Zurückbleiben, bitte

Ab heute wird in Hamburg in der S- und U-Bahn nicht mehr „Zurückbleiben, bitte“ durchgesagt. In den letzten – weiß nicht, zwei Wochen? wurde regelmäßig durchgesagt, dass ab heute nicht mehr „Zurückbleiben, bitte“ durchgesagt wird, und dass man bitte nicht mehr in die Bahn einsteigen soll, wenn es piepst. Für den Wegfall der Durchsage gibt es laut Hochbahn drei Gründe:
Erstens haben Leute das „Zurückbleiben, bitte“ nicht als Aufforderung zum Zurückbleiben verstanden, sondern zum Schnell-noch-Reinspringen („als Startsignal“). Der Wegfall der Durchsage, heißt es, erhöhe also die Sicherheit.
Meine kleine Privatahnung dazu geht so: wenn die Durchsage „Zurückbleiben, bitte“ bislang die Leute angespornt hat, doch noch schnell in die Bahn zu springen, dann wird demnächst das Piepsen beim Türenschließen diese Aufgabe übernehmen, und dann ist es *noch* knapper. Die Hochbahn hingegen ist der Meinung, Piepsen und Blinken sei irgendwie eindeutiger und würde die Leute davon abhalten, noch schnell reinzuspringen.
Zweitens werde durch den Wegfall der Durchsage Energie gespart, weil man ja Zeit bei der Abfertigung spare und die Züge daher in Zukunft etwas langsamer fahren könnten. Janee, klar.
Und drittens schließlich machten andere Städte das auch nicht („Einheitliches Verfahren im Bundesgebiet“). Was die anderen machen, ist ja immer ein hervorragender Grund für alles mögliche, das habe ich schon vor fünfunddreißig Jahren meiner Mutter zu erklären versucht, als ich ihr sagte, die anderen Mädchen hätten auch alle Barbies. Ich habe trotzdem keine bekommen. (War dann auch nicht so schlimm.)

Es fällt mir wirklich schwer zu entscheiden, welchen dieser drei Gründe ich jetzt am kokolorösesten finden soll. Ist aber auch egal – was mich viel mehr beschäftigt, schon seit Tagen, ist die Vorstellung, dass ja irgendwer als erster auf die Idee gekommen sein muss, diese Durchsage abzuschaffen. Irgendwer muss als erster gedacht haben, das sei doch doof, oder vielleicht ging die Durchsage ihm auch nur ganz persönlich auf die Nerven. Das muss derjenige dann in irgendeiner Art von Gremium vorgeschlagen haben, ich stelle mir vor, dass es bei der Hochbahn, was weiß ich, „die Montagsrunde“ oder sowas gibt, wo sich immer Montags um elf eine bestimmte Gruppe von Leuten trifft, die solche Dinge besprechen, und dass dann ein Herr Müller oder eine Frau Schulze gesagt hat, ich hab eine Idee, wollen wir nicht die „Zurückbleiben, bitte“-Durchsage abschaffen? Die anderen haben erstmal „Hä?“ gemacht, und dann hat Frau Schreiber oder Herr Schäfer gesagt, ja, das nervt, oder ja, ihr sei auch schon aufgefallen, dass die Leute immer noch schnell reinspringen, wenn sie das hören.
Dann haben sie eine Weile diskutiert, Frau Berger hat vielleicht gesagt, sie finde es wichtig, die Leute vorzuwarnen, aber Herr Schmidt, der sowieso immer so schlecht gelaunt ist, fand, man bekomme überhaupt viel zu viele unerbetene Ratschläge, und Frau Mayer, die alte Zicke, hat ihm zugestimmt, das sei Bevormundung, ihr reiche schon das ewige „Fahr vorsichtig“ ihrer Eltern, wenn sie bei ihnen zu Besuch war. Herr Becker hat dann eingewandt, es gebe Studien, denen zufolge Menschen weniger Unfälle bauen, wenn sie morgens geküsst aus dem Haus gehen, und wenn sie Glücksbringer am Rückspiegel baumeln haben, die nämlich nicht in erster Linie den Blick ablenken, sondern dem Unterbewusstsein signalisieren, dass jemand sich um einen sorgt, bzw. einem Glück wünscht, und dann fährt man vorsichtiger. Er finde daher, auch die Hochbahn könne sich wenigstens diese Winzigkeit um ihre Fahrgäste kümmern und sie vorwarnen, dass die Türen zugehen. Das sei einfach eine kleine Freundlichkeit, bei der ihnen ja wohl kein Zacken aus der Krone bräche. Die anderen haben die Augen verdreht, sie fanden Herrn Becker sowieso immer viel zu weich, und Herr Schmidt hat gesagt, man sei ja nicht die Mutti der Fahrgäste und er persönlich habe auch keine Lust, jeden einzelnen beim Einsteigen zu küssen. Frau Krieger fand eigentlich, Herr Becker hätte recht, sagte aber nichts, weil die Mayer sie sowieso schon auf dem Kieker hatte. Am Ende haben sie abgestimmt, und eine knappe Mehrheit war dafür, die Durchsage abzuschaffen.
Herr Becker hat dann noch eingewandt, dass man den Fahrgästen das aber vorher sagen müsse, sonst seien die ja total verwirrt, wenn plötzlich die Durchsage wegfalle. Die Partei der Durchsagengegner fand das nun wirklich total übertrieben, Herr Schäfer pflaumte Herrn Becker an, bitte, er könne ja auch jeden einzelnen Fahrgast ans Händchen nehmen und ihm beim Einsteigen helfen, er solle die Leute mal nicht für blöder halten, als sie sind, worauf Frau Berger sagte, ein bisschen Freundlichkeit habe noch niemandem geschadet und würde vielleicht auch Herrn Schäfer guttun. Der Chef sprach schließlich ein Machtwort und sagte, Frau Berger solle der Textabteilung bitte den Auftrag geben, eine Durchsage zu schreiben, dass die Durchsage demnächst wegfalle, und dann solle das ab Anfang Februar alle zehn Minuten an den Bahnsteigen durchgesagt werden. Desweiteren solle die PR sich bitte eine plausible Begründung für den Wegfall einfallen lassen, fürs Abendblatt und die Webseite.
Seitdem sitzen die Durchsagenverteidiger und die Durchsagengegner in der Kantine an getrennten Tischen, Herr Becker und Herr Schäfer reden gar nicht mehr miteinander.
In der Textabteilung wurde, je nach Veranlagung, schallend gelacht oder mit den Augen gerollt. Zwei junge Leute dachten sich abends nach dem zweiten Bier das aus, was jetzt auf der Webseite steht, dabei war das ein Missverständnis und war eigentlich nur Quatsch gewesen. Der Chef und Frau Schulze fanden es super.

