Lily Brett (Melanie Walz): Chuzpe

Ruths gut durchorganisiertes Leben gerät ein bisschen in Wallung, als erstens ihr Mann für längere Zeit beruflich nach Australien entschwindet, und zweitens ihr 87-jähriger Vater Edek aus Australien zu ihr nach New York zieht. Er besteht darauf, ihr bei der Arbeit zur Hand zu gehen: Ruth schreibt nämlich Briefe für andere Leute – Kondolenz-, Liebes- und Glückwunschbriefe, was auch immer die Leute sich selbst nicht so recht zutrauen; Ruth findet immer die richtigen Worte und verdient damit ganz gut Geld. Edek allerdings will sie nun unterstützen und bestellt wie weiland Loriots Pappa ante Portas große Mengen von Büroartikeln, die sie nicht braucht.
Das hört allerdings einigermaßen schnell wieder auf, Edek hat plötzlich dauernd „zu tun“, und Ruth wird etwas misstrauisch. Tatsächlich tauchen bald zwei Urlaubsbekanntschaften aus Polen auf (Katastrophe!), zwei ältere Damen, wenn auch 20 Jahre jünger als der Vater, und beabsichtigen offenbar, in New York zu bleiben (Katastrophe!). Edek nimmt die beiden bei sich auf und plant, mit ihnen ein Restaurant zu eröffnen. Ka-ta-stro-phe! Man kann ja nicht einfach so mit fast keinem Geld ein Restaurant in New York eröffnen. So weit zur Story.

Im Klappentext steht: „Lily Brett schreibt, wie Woody Allen Filme gedreht hat.“ (Brigitte Woman) Das trifft es haargenau: Neurotische New Yorker Juden machen sich entweder entsetzlich viele Sorgen über alles und nichts (vor allem über nichts), oder sie haben eben Chuzpe. Alle reden aneinander vorbei und schaffen es nicht, einfach mal zu sagen, was Sache ist. Und das geht mir spätestens nach der Hälfte einigermaßen auf den Zwirn. Da denke ich nämlich dauernd: verdammte Axt, dann sag es doch einfach! Oder: ja, wir haben den Witz / die Neurose jetzt verstanden, können wir jetzt mit der Story weitermachen?
Dazu kommen viele Redundanzen; dauernd wird das gleiche noch mal mit anderen Worten gesagt, und dann noch mal, und dann vielleicht noch mal mit denselben Worten wie beim ersten Mal. Puh. Und dann sind auch noch manchmal so logische Ungereimtheiten drin – da ruft eine der Damen an und fragt, ob Ruth ihnen einen Gefallen tun und mit zum Tai-Chi gehen könnte. Ruth ist natürlich mal wieder entsetzt („was, Ihr macht Tai-Chi?“), und dann geht sie mit, und dann … nichts. Weder wird klar, in wiefern das ein Gefallen für die anderen war, die da sonst allein hingehen, noch bringt es die Story auf irgendeine andere Weise voran.
Trotzdem habe ich es zu Ende gelesen, obwohl auch das Ende absehbar war (nein, der alte Vater stirbt nicht! Niemand stirbt! Sorry für den Spoiler). Also, irgendwie ist das schon nett, sind auch gute Typen drin, aber alle einen Tick zu dick aufgetragen, und man hätte viele Redundanzen rauskürzen und dafür die Geschichten der Leute, für die Ruth die Briefe schreibt, ein bisschen ausführlicher erzählen können. Denn da werden quasi lauter Geschichten angefangen, die dann aber versickern.
Fazit: ja, nett. Stellenweise auch wirklich lustig. Aber kein Muss. Wobei ich es deswegen gelesen habe, weil ein paar Leute total begeistert waren, unter anderem die Lieblingsbuchhändlerin. Und die sind ja auch nicht doof, ist also wohl auch Geschmackssache. Wie Woody Allen eben. Wer auf Woody Allen steht, wird auch dieses Buch lieben.

Lily Brett bekommt einen illustren Regalplatz zwischen Brecht und Brillat-Savarin.

Lily Brett (Melanie Walz): Chuzpe. Insel Taschenbuch, 10,00 €
Gebunden, Suhrkamp, 19,80

(Die Links führen zum Webshop der Buchhandlung Osiander. Wenn Ihr dort bestellt, bekomme ich ein paar Cent.)

5 Kommentare

  1. Uschi Donnerstag, 4. Oktober 2012 um 08:26 Uhr [Link]

    So ähnlich habe ich bereits „New York“ und „Zu viele Männer“ empfunden…

  2. Petra Donnerstag, 4. Oktober 2012 um 10:41 Uhr [Link]

    Ich hab von dem Buch nur noch Kloesse in Erinnerung.

  3. Isabel Bogdan Donnerstag, 4. Oktober 2012 um 16:14 Uhr [Link]

    Klopse! Die allerdings haben wirklich Appetit gemacht.

  4. Lydia Samstag, 20. Oktober 2012 um 17:35 Uhr [Link]

    Mich hast Du jetzt neugierig gemacht, was von Brillat-Savarin Du wohl im Regal stehen hast. Schreibst Du darüber auch mal?

  5. Isabel Bogdan Samstag, 20. