
Die Schwestern Ida und Louise Cook werden Anfang des 20. Jahrhunderts in einfachen Verhältnissen in England geboren. Beide werden Sekretärinnen und leben fast ihr ganzes Leben lang zusammen in ihrem Elternhaus. Eines Tages im jungen Erwachsenenalter hören sie zufällig im Radio eine Opernarie, sie begeistern sich und werden zu großen Opernfans. Zwei Jahre lang sparen sie jeden Cent, gehen zu Fuß, statt den Bus zu nehmen und so weiter, um sich eine Reise nach New York an die Met leisten zu können. Dort knüpfen sie erste Kontakte zu den Größen der Opernwelt, und als sie heimkommen, schreibt eine der beiden, Ida, einen Artikel über diese Reise. Nachdem dieser Artikel gut ankommt, wagt sie sich an einen Liebesroman, der noch viel besser ankommt, und so bringen weitere Liebesromane den Schwestern ein Einkommen, das ihnen weitere Opernreisen erlaubt. Louise arbeitet weiterhin als Sekretärin, Ida schreibt, und übers Wochenende fahren sie nach Deutschland und Österreich, besuchen Opern und knüpfen Kontakte in die entsprechenden Künstlerkreise. Und erfahren so langsam, was in Deutschland in den Dreißigerjahren mit den Juden passiert. Juden dürfen, wenn sie aus Deutschland ausreisen, nichts mitnehmen. Also schaffen Ida und Louise Wertgegenstände aus Deutschland raus. Sie stecken sich echte Brillantbroschen an ihre billigen Kaufhauspullover mit Glasknöpfen, die kein Zollbeamter für echt hält. Sie bringen englische Textiletiketten mit und nähen sie in deutsche Pelzmäntel, die sie auf der Heimreise tragen. Die Menschen selbst dürfen zwar ausreisen, brauchen aber, um in England einreisen zu dürfen, eine Bürgschaft. Auch die geben ihnen Ida und Louise. Mindestens 29 Menschen retten sie auf diese Weise das Leben, ganz genau lässt es sich nicht mehr nachvollziehen.
Die englische Journalistin Louise Carpenter hat die Geschichte von Ida und Louise nun entdeckt, noch ein bisschen recherchiert und nachgeforscht und ihre Reportage dann zunächst in der Zeitschrift Granta veröffentlicht. Miriam Mandelkow hat sie für den Dörlemann-Verlag ins Deutsche übersetzt. Faszinierende Geschichte, sehr beeindruckend, gerade weil es eine so „kleine“ Geschichte ist. Zwei einfache Frauen, die man sich auch im jungen Alter irgendwie schon als alte Jungfern vorstellt, verschrobene Damen, deren Hobby zur Obsession wird, und die schließlich Großes leisten – fast wie nebenbei, so liest es sich jedenfalls in Carpenters Bericht. Ein ganz erstaunliches Büchlein. Es steht im Regal zwischen Truman Capote und John LeCarré, der vielleicht eher unter L gehört, wenn ich jetzt so drüber nachdenke – dann steht rechts also Lewis Carroll.
Louise Carpenter (Miriam Mandelkow): Ida und Louise. 126 Seiten. Dörlemann-Verlag, 16,90 €.
„Natürlich frage ich mich oft, was die Unterschiede zwischen dem Schreiben und Übersetzen sind. Eins ist es auf jeden Fall nicht: Ich glaube nicht, dass Übersetzen einfacher ist als Schreiben. Es ist nur mit weniger Angst behaftet, ich muss mich beim Übersetzen nicht davor fürchten, dass der ganze Aufbau, die Personnage, die Handlung falsch ist. Es gibt ein Original, und wenn da etwas nicht stimmt, kann ich mich – nicht immer ganz ohne kollegiale Häme – zurücklehnen und sagen: „Bitte, Autor, wenn Du unbedingt willst…“ Doch das macht das Übersetzen nicht einfacher, denn der Vorteil der lediglich sprachlichen und nicht kompositorisch-inhaltlichen Verantwortung wird dadurch aufgehoben, dass man eben auch nur das Sprachliche gestalten kann und einem das allerwichtigste Gestaltungsmittel, das dem Schriftsteller die Arbeit erleichtert, nicht zur Verfügung steht: Das Streichen. Als Autor muss ich nur das ausdrücken, was ich auch ausdrücken will und was sich in meiner Sprache ausdrücken lässt. Als Übersetzer muss ich alles ausdrücken können. Und da sich das Streichen nicht nur auf Sätze beschränkt, sondern ganze Kapitel, Handlungsstränge, Figuren betreffen kann, bin ich als Autor ein Mensch, der seine Personen mit utilitaristisch kühlem Blick beäugt, sich bei jedem Charakter fragt: ‚Nutzt Du meinem Text oder soll ich Dich löschen?‘ Als Übersetzer sehe ich die Personen als gegeben an, nehme die Menschen so, wie sie sind und versuche, das Beste daraus zu machen. Der wichtigste Unterschied zwischen dem Schreiben und Übersetzen liegt für mich also nicht in der unterschiedlichen Schwierigkeit, sondern darin, dass ich beim Übersetzen ein netterer Mensch bin.“
Kristof Magnusson
Peter Carey, Parrot and Olivier in America (Faber and Faber)
Emma Donoghue, Room (Picador – Pan Macmillan)
Damon Galgut, In a Strange Room (Atlantic Books – Grove Atlantic)
Howard Jacobson, The Finkler Question (Bloomsbury)
Andrea Levy, The Long Song (Headline Review – Headline Publishing Group)
Tom McCarthy, C (Jonathan Cape – Random House)
Mehr zum Preis, zu den Büchern und Autoren erfährt man hier.

