Kunst

Hier in Hamburg war gestern die „Lange Nacht der Museen“. Wir haben uns sozusagen für das kleine Paket entschieden, keine langen Wege: Kunstverein, Deichtorhallen, Haus der Fotografie. Liegt praktischerweise alles gleich nebeneinander, und das ist gut, denn die Schlangen an den Shuttlebussen sehen nicht nach einem großen Spaß aus.

Im Kunstverein ist im unteren Stockwerk eine Ausstellung von mehreren Künstlern, die sich alle mit demselben Roman auseinandersetzen: „Der Mann, der Donnerstag war“, von G. K. Chesterton. Wir erfahren nicht wirklich, worum es in dem Roman geht, wir erfahren nicht, welches Kunstwerk von wem ist, und wir erfahren schon gar nicht, was davon sich in welcher Weise auf den Roman bezieht. Alles komplett informationsfrei. Irgendwo liegt ein angegammeltes Bund Bananen auf dem Fußboden, wir sehen Tarotkarten, so ein Klappdings für Wischmops wird automatisch immer wieder ein Stückchen angehoben und fallengelassen, und woanders sagt eine Stimme „Ein Sack Zweifel, zwei Sack Eifel“. Wir sind zur Abwechslung mal wieder ratlos. Der Text am Eingang ist einer dieser Museumstexte: klingt schlau, lässt sich auch irgendwie ganz flüssig lesen, aber wenn ich hinterher reproduzieren sollte, was da steht: äh … also … irgendwas mit Geheimdiensten und Anarchie und Bedrohlichkeit? Nun denn.
Immerhin, den Raum mit den Fotografien finde ich imposant. Wir sind mit unserer alten Freundin Andrea da, sie versteht etwas von Kunst, sie macht das beruflich, sie erkennt, dass die Bilder von Gilbert und George sind. Steht aber natürlich nicht dran.
Im oberen Stockwerk ist eine Ausstellung von Norbert Schwontkowski: großformatige Gemälde, von denen mir einige wirklich gut gefallen. (Die älteren Leser erinnern sich vielleicht: ich unterteile Kunst meist in „schön“ und „nicht so schön“, ich Banausin.)
Als wir eigentlich gerade gehen wollen, kündigt sich Großes an: ein Auftritt von „Tulip, die singende Tulpe“. Und das ist keineswegs so schlimm, wie es erstmal klingt, sondern noch viel schlimmer. Ein Mann mit einer selbstgebastelten Papptulpe um den Kopp? Seriously? Im Museum?

Wir gehen weiter in die Deichtorhallen zur Ausstellung von Hans-Peter Feldmann, die mir gut gefällt. Mir sagte der Name natürlich nichts, aber Andrea sagt, er ist berühmt. Ich mochte da vieles. Lieblingsobjekt: eine ganze Reihe sich drehender, vielleicht schallplattengroßer Scheiben, auf denen allerhand Puppen, Tiere, Schneebesen und sowas montiert sind, und die so angestrahlt werden, dass sie auf die dahinterliegende Wand große Schatten werfen. Diese tanzenden Schatten sind sehr schön, sehr meditativ, da hätte ich eine Weile zugucken können. Auch sonst viel Schönes, auch Quatsch (manipulierte bekannte Gemälde, „Der Ursprung der Welt“ mit Bikinihosenabdruck, klassische Portraits mit roter Nase oder blauem Auge), eine Reihe Fotos von Autoradios während gute Musik läuft; Fotos, Gemälde, Objekte, Readymades, ich finde das sehr vielseitig und schön. Blöd nur, dass irgendwelche Kasper herumturnen und über Verstärker „lustige“ Sachen machen, in die sie das Publikum „einbeziehen“, was bedeutet, dass man immer mindestens auf der Hut, schlimmstenfalls auch auf der Flucht ist. Was, bitte, soll der Quatsch, ich möchte da in Ruhe gucken und nicht bekaspert werden. (Okay. Man könnte jetzt sagen, wer in Ruhe gucken will, soll nicht zur langen Nacht gehen. Ist was dran.)
Unsere letzte Station ist das Haus der Fotografie, wo eine Harry-Callahan-Retrospektive gezeigt wird und außerdem irgendwelche Kasper herumkaspern. Ich mag die Fotos, vor allem die von Callahans Frau Eleanor, schöne Fotos einer schönen Frau, und dann ist auch der Kasper weg und stattdessen kommt eine Jazzband. Auch recht. Wir sind aber jetzt schon ziemlich voll im Kopf und erschöpft, vier Ausstellungen in drei Häusern reichen, wir wollen nach Hause.
Auf dem Weg zum Bahnhof kommen wir noch am Kunsthaus vorbei, wo eine Fotoausstellung über Künstlerateliers gezeigt wird. Da gehen wir dann doch auch noch durch – ganz interessant, wie unterschiedlich Künstler arbeiten. Einer in einer Art Ballsaal, manche eher in Rumpelkammern, manche verblüffend aufgeräumt, andere so chaotisch, wie man es sich vorstellt. (Den Versuch, Männer und Frauen zu zählen, habe ich aufgegeben.)