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18 Kommentare

  1. Dentaku Montag, 17. Februar 2014 um 10:25 Uhr [Link]

    Wie, „andere Städte machen das auch nicht“? Waren die Berger-Mayer-Schäfers denn mal in anderen Städten?

  2. frenja Montag, 17. Februar 2014 um 10:42 Uhr [Link]

    Von wegen einheitlich. In Berlin hatten sie es meiner Erinnerung nach auch eine Weile abgeschafft, also nicht nur die Durchsagen, sondern gleich alle Abfertiger in der U-Bahn, und es piepste und blinkte nur noch. Inzwischen sagt der Fahrer (!) – zu hören sinnigerweise also vorwiegend IN der U-Bahn – „Zurückbleiben bitte“ (und das „bitte“ mussten sie der BVG erst sehr mühsam einprügeln, jahrzehntelang war das ein geschnauztes „ZUrückbleim!!!“), und dann piept und blinkt es und die Tür geht zu.

    Wobei das alles sehr fließend ineinander übergeht, also ist das normale Ablaufschema „Zurückbleibenbittepieppiepblinkknallzu“ und NATÜRLICH bleiben immer Fahrgäste in den schließenden Türen stecken, weil das gar nicht zu schaffen ist in diesen 2 Sekunden.

    Die S-Bahn macht es übrigens noch auf die altmodische Weise. Und der Betrieb geht trotzdem irgendwie weiter.

    Ich glaube, dein beschriebenes Szenario kommt der Wahrheit schon sehr, sehr nahe.

  3. Gesa Montag, 17. Februar 2014 um 10:46 Uhr [Link]

    So könnte es gewesen sein. Ich glaube aber, das war so: Anfang 2012 wurde festgestellt, dass 2011 bei der HVV zu viel Strom verbraucht worden sei. Dies müsse geändert werden. Im Dezember 2012 wurden die Beauftragten sich ihres Auftags wieder bewusst und es wurde in aller Eile ein externer Berater hinzugezogen.* In langen Analysesitzungen wurde schließlich festgestellt, dass die Durchsage die einzige Möglichkeit böte, Strom zu sparen. Wie ein Babyfon, das in Zukunft nicht mehr anspringt, nur andersrum.

    *Mutmaßlich der gleiche, der auch schon die Bushaltestellenschilder austauschen ließ, weil das HVV-Programm nicht mit den Kommas zurechtkam. Ein guter Mann, dessen Honorar sich wieder einmal mehr als bezahlt macht.

  4. Christine Montag, 17. Februar 2014 um 11:19 Uhr [Link]

    Ich habe schallend gelacht, so schön fand ich die Erklärung. Frau Meyer, Herr Schmidt und Herr Becker arbeiten übrigens sonst bei mir, wenn sie sich nicht gerade mit der Abschaffung der Durchsagen beschäftigen ;-)

  5. NEHMEN SIE DIE HAND VOM ZUG ist das neue Zurückbleiben bitte | pop64.de Montag, 17. Februar 2014 um 13:30 Uhr [Link]

    […] Leute finden das irgendwie nicht so gut, lesenswert macht das Isa und sicherlich wird der Volksmund zum Thema noch etliche Seiten in der Mopo und im Abendblatt das […]

  6. Kat Montag, 17. Februar 2014 um 13:32 Uhr [Link]

    Ich werde es vermissen. Ich war nämlich ganz häufig noch eine „mal eben schnell Reinspringerin“ Außerdem finde ich es grade für Kinder viel deutlicher als „Pipiipipi knallpengzu“.

