Gastbeitrag von Kara McKechnie
Ich habe keinen eigenen Blog, ich wohne nicht in Hamburg, komme nicht aus Hamburg und war nur ein paarmal da zu Besuch. Eigentlich keine Beweggründe, mich der allgemeinen Hamburgblogbewegung anzuschliessen. Die nette Frau Isabo, mit der ich einst die Uni besuchte, schlug vor, über Hamburger in Dewsbury zu schreiben. Das Thema ist schnell erschöpft: es gibt in dieser Kleinstadt, wo Innenstadtverfall herrscht, zahllose ‘fast food outlets’. Die kenne ich nur aus Facebookkommentaren. Nach einem Besuch des ‘Dewsbury Socialist Club’ (davon später mehr) geht man gern noch zu The Old Turk, einem spät geöffneten Pub, neben dem sich der notorischste Burger und Kebabladen von allen befindet – und meine Freunde berichten voller Stolz, dass sie dort nachts um 3 etwas konsumiert haben und nun aber nicht mit dem Eimer neben dem Bett siechen! Somit wären die essbaren Hamburger erschöpft. Kurz dachte ich, dass mein Freund Dave mal in Hamburg auf der Werft gearbeitet habe, aber Recherche stellt richtig, dass es Bremen war. Mit Howard. Und eine blonde Hünin namens Katja hat ihm mal dermassen eine verpasst, als sie rausfand, dass er sie eventuell betrogen hatte. Dave ist ein Freund, aber nicht mein Freund: das ist Malcolm, auch ‘The Yorkshireman’ genannt. In Hamburg hiesse der ‘mein Bekannter’, was Harry mir dereinst eingebleut hat. Mein Bekannter und ich, wir mögen Dewsbury. Damit bilden wir nicht gerade eine Mehrheit – zu gross sind die Frustrationen über die Stadt, die eigentlich zwei Städte ist: ziemlich streng geteilt zwischen weisser und muslimischer (British Asian) Bevölkerung nach Wohngebieten, Läden und zunehmend auch Schulen. Offene Feindseligkeiten gibt es nur von von auswärtigem Faschistenpack, wenn es zum Demonstrieren anreist. EDL (English Defence League) nennen sich diese einzelligen Hampelmänner und mein Blutdruck steigt schon beim Hinschreiben. Immerhin lässt man sie meist nur auf dem Bahnhofsvorplatz auf- und abdemonstrieren und alle Pubs machen an solchen Nachmittagen dicht. Feindlich fühlt sich die Trennlinie, die durch Dewsbury verläuft, also nicht an, eher nach Funkstille. Man kommuniziert nicht und spricht doch mit demselben Yorkshire Akzent, man hat den Eindruck, nichts gemeinsam zu haben und dann gibt es natürlich wie in allen Orten mit niedrigem Einkommensdurchschnitt und hoher Arbeitslosigkeit den Sozialneid.
Hm, ‘I’m not really selling this to you’ – zurück zu den Argumenten, wegen denen man Dewsbury mögen kann. Wie in allen Orten im Umkreis lebte man hier im 19. Jahrhundert von der Textilproduktion. Dewsburys Bürger, deren Lokalpatriotismus sich meist in Grenzen hält, witzeln heute noch, mehr als 40 Jahre nachdem die meisten Fabriken dichtgemacht haben, dass man hier im ‘Heavy Woollen District’ die niedrigste Form von Material herstellte, nämlich ‘Shoddy’, nur für Lumpen geeignet. Aber immerhin, dem Shoddy sind eine Reihe grossartiger viktorianischer Gebäude zu verdanken: Pioneer House, leider eine Ruine, Redbrick Mill, Spinkwell Mill, Carr Mill und natürlich Dewsbury Town Hall, das imposante Rathaus.
Der Bahnhof ist auch wunderschön und wenn wir beim Bahnhof angekommen sind, offenbart sich einer der Hauptgründe, warum man Dewsbury mögen muss: The West Riding Refreshment Rooms, einer der besten Pubs in Yorkshire, ach was, England! Dies ist belegt von multiplen wohlklingenden Auszeichungen, wie ‘Heavy Woollen District Pub of the Year’.