Tatsächlich hatten wir uns vorher auch schon den ganzen Tag mit Kunst beschäftigt. Da wir selbst nämlich irgendwie zu blöd zum Bilderaufhängen sind, und schon erst recht für eine Petersburger Hängung, fragten wir Andrea, ob sie nicht eine Idee hätte. Es ging eigentlich vor allem um die leere Wand überm Bett und die fast leere Wand hinter meinem Schreibtisch. Und so wühlten wir den ganzen Tag in Bildern und Rahmen, hielten hier etwas hin und dort etwas nebeneinander, wischten Glasscheiben ab und schlugen Nägel in die Wand. Herausgekommen ist natürlich weder für die eine Wand, noch für die andere etwas, stattdessen haben wir jetzt eine neue Wand im Wohnzimmer. Voilà, die Sammlung Bogdan:

Bilder

Im Uhrzeigersinn von links: Christoph Niemann, „Brooklyn Bridge“, Druck (auf Facebook gewonnen); Maximilian Buddenbohm, „Termin“, Fotografie (Geschenk des Künstlers); Gerd Brunzema, „Plantage“, 2007, und „In die Brombeeren gehen“, 2009, Druckgrafiken (Geschenke des Künstlers); Ellen Dressler, „Tordurchgang Richardstraße 3“, Aquarell, 1946 (Erbstück); Wolf Erlbruch, „Turnschwein“ (Kalenderblatt); Torsten W. Schneider, „Fußballer, zerrissen“, Fotografie (Geschenk des Künstlers).

Gastbeitrag: Von wegen vegan (2)

von Jenny Merling, die seit fünf Tagen versucht, sich vegan zu ernähren und vom ersten Tag schon hier berichtet hat.

***

Die letzten Tage waren überraschenderweise völlig problemlos und entspannt, was das Essen anging.

Ich habe Sojamilch für mich entdeckt, die sich geschmacklich tatsächlich sehr von Getreidedrinks unterscheidet und mir endlich wieder Kaffee (nach Isas Text zum Thema natürlich nicht mehr ganz ungetrübt, trotz Bio- und fair-trade-Siegel) und Oatmeal ermöglicht haben. Vielen, vielen Dank für die Tipps, was Süßigkeiten, Sojamilch und Brotaufstriche angeht. Über diese Inspiration haben der Mann und ich uns sehr gefreut und zumindest in Bezug auf die Sojamilch hat es sich auch schon sehr gelohnt. (Habe damit gestern auch einen Pudding gekocht, der natürlich nicht 100% wie ein mit Kuhmilch hergestellter geschmeckt hat, aber wirklich in Ordnung war. Und vor allem brennt Sojamilch natürlich sehr viel schwerer an als „normale“ Milch. Für mich als notorische Milchanbrennerin bzw. Topf-aus-Panik-zu-früh-von-der-Platte-Nehmerin herrlich.)
Außerdem habe ich Soja-Fruchtjoghurt probiert und als lecker befunden. Und an dieser Stelle würde ich auch gern ein kurzes Loblied auf die veganen Brotaufstriche singen, die ja von vielen eher abgelehnt werden. Fast alle, die ich bis jetzt probiert habe, fand ich toll. Ich hab mich bei DM durch’s Alnatura-Angebot gegessen und kann sowohl die Sorte „Toskana“ als auch „Paprika-Nuss“ und sowieso alles mit „Curry“ im Namen empfehlen. Ganz ehrlich. Schmecken (zumindest mir) wie diese mediterranen Aufstriche, die man sich beim Türken oder Griechen auf dem Markt kauft. Davon mehr oder weniger zu leben – kein Problem für mich! Aber das nur nebenbei.

