Besser ist das

Ich wollte einen Blogeintrag über den Versuch schreiben, ein besserer Mensch zu sein. Nicht so sehr im täglichen Umgang mit anderen (meistens bin ich ganz nett), sondern was mein Konsumverhalten angeht. Den Konsum von Tierprodukten, Gemüse, Schokolade, Kleidung, Plastik, überhaupt Waren von Großkonzernen oder kleinen Produzenten, und so weiter. Und darüber, dass auch das schönste vegane Gemüseabo nur ein Versuch von vielen sein kann, es an einer Stelle von vielen ein bisschen besser zu machen. Dass man damit natürlich nicht die Welt retten kann, es aber trotzdem wichtig ist, es immer wieder zu versuchen und die Dinge wenigstens im Kleinen ein bisschen richtiger zu machen. Und dass es manchmal schwierig ist, nicht wütend zu werden, denn wenn man erstmal anfängt, sich mit Themen wie Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit zu befassen, dann wird das Thema immer größer und unüberschaubarer, und dann kann man schon sehr, sehr wütend werden, und man kann auch verbittert werden, über die Welt und wie sehr sie durch Profitgier angetrieben wird, und auch auf sich selbst kann man wütend werden, weil man es nämlich nicht schafft, weil man es gar nicht schaffen kann, weil es als moderner Großstädter schlechterdings unmöglich ist, ein ethisch einwandfreies Leben zu führen. Und dann wird man auch manchmal auf sich selbst wütend, weil man sich dazu hat hinreißen lassen, anderen Leuten Vorträge über diese Themen zu halten, oder andersherum deswegen, weil man sich nicht genügend bemüht hat, andere zu überzeugen, nicht mehr bei H&M zu kaufen, nur so als Beispiel. Und dann wird man auch auf andere wütend, denen man nie im Leben einen solchen Vortrag halten würde, die das aber einfach behaupten. Die behaupten, das Nervige an Vegetariern sei, dass sie einem immer Vorträge hielten, dabei kenne ich das in der Tat ausschließlich umgekehrt, man möchte eigentlich nur in Frieden kein Fleisch essen, wird dann aber von Fleischessern ausführlich über ihre Essgewohnheiten informiert, was schnell zu Rechtfertigungen wird, die man nie hören wollte („… auch nur noch ganz wenig Fleisch“, aber vergessen, Aufschnitt und Wurst mitzuzählen), oder sie prahlen umgekehrt damit, wieviel Fleisch sie verdrücken können und behaupten, nur von so Grünzeug würden sie ja gar nicht satt. Manchmal sind sie auch mitleidig, und fragen, ob man denn satt würde, oder noch schlimmer, sie werden hämisch und erklären einem, dass die schönen Schuhe allerdings auch aus totem Tier gemacht sind. Und dann sitzt man da und zwingt sich zum Schweigen, und das kann einen alles sehr wütend machen. Denn ich behaupte ja gar nicht, ich würde alles richtig machen, und ich behaupte auch nicht, ich könnte die Welt retten, wenn ich meinen Fleischkonsum einschränke, das behaupte ich alles nicht, und das ist mir alles klar, ich bin ja nicht blöd. Aber soll ich deswegen aufhören, es hier und da zu versuchen? Ich kann mich doch nicht weiterhin benehmen wie ein Berserker und die Welt ausbeuten, Mensch, Tier und Umwelt, wenn ich doch wenigstens ein paar kleine Dinge ein klein wenig besser machen kann. Denn immerhin zwingt mich niemand, Fleisch aus Massentierhaltung zu essen oder von Kindern geerntete Schokolade, und Kleider zu tragen, die unter entwürdigenden Bedingungen in Bangladesh hergestellt wurden. Das muss ich alles nicht, und das möchte ich alles nicht, aber ich verurteile niemanden, der es nur an einer dieser vielen Stellen versucht, ich bewerte es nicht, wenn jemand Vegetarier ist, aber viermal im Jahr eine Flugreise unternimmt, oder wenn einer nur selbstgenähte Kleidung aus Biomaterialien trägt, aber billiges Fleisch isst, ich möchte diese Urteile nicht. Ich möchte auch selbst nicht so beurteilt werden. Aber was ich auch nicht möchte, ist „einer allein kann eh nichts ausrichten“ als Begründung dafür, dass man sich weiterhin wissentlich und damit willentlich an allerhand Sauereien beteiligt.
Natürlich bin ich auch nur ein Mensch. Ich kaufe durchaus auch schon mal etwas, wo ich eigentlich nicht dahinterstehe. Dann ärgere ich mich, und dann denke ich „das eine Mal macht jetzt global gesehen den Kohl auch nicht fett“. Und dann denke ich Beckett: „Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.“

