Neuerscheinung: Jonathan Evison, „Umweg nach Hause“

9783462046595Inzwischen habe ich knapp 50 Bücher übersetzt, und ich gestehe: ich habe durchaus nicht alle meine Kinder gleich lieb. Ich würde auch keine Top-Three vergeben wollen, aber dieses hier nimmt eindeutig einen der Spitzenplätze ein. Was für ein Buch! Wahnsinnig tragisch und genauso komisch, derb und berührend, man lacht und man schluckt. Und bevor ich jetzt vollends unsachlich werde, lasse ich lieber Jonathan Evison selbst etwas über die Hintergründe zu diesem Roman berichten (von mir übersetzt, gebloggt mit freundlicher Genehmigung von KiWi).

Liebe Leute, kauft dieses Buch, lest es, verschenkt es, verleiht es, bringt es unters Volk.
Übrigens wird es auch gerade prominent verfilmt. Ich hoffe, es wird ein großer Erfolg; nicht, weil ich dann reich würde, sondern weil es so toll ist.


Jonathan Evison: Lücken schließen

An dem Wochenende, als meine Schwester sechzehn wurde, fuhr sie mit ein paar Freunden nach Lucerne Valley in der Mojavewüste. In den zwei Wochen davor war diese Fahrt bei uns zu Hause Tischgespräch gewesen. Mein Vater war der Meinung, sie sei doch ein vernünftiges Kind, habe gute Noten, füttere ihre Haustiere zuverlässig und sei immer pünktlich zu Hause, also könne man ihr die Reise wohl erlauben. Meine Mutter hielt das für keine gute Idee. Sie traute den anderen Jugendlichen nicht. Sie waren eine wilde Meute.
Meine Schwester machte die Reise. Sie kehrte nicht zurück. Sie kam bei einem grauenvollen Autounfall ums Leben, als sie gerade sechzehn wurde. Der Unfall, dessen genauer Hergang nie zufriedenstellend geklärt wurde, zerriss unsere Familie. Meine Eltern ließen sich nach fünfundzwanzig Jahren Ehe scheiden. Ich verlor meine wichtigste Bezugsperson. Mein ältester Bruder hat zwei Jahre lang fürchterlich gelitten, und es hat ihn grundlegend verändert. Meine Familie spürt den Schock bis heute. Ich habe immer noch eine schwesterförmige Lücke im Herzen. Nach ein paar Bier lamentiert mein Bruder heute noch darüber, dass er ihr noch sieben Dollar schuldete, als der Unfall passierte. Die sieben Dollar waren ein Streitpunkt gewesen, der irgendwie mit dem Verkauf eines Zehn-Gang-Rads zusammenhing. Sie stritten sich heftig über das Geld, bis zu dem Tag, an dem sie losfuhr. Mein Bruder ist jetzt siebenundfünfzig und versucht immer noch, seine Schuld zu begleichen.
Es gibt Lücken in unserem Leben, die nicht geschlossen werden können – nicht vollständig, niemals. Aber wir haben keine andere Wahl, als es zu versuchen. Wir müssen weitermachen, im Angesicht schrecklicher Verluste, vernichtender Schuldgefühle und überwältigender Hoffnungslosigkeit. Aufgeben wäre der Tod. Mit dieser Einstellung lebe ich, seit ich fünf Jahre alt bin.