Ich habe bis auf meinen Süß-Appetit am Anfang, den ich ja dann auch stillen konnte, nichts vermisst die letzten Tage. Ich hatte keinen Heißhunger auf irgendwas, was nicht vegan war. Da wir uns vorher mit Lebensmitteln gut ausgestattet hatten, habe ich gegessen, wenn ich Hunger hatte, und war’s hinterher auch zufrieden. Eine wirkliche Umstellung war nur am ersten Tag zu spüren, danach habe ich nicht mehr oder weniger ans Essen gedacht als sonst. Was natürlich auch der Kürze der Zeit geschuldet sein kann, weil ja heute erst mein 5. veganer Tag war. Das kann sich noch ändern.
Ich hatte also das Gefühl, meine Probleme hätten sich mit dem Kauf von Sojamilch und ein paar veganen Süßigkeiten eigentlich erledigt, und war positiv gespannt darauf, wie es dann die nächsten Wochen werden würde.

Bis ich heute beim Yoga zusammengebrochen bin. (Ja, der neue Absatz war aus Gründen der Dramatik. Danke für das kollektive Aufstöhnen.)
Natürlich war es nicht sooo schlimm, aber es war auch nicht gut, und es hat mich vor allem sehr nachdenklich gemacht.
„Zusammengebrochen“ nicht im Bezug auf meinen Kreislauf, sondern eher wörtlich: Eben war ich noch auf Händen und Knien, im nächsten Moment lag ich unfreiwillig auf dem Boden und hatte das so nicht geplant. Es gibt ja in solchen Fällen manchmal diesen kurzen Moment, in dem man sich denkt: „puh, ich komm nicht mehr hoch“, aber gleichzeitig weiß man genau, na klar komm ich wieder hoch, wenn ich will. Es ging bei mir dann aber leider über diesen Moment hinaus, ich lag da und dachte, „nein, ich komme wirklich nicht wieder hoch“. Weder der Gedanke daran, dass das gerade ein bisschen peinlich war, da einfach rumzuliegen, während der Rest des Kurses weiter Übungen macht, noch pure Willenskraft haben mich hochbekommen. Ich hatte einfach das Gefühl, überhaupt kein bisschen Kraft mehr zu haben. Von einem Moment auf den anderen. Das hatte ich noch nie, nicht mal in meiner allerersten Yoga-Stunde. Arme und Beine haben einfach nachgegeben und ich lag dann also da. Irgendwann ging es mir doch wieder ein bisschen besser und ich hab mich aus dem Kurs und nach Hause geschleppt. Jetzt scheint auch alles wieder in Ordnung zu sein. Aber es hat mir Angst gemacht.

Auf dem Weg nach Hause habe ich darüber nachgedacht, woran es wohl liegen könnte. Natürlich gibt es verschiedenste mögliche Gründe, gestern Abend ist es ganz schön spät geworden, man hat mal einen schlechten Tag etc. Nur habe ich so was eben noch nie erlebt, auch nicht an „schlechten“ Sporttagen. Und da kam mir auf einmal das Wort „Mangelernährung“ in den Sinn. Natürlich lebe ich erst seit 5 Tagen vegan, da kann also noch nicht viel Schlimmes passiert sein, ich bin ja nicht schon seit 18 Wochen auf einem Schiff unterwegs und habe außer Zwieback nichts zwischen die Zähne gekriegt. Will das Ganze also nicht dramatisieren. Aber ich muss mir eingestehen, dass ich an dieses Vegan-Experiment vollkommen ohne Vorbereitung herangegangen bin, ich habe vorher nicht überlegt/mich informiert, worauf ich achten muss, ob ich überhaupt auf etwas achten muss.
Im Zuge dieser Überlegungen fiel mir auch auf, dass ich diese Woche fast nicht übersetzt habe. Montag ging es noch, ab Dienstag war es aufgrund von Konzentrationsmangel schlichtweg nicht möglich. Ich hatte zum Glück noch „leichtere“ Arbeiten wie Korrekturlesen, die ich stattdessen machen konnte, aber Übersetzen war einfach nicht drin. Ich habe es versucht, aber kaum einen Satz zustande bekommen. Da dachte ich mir dann auch nur, na ja, schlechter Tag, hat man mal, morgen geht’s wieder besser. Ging’s nur leider nicht. Und heute fiel mir dann auf, dass da vielleicht ein Zusammenhang bestehen könnte zwischen der neuen Ernährung und dem Fehlen von körperlicher und geistiger Kraft.

