Yeah, yeah, yeah!

Wenn ich mal berühmt bin und einen dieser Fragebögen ausfüllen muss, die berühmte Leute manchmal ausfüllen müssen, dann werde ich die Frage „Welche Eigenschaft schätzen Sie an Menschen besonders?“ mit „Begeisterungsfähigkeit“ beantworten. Begeisterungsfähigkeit schätze ich nämlich wirklich sehr, und dabei ist mir fast egal, wofür jemand sich begeistert. Wenn jemand irgendetwas aus vollem Herzen super finden kann, dann nimmt es mich sofort für ihn ein.
Natürlich sind mir auch andere Eigenschaften wichtig, natürlich möchte ich auch, dass meine Freunde ehrlich sind und Humor haben, zum Beispiel. Aber wenn ich jemanden neu kennenlerne, ist das erste, was mir positiv auffällt, eben die Begeisterungsfähigkeit. Man bemerkt sie ja auch meistens ziemlich schnell, viel schneller als Ehrlichkeit oder Humor (wenn wir mal davon ausgehen, dass Humor nichts mit Witzemachen zu tun hat, sondern eine Lebenseinstellung ist). Begeisterungsfähigkeit merkt man meist in fünf Minuten. Genauso das Gegenteil: wenn jemand immer nur kritisch ist und an allem was zu mäkeln hat und immer alles nicht so richtig toll findet – anstrengend. Nörgelheinis.

Übrigens glauben verblüffend viele Menschen offenbar, dass ihr Umfeld, wenn sie Dinge hemmungslos super finden, sie für unkritisch und womöglich gar ein bisschen beschränkt halten könnte. Man sehe sich nur mal die Literaturkritik an – na gut, schlechtes Beispiel vielleicht, da steckt das Wort „Kritik“ ja schon drin. Da muss man auch kritisieren. Aber was wurde beispielsweise Elke Heidenreich für ihre Sendung „Lesen!“ belächelt! Zu Unrecht, finde ich. Elke Heidenreichs Geschmack ist nicht meiner, ihre Empfehlungen waren mir meist zu tantig – aber das Konzept, nur Bücher zu empfehlen und eben nicht herumzukritteln und abzuraten, fand ich erstmal super. Natürlich macht man sich damit angreifbar. Natürlich kann man auch zu jedem Buch dazusagen, wo die Schwachstellen sind und was es an dem Buch zu kritisieren gäbe. Damit auch ja niemand glaubt, man hätte es nicht gemerkt. Und wenn es sich um eine Buchbesprechung oder gar Literaturkritik handelt, gehört das auch dazu. Aber ich finde, man kann auch ruhig einfach mal sagen: Dies oder das ist super. Punkt. Und sich die kleinen Kritikpunkte verkneifen.
Es gibt nämlich eine Menge Dinge, die wirklich super sind, da braucht man nicht nach einem Haken oder einem Aber zu suchen. Und wenn man sie schon gefunden hat, den Haken und das Aber, dann kann man ihnen auch mal ein gepflegtes „Na und?“ entgegenschmettern. Weil das Supere nämlich überwiegt, und das Nicht-so-Supere nicht so wichtig ist.
Ich glaube daher, die Begeisterungsfähigkeit hängt mit einer weiteren Eigenschaft zusammen, die mir ebenfalls wichtig ist: dem Verzeihenkönnen. Und also mit der Liebe. Dem (durchaus bewussten) Übersehen kleinerer Makel, wenn das große Ganze gut ist. Womit wir auch irgendwie wieder beim Humor wären – quod erat demonstrandum.

Übrigens glaube ich, dass man das üben kann. Kann auch sein, dass das Quark ist und es vielmehr reine Veranlagungssache ist, ich verstehe nicht übermäßig viel von Psychologie, aber ich glaube, man kann sich bewusst sagen: Dieses eine Detail ist zwar nicht so toll, aber ich beschließe jetzt, dass das nicht so wichtig ist. Weil alles andere super ist. Oder genügend anders. Man kann es üben, Dinge toll zu finden, und sich abgewöhnen, die Kritikpunkte zu suchen. Der Effekt ist: man freut sich mehr, das macht glücklich, und glücklich macht gesund und schön, alte Regel. Und noch dazu ist es ansteckend und macht andere Leute auch glücklich, gesund und schön. Ehrlich jetzt. Wenn ich sehe, wie Achim Reichel über klassische Balladen spricht, oder wie Jenny für Metzelder schwärmt, dann geht mir das Herz auf, dann freue ich mich mit, dann mag ich diese Leute, weil sie irgendetwas mögen. Und glaube sofort, dass sie lieben können und verzeihen können und Humor haben und überhaupt super sind. Außerdem bin ich sofort bereit, das Was-auch-immer ebenfalls toll zu finden.
Ja, ich würde „Begeisterungsfähigkeit“ in den Fragebogen schreiben. Initiative für mehr Begeisterung! Findet mehr super! Hey, es ist November, da kann man das doch eh brauchen.

