Alle kennen die Muminfamilie, also: gefühlt alle, außer mir. Irgendwie sind die Bücher in meiner Kindheit komplett an mir vorbeigegangen, aber es spricht ja auch nichts dagegen, das noch nachzuholen. „Herbst im Mumintal“ war also mein erstes Muminbuch, und gleichzeitig auch nicht, denn es kommen gar keine Mumins darin vor. Obwohl alle solche Sehnsucht nach der Muminfamilie haben, als es Herbst wird. Da ist der Hemul, der immer für alle irgendwas organisiert und allen sagt, was sie tun sollen. Weil er eigentlich nur will, dass es allen gut geht. Die Filifjonka, die dauernd putzt und auch ganz gut kochen kann, sich aber fürchterlich vor kleinen Krabbeltieren ekelt. Und die gern ein bisschen mehr wie die Muminmutter wäre. Oder der ängstliche und schüchterne kleine Homsa, der tolle Geschichten erzählt. Der griesgrämige Schnupferich, der so schön Mundharmonika spielen kann. Und der uralte Onkelschrompel, der froh ist, dass er einfach alles vergessen kann. Und die Mymla, die ihre kleine Schwester Mü mal wieder sehen möchte. Sie alle brechen zum Herbstanfang auf ins Mumintal, weil es dort so schön ist, aber die Mumins sind gar nicht da. Und so richtet diese bunt zusammengewürfelte Gesellschaft von mehr oder weniger einsamen Eigenbrötlern sich im Haus der Mumins ein. Und das ist alles unglaublich warm und schön und gleichzeitig irgendwie traurig, und so voller kleiner Lebensweisheiten und Melancholie und Herzlichkeit. Und mal ehrlich: wer nicht schon von dem Namen „Onkelschrompel“ hingerissen ist, dem ist wohl nicht zu helfen. Onkelschrompel. Wundervolle Figur. Genau wie der Schnupferich. Und die Mymla. Und … naja, alle halt. Ganz großartiges Buch, davon kommen sofort noch ein paar mehr auf den Wunschzettel. Dann vielleicht welche *mit* Mumins, denn jetzt habe ich so viel über die Mumins gelesen, dass ich auch was über sie lesen will, wenn Ihr versteht, was ich meine.
Ganz herzlichen Dank an Nils Mohl für die Empfehlung und an Giardino für das Geschenk!
Texts Do Not Translate Themselves by Origami Videography (Gianpiero Mendini and Stefania Da Pont), winner of the first Spot the Translator International contest.
Der Contest wurde veranstaltet vom CEATL (Conseil Européen des Associations de Traducteurs Littéraires).
Ruths gut durchorganisiertes Leben gerät ein bisschen in Wallung, als erstens ihr Mann für längere Zeit beruflich nach Australien entschwindet, und zweitens ihr 87-jähriger Vater Edek aus Australien zu ihr nach New York zieht. Er besteht darauf, ihr bei der Arbeit zur Hand zu gehen: Ruth schreibt nämlich Briefe für andere Leute – Kondolenz-, Liebes- und Glückwunschbriefe, was auch immer die Leute sich selbst nicht so recht zutrauen; Ruth findet immer die richtigen Worte und verdient damit ganz gut Geld. Edek allerdings will sie nun unterstützen und bestellt wie weiland Loriots Pappa ante Portas große Mengen von Büroartikeln, die sie nicht braucht.
Das hört allerdings einigermaßen schnell wieder auf, Edek hat plötzlich dauernd „zu tun“, und Ruth wird etwas misstrauisch. Tatsächlich tauchen bald zwei Urlaubsbekanntschaften aus Polen auf (Katastrophe!), zwei ältere Damen, wenn auch 20 Jahre jünger als der Vater, und beabsichtigen offenbar, in New York zu bleiben (Katastrophe!). Edek nimmt die beiden bei sich auf und plant, mit ihnen ein Restaurant zu eröffnen. Ka-ta-stro-phe! Man kann ja nicht einfach so mit fast keinem Geld ein Restaurant in New York eröffnen. So weit zur Story.