Darüber wollte ich schreiben.
Und dann hätte ich gehofft, dass mir beim Schreiben irgendein kerniger, kluger Satz einfällt, der realistisch ist und ein bisschen tröstlich und eine Art Faustregel oder Ermutigung oder irgendsowas enthält, an der man sich festhalten kann, wenn man mal wieder an den eigenen Ansprüchen und guten Vorsätzen oder an den Umständen gescheitert ist. Mein Satz, an dem ich mich festhalte, ist eine dieser jüdischen philosophischen Denksportaufgaben und geht so:

Du hast nicht die Pflicht, das Werk zu vollenden. Aber du darfst auch nicht aufhören, es zu versuchen.

Das ist tröstlich, wenn man es mal wieder nicht geschafft hat. Wenn man sich doch eine Plastiktüte hat geben lassen, weil man den Leinenbeutel vergessen hat, oder wenn man das Kleid „Made in Bangladesh“ doch gekauft hat, weil es so schön ist. Du hast nicht die Pflicht, das Werk zu vollenden, sei ein bisschen nachsichtig mit dir. Aber versuch’s halt weiter, und dann wirst du wieder scheitern und besser scheitern und es weiter versuchen.

Und dann wollte ich meine ganz persönlichen Versuche, es etwas besser zu machen, aufschreiben. Meine eigenen Mittelwege und Kompromisse. Ich habe mit dem Thema Fleisch angefangen, und das ist so lang geworden, dass ich das alles jetzt auf mehrere Blogeinträge verteilen werde, weil es sonst zu viel ist und zu lang wird. Und zwar in den Kapiteln (Planungsstand heute, das kann sich alles ändern) Fleisch, Gemüse, Kaffee und Schokolade, Geld, Kleidung, Plastik und Müll, Großkonzerne vs. Kleinunternehmer. Als Fazit am Ende wird sich ein kleiner Rant darüber anbieten, wie unfassbar bescheuert ich es finde, das Wort „Gutmensch“ als Schimpfwort zu benutzen. Was soll man denn sonst sein wollen, ein Scheißmensch?

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Fundstück

Gruende

Das war meine letzte Übersetzung aus dem Japanischen, November 1999. Danach habe ich zweierlei beschlossen: 1. kein Japanisch mehr, und 2. keine Fachübersetzungen mehr zu Themen, von denen ich nichts verstehe. Also alle. Hier: Biochemie oder so. Schimmelbildung an Bambus? Puh. 4 Seiten. Ich werde das als Mahnmal aufbewahren, als „ogottogott, was ich alles versucht habe.“
Kurz darauf kam glücklicherweise die erste Buchübersetzung, Gärten auf kleinstem Raum: Ideen für die Fensterbank, Balkon, Hof und Hauseingang. Das habe ich übers Millenniumssilvester in Schottland übersetzt, ich war einunddreißig Jahre alt und habe eigentlich zum ersten Mal im Leben gemerkt, was ich machen will. Also, eine Arbeit gemacht, die mir wirklich, wirklich Spaß gemacht hat, und von der ich mehr wollte. Plötzlich wollte ich Bücher übersetzen – natürlich keine große Literatur, das würde ich ja niemals können – aber popelige kleine Gartenratgeber und so, das wollte ich.

Ihr ahnt nicht, wie froh ich bin, keine chemischen Versuchsprotokolle aus dem Japanischen mehr übersetzen zu müssen. Oder Jahresberichte von Pumpenherstellern (ebenfalls aus dem Japanischen) oder die Webseiten mittelständischer metallverarbeitender Betriebe im Sauerland ins Englische. In die Fremdsprache! Geht ja gar nicht. Nee, nee, das ist schon alles sehr richtig für mich, was ich jetzt mache.

Terminerinnerung

Bogdan und Buddenbohm lesen vor und trinken Wein.

MaxIsaSerioes

Am Freitag, dem 5. April, lesen Maximilian und ich in Rindchens Weinkontor in Eppendorf, Christoph-Probst-Weg 3. Eintritt 7,50.
Herr Buddenbohm wird verdursten, weil er gar keinen Wein mag, und ich werde kichern, weil ich seinen Wein mittrinken muss. Es wird also alles gewohnt seriös.

Wisster, ne? Ihr kommt auch alle, ne? Jippie!

