Im Japanologiestudium mussten wir auch ein Seminar in japanischer Geschichte machen. Unser Prof (es gab nur den einen) erzählte vom Ausbruch der Mandschurei-Krise zwischen Japan und China, davon, wie die Japaner eine nicht ganz so wichtige Teilstrecke der Südmandschurischen Eisenbahn gesprengt und das dann fürchterlich aufgebauscht und behauptet haben, das wären chinesische Terroristen gewesen, vor denen man die Chinesen nun beschützen müsste, und dann einmarschierten. Als das herauskam, sind sie aus dem Völkerbund geflogen.
„Wissen Sie, wo man das ganz toll nachlesen kann“, fragte er, und wir gähnten, nein, wussten wir nicht, interessierte uns auch nicht wirklich. „Bei Tim und Struppi: Der blaue Lotos. Kaufen Sie sich das ruhig mal!“ Huch! Das kann doch wohl nicht! Wahr sein! Unser Herr Professor Schamoni, ein Professor, wie er im Buche steht, der ungefähr alles weiß und unglaublich klug und gebildet und belesen und alles ist, empfiehlt uns einen Comic! Er sei, fügte er hinzu, kürzlich mit seinem Sohn extra nach Paris gefahren, um sich die Tim-und-Struppi-Ausstellung anzusehen. Da war ich platt.
Das war im ersten oder zweiten Semester. Zu Hause hatte ich gelernt, Comics seien pfui und dumm und überhaupt rundum verabscheuenswert. Jetzt aber zog ich mit professoraler Absolution los und kaufte mir den „Blauen Lotos“. Und dann nach und nach alle anderen Tim-und-Struppi-Bände. Ich habe sie alle mehrfach gelesen und denke heute noch beim Lesen an Professor Schamoni.
Und dann denke ich an Freundin A., der ich einmal den gesamten Stapel ausgeliehen habe. Habe ich da vorhin behauptet, ich hätte „alle Bände“ gekauft? Stimmt nicht ganz, es sind nur fast alle, drei fehlten. Als A. mir den Packen zurückgab, stellte ich ihn unbesehen ins Regal. Und entdeckte erst zwei Jahre später, dass da ein mir gänzlich unbekannter Band dabei war. Vorne drin klebte ein kleines Post-it, sonst hätte ich wohl an meinem Verstand gezweifelt. Sie hatte ihn einfach so dazugeschmuggelt, als Dankeschön fürs Ausleihen. Jetzt fehlen mir nur noch zwei Bände. Seither denke ich bei Tim und Struppi an meinen Prof und an A.
Nicwest hat recht: jahrelang kursierten kaum noch Stöckchen im Bloggerland, auf einmal machen aber alle diesen Bücherfragebogen. Da hat Nicwest sich gleich mal eine noch beknacktere Fragenliste ausgedacht: Das Schonungslose Seelenstrip-Stöckchen. Here we go:
1. Was hast du in der rechten Hosentasche?
Ich trage natürlich einen Rock, der hat keine Tasche. Aber in meiner rechten Jackentasche ist eine Kastanie, wie immer in dieser Jahreszeit. Demnächst wird die Jacke nicht mehr warm genug sein und in der Garderobe hängen bleiben. Im Frühjahr werde ich die Kastanie in der Tasche wiederfinden und mich ein bisschen freuen und sie dann wegwerfen. Weil dann Frühling ist und die Kastanie verschrumpelt.
2. Das zwölfte Wort in der viertletzten Mail, die du bekommen hast – wie heißt es, und was sagt es über dich aus?
Das zwölfte Wort in der viertletzten Mail lautet [fast], inklusive der eckigen Klammern, und es sagt etwas über die Absenderin aus, nämlich dass sie das nicht mag.
3. Wärst du ein Limerick, welcher wärst du und warum?
There once was a man in Japan
Whose limericks never would scan.
When they asked him why
He said: It’s because I
Always try to put as many words into the last line as I possibly can.
Der wäre ich, weil er total lustig ist, und so schön meta weil ich, seitdem ich ihn gefunden und übersetzt habe, am liebsten alle Limericks mit viel zu langen letzten Zeilen beende. Quasi Markenzeichen, ich bin ja auch ein bisschen zu lang.
4. Welche Taste auf deiner Computertastatur magst du am liebsten und warum?
Die Entertaste. Weil sie einem das Gefühl gibt, man hätte schon wieder was geschafft.
5. Kannst du aus dem Kopf beschreiben, wie das Fliewatüüt aussieht?
Nein. Nie gelesen.
6. Welche Assoziationen verbindest du mit dem Wort beba?
Mir fällt nur die Pflegeserie Bébé ein. Sonst nichts.
7. Beschreibe das vierte Kleidungsstück von rechts in deinem Kleiderschrank.
Das vierte Kleidungsstück von rechts ist ein braunkarierter Wollrock mit leicht schottischer Anmutung.
8. Wenn du dich zwischen einer Zwiebel, einem Eimer Wasser und einem Tintenkiller entscheiden müsstest, was würdest du wählen?
Die Zwiebel natürlich.
9. Schließe die Augen und nimm irgendetwas aus deinem Mülleimer. Was ist es und warum hast du es weggeworfen?
Zwiebelschale. Ich wusste nichts damit anzufangen.
10. Was steht auf der Rückseite deiner Armbanduhr?
Design by Max Bill.
