







Meer geht ja immer. Funktioniert auch immer. Und so dunkel war es auch gar nicht, es war die meiste Zeit hellgrau, nur das Schiff hinten am Horizont, das hatte plötzlich Sonnenschein und leuchtete über die Ostsee. Ansonsten: Wind, Wellen, später Wellness. Sehr herrlich alles, unser Weihnachtsgeschenk, super Idee.
[Und mitten in der Nacht noch ein Adrenalinstoß, als plötzlich der Feueralarm losging SCHRILL!, um viertel nach eins, in einer unfassbaren Lautstärke, und uns aus dem Bett katapultierte SCHRILL!. Wir zogen schnell irgendwas über SCHRILL!, stopften Laptops und Kamera und Portemonnaies in eine Tasche und gingen raus SCHRILL!, das Treppenhaus ("Aufzug im Brandfall nicht benutzen") war verstopft von Leuten in Schlafanzügen und Bademänteln und Winterjacken und weinenden Kindern SCHRILL!, und dann kamen zwei Hotelangestellte uns entgegen SCHRILL!, die Treppe herauf, und sagten: Fehlalarm. SCHRILL! Es hatte jemand heiß geduscht und das Licht dabei nicht angemacht, was dazu führte, dass auch die Lüftung im Bad nicht ging und der Dampf ins Zimmer zog und den Alarm auslöste. Also bitte, wenn Ihr im Hotel duscht, schön das Licht anmachen.]
Lyrik ist ja immer so eine Sache. Für mich ist Lyrik ja sowas wie Pralinen. Also: schwierig.
Und jetzt bin ich letzte Woche mehr oder weniger zufällig bei Nora Gomringer im Hamburger Literaturhaus gelandet, wo sie zusammen mit dem Wortart Ensemble auftrat. Und wenn selbstgelesene Lyrik schon schwierig ist, dann sind Dichterlesungen noch eine Nummer schwieriger – oft genug bin ich schon nach einem halben Gedicht nicht mehr bei der Sache. Meine drei Begleiter – der lustige Mann, Maximilian und Ina – sagen, es geht ihnen genauso.
Aber an diesem Abend kommt Nora Gomringer, und dann kommt das Wortart Ensemble, und wir sitzen anderthalb Stunden am Stück vorne auf der Stuhlkante und hören gebannt zu und sind hinterher erstmal sprachlos. Anders gesagt: wow. Alles.
Keine Ahnung, wie Nora Gomringers Gedichte sind, wenn man sie selbst liest. Aber wenn sie sie vorliest, dann … schon die falsche Vokabel. Das ist kein Vorlesen, das ist ein Vortrag, das ist Deklamieren im allerbesten Sinne, es ist, als hätte sie nebenbei auch noch eine Schauspielausbildung, und es ist, nun ja, wahrscheinlich ist es genau das: sie steht hinter jedem Wort, das sie geschrieben hat. Nora Gomringer hat etwas zu sagen. Sie liest vor, sie schreit und flüstert und raunt, sie plaudert und freut sich und lacht und weint fast, und zwischendurch singt sie sogar, und das Publikum hängt ihr an den Lippen und ist durch und durch fasziniert und mucksmäuschenstill, außer wenn es lachen muss.
Zwischendurch singt das Wortart Ensemble – fünf erstaunlich junge Leute aus Dresden, drei Frauen und zwei Männer, die auf ihre Weise Lyrik vertonen und a capella singen. Gedichte von Mascha Kaléko und Wolf Wondratschek und Nora Gomringer. Und da bekommt jedes Gedicht einen eigenen Sound, der aber gleichzeitig der eigene Sound des Wortart Ensembles ist, und dieses Ensemble ist unfassbar großartig. Rhythmisch und harmonisch ist das alles höchst anspruchsvoll, und sie singen so wunderbar, so überzeugt und so überzeugend, und so voller Wärme und Begeisterung für das, was sie da tun, dass mir zwischendurch kurz das Wasser in die Augen steigt, weil das alles so unglaublich großartig ist. Und sich so toll mit Nora Gomringer ergänzt, die teilweise ein paar Töne mitsingt, teilweise reinspricht, die meiste Zeit aber nur zuhört und genauso gebannt ist wie der Rest des Publikums – aber sie und das Ensemble sind schon eine Weile lang zusammen unterwegs, sie kennt das alles schon, aber das macht nichts, man merkt ihr an, wie begeistert sie immer noch von der Arbeit dieses Ensembles mit ihren Texten ist.
Und inhaltlich – kein Marzipan. Nora Gomringers Gedichte sind nun wirklich alles andere als platt oder oberflächlich, aber sie haben eben auch nicht dieses Bedeutungsschwangere, dieses demonstrativ Tiefsinnige, dieses „seht her, wie klug und intellektuell und voller Schmerz ich bin“, das so viele Gedichte haben. Sondern sie haben ganz viel Herz und Hirn und Humor, und vor allem, und das ist ja immer das allerwichtigste an Lyrik: der Rhythmus. Der Rhythmus! Boah, wow, der Rhythmus.