Film: Sing your song

BelafonteSongDokumentarfilm über Harry Belafonte. Oder anders gesagt: Dokumentarfilm über Harry Belafontes Kampf gegen Rassismus, Hunger und andere himmelschreiende Ungerechtigkeiten auf der Welt.
Ich war ja vor genau einem Jahr schon schwer beeindruckt von Harry Belafonte, und mit Musik hatte das wenig zu tun. Wobei ich seine Musik auch mag.
Um Musik geht es auch im Film eher am Rande. Die Musik hat Harry Belafonte berühmt gemacht, und weil er berühmt ist, kann er sich für anderes einsetzen. So kämpfte er an der Seite Martin Luther Kings (den er immer noch respektvoll „Dr. King“ nennt) für die Gleichberechtigung der Schwarzen in den USA, unter anderem auch durch Fernsehauftritte mit weißen Künstlern zusammen, die immer wieder für Skandale sorgten (Petula Clark hat ihn berührt! Öffentlich, im Fernsehen!), überzeugte Bobby Kennedy, trommelte Märsche zusammen, wurde diskriminiert, natürlich, stellte riesige Konzerte für Frieden und Bürgerrechte auf die Beine, stellte sich zusammen mit Sidney Poitier dem Klan entgegen und sorgte dafür, dass auch in den Südstaaten schwarze Wähler registriert werden konnten. Er hat in Südafrika mit Nelson Mandela gekämpft, und er hat sich gegen den Hunger in Äthiopien engagiert. Und. so. weiter, die Liste ist quasi endlos.
Harry Belafonte ist 1927 geboren, berühmt wurde er Anfang der 50er Jahre, und seitdem hat sein politisches und soziales Engagement nicht nachgelassen. Heute arbeitet er mit Menschen in Gefängnissen und kämpft gegen die immer noch anhaltende Kriminalisierung von Schwarzen in den USA.
Seit 60 Jahren macht dieser Mann Musik und engagiert sich, er kämpft und kämpft und kämpft für Gerechtigkeit, erreicht unfassbar Großartiges, und dann kämpft er weiter, weil es nicht reicht, weil es nie reichen kann, weil die Ungerechtigkeit auf der Welt immer noch himmelschreiend ist und er das nicht zulassen kann. Es macht ihn wütend, und dann tut er etwas, er hat Ideen, er kannte schon immer einflussreiche Politiker und Künstler, und er lässt sich nicht verbiegen, lässt sich nichts einreden, lässt sich keinen Maulkorb verpassen. Ich hatte schon bei der Lesung vor einem Jahr das Gefühl, dass seine auffallend aufrechte Körperhaltung (der Mann ist 86!) mit seiner geistigen Haltung einhergeht.
Und bei allem Engagement und aller gerechten Wut hat er es irgendwie geschafft, nicht verbittert zu werden. Der Mann strahlt immer noch, er lächelt, er verströmt eine Freundlichkeit, die einem ans Herz geht, und er sagt (aus dem Gedächtnis zitiert): Ich bin immer optimistisch, ich habe immer Hoffnung, und Hoffnung ist das, was die Welt am dringendsten braucht.
Wie geht das, wie kann jemand, der dermaßen diskriminiert und erniedrigt wird, so positiv bleiben und so stark, und immer weitermachen? Keine Ahnung.
Man hat zwischendurch übrigens kurz den Eindruck, dass seine Familie bei all dem politischen Aktivismus ein bisschen zu kurz gekommen ist. Um hier wenigstens noch irgendetwas Negatives über den Mann zu sagen.

Ich habe keine Ahnung, ob das nach irgendwelchen Filmkunst-Kriterien ein „guter Film“ ist. Wahrscheinlich schon, denn er verwebt sehr geschickt Belafontes musikalische Karriere mit seinem politischen Engagement. Mich hat der Film jedenfalls sehr bewegt. Sehr. Die Bilder aus dem Kampf um Bürgerrechte, Bilder von Diskriminierung, brutalen Prügeleien, von Ungerechtigkeiten und Gewalt, Bilder von verhungernden Kindern in Äthiopien und all das haben mich wirklich fassungslos gemacht. Natürlich wusste ich das alles, aber es noch mal geballt zu sehen, hat mich wirklich erschüttert, ich habe nicht nur einmal geweint. Und mitten in all dem Elend steht dieser imponierende Mann mit dem umwerfenden Lächeln und der Hoffnung und der Aufrichtigkeit und nicht zuletzt der Musik; ein Mann, dessen Hoffnung auch Hoffnung für wahrscheinlich Hunderttausende bedeutet.
Mir egal, ob das pathetisch klingt. Ein bewegender, erschütternder Film über einen großen Mann. Guckt ihn euch an.

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