Im Klappentext steht: „Lily Brett schreibt, wie Woody Allen Filme gedreht hat.“ (Brigitte Woman) Das trifft es haargenau: Neurotische New Yorker Juden machen sich entweder entsetzlich viele Sorgen über alles und nichts (vor allem über nichts), oder sie haben eben Chuzpe. Alle reden aneinander vorbei und schaffen es nicht, einfach mal zu sagen, was Sache ist. Und das geht mir spätestens nach der Hälfte einigermaßen auf den Zwirn. Da denke ich nämlich dauernd: verdammte Axt, dann sag es doch einfach! Oder: ja, wir haben den Witz / die Neurose jetzt verstanden, können wir jetzt mit der Story weitermachen?
Dazu kommen viele Redundanzen; dauernd wird das gleiche noch mal mit anderen Worten gesagt, und dann noch mal, und dann vielleicht noch mal mit denselben Worten wie beim ersten Mal. Puh. Und dann sind auch noch manchmal so logische Ungereimtheiten drin – da ruft eine der Damen an und fragt, ob Ruth ihnen einen Gefallen tun und mit zum Tai-Chi gehen könnte. Ruth ist natürlich mal wieder entsetzt („was, Ihr macht Tai-Chi?“), und dann geht sie mit, und dann … nichts. Weder wird klar, in wiefern das ein Gefallen für die anderen war, die da sonst allein hingehen, noch bringt es die Story auf irgendeine andere Weise voran.
Trotzdem habe ich es zu Ende gelesen, obwohl auch das Ende absehbar war (nein, der alte Vater stirbt nicht! Niemand stirbt! Sorry für den Spoiler). Also, irgendwie ist das schon nett, sind auch gute Typen drin, aber alle einen Tick zu dick aufgetragen, und man hätte viele Redundanzen rauskürzen und dafür die Geschichten der Leute, für die Ruth die Briefe schreibt, ein bisschen ausführlicher erzählen können. Denn da werden quasi lauter Geschichten angefangen, die dann aber versickern.
Fazit: ja, nett. Stellenweise auch wirklich lustig. Aber kein Muss. Wobei ich es deswegen gelesen habe, weil ein paar Leute total begeistert waren, unter anderem die Lieblingsbuchhändlerin. Und die sind ja auch nicht doof, ist also wohl auch Geschmackssache. Wie Woody Allen eben. Wer auf Woody Allen steht, wird auch dieses Buch lieben.
Lily Brett bekommt einen illustren Regalplatz zwischen Brecht und Brillat-Savarin.
Beziehungsweise ein Beitrag des lustigen Mannes. Der Mann sieht sich allerdings nicht so gern im Internet. (Wer nicht weiß, was #609060 ist, bitte selbst googeln. Es geht um „Menschen in normaler Oberbekleidung“ oder so ähnlich.)
Habe ich gehofft, das Schiff würde nicht fahren? Habe ich wohl. Morgens gucke ich als erstes alle relevanten Webseiten durch, aber nirgends steht was. Um Punkt neun Uhr schalte ich eine Webcam am Hamburger Hafen ein und sehe den Katamaran losfahren. Also Koffer packen, während es draußen schüttet wie aus Kübeln. Eigentlich wollten wir heute noch auf die Düne. Ob das noch was wird?
Es hört auf zu regnen, wir gehen erstmal Schnaps kaufen (Steuerfrei! Zollfrei!) und es wird langsam heller. Auf dem Weg zur Dünenfähre sehen wir die Seebäderschiffe eintreffen – wenn man sonst so übers Meer guckt, sieht man ja nicht wirklich, wie hoch die Wellen sind, aber die Schiffe: ach Du Scheiße. Wenn ich das mal so sagen darf. Es sieht aus, als würden sie meterhoch vorne hochgehen und dann wieder runterstürzen, die Gischt spritzt bis über das Schiff hinaus. Ich bin hin- und hergerissen zwischen der Hoffnung, dass das Schiff nicht fährt, und der Angst, dass es doch fährt und ich … aber nein, ich werde ja nie seekrank, das eine Mal war die Ausnahme, die die Regel bestätigt, und dieses Erlebnis
habe ich in meinem Buch verarbeitet
(yeah, das wollte ich schon immer mal sagen), damit bin ich also fertig. Ab sofort werde ich nicht mehr seekrank, niemals, ich doch nicht.