Und als wäre das nicht alles schon großartig genug, erzählt sie zwischendurch auch noch die zauberhaftesten Dichter-Dönchen, die ich je gehört habe. Von der Abiturientin, die sie anrief, weil der Deutschlehrer mit ihrer Interpretation von Das Herz nicht einverstanden war, und die sich jetzt Rückendeckung von der Dichterin selbst holte. Oder von dem Gynäkologen, der ihr Gedicht Bilderbuchuterus in seiner Praxis unter die Decke geschrieben hat. Ich schätze, ich bin jetzt ein bisschen in Nora Gomringer verliebt. Was für eine Frau.
Und ihr müsst jetzt leider kurz stark sein: der Auftritt im Hamburger Literaturhaus war der letzte der gemeinsamen Reise. Aber sowohl Nora Gomringer als auch das Wortart Ensemble treten natürlich weiterhin auf: hier sind Noras Termine und hier die des Wortart Ensembles. Geht da hin, wenn es geht. Ehrlich.
Für mich ist Lyrik sowas wie Pralinen.
Sie kommen hübsch verpackt daher,
im Leinenband mit Lesebändchen,
goldgeprägtem Pappkarton.
Für mich ist Lyrik sowas wie Pralinen.
Man staunt sie erstmal eine Weile an.
Und dann probiert man eine.
Vielleicht zergeht sie auf der Zunge,
überrascht mit ganz speziellen Noten,
die sich erst nach und nach entfalten,
sie ist vielleicht ein wenig bitter
und vielleicht ein wenig süß
und vielleicht ein wenig herb,
man genießt das, man entdeckt, man staunt.
(Außer es ist überraschend Marzipan drin, dann ist es natürlich Mist.)
Für mich ist Lyrik sowas wie Pralinen.
Die erste war womöglich gut
womöglich sogar wundervoll
womöglich auch nur ganz okay,
und man isst noch eine.
Doch bei der zweiten Schokokugel
schmeckt man schon nicht mehr ganz so gründlich hin,
da entgehen einem schon die feineren Nuancen.
Aber lecker ist es immer noch.
Für mich ist Lyrik sowas wie Pralinen.
Die dritte isst man dann noch schneller,
und ab der vierten ist es Völlerei,
da verschleimt die klebrigsüße Schokolade
einem schon den Kopf.
Bei der achten spätestens wird einem schlecht,
und man weiß genau:
man hätte einfach nur die eine essen sollen,
denn die war wirklich gut.
Die achte war das sicher auch,
der achten tut man schrecklich Unrecht,
das hat sie nicht verdient.
Für mich ist Lyrik sowas wie Pralinen.
Ich möchte sie in ganz, ganz kleinen Häppchen.*
Und Marzipan geht gar nicht,
das tut ja nur so tiefsinnig und edel,
in Wahrheit ist es plumpe Augenwischerei,
süß und klebrig und igitt,
da hilft auch dunkle Schokolade drumherum nichts.
Geht mir weg mit eurem Marzipan,
Bedeutungshuberei macht mich allergisch.
Für mich ist Lyrik sowas wie Pralinen.
[*Außer sie ist von Nora Gomringer und wird mir von ihr vorgelesen. Aber dazu später mehr.] 

Okay, ich habs mir anders überlegt. Ich mache was ganz anderes. Kurzentschlossen. Hier schon mal der Klappentext für mein neues Buch „Die Backwarenbande und die Suche nach dem goldenen Keks“.
Unbekannte haben den goldenen Keks von der Fassade der Keksfabrik geklaut. Und irgendwie hat da schon so lange niemand mehr hingeguckt, dass die Polizei nicht mal herausbekommt, wann genau das passiert ist. Ojemine! Das geht dem alten Fabrikbesitzer Herrn Plätzchen ganz schön auf den Keks. Er sagt, wer den Keks zurückbringt, bekommt tausend Euro Belohnung! Aber dann bekommt Herr Plätzchen auch noch einen Erpresserbrief, angeblich von Krümelmonster. In dem Brief steht, dass Herr Plätzchen ganz viele Kekse an das Kinderkrankenhaus spenden soll, und zwar die mit Vollmilchschokolade, nicht die mit Zartbitter, und auch nicht die ohne Schokolade. Und die tausend Euro soll er dem Tierschutzverein geben. Dann bekommt er den goldenen Keks zurück.
Benjamin „Brösel“ Knösel, Hobbydetektiv seit dem denkwürdigen Fall des verschwundenen Backbuchs aus Onkel Bernd „das Brot“s Küchenschrank, denkt nicht lange nach. Er sagt seinen Freunden Kuchen und Torte Bescheid, und dann macht sich die Backwarenbande auf die Suche nach dem geheimnisvollen Keksdieb. Werden sie dem schlechtgelaunten Keksfabrikanten den goldenen Keks zurückbringen können und die tausend Euro Belohnung erhalten? Oder wird die Backwarenbande sich an diesem Keks die Zähne ausbeißen? Und wer steckt eigentlich hinter „Krümelmonster“?
Ein ganz großer Spaß für Erstleser. Verpackt in eine spannende und lustige Geschichte, wird hier die Frage gestellt, was eigentlich eine Straftat ist, und ob Gut und Böse sich immer so leicht auseinanderhalten lassen.
Erscheint voraussichtlich im Herbst 2013.
Hiermit beantrage ich Titelschutz für „Die Backwarenbande und die Suche nach dem goldenen Keks“.
Bewerbungen von Illustratoren (bitte mit aussagekräftigem Entwurf) nehme ich noch entgegen.