Ben Benjamin ist eine Figur, die wirklich alles verloren hat – seine Frau, seine Familie, sein Zuhause, seinen Lebensunterhalt. Gebrochen, pleite, vernichtet und ohne jede Hoffnung, nur noch ein Schatten seiner selbst. Fast zehn Jahre lang war er Hausmann und Vater, die Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt sind an ihm vorbeigegangen. Ben hat nicht viele Möglichkeiten und besucht einen Abendkurs über 28 Stunden mit dem Titel „Grundlagen der häuslichen Pflege“. Im überheizten Keller der Abundant Life Foursquare Church lernt er, wie man Katheter einführt, ohne sich strafbar zu machen. Er lernt, wie man sich professionell verhält, Grenzen zieht und einhält und wie man physischen und psychischen Abstand zum Patienten wahrt. Er lernt, dass häusliche Pflege auch nur ein Job ist.
Aber als er die Pflege des tyrannischen neunzehnjährigen Trev übernimmt, der unter einer fortgeschrittenen Muskeldystrophie vom Typ Duchenne leidet, stellt er fest, dass die zahllosen Eselsbrücken und Checklisten aus dem Kurs ihn nicht wirklich darauf vorbereitet haben, sich um einen sturen, verängstigten, sexuell frustrierten Heranwachsenden zu kümmern, der mit der gesamten Welt hadert.
Als ich anfing, diesen Roman zu schreiben, habe ich mir keine Roadstory vorgestellt. Ich wollte nie eine Roadstory schreiben – ich habe mich sogar gegen die Idee gesträubt. Aber die Figuren haben mich auf die Straße geschickt. Sie ließen mir keine Wahl, sie haben mich strampelnd und schreiend auf die Straße gezerrt. Es kam mir vor, als würden Ben und Trev ewig in Bens Van herumfahren, aber nie irgendwo ankommen. Sie steckten beide fest. Der Van musste sie irgendwo hinbringen. Und mich auch, nehme ich an. Denn das hat der Roman getan. Umweg nach Hause ist eine Geschichte des vollständigen Zusammenbruchs und schließlich der Wiederherstellung. Die desaströse Reise wird am Ende durch fünf Bundesstaaten geführt haben und eine Geburt, zwei Festnahmen, einen Moment des Kannibalismus, einen Sandsturm, einen Hagelsturm, mehrere Shitstorms und ein sechshundert Meilen währendes Katz-und-Maus-Spiel mit einem mysteriösen Skylark beinhalten.
Gepäck wird mitgenommen.
Herzen werden gewonnen und verloren.
Fehler werden verziehen.
Zukünfte werden begonnen.
Dieses Buch war eine emotionale Katharsis für seinen Autor. Ich habe es geschrieben, weil ich musste. Weil meine Schwester sich vor neununddreißig Jahren auf die Reise gemacht hat und nicht zurückgekommen ist. Und weil meine Familie immer noch nicht geheilt ist. Der Roman handelt von der Notwendigkeit, sich in diesen Van zu setzen, weil man keine andere Wahl hat, als sich einen Ruck zu geben und weiterzufahren, trotz aller grauenhaften Überraschungen immer weiterzufahren. Es geht um die Menschen und die Dinge, die man auf dem Weg zurück ins Menschsein einsammelt. Und am Ende ist Umweg nach Hause für mich der Van, in dem ich meine Schwester endlich nach Hause bringe.

