Tilman Rammstedt: Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters

Der Roman beginnt so:

Sehr geehrter Herr Willis,
geht es Ihnen gut?
Mit freundlichen Grüßen
Tilman Rammstedt

Darauf folgt ein kleiner Absatz über den ehemaligen Bankberater, der ein eigenartiger Typ ist. Und so geht es immer weiter: eine Mail an Bruce Willis, ein kleiner Absatz über den Bankberater. Die Mails an Bruce Willis werden immer länger, die Absätze über den Bankberater sind jeweils nur wenige Zeilen lang.
Bruce Willis antwortet nie. Tilman Rammstedt hakt nochmal nach, sagt, dass das keine Floskel war, sondern er wirklich wissen will, ob es Bruce Willis gutgeht, denn, so stellt sich nach einigen Mails endlich heraus: Tilman Rammstedt braucht Bruce Willis. Er steckt nämlich mit seinem neuen Roman in einer ziemlich verzwickten Situation fest (Banküberfall!), beziehungsweise sein Bankberater steckt in dieser schwierigen Situation fest, und mit solchen Situationen kennt Bruce Willis sich natürlich aus. Im Gegensatz zu Tilman Rammstedt, der überhaupt nicht weiß, wie es weitergehen soll. Wenn einer das noch zu einem guten Ende bringen kann, dann Bruce Willis. Also fragt Tilman Rammstedt Bruce Willis per Mail, ob er nicht bitte eine Rolle in seinem neuen Roman spielen könne, denn: „Es geht um das glückliche Ende einer Geschichte. Darum geht es doch immer, nur darum geht es immer.“ (S. 34)
Und auch wenn Bruce Willis nie auf diese Mails reagiert, spielt er natürlich dann doch eine Rolle im Roman, in dem es zwar ein paar kleine Ausbrüche von action gibt, Tilman Rammstedt ansonsten aber meistens damit beschäftigt ist, irgendeine Art von Reaktion aus Bruce Willis herauszukitzeln. Beziehungsweise es zu versuchen. Denn Bruce Willis reagiert nicht nur nicht auf Tilman Rammstedts Mails, sondern ist auch in der Handlung eher ein Klotz am Bein als eine Hilfe. Der Autor, anders gesagt, ist nämlich so oder so auf sich allein gestellt, bei einer Schreibkrise hilft nicht mal Bruce Willis.
Und das ist dann auch das Problem: ich mag es nicht, wenn der Autor eine Rolle im Buch spielt, ich möchte keine Bücher über Schreibkrisen lesen, auch wenn das natürlich das Thema ist, das Autoren am allermeisten beschäftigt. (Das vermute ich jedenfalls. Aber ich bin ja auch keine Autorin, sondern quasi eine einzige Schreibkrise.) Ich möchte eine Geschichte erzählt bekommen, und die Geschichte soll nicht „mir fällt gerade nichts ein“ lauten.
Andererseits: andererseits bin ich die erste, die immer sagt, dass mir die Geschichte eigentlich herzlich egal ist. Ich lese der Sprache wegen. Wenn die Sprache stimmt und schön ist oder besonders und einen Rhythmus hat und einen Ton, dann kann man mir ruhig „boy meets girl“ oder einen Banküberfall erzählen. Meinetwegen sogar mit einem glücklichen Ende. Denn darum geht es doch immer. Und natürlich schreibt Tilman Rammstedt schon wieder dauernd so wundervolle Sätze, ich möchte ihn schon wieder dauernd zitieren, und deswegen ist das ein tolles Buch – trotz Schreibkrisenthema, und trotz leichter Längen, wo es halt mit der Story nicht vorangeht, aber das ist ja nun auch das Thema, in sofern passt das schon alles sehr gut. Außerdem ist die Idee, einen Schauspieler zu bitten, eine Rolle im Roman zu übernehmen, natürlich sensationell. Also auf jeden Fall eine dicke Empfehlung, denn das ist wieder alles unglaublich komisch. Anders gesagt: wenn schon Schreibkrise, dann bitte genau so.

„Ich wollte ihn gern trösten, aber ich war mir auf einmal nicht mehr sicher, wogegen Trost genau half.“ (S. 89)

Rammstedt wohnt im Regal zwischen Edgar Rai und Leif Rand. Keine schlechte Gesellschaft.

Tilman Rammstedt: Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters. DuMont, 156 bzw. 1002 Seiten. Gebunden, 18,99 €
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Der Rest der Welt (3): Köln-Klettenberg und Sülz

Gastbeitrag von Marko Langer

Herr Müller, Herr Süper, Herr Schlote und wir auch

Ob er immer so schnell ging? Oder ob er es nur zum Schluss eilig hatte? Das haben wir nie herausbekommen. Herr Müller, so um die 70, war sehr dünn und trug meist Hut und einen schwarzen Mantel. Wie ein Olympiageher lief er die Straße entlang, um für Renate Einkäufe zu machen oder etwas zu erledigen. Renate, das war die Blumenfrau in unserem Viertel, die Herrn Müller zumeist sehr strikte Anweisungen gab oder sich über ihn aufregte.

