Navigare necesse est
Vorbemerkung: Einmal im Jahr fahren wir mit 10 Autor:innen ins fantastische Gutshaus Lexow, um eine Woche lang über das Schreiben zu sprechen und uns auszutauschen. Während dieser Woche machen wir auch eine öffentliche Lesung – dieses Jahr am 25. Juni, falls jemand dann gerade an der mecklenburgischen Seenplatte ist. Anfangs haben wir jeweils eigene Texte gelesen, irgendwann fanden wir es aber schöner, wenn die Texte erstens miteinander zu tun haben, und sie zweitens auch dort entstanden sind. Seither geben wir uns immer eine gemeinsame Schreibaufgabe: jemand sagt, nimm doch mal das Buch da vorne, schlag Seite 84 auf, was ist das erste Substantiv in der vierten Zeile? Im Jahr 2023 ermittelten wir so die fünf Wörter BAR, STÄRKE, FROSCH, KORRESPONDENZWEG, HALS. Diese Wörter mussten wir alle in einem kurzen Text unterbringen. Hier kommt die Geschichte von Alida Bremer, und jetzt wisst ihr auch, warum ich mich schon seit Monaten auf dieses Museum gefreut habe, in dem ich gestern endlich war. Danke für diese Geschichte, Alida!
Alida Bremer: Seefahrt ist nötig
Für die Kreuzfahrt auf der Arcadia entschied sie sich, nachdem sie die Werbung gelesen hatte: „Die Grand Tour zum Verlieben!“ Wenn sie schon eine „Paarschiffsreise“ unternahm, dann auf hohem Niveau. Dafür bürgte die Route, eine Spurensuche nach dem Erbe der Griechen und Römer an der östlichen Adriaküste, begleitet von Vorträgen prominenter Kulturwissenschaftler und Kulturwissenschaftlerinnen, denen es weniger um Honorare ging, sondern mehr um den Spaß, so zumindest hatten es ihr die beiden Professorinnen erklärt, mit denen sie am ersten Tag am Pool einen Aperol Spritz getrunken hatte.
Sie sagte sich, dass die Klientel hier ihren Vorstellungen entsprach und dass kein ungehobelter Typ ein solches Programm buchen würde: Vorträge über die Keramikkunst der Griechen und über die römische Architektur der Thermen und der Aquädukte. Auf der Insel Lošinj würden sie die Bronzestatue des Apoxyomenos sehen, der seinen Körper nach dem Wettkampf mit Hilfe eines Schabeisens, genannt Strigilis, von Öl, Staub und Schweiß säubert. Zuvor würden sie das Amphitheater der Stadt Pula besichtigen, das so gut erhalten ist wie jenes in Rom und sogar besser als das in Verona, und dort einen Vortrag über Gladiatoren hören.
Der Kapitän der Arcadia, der auf elektronischem Korrespondenzweg jeden Morgen neben den Wetterdaten Anekdoten zum angesteuerten Hafen zum Besten gab, sah in seiner weißen Uniform vertrauenserweckend aus, verstörend wirkte nur die dicke goldene Kette um seinen Hals, die eher zu einem osteuropäischen Mafioso passte als zu einem norddeutschen Seemann. Sie schrieb in ihr Notizbuch: „Ist die Kette vielleicht ein Andenken?“ Bestimmt umschwärmten ihn bei jeder Tour unternehmungsfreudige Damen, es ging ihm vermutlich wie den Arbeitenden in der Schokoladenfabrik, die so viel naschen dürfen, wie sie wollen, und die schon nach einigen Wochen für den Rest ihres Lebens keine Schokolade mehr sehen können. Sie hatte bemerkt, dass alle Passagiere Notizbücher oder MacBooks mit sich herumschleppten und etwas notierten. Monatelang hatte sie mit der Entscheidung gehadert, diese Reise zu buchen, und jetzt wusste sie, dass sie richtig gehandelt hatte. Hier war sie unter ihresgleichen.
Im Atrium des Museums, das dem Apoxyomenos gewidmet ist, erzählte eine der Kunsthistorikerinnen derart beschwingt vom Können des griechischen Bildhauers, dem es gelungen sei, die Stärke des muskulösen Athleten darzustellen, dass einige der anwesenden Frauen leise seufzten. Die Statue befand sich auf der obersten Etage des als Spirale konzipierten Gebäudes, und man konnte sie nur durch runde Fensterchen aus dem Raum betrachten, der seine klimatisierte Wohnstätte umgab. Dort pflegte er einsam und herrlich seinen nackten, perfekten Bronzekörper.