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Jonathan Evison: Umweg nach Hause. Kiepenheuer und Witsch, 384 Seiten, 19,99 €
Auch als E-Book, 17,99 € (Affiliate-Links zur Buchhandlung Osiander)

Neuerscheinung: Nick Hornby, Miss Blackpool

9783462046908Tadaaa! Da isser. Der neue Nick Hornby. Übersetzt von Ingo Herzke und mir. Das haben wir hauptsächlich im Juli und August übersetzt (ich zum Teil in Schottland), gleich im Anschluss im September kamen die Lektoratskorrekturen und zwei Fahnendurchgänge, der letzte unmittelbar vor der Buchmesse, im Oktober ging es in Druck, und zack! ist es im November in den Buchhandlungen. Seit heute offiziell. So schnell kann’s gehen, wenn der Autor berühmt genug ist, und so schnell muss es gehen, wenn das Buch schon angekündigt ist, der Autor aber etwas später abgibt und der Verlag sich was davon verspricht. Das war mein Glück – eigentlich hätte Ingo es allein übersetzen sollen, aber dafür war die Zeit zu knapp. Also haben wir es zu zweit gemacht, was wirklich ganz wunderbar funktioniert hat.

Das Buch ist ein großer Spaß, wir haben beim Übersetzen viel gelacht. Ich mag die Figuren und die Stimmung, die akkurat recherchierte Situation in den 60er Jahren in London, und außerdem war es auch so toll zu übersetzen, weil es handwerklich so gut gemacht ist, da waren keine schiefen Metaphern geradezurücken, keine Ungeschicklichkeiten oder Recherchefehler auszubügeln, keine Suche nach einer passenden Tonlage nötig, das ist einfach richtig, richtig gut gemacht und ein großer Spaß. Und mit Ingo mache ich sowas jederzeit gerne wieder. Das war der lustigste und entspannteste Eilauftrag aller Zeiten.
Wie es gehen kann, zu zweit zu übersetzen, haben wir hier im KiWi-Blog erzählt. Und gewinnen kann man da auch noch was!

Nick Hornbys grandioser neuer Roman: ein Ausflug ins Swinging London der Sixties

Die hübsche Barbara entflieht der Provinz und zieht nach London, um berühmt zu werden. Sie bekommt tatsächlich die Hauptrolle in einer neuen Fernseh-Sitcom, die zu einer der erfolgreichsten TV-Shows Englands wird. Das Team wird ihre Familie – doch was passiert, wenn Ruhm und Glanz irgendwann verblassen?
Anfang der 60er: Barbara nimmt die Wahl zur »Miss Blackpool« nicht an, als ihr aufgeht, dass sie dann ein weiteres Jahr in diesem verschlafenen Provinzstädtchen verbringen müsste. Stattdessen zieht sie nach London, ins Herz der neu entstehenden Popkultur, um Komikerin zu werden. Was zunächst aussichtslos erscheint, wird Wirklichkeit, und die Truppe rund um die beiden Drehbuchschreiber Tony und Bill, den Produzenten Dennis sowie Schauspielkollegen Clive ersetzt Barbara fortan die Familie. Alle sind von der Idee besessen, aus ihrer Sitcom einen Riesenerfolg zu machen, was ihnen trotz privater großer und kleiner Katastrophen auch gelingt. Doch was passiert, wenn Schönheit und Ruhm mit der Zeit verblassen?
Nick Hornby nimmt den Leser mit ins brodelnde London der 60er-Jahre, mitten hinein in die Welt der am Hungertuch nagenden Gagschreiber, der überarbeiteten Regisseure, der egozentrischen Schauspieler und der vom großen Durchbruch träumenden Mädchen. Ein Buch über ganz große Auftritte, lebenslange Freundschaft und die große Liebe.

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Erste Besprechungen gibt es hier:

Beim NDR
Beim Deutschlandradio Kultur
Dem Spiegel hat es nicht gefallen.
Der kölnischen Rundschau aber wohl.
Die Welt hat mit Nick Hornby gesprochen.
Simone Dalbert von Papiergeflüster mochte es auch.
Der WDR bringt ein richtig großes Feature mitsamt O-Tönen von Ingo Herzke.
Und noch ein kleines Feature beim rbb, in dem es auch sehr nett um die Übersetzung geht. (Um 8:45 Uhr, kann man anklicken.)

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Buch bestellen bei der Buchhandlung Osiander (Partnerlink), 19,99 €.

Mitspielen!

Hurra! Lange keine Gedichte zum Mitdichten mehr im Blog gehabt. Hier kommt mal wieder was. Und ja, das ist ein höchst seriöser, literarischer Roman! Aber auch darin gibt es Jugendliche. Und die singen folgendes:

My friend Billy
Had a ten-foot …
He showed it to the boy next door
Who thought it was a snake
And hit it with a rake
And now it’s only two foot four.

Es gibt verschiedene Versionen dieses hübschen Lieds; in fast allen zeigt Billy seinen Willy einem girl next door, aber hier ist es ein Junge. Wir sind in den dreißiger Jahren. Bitteschön, tobt Euch aus.