Ich bin davon nicht überzeugt und wahrscheinlich hatte das alles eine ganz andere Ursache und nichts mit meiner Ernährung zu tun. Normalerweise würde ich das einfach die nächste Woche noch beobachten und versuchen, herauszufinden, ob es nur eine Durchhängerwoche war, die man ja mal haben kann, oder ob ich tatsächlich von irgendetwas zu wenig aufgenommen habe, um dann zu sehen, wie ich diese Dinge durch mehr Vitamine/Eisen/was weiß ich kompensieren kann. Nur habe ich für meine aktuelle Übersetzung einen so engen Zeitplan, dass ich mir nicht noch ein, zwei Wochen aus- und herumprobieren leisten kann. Ich muss jeden Tag eine bestimmte Anzahl Seiten übersetzen und daran lässt sich leider nichts ändern.
Weshalb ich das Projekt „Veganer Monat“ hiermit abbreche. Wenn ich wieder einen normaleren Arbeitsplan habe, der nicht sieben Tage die Woche Übersetzen vorsieht, und ich mir auch mal eine Woche leisten kann, in der ich nicht alles schaffe, was ich schaffen wollte/musste, werde ich das Experiment wieder aufnehmen. Davor aber auf jeden Fall recherchieren, worauf ich achten muss.

Danke für die Kommentare und Komplimente und Tipps. Wenn es soweit ist, werde ich hier bei Isa dann wieder berichten.

Besser ist das: Schokolade und Kaffee

Einen für mich handhab- und vertretbaren Umgang mit dem Konsum von Fleisch und Gemüse zu finden, war vergleichsweise einfach. Da ging es um Tiere und Pflanzen. Jetzt wird es schwieriger, jetzt geht es um Menschen.

Vor einer Weile habe ich hier einen Film von Miki Mistrati über Kinderarbeit auf Kakaoplantagen an der Elfenbeinküste verlinkt. Es zieht einem die Schuhe aus, wie da systematisch Kinder verschleppt und an Kakaobauern verkauft werden, um auf den Plantagen zu arbeiten. So ein Kind kostet etwa 230 Euro, dafür darf man dann damit machen, was man will. Das Geld bekommen allerdings nicht unbedingt die Eltern, sondern im Zweifel derjenige, der das Kind verschleppt hat. Manche Kinder gehen auch freiwillig mit, weil man ihnen einen guten Verdienst in Aussicht stellt, den sie dann natürlich nicht bekommen. Die Schokoladenindustrie tut rein gar nichts dagegen, sie sagt nichts dazu und möchte auch nicht drüber reden. Dieser Film ist schon etwas älter, und die Schokoladenindustrie hat danach versprochen, gegen die Kinderarbeit vorzugehen, Schulen zu bauen, die Kakaoplantagen stärker zu kontrollieren, etc. (mehr …)