Wir laufen um die Düne, die Sonne kommt raus, wir gucken mal wieder nach den Robben, die heute eindeutig aggressiv sind, sie kloppen sich, beißen und jagen einander, das muntere Robbenkindermachen von vorgestern scheint vergessen. Irgendwelche Seevögel (Basstölpel? Kormorane? Sie sind zu weit weg) fliegen imposante Fischfangmanöver, ein paar Flügelschläge nur über dem Wasser, dann Sturzflug und zack! haben sie einen Fisch. Wir gucken und gehen weiter, und da ist das Meer und das Blau und der Wind und das Wasser und überhaupt. Wir werden immer stiller, weil das ja auch alles genügt und man nichts sagen muss. Ich ziehe mir Schuhe und Strümpfe aus und gehe mit den Füßen ins Wasser, das muss so, und es ist toll.
Zum Abschluss landen wir, wie sich das gehört, im Dünenrestaurant, und zwar draußen, wie sich das gehört, und essen Pommes und trinken Bier und Apfelschorle, und dann muss ich am Ende ein bisschen aufpassen, dass ich nicht doch tatsächlich ein Tränchen verdrücke. Denn ich muss gehen und das Schiff kriegen, das möglicherweise ganz grauenhaft schaukeln wird, aber die Reisebegleitung und ihre Liebste bleiben noch einen Tag, und jetzt bleiben sie natürlich auf der Düne sitzen, und ich fahre allein zurück. Am Hotel treffe ich glücklicherweise noch Iris, die mich spontan zum Schiff bringt, was wirklich deutlich netter ist, als ganz allein zu gehen.
Die Bedienung auf dem Schiff sagt, es wird nicht so schlimm mit der Schaukelei. Zurück sei es nie so schlimm wie hin. Ich setze aber noch eine Reihe dramatischer Tweets ab, denn kaum sind wir aus dem Helgoländer Hafenbecken raus, kippen wir seitlich in ein Wellental, und ein Stapel Geschirr stürzt vom Tresen und geht zu Bruch. Ich sitze gleich daneben und denke, das fängt ja gut an. Tatsächlich war das aber auch schon das Schlimmste, es schaukelt noch bis Cuxhaven, macht aber nichts. Also, mir nicht. Ich bin ja bekanntermaßen seefest. Nur, wenn es nach Kotze riecht, dann finde ich es kurz mal schwierig, aber das finde ich auch ohne Geschaukel. Und so bin ich nun also wieder zu Hause, wo es auch schön ist. Aber da auf der Düne in der Sonne hätte ich schon auch noch eine Weile sitzenbleiben können. Im Gesicht merke ich die Sonne noch ein bisschen, das ist schön.
Mit bloßem Auge konnten wir nicht erkennen, was für Vögel das waren. Auf den gezoomten Bildern stellt sich raus: es waren Basstölpel dabei, aber auch andere – keine Ahnung, was das hier ist. Kein Kormoran, oder?
Entspannt: die Robbenjugend. Im Gegensatz zur Elterngeneration.
*
Hey. Danke.
Danke Adelhaid, Du bist eine großartige Reisebegleitung. Und sowieso großartig.
Und danke Klassik-Apartments, Ihr seid genauso hübsch wie Eure große Schwester (nur fehlt Euch der Balkon, aber dafür habt Ihr ja diese superschönen Fliesen im Flur und in den Bädern, das gleicht es wieder aus). Können wir dann gleich schon mal für nächstes Jahr buchen, bitte? Da haben wir nämlich bestimmt wieder furchtbar viel zu tun und müssen dringend mal auf die Insel.