Der Slogan ist ‘I missed the train at Dewsbury’, es gibt 8 handgezapfte regionale Biere zur Auswahl, Bierfestivals, wem das noch nicht reicht, und eine unschlagbare Mischung aus schrägen Stammgästen, durchreisenden Fahrgästen und Bierenthusiasten. Draussen ‘Platform 3’, eine kleine überdachte Musikbühne, wo von März bis Oktober zweimal die Woche live gespielt wird. Vom feinsten und alle aus der Gegend: Rebble Rabble, The Troubadors, The Tritones, Home of the Brave und die Gruppe, mit der meine Anbindung an Dewsbury anfing: Eric the Viaduct. Sie bezeichnen sich als ‘Rock’n Roll & Science Fiction’ und man könnte sie auch problemlos bei einem Avantgarde-Theaterfestival einsetzen. Hier ist ein Lied über Beziehungen, das überzeugend darstellt, warum Exfreundinnen in die Kategorien ‘Kuckuck’ oder ‘Schwimmbad’ fallen.
Tja, und dann der andere ebenbürtige Lieblingsort: Dewsbury Socialist Club. Es wird regelmässig darüber abgestimmt, dass man sich nicht in Dewsbury Social Club umbenennt und manchmal erklingt die Internationale am Ende des Abends, wenn die Lichter angehen und Rodney endlich staubsaugen will. Überhaupt, Rodney: er herrscht über die Bar (£1.80 für ein doppeltes Spirituosengeträk – kein Wunder, dass Gastmusiker, wenn sie hier zum ersten Mal spielen, des öfteren angetrunken vom Gitarrenhocker fallen!), er trägt farbige Westen und er leitet sachkundig die Tombolaauslosung, von deren Erlös die Gastmusiker bezahlt werden. Letzte Woche dachte ich, ich sei wieder in Deutschland. Ich hatte nämlich Elaine erzählt, dass Deutsche zu Partys immer Nudelsalat mitbringen und sie hatte sich prompt einen zu ihrem runden Geburtstag gewünscht. Vier Bands spielten, natürlich auch Eric the Viaduct, unter anderem ein Nachruf auf eine lebensgrosse Pappfigur der Queen Mum (Lied: ‘I love the Queen Mother, because she’s old and daft’), die leider kurze Zeit vorher nach einem Gig geklaut worden war. Ich hoffe, die Diebe haben eine sinnvolle Verwendung für sie.
Natürlich gibt es auch Tage, wo man dringend nicht in Dewsbury sein will, aber das ist eher nicht mein Problem, da ich täglich in das nur 15 Zugminuten entfernte Leeds zur Arbeit pendele. Toll, gar keine Entfernung, denkt man. Was ich denke, wenn ich um 7.40 das Haus verlasse, weil ich um 9.00 eine Vorlesung für 150 Erstsemester halten muss und eine Stunde später im Schweinsgalopp den Berg hoch zum Campus hetze, weil alle (privatisierten!) Züge ausgefallen sind oder überfüllt waren……das möchte ich hier lieber nicht kundtun.
Leeds ist auch sehr schön und war früher hauptsächlich für ein höheres Niveau der Textilindustrie (Anzüge von der Stange) und für seine Rhabarberproduktion bekannt, aber das ist ein anderer Blog, über dessen Hamburgbezug ich erst noch nachdenken muss.
Die Hamburger Förderpreise für Literatur und literarische Übersetzungen werden seit 1983 vergeben. Sie gelten als eines der traditionsreichsten und bestdotierten Autorenförderprogramme im deutschsprachigen Raum. In diesem Jahr haben sich etwa 200 Schriftstellerinnen und Schriftsteller am Wettbewerb beteiligt.
Die unabhängige Jury hat nun ihre Auswahl aus den anonymisierten Texten getroffen. Je einen Förderpreis über 6000.- Euro werden erhalten: Jo Berlien, Friederike Gräff, Herbert Hindringer, Benjamin Maack, Magdalena Saiger, Judith Sombray. Je einen Förderpreis für literarische Übersetzungen über 2500.- Euro werden erhalten: Michael Kellner, Andreas Löhrer, Inka Marter.
Kultursenatorin Frau Prof. Barbara Kisseler wird die Preise am Montag, dem 3. Dezember 2012, um 19.30 Uhr, im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung im Literaturhaus Hamburg überreichen. Anschließend begründet die Jury ihre Wahl, und die Preisträger präsentieren ihre Arbeiten.
Alle Teilnehmer des Wettbewerbs, alle Literaturinteressierten, Verleger und Lektoren sind herzlich ins Literaturhaus eingeladen. Der Eintritt ist frei.
Das ist die offizielle Pressemitteilung. Sehr gut gefällt mir die Anmerkung der Lyrikzeitung:
Und weil Übersetzen irgendwie die halbe Arbeit ist, genauer 41,67 %, wird es um den entsprechenden Prozentsatz niedriger gefördert, logisch.