28 Kommentare

  1. Lydia Donnerstag, 29. November 2012 um 17:23 Uhr [Link]

    Ja! Ja! Ja! Seh ich genauso. Fester Vorsatz: Werd mich heute noch verlieben.

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    • Isabel Bogdan Freitag, 30. November 2012 um 01:07 Uhr [Link]

      Und, hat’s geklappt?

  2. adelhaid Donnerstag, 29. November 2012 um 17:38 Uhr [Link]

    schön, wie du dich dafür begeisterst!

    aber spässken beiseite: recht haste! ich glaube auch, dass begeisterungsfähigkeit viel besser in so einen fragebogen passen würde, als das ständig genutzte ‚authentizität‘ (mal abgesehen davon, dass das nur die wenigsten unfallfrei über die lippen kriegen).
    ob man begeisterungsfähigkeit üben kann, weiß ich nicht. keine ahnung. aber ich habe in meinem freundeskreis so einige leute, die sich wirklich für etwas begeistern können, aber sonst in ihrem leben eher mit trübsal geschlagen sind bzw zu kämpfen haben. von daher reicht diese fähigkeit vielleicht nicht aus für’s glück…
    aber toll isses auf jeden fall!

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    • Isabel Bogdan Donnerstag, 29. November 2012 um 17:50 Uhr [Link]

      Naja, fürs grundsätzliche große Glück vielleicht nicht, aber für glückliche Momente ganz sicher. Und wenn man die glücklichen Momente als solche wahrnimmt und zu schätzen weiß, dann fällt einem auch die Gesamtzufriedenheit leichter. Glaube ich.

  3. nicwest Donnerstag, 29. November 2012 um 18:54 Uhr [Link]

    An meinem Kühlschrank hängt ein Zettel, auf dem steht: Das wesentliche Merkmal der Begeisterung ist der Verlust der Urteilsfähigkeit.
    Ähem.

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  4. Lydia Donnerstag, 29. November 2012 um 19:09 Uhr [Link]

    Weiß nicht. Ein positives Urteil ist ja auch ein Urteil.

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  5. Isabel Bogdan Donnerstag, 29. November 2012 um 19:42 Uhr [Link]

    Nicwest, da tät ich ja sagen: schmeiß ihn weg. Weil: was für ein miesepetriger Unsinn. Und was Lydia sagt.
    Aber das ist natürlich auch nur meine kleine Privatmeinung.

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  6. Jenny Donnerstag, 29. November 2012 um 20:40 Uhr [Link]

    Ach, du Liebe. *plinkere hier wie ein Wellensittich und tupfe mir verstohlen am Auge rum*
    Ich stimme dir voll zu. Und nicht, weil du mich erwähnt hast, sondern weil du einfach Recht hast, und weil ich rührend finde, dass du ja selbst so begeisterungsfähig bist und demenstprechend begeistert und begeisternd darüber schreibst. Das finde ich auch noch sehr meta, aber vor allem schön.

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  7. Karan Donnerstag, 29. November 2012 um 21:24 Uhr [Link]

    Ich las Deine Worte mit einem immer größer werdenden Grinsen im Gesicht und einem tief geseufzten JA!
    Jeden Februar bin ich beim „February Album Writing Month“ aktiv, einem web-basierten Liederschreibe-Projekt mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus der ganzen Welt, vor allem aus dem anglo-amerikanischen Raum, Hobbymusiker und Profis aller Sparten und Richtungen. Dort wird eine echte Begeisterung für Musik gepflegt: im Zentrum steht die Wertschätzung, das Hervorheben der jeweiligen Stärken dessen, was man da zu hören bekommt. Es ist doch so, dass man sich der eigenen Schwächen nur allzu sehr bewusst ist und aufgrund des in Dauerschleife meckernden inneren Kritikers die positiven Aspekte oft überhaupt nicht mehr richtig wahrnehmen kann.
    Begeisterung funktioniert ja auch nach dem Prinzip „mehr macht mehr“ – wenn ich eine Sache toll finde und mich darüber freue, dann färbt diese Freude meinen Blick und ich sehe dann noch mehr Schönes um mich herum. :-)