- Jan Faktor, Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag (Kiepenheuer & Witsch)
- Thomas Lehr, September. Fata Morgana (Carl Hanser)
- Melinda Nadj Abonji, Tauben fliegen auf (Jung und Jung)
- Doron Rabinovici, Andernorts (Suhrkamp)
- Peter Wawerzinek, Rabenliebe (Galiani)
- Judith Zander, Dinge, die wir heute sagten (dtv)
Mehr dazu gibt es hier.
Der Roman beginnt so:
“Wieso kommst Du denn erst jetzt?“ Bernhard sieht mich an, als sei ich ihm eine Erklärung schuldig. „Erste Halbzeit ist schon vorbei.“
In ihm schwelt es. Wie immer, wenn er bei seiner Mutter war. Ich könnte ihm sagen, dass er meine Verspätung nicht persönlich nehmen soll, aber Bernhard nimmt selbst schlechtes Wetter persönlich. Ich könnte ihm auch sagen, dass mich Fußball nicht interessiert, nie interessiert hat und auch nie interessieren wird und ich nicht einmal weiß, wer gegen wen spielt – und nur gekommen bin, weil Marc meinte, ich solle mich nicht immer in meiner Tonne verkriechen. Und weil ich ihm etwas zu erzählen habe.
„Tut mir leid“, antworte ich.
Was der Erzähler Felix seinen Freunden Marc, Bernhard und Zoe zu erzählen hat, ist, dass er ein Haus in Frankreich geerbt hat. Und so fahren die Freunde am nächsten Tag in Marcs klapprigem alten VW-Bus von Berlin aus los nach Südfrankreich, um sich dieses Haus anzugucken. Die Strecke schafft man nicht an einem Tag, man braucht schon drei; wir haben es also mit einer Roadstory zu tun, und zwar einer zunehmend rasanten. Unterwegs werden weitere Personen aufgesammelt, und am Ende … „Am Ende der Straße steht ein Haus am Meer“. Am Ende sind außerdem alle emotional und körperlich ziemlich durchgemangelt, um viele Erfahrungen reicher, vielleicht ein wenig erwachsener. Jedenfalls wird viel nachgedacht, die meisten Figuren stellen sich und ihre Lebensplanung in Frage oder auf den Prüfstand, es wird einiges verarbeitet und anderes kaputtgemacht.
Ich habe dies und das zu kritisieren, sprachlich ebenso wie erzähltechnisch. Konjunktiv zwei! Wenn der Autor das nicht kann, dann soll es doch wenigstens der Lektor können. Gleiches gilt für verunglückte Relativsätze, die plötzlich gehäuft auf wenigen Seiten auftauchen, dann ist der Spuk wieder vorbei. Dann am Anfang des Romans diese Erklärungen, sowas hier: „Diogenes!“, begrüßt er mich. Seit ich in dem Bauwagen wohne, nennt er mich gerne Diogenes, wenn er einen geraucht hat. Danke, das verstehen wir auch so. Es hört dann aber glücklicherweise wieder auf. Dann gibt es Brüche in der Erzählperspektive, der Ich-Erzähler wird manchmal plötzlich allwissend und erzählt uns, was die anderen Figuren gerade denken. Hinzu kommen Kleinigkeiten, Flüchtigkeitsfehler, wie dass jemand etwas in ein Feuer schnippt, das erst auf der folgenden Seite angezündet wird. Egal. Geschenkt. Denn trotz dieser Unausgegorenheiten ist das ein wirklich spannendes Buch, das man gerne weiterliest, mit guten Gedanken drin und lustigen Einfällen und einem Unterton von komischer Verzweiflung und gut gezeichneten Typen, und außerdem will ich sofort ans Meer und am liebsten nach Südfrankreich. Nächsten Sommer.
Edgar Rai bekommt einen hübschen Regalplatz zwischen Rabelais und Rammstedt.
Edgar Rai: Nächsten Sommer. 236 Seiten. Aufbau Taschenbuch, 10,00 €