Hihi. Andererseits: das ist schon ganz schön super, dass die Übersetzer da überhaupt auch mitbepriesen werden, und wir freuen uns sehr darüber. Sehrsehr.
Ich werde übrigens auch da sein, bei der Preisverleihung, denn ich war in der Jury und halte die Laudationes auf Inka Marter und Benjamin Maack. Hurra! Herzlichen Glückwunsch an alle, ich freu mich für Euch!
Zeitschriften – auch so ein Thema. Auch sowas, womit ich nicht aufgewachsen bin, auch sowas, was ich nicht kann, wo ich einfach kein Verhältnis zu habe. Ich habe nie Zeitschriften gelesen, obwohl ich auch da die Faszination irgendwie verstehen kann. Aber mehr mit dem Kopf, als dass ich sie nachfühlen würde. Und jetzt hat mich in letzter Zeit dreierlei verblüfft, was ich erzählen möchte. (mehr …)
Der November steht vor der Tür. Irgendwann im November werden die Hamburger Alsterschwäne ins Winterquartier verfrachtet. Ich habe letztes Jahr zugeguckt, als sie zusammengetrieben und auf Boote verladen wurden – eigentlich für „Sachen machen“, aber dann passte es da irgendwie nicht recht rein. Hier jetzt also ein Jahr später:
Schwäne
Seit sechseinhalb Jahren lebe ich jetzt in Hamburg. Seit sechseinhalb Jahren höre ich von den „berühmten Hamburger Alsterschwänen“, die angeblich sogar Touristen anlocken, und seit sechseinhalb Jahren denke ich: hä? Schwäne sind schön, keine Frage, die Alsterschwäne auch, aber mal ehrlich: etwas so Besonderes sind sie nun nicht, jede Stadt hat Schwäne, jedes mittelgroße Gewässer hat Schwäne. Da brauchen die Hamburger sich auf ihre Alsterschwäne nicht groß was einzubilden. Dachte ich. (mehr …)
Gastbeitrag von Jenny Merling
„An und für dich“ erzählt von zwei befreundeten Paaren, alle Mitte Dreißig, alle oberflächlich zufrieden mit ihrem Leben, alle bei näherer Betrachtung doch nicht so ganz glücklich.
Saffy arbeitet in einer Werbeagentur, verdient gut, ist die Freundin von Soapstar Greg und rechnet demnächst mit einem Heiratsantrag. Ihre Freundin Jess, freiberufliche Journalistin, verdient nicht ganz so gut und hat mit Conor, dem Lehrer, der abends an seinem Lebenstraum in Form eines Romans schreibt, zwei Kinder.
Alles läuft also fröhlich vor sich hin, bis es bei Saffy und Greg kracht, weil sich herausstellt, dass die Zukunftspläne der beiden eigentlich sehr auseinandergehen, und Jess und Conor sich in die Haare kriegen, weil Conor endlich einen Verleger für sein Buch gefunden hat, deshalb den Job als Lehrer an den Nagel hängt und die sonst so unangepasste Jess plötzlich merkt, dass ihr ein bisschen spießige Sicherheit doch lieber wäre.
Mit unterschiedlichem Erfolg versuchen es die vier Protagonisten daraufhin erst einmal eine Weile ohne einander. Währenddessen entspannt sich Saffys schwieriges Verhältnis zu ihrer Mutter, als diese schwer erkrankt. Bevor die beiden jedoch Zeit haben, sich mit der Krankheit zu arrangieren und die neu entdeckte Mutter-Tochter-Beziehung ein wenig zu genießen, wird sie dank einer Entdeckung, die die gemeinsame Vergangenheit der beiden angeht, schon wieder belastet.
Es ist ein Roman über Paare und Familien, Eltern und Kinder, verschiedenste zwischenmenschliche Beziehungen eben, alles ist komplizierter, als es auf den ersten Blick wirkt, aber eigentlich auch doch wieder ganz einfach. Nur nicht vorhersehbar. Und deshalb gut.
Meine persönliche Beziehung zum Roman lässt sich sich in drei Situationen zusammenfassen, die sich mit wechselnden Akteuren aber unwesentlich wechselnden Dialogen in den letzten Wochen immer wieder abgespielt haben, seitdem „An und für dich“ am 16. August herausgekommen ist. Und auch schon eine Weile davor, wenn ich ehrlich bin.
—
auf der Couch
„Ach übrigens, Onkel X/Arbeitskollegin Y/Nachbarin Z will sich mein Buch kaufen.“
„Und?“
„Ich weiß nicht … der/die liest doch sonst nur so Schinken über U-Boote im Zweiten Weltkrieg/Fachliteratur zur Psychotherapie/Krimis. Und das ist jetzt so … na ja, was für Frauen eben. Das gefällt ihm bestimmt gar nicht.“
„Lass die das doch alle selbst entscheiden!“
—
Ein Unterhaltungsroman.
