Für mich ist Lyrik sowas wie Pralinen

Für mich ist Lyrik sowas wie Pralinen.
Sie kommen hübsch verpackt daher,
im Leinenband mit Lesebändchen,
goldgeprägtem Pappkarton.
Für mich ist Lyrik sowas wie Pralinen.
Man staunt sie erstmal eine Weile an.
Und dann probiert man eine.

Vielleicht zergeht sie auf der Zunge,
überrascht mit ganz speziellen Noten,
die sich erst nach und nach entfalten,
sie ist vielleicht ein wenig bitter
und vielleicht ein wenig süß
und vielleicht ein wenig herb,
man genießt das, man entdeckt, man staunt.
(Außer es ist überraschend Marzipan drin, dann ist es natürlich Mist.)

Für mich ist Lyrik sowas wie Pralinen.
Die erste war womöglich gut
womöglich sogar wundervoll
womöglich auch nur ganz okay,
und man isst noch eine.
Doch bei der zweiten Schokokugel
schmeckt man schon nicht mehr ganz so gründlich hin,
da entgehen einem schon die feineren Nuancen.
Aber lecker ist es immer noch.
Für mich ist Lyrik sowas wie Pralinen.

Die dritte isst man dann noch schneller,
und ab der vierten ist es Völlerei,
da verschleimt die klebrigsüße Schokolade
einem schon den Kopf.
Bei der achten spätestens wird einem schlecht,
und man weiß genau:
man hätte einfach nur die eine essen sollen,
denn die war wirklich gut.
Die achte war das sicher auch,
der achten tut man schrecklich Unrecht,
das hat sie nicht verdient.
Für mich ist Lyrik sowas wie Pralinen.

Ich möchte sie in ganz, ganz kleinen Häppchen.*
Und Marzipan geht gar nicht,
das tut ja nur so tiefsinnig und edel,
in Wahrheit ist es plumpe Augenwischerei,
süß und klebrig und igitt,
da hilft auch dunkle Schokolade drumherum nichts.
Geht mir weg mit eurem Marzipan,
Bedeutungshuberei macht mich allergisch.
Für mich ist Lyrik sowas wie Pralinen.

[*Außer sie ist von Nora Gomringer und wird mir von ihr vorgelesen. Aber dazu später mehr.]

14 Kommentare

  1. Jenny Freitag, 1. Februar 2013 um 22:57 Uhr [Link]

    Schön!

  2. Stephan Freitag, 1. Februar 2013 um 23:39 Uhr [Link]

    Lyrics‘ like a boxa choclates, got it ;-)

  3. Stephan Freitag, 1. Februar 2013 um 23:44 Uhr [Link]

    Jaja, Freudsche Fehler gebären falsche Freunde.

  4. kopffüßelnde Samstag, 2. Februar 2013 um 10:06 Uhr [Link]

    Ich hätte es nie für möglich gehalten, aber mittlerweile mag ich Marzipan. Also gutes Marzipan. Und ich mag mittlerweile auch Pralinen. Manchmal. Selten. Aber dann: ja. Pralinen mochte ich lange Zeit ebensowenig wie Marzipan. Eine gute Tafel Schokolade war mir lieber. Und weiterhin ist mir gutes Marzipan, guter Nugat, gute Lyrik lieber als Pralinen, aber ich weiß jetzt, dass es Pralinen auch jenseits von Trüffel gibt :-)

  5. Isabel Bogdan Samstag, 2. Februar 2013 um 11:19 Uhr [Link]

    Hihi, ich hatte noch eine Strophe über eine einfache Tafel Schokolade und Prosa erwogen, prosaische Schokolade, die mir lieber ist als Pralinen. Dann aber verworfen, war eh schon so lang.

  6. giardino Samstag, 2. Februar 2013 um 23:47 Uhr [Link]

    Manchmal ist Lyrik, äh, sind Pralinen auch knackig, nicht nur weich, sie haben eine feste Hülle oder es ist eine ganze Nuss oder Mandel drin verborgen oder kleine Splitter, die man erst beim Draufbeißen bemerkt, wenn sie leicht zwischen den Zähnen krachen.

