neale Hurston bekommt einen Regalplatz zwischen Natsume Sôseki und Silvie Neeman Romascano.

Zora Neale Hurston (Hans-Ulrich Möhring): Vor ihren Augen sahen sie Gott. Edition fünf, 19,90 €

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