Besser ist das: Gemüse

Seit drei Jahren bekommen wir jetzt Gemüse von einem Biohof aus der Region (Gut Wulksfelde. Wie das genau funktioniert, habe ich hier schon mal aufgeschrieben). Der Hof produziert und liefert aber nicht nur Gemüse, sondern betreibt außerdem einen vollständigen großen Biosupermarkt; da klicke ich mir am Wochenende den kompletten Wocheneinkauf zusammen, und Mittwochs wird alles geliefert. Inklusive Fleisch (nur manchmal, siehe oben), Milch, Kartoffeln, Zwiebeln, es gibt wirklich alles, bis hin zu Wein, Kosmetik und Putzmitteln. Ich freue mich jede Woche auf den Lieferanten (wir nennen ihn Gemüsemän), der zudem noch ein netter Mensch ist, seit drei Jahren durchgängig gut gelaunt, und vor allem freue ich mich, dass ich nicht mehr in den Supermarkt muss. Seit drei Jahren kaufen wir im Supermarkt eigentlich nur noch Apfelsaft, oder mal abends eine Tüte Chips. Der Apfelsaft ist uns beim Biodealer schlicht zu teuer, wir trinken nämlich große Mengen davon, und bei Penny um die Ecke gibt’s einen sehr leckeren Bio-Direktsaft.
Eigentlich gilt für Gemüse vom Grundsatz her das Gleiche wie für Fleisch: ich möchte nicht mehr das essen, was ohne jede Rücksicht auf Verluste möglichst billig hergestellt wurde. Eisbergsalat aus Spanien und sowas. Allerdings bin ich beim Gemüse nicht ganz so konsequent – wenn mir die Zwiebeln ausgehen und ich ausnahmsweise doch schnell bei Penny welche hole, dann sind sie eben nicht bio. Nicht so schlimm. Anders als beim Fleisch; wenn es kein Biofleisch gibt, dann gibt es eben kein Fleisch.
Auch bei Obst und Gemüse muss man einen gangbaren Mittelweg finden. In unserer Obstkiste sind zum Beispiel auch Bananen und Orangen. Die stammen natürlich nicht aus regionalem Anbau. Ich kaufe gern so regional wie möglich, aber ich möchte auch nicht den ganzen Winter über nur Kohl und Äpfel essen. Ich esse im Winter keine Erdbeeren, denn die wachsen im Winter nicht, aber ich esse Bananen und Kiwis und Orangen, die wachsen hier sogar überhaupt nicht, sondern werden um die halbe Welt hierhergebracht. Ich bin dankbar dafür, dass dieses Obst hergebracht wird, und ich genieße das. Man könnte natürlich sagen, wer in Mitteleuropa Ananas isst, kann auch im Winter Erdbeeren essen, das liegt auf der nach oben offenen Beklopptheitsskala ungefähr auf gleicher Höhe. Tue ich aber nicht. Ich esse auch keinen Spargel aus Peru oder Griechenland, die paar Wochen kann ich dann auch noch warten, bis der heimische Spargel da ist. Das kann man verdreht nennen, oder bigott, oder pragmatisch, ich weiß es nicht. Jedenfalls brauche ich auch bei Obst und Gemüse Mittelwege und Kompromisse. Meine Kompromisse sind: ich esse Obst, das hier nicht wächst, sondern um die halbe Welt hierhergebracht wird. Aber das, was hier wächst, hätte ich gern auch von hier, und zwar zu vernünftigen Jahreszeiten. Allerdings ist auch das leider nicht unbedingt so einfach, wie es klingt – irgendwann regte ich mich mal über Äpfel aus China auf, ich meine: Äpfel! Aus China! Als würden die hier nicht wachsen, die muss man doch nicht aus China holen! Aber irgendwer erklärte mir dann, dass Äpfel ja hier auch gelagert werden müssen, sie wachsen hier ja auch nicht das ganze Jahr über. Und sie zu lagern, kann unter Umständen deutlich mehr CO2 erzeugen, als wenn man sie um die halbe Welt schippert. Sowas nervt mich kolossal, wenn man nicht mal mehr weiß, worüber man sich nun genau aufregen soll. Wenn man versucht, es richtig zu machen, aber dann ist es auch wieder falsch, einfach weil man es nicht besser weiß, und weil die Verstrickungen in alle Richtungen so undurchschaubar sind und einem irgendwie auch niemand sagen kann, was gut und richtig ist. Aber so sieht’s wohl aus: die Welt ist ganz schön komplex, und man durchschaut das nicht immer alles gleich. Wieder versuchen, wieder scheitern, besser scheitern.

Für Menschen, die gerne einkaufen gehen, sind bestimmt auch Wochenmärkte eine tolle Sache. Ich persönlich verabscheue Einkaufen aus tiefstem Herzen. So sehr, dass ich nicht mal auf den Markt will, obwohl ich weiß, dass es da eigentlich schön ist. Es wird auch nichts nutzen, wenn Ihr jetzt in die Kommentare schreibt, wie super es auf dem Markt ist. Ich weiß das. Theoretisch. Und zweimal im Jahr versuche ich es auch. (Spargel! Blumen!)