  7. Karan Sonntag, 3. Februar 2013 um 11:45 Uhr [Link]

    Für mich ist Lyrik wie ein guter Wein. Das Leben ist zu kurz für schlechte Getränke. Man schmeckt den Boden, der die Reben trug, den Sommer, in dem sie reiften, die Fantasie des Kellermeisters – alles in einem einzigen Schluck. Und manchmal will ich mich betrinken. Drum hüte ich mich vor Zuckerwässern und Schädelspaltern, mag es trocken, auch mal süffig, gerne täglich, doch in klugen Maßen. ;-)

  8. Lydia Sonntag, 3. Februar 2013 um 14:20 Uhr [Link]

    Für mich ist Lyrik wie ein Gürkchen
    Salzig, knackig
    Süßsaures ist mir immer noch zu süß
    Gläschen-Kleinschnibbelkram in Essig-Zucker-Brüh
    Bleibt mir bloß fort
    Doch ab und an ein Gürkchen, richtig salzig
    Nur eins, mir wird das schnell zu viel
    Dazu ein Wodka, hmmmmm …

  9. 9. Schwere Pralinen « Lyrikzeitung & Poetry News Sonntag, 3. Februar 2013 um 16:57 Uhr [Link]

    [...] ist ja immer so eine Sache. Für mich ist Lyrik ja sowas wie Pralinen. Also: schwierig. Und jetzt bin ich letzte Woche mehr oder weniger zufällig bei Nora Gomringer im [...]

  10. Stephan Samstag, 9. Februar 2013 um 11:22 Uhr [Link]

    Lese gerade die (steile?) These, daß im 20. Jahrhundert Lyrik nur einmal die vorherrschende Literaturgattung war, nämlich im Ersten Weltkrieg. Jemand namens Bernard Bergonzi soll sich sogar dazu verstiegen haben, „(English poetry) never got over the Great War.“

    • Isabel Bogdan Samstag, 9. Februar 2013 um 12:12 Uhr [Link]

      Äh – dazu fällt mir jetzt nicht viel mehr ein als: aha.
      Keine Ahnung. Was ist denn „vorherrschend“? Meistverkauft? Meistgeschrieben? Gelesen? Und wie es in England ist, weiß ich auch nicht.

  11. Stephan Sonntag, 10. Februar 2013 um 00:32 Uhr [Link]

    Wohl meistgeschrieben. Ich hatte schon getwittert, daß im August 1914 im Deutschen Reich täglich 50000 Gedichte geschrieben, 500 an Zeitungen geschickt und 100 abgedruckt wurden. Quelle: Peter Watson – The German Genius, 1. Seite von Kapitel 30.

    Was das bedeutet – keine Ahnung. Aber bemerkenswert fand ich es doch.

    • Isabel Bogdan Sonntag, 10. Februar 2013 um 00:34 Uhr [Link]

      Verblüffend – wie wurde das denn festgestellt? Und wird das seitdem immer noch täglich nachgezählt?

  12. Stephan Sonntag, 10. Februar 2013 um 01:08 Uhr [Link]

    Gute Frage, an die Zeitungszahlen kommt man bestimmt per Archivarbeit. Die „50000″ könnte man vielleicht hochrechnen aus Stichproben bei Tagebucheinträgen, Feldpost und Lyrik-Veröffentlichungen.

    Das tägliche Nachzählen in Tages- und Wochenzeitungen kann man sich für unveröffentlichte Gedichte heute wahrscheinlich sparen, oder? Von dem Grass-Quatsch und einigen lustigen Wenigzeilern aus dem Titanic-Umfeld abgesehen kann ich mich kaum an Gedichtabdrucke erinnern.

    Wobei schon ziemlich unbekannt zu sein scheint, wie genau die Presselandschaft bevölkert ist. Es gibt irgendwo einen pensionierten Zeitungsmenschen, der alle Jahre wieder alle Ausgaben aller in Deutschland an einem von ihm bestimmten Stichtag erschienen Tageszeitungen sammelt. In seinem Haus. Generalstabsmäßig geplant. Wo habe ich das jetzt wieder her? Vielleicht aus der taz? Ich habe ganz klare Bilder von Papiergebirgen auf 60er-Jahre-Möbeln vor Augen … eine Sendung finde ich aber nicht im Netz. Schade, der Mann ist schön schratig.

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