Film: Der Junge muss an die frische Luft

Janee, natürlich interessiere ich mich nicht besonders für Hape Kerkeling. Ich weiß, er ist ein großartiger Entertainer, aber ich habe ja nie wirklich ferngesehen, ich habe keine Beziehung zu Fernsehpromis, und zur Comedy auch nicht. Die Verfilmung eines Teils seiner Autobiografie hätte ich beim Scrollen durch das Kinoprogramm normalerweise schon aus dem Augenwinkel abgehakt; was interessiert mich denn die Kindheit eines Fernsehpromis. Aber dann haben ein paar überraschende Leute auf Facebook geschrieben, was für ein großartiger Film das sei – und sie hatten recht.
Gezeigt werden nur ungefähr drei Jahre, 1972-1974. Hans-Peter (Julius Weckauf) ist zu der Zeit acht bis zehn Jahre alt. Die Familie lebt in Recklinghausen, zusammen mit Omma und Oppa. Die anderen Omma und Oppa wohnen auch nicht weit, und dann gibt es noch eine Reihe von Tanten. Insgesamt eine feierfreudige und gutgelaunte Familie, man möchte sie alle sofort adoptieren mit ihrem Ruhrpottcharme und ihrem Hang zum Quatsch. Vor allem Omma Änne: „Wenn de weiß, watte wills, Hans-Peter, dann machet einfach.“
Die Mutter (Luise Heyer) bekommt eine chronische Stirnhöhlenentzündung, ist lange krank, wird schließlich operiert und verliert dadurch ihren Geruchs- und Geschmackssinn. Sie stürzt in eine tiefe Depression. Hans-Peter perfektioniert sein schon immer vorhandenes komödiantisches Talent und versucht alles, um sie zum Lachen zu bringen. Das ist die tragische Geschichte einer Kindheit – ein neunjähriger Junge, der voller Verzweiflung mit Komik gegen die Depression seiner Mutter ankämpft –, und da ist es vollkommen egal, ob es eine reale Promi-Kindheit ist. Das spielt gar keine Rolle.
Denn das Tolle an dem Film ist mal allen voran Julius Weckauf als Hape Kerkeling. Wie kann so ein doch recht junges Kind ein so grandioser Schauspieler sein? Unfassbar. Und wie dieses Kind, das er spielt, dann wiederum in Rollen schlüpft, um die Erwachsenen zu erheitern, quasi eine doppelte Rolle. Und wie er manchmal selbst nicht weiß, ob das lustig ist oder in Wahrheit doch ganz traurig, das ist so ergreifend gespielt, so überzeugend, so hinreißend. Ebenso die Mutter: wie sie langsam von einer fröhlichen jungen Mutter in die Depression kippt, das ist sensationell. Und der überforderte Vater, und sämtliche Großeltern, und überhaupt: wahnsinnig gut besetzt und ausgestattet. Und ich kann mich nicht erinnern, wann ich im Kino so viel gelacht und geweint hätte. Himmel, was für ein herzzerreißend trauriger Film. Lustig, komisch, anrührend. Und wahnsinnig traurig. Und großartig.
Da sieht man auch gern über den leicht beknackten Nachklapp hinweg.

Regie: Caroline Link. Drehbuch: Ruth Toma

6 Kommentare

  1. Beatrice Sonntag, 30. Dezember 2018 um 14:38 Uhr [Link]

    Danke für das neugierig machen.
    Nur was ist ein Nschklapp?
    Liebe Grüße

    Beatrice

  2. Isabel Bogdan Sonntag, 30. Dezember 2018 um 14:40 Uhr [Link]

    Das sind in den Fall die letzten drei Minuten oder so. Die fand ich beknackt. So ein hintendrangeklatschtes Ende, das nicht nötig gewesen wäre. Auch wenn man die Intention versteht, aber ich mochte die Umsetzung nicht.

  3. Maximilian Buddenbohm Sonntag, 30. Dezember 2018 um 18:21 Uhr [Link]

    Ich mochte sie auch nicht. Also die Umsetzung des Endes.

  4. Christa Sonntag, 30. Dezember 2018 um 21:59 Uhr [Link]

    Morgen geh ich rein und freu mich nun noch mal so doll. Ich sehe durchaus fern, wenn’s was Gescheites gibt, und Hape war in meinen Augen mit Abstand der Gescheiteste – und Komischste unter den deutschen Comedians, solange er aktiv war.

  5. Nicola Montag, 31. Dezember 2018 um 12:23 Uhr [Link]

    Danke für den Tipp, ich wäre auch daran vorbeigelaufen- jetzt hoffe ich, dass wir auch einen Familienausflug hinbekommen!

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