  7. Curima Montag, 17. Februar 2014 um 14:11 Uhr [Link]

    Hehe. Ich glaube, das lief genau so, wie du das beschrieben hast, ja. Damit kann man sich dann schonmal ein paar Wochen beschäftigen. Dann muss man auch bloß nicht drüber nachdenken, was man dagegen tun könnte, dass die Busse und Bahnen zur Berufsverkehrszeit so voll sind, dass man in manche nicht mal mehr reinkäme, wenn man – jetzt ohne „zurückbleiben“-Warnung mit Anlauf reinspringen würde. Und auch nicht darüber, dass die Fahrgäste am Morgen vielleicht nicht so wahnsinnig gerne mit 15 Unbekannten kuscheln möchten, bis sie im Büro angekommen sind.

    Allerdings: Nichts war hinsichtlich des HVV idiotischer als diese bekloppte Regel, im Bus jetzt vorne einsteigen zu müssen, was den Prozess des Ein- und Aussteigens um die Hälfte verlangsamt und die Busfahrer eh nicht interessiert, weil man denen auch einen Zettel mit der Aufschrift „Ich hasse den HVV“ vor die Nase halten könnte, ohne dass die es merken.

    Ach, so ein Thema, und das am Montag. *weiteren rant mühsam unterdrück*

  8. Barbara Montag, 17. Februar 2014 um 15:47 Uhr [Link]

    Ich verstehe bloß nicht, wie Becker, Meyer und Konsorten immer so schnell von der BVG in Berlin nach Hamburg kommen.

  9. Yürgen Oster Montag, 17. Februar 2014 um 16:17 Uhr [Link]

    Her X (Name der Redaktion bekannt) von der Firma Peep‘n Blink hatte nach einem kurzen Antrittsbesuch Herrn Kayser von der HH Hochbahn GmbH und co KG samt Gattin zu einem kleinen Abendessen in einem sehr feinen und sehr teuren Restaurant etwas außerhalb der Stadt eingeladen und nebenbei erklärt, es gäbe da jetzt ein feines piep und blink Signal, was sich alle Städte, die was auf sich hielten, jetzt in ihre U und S und Hochbahnen einbauen ließen. Er habe das übrigens mal spaßeshalber überschlagen, wieviel das die Hamburger kosten würde und wenn man da noch 10% draufschlagen würde könnte man 3% Nachlass gewähren und ob die Kaysers eigentlich schon mal auf den Malediven gewesen seien.
    So ist das meiner Meinung nach gelaufen.
    Zurücktreten bitte.

  10. Uschi Montag, 17. Februar 2014 um 18:34 Uhr [Link]

    Isa – ein Glanzstück! *grins* Für mich heute ein großes wort-reiches Geschenk…

  11. Kat Montag, 17. Februar 2014 um 21:46 Uhr [Link]

    Der Mann lässt ausrichten: Großartiger Post!!!

  12. stedtenhopp Dienstag, 18. Februar 2014 um 00:17 Uhr [Link]

    Sehr gelacht!

  13. wortschnittchen Dienstag, 18. Februar 2014 um 08:49 Uhr [Link]

    Wenn das System mit dem Piep nicht mehr funktioniert, machen sie bestimmt „das mit den Fähnchen“.

  14. Isabel Bogdan Dienstag, 18. Februar 2014 um 09:16 Uhr [Link]

    Man könnte auch einen mit Trillerpfeife an jeden Bahnsteig stellen. Voll im Retro-Trend.

  15. Gesa Dienstag, 18. Februar 2014 um 11:35 Uhr [Link]

    Übrigens wird die Durchsage ganz bestimmt mit der Straßenbahn wieder eingeführt. Dauert nur noch wenige Jahre!

  16. frau noergeli Dienstag, 18. Februar 2014 um 11:45 Uhr [Link]

    ich fand das eh immer so gruselig, diese blecherne stimme die mit so einem befehlston „zurück bleiben bitte“ sagt. wie so in 1984 wenn die massen in schach gehalten werden müssen.

    die scheizer hier könnens auch ohne ansage, das wird bei euch schon gehn.

  17. Woanders | just another weblog :: Christian Fischer – fine bloggin' since 2001 Sonntag, 23. Februar 2014 um 09:54 Uhr [Link]

    […] ist es nicht weit. Von Trios Dadaismus zur Geschichte, um die es da geht ebenso wenig. Das Wort ist „kokolorösesten” und es geht darum, dass die Hamburger ein Geräusch gegen ein anderes ersetzt haben, weil die […]

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