Und sofort dieses Gefühl, sich verteidigen zu müssen dafür, dass man den übersetzt hat und es nicht mal schlimm fand. Damit muss mal Schluss sein. Das Buch wurde geschrieben, um zu unterhalten, und das tut es. Und zwar so, dass ich – ja, ich verwende jetzt einen Klischeesatz! – sowohl laut lachen als auch weinen musste. Bekanntermaßen müssen Isa und ich ja schon bei der Merci-Werbung weinen, sind also vielleicht kein Maßstab, aber man kann auf jeden Fall festhalten, dass es ein sehr gelungenes und unterhaltsames Buch ist. Viel Spaß beim Lesen, Onkel, Arbeitskollegen und Nachbarn!
—
am Telefon
„An und …“
„… für dich.“
„An und für dich?“
„Ja, Opa.“
„Nicht ‚für sich‛?“
„Nein, Opa.“
„‚An und für dich‛ also.“
„Genau.“
—
Ein Unterhaltungsroman, der „An und für dich“ heißt.
Isas und mein Vorschlag, ihn nach den vier Hauptpersonen einfach „Saffy, Conor, Jess und Greg“ zu nennen (dieser Rhythmus! diese Schlichtheit!), wurde leider abgelehnt. Vielleicht befürchtete man, zu viele würden es in Gedanken um „und deine Mudda“ ergänzen und dann lieber die Finger davon lassen.
Zwischendurch stand von Verlagsseite auch einmal eine Variante im Raum, in der das Wort „Supermann“ vorkam – der Schutzpatron der Übersetzer (gibt’s übrigens wirklich, heißt Hieronymus) hat uns da zum Glück jedoch beigestanden und diesen Titel verhindert. Sorry, KiWi! Nun haben wir also dieses Wortspiel auf dem Cover und wer das Buch liest, weiß am Ende auch, wieso es so heißt. Und was will man denn mehr von einem Titel, als dass er einen erst verwirrt und das Buch damit zumindest interessant macht, und sich dann am Ende von selbst erklärt.
—
abends im Bett
„Du?“
„Hm?“
„Ich hab jetzt ein Buch.“
„Ich weiß.“
„Ja, aber … ich hab jetzt ein Buch. Ein echtes. Steht mein Name drin. Und Isas. In unserem Buch, weißte?“
„Ja. Und jetzt schlaf.“
…
*Geschnüffel*
„Lass mich raten – du musstest gerade wieder an dein Buch denken?“
„Mh.“
—
Mein Unterhaltungsroman.
Es ist nämlich nicht einfach eine weitere in der langen Reihe von Isas Übersetzungen, nein, es ist gleichzeitig auch noch meine erste „richtige“, das heißt: erschienene Übersetzung.
Zum ersten Mal ein ganzes Buch übersetzen, nicht nur ein paar Seiten wie in der Uni. Allein entscheiden (zumindest, bis Isa und die Lektorin sich drauf stürzen), was ich für eine adäquate Übertragung ins Deutsche halte. Das Internet ob seines Unterhaltungsfaktors und Ablenkungspotentials verfluchen. Fehler machen. Was von Isa lernen. Selbst super Ideen haben. Den verdammten Mist nicht mehr sehen können. Das Internet sehr lieb haben. Sich fragen, was man sich eigentlich bei der ganzen Sache gedacht hat, denn werden kann das ja hier wohl nie was. Am Ende sehr glücklich sein und feststellen, dass Übersetzerin tatsächlich – wie auch bisher angenommen – der beste Beruf der Welt ist. Das ist „An und für dich“ für mich.
Ach ja, und mein absoluter Lieblingssatz lautet: „Nee, oder?“ (S. 179)
Weil man mir in der Uni beigebracht hat, dass man so was nicht in eine Übersetzung schreiben darf, weil Isa und ich uns trotzdem einig waren, dass das ungläubige „You‘re kidding!“ nur so und nicht anders in diesem Zusammenhang übersetzt werden kann und weil die wundervolle KiWi-Lektorin Helga Frese-Resch mit uns einer Meinung war und diesen Satz tatsächlich im Buch gelassen hat.
Ella Griffin (Jenny Merling, Isabel Bogdan): An und für dich. Kiepenheuer & Witsch, 476 Seiten, 16,99 €.
Als E-Book 14,99 €