Später, als der Herr Müller recht krank und der Blumenladen von Renate schon geschlossen war, hat sie sich noch um den dünnen Mann gekümmert. Sonst hatte er ja niemanden mehr, meinte sie. Der Herr Müller, der hieß übrigens wirklich so.

Köln-Klettenberg, das liegt links von der Luxemburger Straße, wenn man stadtauswärts fährt, am Uni-Center vorbei. Da waren Herr Müller und die Renate zuhause. Heute trifft man sie hier nicht mehr, dafür kann man bei Carmelo, dem nicht so groß gewachsenen Italiener eine Pizza zum Mitnehmen bestellen oder in seiner neuen „Snack-Bar“ einen Espresso oder einen Prosecco trinken. „Snack-Bar“ ist dabei nicht mit „äh“ auszusprechen, sondern mit „a“. So wie Lack, Pack oder Hack. Jedenfalls der Aussprache von Carmelo nach.

Rechts von der Luxemburger Straße liegt Sülz, die Taxifahrer wissen da korrekt zu unter-scheiden. In Sülz kann man – wenn man Glück hat und die Sonne scheint – Hans Süper bei einem Kaffee vor der Bäckerei-Filiale sitzen sehen. Wer freundlich ist, den grüßt der Herr Süper auch zurück. Der Mann ist in Köln weltbekannt. Er war die bessere Hälfte des Colonia-Duetts an der Seite von „Zimmermään“ („Du Ei“) und im Karneval mit seiner „Flitsch“ (Mandoline) ein Brüller. Heute ist Süper 76 und trinkt seinen Kaffee.

Wer sich noch etwas weiter nach Sülz verläuft, der kann – wenn er Glück hat und die Sonne scheint – auch Wilhelm Schlote treffen. Der ist für seine Zeichnungen und Illustrationen berühmt, nicht nur in Köln. Wenn man hier Manneken zu Schlotes Figuren sagt, ist das nicht abwertend gemeint. Schlote ist eher nicht vor der Bäckerei-Filiale anzutreffen, sondern manchmal beim Wein im „Balthasar“ am Auerbachplatz. Was vielleicht damit zu tun hat, dass er erst vor einem Jahr nach langer Zeit in Paris nach Sülz gekommen ist. In die Sülzburg-straße, um genau zu sein. Seine Galerie besitzt sogar einen eigenen Poststempel! Wer hat so etwas noch, wenn er nicht gerade VW oder die Deutsche Bank oder sonstwer ist.

„Mein Opa ist Buntstiftmaler und ich denke, in unserer Zeit ist Buntstiftmaler ein schöner und sehr wichtiger Beruf“, sagt Schlotes Enkelin Charlotte in dem Kinderbuch, das der Opa gemacht hat.

Der Buntstiftmaler ist Jahrgang ’46 und ähnlich wie Hans Süper hat er fast weiße Haare. Das ist deshalb bemerkenswert, weil die Menschen dieses Jahrgangs, die früher Sülz und Klettenberg ihre Gesichter gegeben haben, ansonsten hier langsam verschwinden. Ob sie einfach wegsterben oder wegziehen müssen, ist nicht so ganz klar. Jedenfalls sieht man sie seltener auf Kissen gestützt in den Fenstern auf die Straßen schauen. Dafür entstehen jetzt hier lauter so seltsame Dinge wie das Neubauprojekt „allegro Sülz“ auf dem Gelände des früheren Kinderheims: Luxuswohnungen, jede Menge auf engstem Raum. Der Stadtteil wird schick, er wird voll, und er wird teuer.

Seit 18 Jahren leben wir hier. Klettenberg und Sülz, das war nie so schick und überdreht wie Lindenthal oder Marienburg. Unsere Kinder sind hier aufgewachsen. Und es wäre eine schöne Idee, auch dann noch in Klettenberg zu leben, wenn mein Enkelkind sagen kann: „Mein Papa schreibt Geschichten und ich denke, in unserer Zeit ist Geschichtenschreiber ein schöner und wichtiger Beruf.“

Der Rest der Welt (2): Helgoland

Was ist das eigentlich mit Helgoland? Wieso fahre ich da immer wieder hin?
Helgoland ist einen Quadratkilometer groß. Was ganz schön klein ist. Es ist an vielen Stellen sehr hässlich. Betonmauern, insgesamt sicher mehrere Hundert Meter lang, und rostige Spundwände. Betontetrapoden als Wellenbrecher. Diese Tonnen und Tonnen und Tonnen von Beton nennt man: Küstenschutz. Küstenschutz bedeutet anscheinend, dass man die Küste einfach wegmacht. Die eigentliche Küste, die natürliche, muss irgendwo unter dem ganzen Beton und den rostigen Spundwänden liegen. Nur läge sie da ohne den Beton wahrscheinlich gar nicht mehr, sondern das Meer hätte die Insel inzwischen noch kleiner gemacht.

Aber außer hässlich ist Helgoland halt auch noch zauberhaft. (mehr …)

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