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    • Isabel Bogdan Donnerstag, 29. November 2012 um 22:42 Uhr [Link]

      Ha, da sehe ich ja gleich das nächste Thema, über das ich auch schon immer mal hatte schreiben wollen. Komplimente machen und annehmen. Auch so ne Sache.

  8. Extramittel Donnerstag, 29. November 2012 um 21:48 Uhr [Link]

    An mein Herz! Und das grunsätzliche große Glück besteht ja auch nur aus vielen kleinen Glücksmomenten. Ich denk ja immer, dass die Leute, die sich so gern ärgern (erstaunlich viele) auch wenig Talent zum Glücklichsein (Zitat James Krüss) haben. Aber na ja, wir haben ja alle unsere Meckerthemen, bei denen uns die Begeisterung anderer auch nix nützt, ne? (z.B. ich: Facebook-Links, du: Filmkomödien)

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    • Isabel Bogdan Donnerstag, 29. November 2012 um 22:41 Uhr [Link]

      Pfft, immer wird mir hier das Wort im Mund umgedreht! Ich hab gar nichts gegen Filmkomödien! Nur gegen diese eine Klamotte da neulich mit der griechischen Hochzeit. Aber ich habe natürlich andere Meckerthemen, klar. Ich meine ja auch nicht, dass man einfach alles super finden soll.

  9. Frau Eff Freitag, 30. November 2012 um 07:46 Uhr [Link]

    Jajaja… was für ein wunderbarer Novemberbeitrag! Und man traut sich das manchmal erst nach einer langen Zeit, Begeisterung ohne wenns und abers. Wir haben mit drei anderen Leuten vor ein paar Jahren einen monatlichen Debattierclub ins Lebens gerufen. Anfangs immer so mit Vorher-Texte-lesen, Adorno und so, und dann klug darüber sprechen. Inzwischen sitzen wir drei Stunden an einem gut gedeckten Tisch und erzählen von all den tollen Büchern und Filmen und der Musik, die wir entdeckt haben, und leihen alles unterteinander aus und sind so richtig froh und satt, mal hemmungslos nur Sachen gut finden zu können. Nie sind wir der gleichen Meinung, aber das fördert die gute Laune nur noch zusätzlich.

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  10. trippmadam Freitag, 30. November 2012 um 09:50 Uhr [Link]

    „Weil das Supere nämlich überwiegt, und das Nicht-so-Supere nicht so wichtig ist.“

    Mir geht es immer so, wenn ich Ballettaufführungen sehe: ich finde es eigentlich immer toll, obwohl ich vermutlich mehr Fehler sehe als der Durchschnittszu-schauer (weil ich bis zum Abi fleißig Ballett getanzt und dafür sogar Noten bekommen habe). Wenn ich sehe, dass ein Tänzer sich die Seele aus dem Leib tanzt und die Essenz der Choreograpie vermitteln kann, dann sind mir ein paar technische Fehler herzlich egal.

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  11. Ishtars Blog » Eine Geek-Spielwiese » Lose Gedanken zu Radio und Podcasts Freitag, 30. November 2012 um 10:22 Uhr [Link]

    [...] geben? In dem auch ein wenig nuschelige Experten wie Michael Kleff ihr Fachwissen und ihre Begeisterung für Bands und Genres an die Frau und den Mann bringen dürfen, in dem Platz ist für musikalische [...]

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  12. frauziefle Freitag, 30. November 2012 um 12:01 Uhr [Link]

    JA! GENAU! (Großschreibung wegen Begeisterung)

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  13. Pflicht Freitag, 30. November 2012 um 14:37 Uhr [Link]

    Wie wird etwas super? Wie baut man zum Beispiel ein Super-Gerät oder schreibt ein Super-Buch? Nicht zuletzt dadurch, dass man das Bestehende, sich, die eigene Leitung ständig kritisiert, ständig dran herumnörgelt „das kannst du besser“ , „das geht besser“, „so geht das nicht“.