Übersetzerfreuden

In meiner aktuellen Übersetzung geht es mehrfach darum, dass ein älteres Ehepaar nach London fährt, to the family solicitor to make their wills, und ich übersetze den solicitor immer schön als Anwalt – vielleicht macht man sein Testament in Deutschland eher beim Notar, ich weiß es nicht, aber ein solicitor in England ist ein Anwalt. Genauer gesagt, einer, der nur vor niederen Gerichten zugelassen ist, aber das führt zu weit und ist für mich gerade nicht relevant, in der Übersetzung bleibt er „Anwalt“, ohne dieses Detail. Und bei der ich-weiß-nicht-wievielten Erwähnung dieses Anwalts, als das Ehepaar nicht mehr nur plant, dort einen Termin zu machen und dort hinzufahren und sich dort zu treffen und so weiter, steht da plötzlich folgendes:

The solicitor had muddled her diary oder had had to stay at home with sick children or her mobile phone was out of order or a mixture of the three, which had meant their trip to Bantry Street had been for nothing.

Anders gesagt: Reingefallen. Der Anwalt ist eine Anwältin. Ich muss mal kurz mein Unterbewusstsein zur Ordnung rufen, denn daran habe ich tatsächlich nicht gedacht. Bei allen cousins und servants und so überlege ich, ob es nun Männer oder Frauen sind, warte auf Hinweise, markiere mir die Stellen, aber der Anwalt war in meinem Kopf ein Anwalt. Das hängt möglicherweise damit zusammen, dass der Protagonist ebenfalls Anwalt ist, allerdings ein deutlich höherer, und seine Lebensgeschichte zurückgeht bis vor dem zweiten Weltkrieg. Da waren die Kronanwälte, die für das British Empire in Fernost arbeiteten, durch die Bank Männer. Diese Szene hier spielt aber um die Jahrtausendwende, als er schon sehr alt ist.
Dann korrigier ich diesen Anwalt jetzt mal rückwärts durch zu einer Anwältin.

(Gebt’s zu: Wer von euch hat beim ersten Lesen sofort „oder Anwältin“ gedacht?)

Echte Übersetzungsprobleme

Es wurde mehrfach angemahnt, ich solle wieder öfter übers Übersetzen schreiben. Hier hab ich was:

After that, he would go to his father’s old Prep school and then his father’s old Public school.

Die „Prep school“ ist eine Privatschule. Sie bereitet auf den Besuch der sogenannten „Public school“ vor, was ebenfalls eine Privatschule ist. Aus beidem einfach „Privatschule“ zu machen, funktioniert in diesem Satz also nicht, das würde ja sinnlos.

Das Problem ist ein Grundsätzliches, das immer wieder auftaucht, wenn in verschiedenen Ländern Dinge unterschiedlich organisiert sind, wenn die Strukturen anders sind. Das gilt beispielsweise auch für Militär- oder Polizeiränge, man kann einen „Constable“ nicht wirklich mit „Wachtmeister“ übersetzen. Da sind wir es bei Übersetzungen aus dem Englischen inzwischen gewohnt, dass Dienstgrade auch im Deutschen Text auf Englisch stehenbleibem.
In diesem Fall hier kann ich „Prep school“ und „Public school“ aber nicht gut auf Englisch benutzen, denn bei „Public school“ denken die allermeisten Leser automatisch, es handle sich um eine öffentliche, also staatliche Schule. Aber das ist es eben nicht, es hört sich nur so an.

Ich bin jetzt auf „private Mittelschule“ und „private Oberschule“ ausgewichen. Das ist natürlich auch nicht ganz befriedigend, weil die Systeme in England und Deutschland eben unterschiedlich sind. Die „Prep school“ besucht man von ca. 8 bis 11 Jahren, das ist nicht ganz das, was bei uns die Mittelschule oder Mittelstufe ist. Aber eine bessere Lösung habe ich nicht.

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