Das Reduzieren des Fleischkonsums hat – auch dank der Gemüsekiste – übrigens keineswegs den Effekt, dass wir uns dauernd etwas verkneifen würden und das Gefühl von Verzicht hätten, sondern im Gegenteil: es hat unseren Speiseplan enorm bereichert. Da waren nämlich auf einmal Dinge in der Gemüsekiste, die ich nie gekauft hätte, weil ich gar nichts damit anzufangen wusste. Aber „Ich weiß nicht, wie das geht“, ist in Zeiten des Internets keine valide Ausrede mehr, schon gar nicht fürs Nichtkochen. Und wie schon neulich im Fleischartikel beschrieben: Neugierig zu bleiben oder erstmal wieder zu werden, ist eine sehr gute Idee. Es gibt total viele tolle Lebensmittel da draußen, die man vielleicht gar nicht so auf dem Zettel hat; vermutlich, weil die eigene Mutter sie nie gekocht hat. Dabei kann man einfach mal probeweise etwas kaufen, was man nicht kennt, und was dann möglicherweise superlecker ist.
Apropos kaufen: Wir haben zwar nie wirklich Buch geführt, aber mein Eindruck ist ganz eindeutig, dass wir nicht mehr Geld für Lebensmittel ausgeben als vorher. Wir werfen deutlich weniger weg, weil wir es wieder mehr wertschätzen. Wenn ich das Gefühl habe, wir kriegen nicht das ganze Gemüse gegessen, dann koche ich vor und friere es ein. Es gibt ungefähr gar nichts Vorgefertigtes mehr (außer Nudeln, wenn man die zählen will), und dieses vorgefertigte Zeug sieht ja auch nur auf den ersten Blick preiswert aus, ist es aber gar nicht. Wir bestellen pro Woche für 15 bis 20 Euro Obst und Gemüse und kommen damit prima hin. Dazu kommen Milch, Butter, Kartoffeln, Zwiebeln und so weiter. Mit Fleisch und Käse wird es natürlich etwas mehr.
Gemüse ist super, ich freue mich da andauernd drüber.

Verblüffend finde ich, wie hilflos manche professionelle Köche sind, sobald es um Gemüse geht. Mit „professionell“ meine ich jetzt gar nicht die gehobene Cuisine, sondern Landgasthöfe oder den oben schon erwähnten Ratskeller. Oder ungefähr alle Restaurants auf Helgoland. Es kann doch nicht wahr sein, dass die alle nur Fleisch und Fisch können und als vegetarische Alternative totgekochten Brokkoli mit Sauce Hollandaise aus dem 5-Liter-Eimer anbieten.
Vor einer Weile sprach ich mit Steffen Hellmann, dem Chef des Restaurants Nil, das für seine Fleischgerichte bekannt ist. Und zwar nicht, weil es etwa Riesenportionen gäbe, sondern weil sie nur Tiere verwerten, die sie quasi mit Namen kennen, und die sie gerne im Ganzen kaufen. Was dazu führt, dass es auch schon mal Ungewöhnliches gibt wie Kalbsbries oder so. Es ist das einzige Restaurant, in dem ich bedenkenlos ein Fleischgericht bestelle (ich habe mich aber auch nicht wirklich nach Alternativen umgesehen, bestimmt gibt es auch in Hamburg noch mehr Möglichkeiten). Die Karte ist immer klein, acht Hauptgerichte, und sie wechselt monatlich. Von den Hauptgerichten war lange Zeit immer eines vegetarisch – inzwischen sind es immer zwei. Weil, wie Steffen sagt, die Leute so langsam doch anfangen nachzudenken und immer vernünftiger werden. Vor allem die Frauen – Frauen, sagt Steffen, seien ja sowieso klüger und würden Dinge als erstes merken, vor allem, was die Ernährung angeht.
Das lasse ich jetzt mal so stehen. Hihi.

(Das war Teil drei der Reihe. Bisher erschienen:
1. Einleitung: Besser ist das
2. Fleisch)

Anderswo

- Praktisch: das mitwachsende Bücherregal.

- Lesebändchen! Zum Einkleben! Wie toll ist das denn! Ich habe gleich mal welche bestellt und eins schon eingeklebt, allerdings noch nicht wirklich dem Alltagstest unterzogen. Ich bin ja schon immer der Meinung, dass ein anständiges Buch ein Lesebändchen haben soll.

- Vor sechs Wochen kündigte Verleger Christoph Schroer in einem offenen Brief die Zusammenarbeit mit Amazon. Jetzt zieht er im Börsenblatt Bilanz.

- Meine Freundin und Kollegin Katy Derbyshire auf „Authors and Translators“ über ihre Arbeit als Übersetzerin deutscher Literatur ins Englische. ♥♥♥

- Jan Karsten über den neuen Verlag CulturBooks im Buchreport.

- Pablo Neruda wird exhumiert – „wegen Mordverdacht“, wie die FAZ so schön irreführend schreibt. (Und, liebe FAZ: Urne? Leiche? Was denn jetzt? In Urnen ist ja üblicherweise Asche, kann man die noch auf Mord untersuchen? Eher nicht, oder?)

- Ich hatte noch ungefähr vier Tabs offen mit Seiten, die ich hier verlinken wollte. Und dann ist Safari abgestürzt. Was war das denn noch? Keine Ahnung. Deswegen nur Quatsch zum Schluss: Flamingo Pride. Der einzige heterosexuelle Flamingo auf der Suche nach der Liebe.

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