Einsamkeit 2

[Letztes Jahr im Juni las ich in Bremen im Literaturhaus. Das Literaturhaus Bremen ist aber gar kein Haus, sondern existiert nur virtuell, deswegen wird man außerdem immer gebeten, zwei Kolumnen zu einem Thema zu schreiben, das irgendwie zum vorgestellten Roman passt. Ich bekam das Thema Einsamkeit. Hier kommt die zweite Kolumne, die erste ist hier.]

Anfang 2018 wurde in Großbritannien als erstem Land der Welt ein Ministerium für Einsamkeit eingerichtet. Genauer gesagt: das „Ministerium für Sport, Zivilgesellschaft und Einsamkeit“, was ein bisschen eine seltsame Aufzählung ist. Jedenfalls hat man erkannt, dass Einsamkeit sogar noch ungesünder sein soll als Rauchen (wie auch immer man das gegeneinander aufrechnen mag). Dass Einsamkeit zu einem so umfassenden Problem geworden ist, dass man dagegen angehen muss. Wenn man das Wort „Einsamkeitsministerium“ auf Deutsch googelt, landet man beim „Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend“, eine fast ebenso sonderbare Aufzählung wie in Großbritannien. Auch hier sollen also Maßnahmen gegen Einsamkeit ergriffen werden, man packt das Thema zu „Familie und das andere Gedöns“ (Gerhard Schröder). Und vielleicht liegt da schon der Kern des Problems – dass Teile der Gesellschaft einzeln in einem Ministeriumsnamen aufgezählt werden, andere nicht. Als wären die einen ein Problem, oder mindestens ein Thema, um das man sich kümmern muss, die anderen nicht.
Ich habe keine Ahnung, wie viel ein Ministerium tatsächlich gegen Einsamkeit tun könnte. Ansätze gäbe es sicherlich. Einsamkeit ist ein negativ besetztes Wort, daran ist nicht zu rütteln, schon das Wort „Einsamkeit“ macht einen ganz traurig. Niemand gesteht sich oder anderen gern ein, dass er sich einsam fühlt. Niemand möchte einsam sein.

Warum nicht einfach „Ministerium für Familie und Freundschaft“? Da wäre alles drin, alle Menschen, alle Beziehungsformen. „Familie“ sind die Leute, mit denen man zufällig verwandt ist. Mit manchen davon kann man vielleicht nicht besonders viel anfangen und möchte nicht das Leben mit ihnen teilen. Und das Gute ist: das muss man heute auch nicht mehr. Wir haben andere Möglichkeiten als die Kernfamilie, wir können in allen denkbaren sozialen Konstellationen leben – vorausgesetzt, wir finden Menschen, die auf dieselbe Weise mit uns leben möchten. Freundschaft, Paarbeziehung, Wohngemeinschaft, Familie was auch immer. Beide Arten von Beziehungen – Familie und Freundschaft – brauchen auch rechtliche Regelungen, und es wird Zeit, dass man die Freundschaft in vielen Bereichen der Familie gleichstellt.
Das Ministerium, das sich um alle anderen Krankheiten kümmert, heißt nicht Krankheitsministerium, sondern Gesundheitsministerium. Das Ministerium für Sport heißt nicht Ministerium für Herumsitzen. Ich finde, das Ministerium für Einsamkeit sollte lieber Ministerium für Freundschaft heißen. Oder wenn das nicht ausführlich genug ist: Ministerium für Familie, Freundschaft, soziale Beziehungen und Empathie. Da möchte man sich doch gleich viel lieber einsortieren als bei „Einsamkeit“.

Einsamkeit

[Letztes Jahr im Juni las ich in Bremen im Literaturhaus. Das Literaturhaus Bremen ist aber gar kein Haus, sondern existiert nur virtuell, deswegen wird man außerdem immer gebeten, zwei Kolumnen zu einem Thema zu schreiben, das irgendwie zum vorgestellten Roman passt. Ich bekam das Thema Einsamkeit. Hier kommt die erste Kolumne, die zweite ist hier.]
 
 
Vor mehr als zwanzig Jahren lernte ich im Europäischen Übersetzerkollegium in Straelen am Niederrhein einen Kollegen aus Schweden kennen. Er erzählte, er sei gerade aus Stockholm weggezogen, aufs Land, in eine Region, die so groß sei wie Niedersachsen und so viele Einwohner habe wie Straelen. Etwa 15.000 Menschen. Ich fragte, ob ihm das nicht zu einsam sei. Er sagte: Weißt du – wenn man sowieso einsam ist, dann kann man das in der Einöde besser ertragen als in der Stadt, wo lauter Menschen um einen herum sind.
Es brach mir das Herz. Einsamkeit ist etwas anderes als Alleinsein. Alleinsein ist eine sachlich nachvollziehbare Tatsache: Wenn niemand anderes da ist, ist man allein, und das kann ganz wunderbar sein. Es gibt Menschen, die sehr viel allein sind, es herrlich finden und sich kein Bisschen einsam fühlen. Einsamkeit dagegen ist im Herzen. Man kann unter vielen Leuten und dennoch einsam sein.
Mein erster Gedanke war: Wenn ich mich in einer Stadt einsam fühlen würde, dann würde ich mir den Literaturbetrieb (oder was auch immer mein „Betrieb“ ist) suchen, mich irgendwo einklinken, dorthin gehen, wo die Leute hingehen, die ich interessant finde, ich würde Volkshochschulkurse buchen, in einen Verein eintreten, ein Ehrenamt ausüben, irgendetwas. Ich würde, statt es mir noch einsamer zu machen, Menschen suchen. Aber das bin eben nur ich, und der schwedische Kollege ist anders.
Mein zweiter Gedanke galt dem Löwen aus der Unendlichen Geschichte. Den Roman las ich, als ich ungefähr vierzehn war, es ist also gut möglich, dass ich mich falsch erinnere, aber in meiner Erinnerung lebt dieser Löwe mutterseelenallein mitten in der Wüste. Und weil in der Wüste alles verglüht und stirbt, kann niemand zu ihm hereinkommen. Er selbst kann aber auch nicht hinaus, weil er die Wüste in sich trägt und die Wüste immer um ihn herum sein wird. Ich erinnere mich, wie schrecklich ich dieses Bild damals fand; heute weiß ich, dass es solche Menschen gibt, die die Einsamkeit in sich tragen, und ich finde es immer noch schrecklich. Gegen diese Art von Einsamkeit hilft es nicht, wenn Menschen um einen herum sind. Ich weiß nicht, ob irgendetwas dagegen hilft, ob solche Löwen glücklich sein können, oder ob sie Zeit ihres Lebens aus der Wüste hinausmöchten. Jemanden suchen, der den Schlüssel zu ihrem Herzen findet. Oder ob sie sich in ihrer Wüste vielleicht ganz wohl fühlen.
Ich habe keine Ahnung, was aus dem schwedischen Kollegen geworden ist. Damals klang er nicht, als würde er sich in seiner Wüste besonders wohlfühlen. Im Internet lese ich, der Löwe sei eine der optimistischsten Figuren in Phantasien. Das wünsche ich dem schwedischen Kollegen auch.

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