Gilt auch mit für das Bücherstöckchen, Tag 12 – Ein Buch, das du von Freunden / Bekannten empfohlen bekommen hast
(Hat wer behauptet, man müsse das der Reihe nach beantworten? Also.)
Die erste, die mir das Buch empfiehlt, ist Lady Grey. Ein tolles Buch sei das, es gehe um eine Frau, deren Mann gestorben ist, und eines Tages sitzt ein älterer Herr im Anzug auf ihrem Badewannenrand. Er ist schon tot, ein Geist, und bleibt fortan bei ihr. Und dann taucht eines Abends noch ein Feuerwehrmann auf. Und das sei ganz toll. Ich zweifle kurz an Lady Greys geistiger Gesundheit und denke dann nicht weiter drüber nach.
Dann eine andere Freundin: ob ich schon die Herrenausstatterin gelesen hätte? Ich frage zurück, ob das das mit dem Geist ist, ja, sagt sie, und ich sage, ach nee, lass mal. Geister echt nicht. Beide Freundinnen beteuern, durchaus noch bei Verstand zu sein, und dass das ein tolles Buch sei.
Als nächstes taucht es auf irgendwelchen Longlists auf, die Buchhändlerin empfiehlt es, schließlich erzählt mir irgendwer, Mariana Leky sei die Freundin von Tilman Rammstedt, und zack! Auf einmal will ich es unbedingt lesen. Der Roman beginnt so:
Alles hätte gut und gern so weitergehen können, aber dann ist alles zerbrochen, was, wie Blank später sagte, ein sicheres Zeichen dafür ist, dass es eben nicht so habe weitergehen können, auch wenn ich das geglaubt hatte. Was man selber glaubt, ist, auch das sagte Blank später, manchmal unmaßgeblich in der Frage, ob etwas zerbrochen gehört oder nicht.
Blank ist überhaupt ganz klug, aber glücklicherweise ziemlich zurückhaltend. Er ist eines Tages plötzlich da und bleibt. Und rettet Katja das Leben, denn ohne ihn wäre sie nach dem Tod ihres Mannes wahrscheinlich verrückt geworden oder sonstwie zugrunde gegangen. Anders gesagt: She have Wackelkontakt with Realität. Und dann taucht plötzlich noch jemand auf: Armin, angeblich Feuerwehrmann, kleinkriminell, Karatefilm-Fan und auch sonst nicht im geringsten auf Katjas Wellenlänge. Armin kann Blank nicht sehen, akzeptiert aber, dass er da ist. Diese beiden Männer holen Katja langsam wieder ins Leben zurück, und das ist alles sehr grotesk und sehr, sehr wunderbar. Tatsächlich erinnert es mich an Tilman Rammstedt, insofern als es sich selbst in all seinem Unernst total ernst nimmt. Oder umgekehrt, wer weiß das schon, kommt wahrscheinlich sowieso auf eins raus. Es hat einen eigenen, wunderbaren Ton, einen ganz großartigen Humor, der sich nie über irgendwas lustig macht, ich musste einige Male laut lachen, dabei ist das natürlich alles überhaupt nicht komisch, sondern eigentlich traurig und melancholisch. Und dann steckt auch noch so viel Wahrheit drin, über Beziehungen und Liebe und Leidenschaft und über den Tod. Und es hat ein Tempo, dass man es ganz schnell durchliest. Ich bin komplett begeistert und möchte, dass Ihr alle sofort in die nächste Buchhandlung geht und dieses Buch kauft. Weil es wundervoll, wundervoll, wundervoll ist.
Mariana Leky: Die Herrenausstatterin. DuMont, gebunden, 207 Seiten. 18,95 €
Bücher, die ich nicht leiden konnte. Bücher, die ich langweilig fand. Bücher, die ich aus irgendwelchen Gründen lesen musste.
Nun ist es glücklicherweise so, dass ich keine Bücher mehr lesen muss. Und was ich langweilig oder sonstwie doof finde, lese ich nicht zu Ende. Trotzdem lautet die Antwort auf die Frage, welche Bücher ich nur einmal lese: alle. Ich lese alles nur einmal. Weil es doch da draußen immer so viel Neues zu lesen gibt, so viele tolle Bücher! Da werde ich doch nicht immer dasselbe lesen. Ehrlich, ich freu mich immer so auf das nächste Buch. Selbst, wenn ich eins so super fand, dass ich es „am liebsten gleich noch mal lesen“ würde – das tue ich nicht, und im Normalfall lese ich es auch nicht später noch mal. Denn ich vergesse zwar zu großen Teilen, was in einem Buch steht, aber in dem Moment, in dem ich es wieder läse, wüsste ich es wahrscheinlich wieder. Da lese ich lieber was Neues. Kannst, ich weiß; da steht, ein Buch, das ich nur einmal lesen kann. Habt Ihr eine Ahnung, was ich alles kann! Ich freu mich aber, dass ich nicht muss. „Wenn ich nur darf, wenn ich soll, aber nie kann, wenn ich will, dann mag ich auch nicht, wenn ich muss. Wenn ich aber darf, wenn ich will, dann mag ich auch, wenn ich soll, und dann kann ich auch, wenn ich muss. Denn: die können sollen, müssen wollen dürfen.“ Da fällt mir ein: „Die lustigsten Spontisprüche aus den Achtzigern“ könnte ich wahrscheinlich nicht nochmal ertragen.