Später in der Bar der Arcadia machten sich einige Männer über das „erotische Knistern“ lustig, das sie vernommen haben wollten, als Dutzende weiblicher Augenpaare die Statue taxiert hatten. Sie schrieb die Wörter „knistern“ und „taxieren“ in ihr Notizbuch und sah den Mann an, der sie ausgesprochen hatte. Er blickte zurück, sein Kopf war mit Locken bedeckt wie der Kopf des bronzenen Griechen. Sein Name sei Adrian, sagte er, seine Vorfahren mütterlicherseits stammten von der Adria, die Großmutter aus Durrës in Albanien, der Großvater aus Otranto in Italien, aber sein Vater sei Deutscher, und er sei in Hamm in Westfalen geboren. Zoologe und Dichter, so stellte er sich vor. Bald waren sie in ein Gespräch vertieft – über den Spruch navigare necesse est, über das Schreiben, über das erotische Knistern. Zwei Stunden später tranken sie kalten Weißwein in seiner Kabine, die sogar über einen Außenbalkon verfügte. In der Dunkelheit schien ihr sein Körper jenem des Apoxyomenos zu gleichen. Am Morgen musste sie ihren Eindruck zwar ein wenig revidieren, aber das war egal, denn sie hatte sich verliebt.
In Split sollten sie den Palast besichtigen, den Kaiser Diokletian als römisches Militärlager erbauen ließ. Aber Adrian kannte sich aus, er hatte etwas anderes vor. Sie trennten sich von der Gruppe und eilten zu einem ehemaligen Kino. Über dem Eingang stand: The Froggyland. Es ginge hier um Taxidermie, die Kunst der Haltbarmachung von Tierkadavern, flüsterte er und zeigte auf einen ausgestopften und lackierten Frosch, der in einer Puppenstube vor einer winzigen Nähmaschine saß.
Er war dann in Split geblieben, aber sie wusste nicht, wo. Den Kapitän erreichten jeden Morgen E-Mails, in denen die Anstrengungen der örtlichen Polizei beschrieben wurden, die nach ihm suchte, während die Arcadia ihre Fahrt fortsetzten musste, und er leitete sie an die Passagiere weiter. Der Kapitän bedauerte den Vorfall, äußerte sich aber zuversichtlich. Es komme immer wieder vor, dass Passagiere von Bord gingen, das sei Teil der Kreuzfahrtkultur, sie würden schon den Weg über Land zurück in ihre Heimat finden. Adrians Kabine wurde versiegelt. Nach einigen Tagen dachte niemand mehr an ihn. Nur sie fragte sich bisweilen, ob aus ihnen beiden etwas mehr hätte werden können, angesichts seines Interesses am tierischen Anthropomorphismus und ihrer Ekelgefühle, die sie bei dem Anblick jener menschenähnlichen Frösche verspürt hatte.
Sie hatte dem Kapitän erzählt, was sie wusste: Der ungarische Künstler Ferenc Mere hatte zwischen 1910 und 1920 mehr als 1000 Frösche eigenhändig getötet und präpariert und sie dann in eine Reihe von Alltagsszenen aus dem Leben der Menschen eingebaut, etwa beim Tennisspiel und beim Zahnarzt, in der Schule, bei Bootstouren und bei der Ausübung verschiedener Handwerke. In der Kollektion waren nur noch 507 Frösche zu sehen, die restlichen galten als verschollen. Jedem toten Frosch wurden alle zwei Jahre Formaldehyd und Ammoniak gespritzt, das bewahrte sie vor dem Zerfall. Als sie gefragt hatte, warum Mere diese Kollektion zusammengestellt habe, war Adrian zornig geworden und hatte sie angefahren, ob sie denn glaube, dass es besser sei, eine Kreuzfahrt zu buchen, als präparierte Frösche auszustellen und die Welt damit hundert Jahre lang in Erstaunen zu versetzen. Sie habe nicht gewusst, was sie ihm antworten sollte, gestand sie dem Kapitän und starrte dabei auf seine dicke goldene Kette. Adrian sei dann in einen der hinteren Räume des Froschmuseums verschwunden. Sie sei zum Schiff zurückgekehrt, aber er sei nicht wieder aufgetaucht. Sie verschwieg, dass Adrian, von hinten betrachtet, einem der Frösche aus dem Froggyland ähnelte und dass sie kurz geglaubt hatte, eine winzige goldene Krone in seinen Locken zu erblicken.