    Nörgeln und Super gehen Hand in Hand „Vun nix kütt nix“.

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    • Isabel Bogdan Freitag, 30. November 2012 um 14:59 Uhr [Link]

      Ja, logisch. Es geht doch nicht darum, *immer alles* super zu finden, sondern sich für *etwas* zu begeistern. Mit kompletter Kritiklosigkeit hat das nichts zu tun.
      Und sich selbst super zu finden, ist noch ein ganz anderes, ganz schön großes Thema.

  14. Lydia Freitag, 30. November 2012 um 17:26 Uhr [Link]

    Ja, ich hab mich verliebt. Gestern Abend noch. In Daniel Scholten … Hab auf http://www.belleslettres.eu/ rumgestöbert und war hin und weg von ihm. Im Videotutorial über Schamanendeutsch spricht er sogar ausgiebig über „begeistert“ und „begeisternd“.

    Aber dann hat er paar ganz strange Sachen gesagt und ich hab mich wieder ein bisschen entliebt. Na ja, vielleicht geb ich ihm noch eine Chance ;-)

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  15. Der Schönheitsfleck | Bandschublade Freitag, 30. November 2012 um 18:19 Uhr [Link]

    [...] Bogdan hat einen Blogeintrag geschrieben über Begeisterungsfähigkeit. Isabel, von deren Blog ich meist ohne wenn und aber [...]

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  16. christiane Freitag, 30. November 2012 um 18:58 Uhr [Link]

    Sie sprechen mir aus der Seele. Ich liebe begeisterungsfähige und begeisterte Menschen, nicht zuletzt, weil sie den eigenen Horizont erweitern. Ob man es dann selber super findet, sei dahingestellt – aber man hat sich mal mit etwas anderem beschäftigt. Mir helfen begeisterte Leute auch immer sehr, wenn ich schlechte Laune habe :) Ich fand den Bogen zum Verzeihen können auch sehr schön. Und nebenbei, als eher stille Mitleserin: Ihr blog ist definitiv super!

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  17. jule Freitag, 30. November 2012 um 22:32 Uhr [Link]

    Meine Gedanken dazu:

    Glück muss man können.
    Und für mich gehört zum Glücklichsein dazu, sich freuen zu können, sich begeistern zu lassen. Sich beeindrucken zu lassen. Bereitwillig zu tanzen. Denn: „Wenn dir etwas gefällt, analysiere es nicht, sondern tanze dazu.“ (Tex Rubinowitz) Etwas muss nicht perfekt sein, um mir zu gefallen.

    Freudig zu tanzen schließt Kritik und das Erkennen von Verbesserungsmöglichkeiten oder Schwachstellen nicht aus. Ich kann mich auch für fundierte Kritik begeistern, wenn sie gut formuliert ist. ;-)

    Wenn ich wen oder was liebe, dann weder „trotz“ noch „aufgrund“ seiner Fehler, sondern schlicht MIT seinen Fehlern.

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  18. wiycc Sonntag, 2. Dezember 2012 um 22:57 Uhr [Link]

    Sie haben mich ganz arg begeistert mit diesem Artikel. ^^ Jedenfalls: Danke dafür.

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  19. Uschi Montag, 17. Dezember 2012 um 16:44 Uhr [Link]

    Deshalb begann ich dereinst zu bloggen. Weil ich mir bewußter machen wollte, was in der letzten Woche, im letzten Monat, in diesem Leben alles toll, schön, super war bzw. ist. Hat geklappt. Bin eh‘ kein Miesepeter, und so wurde die Grundhaltung noch etwas mehr „herausgearbeitet“. Und auch die Kritikfähigkeit kam dabei nicht abhanden… Ich unterstütze diesen Appell also von Herzen. :-)

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  20. Gelesen und für gut befunden: 30.11.2012 - Kulturblättchen Freitag, 2. August 2013 um 13:53 Uhr [Link]

    [...] Isabel Bogdan bewundert Menschen, die begeisterungsfähig sind: yeah, yeah, yeah! [...]

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  21. Begeisterung | Herzdamengeschichten Freitag, 18. April 2014 um 19:36 Uhr [Link]

    […] Mich begeistert das. Isa hat in dieser Richtung auch mal was geschrieben, guck an. […]

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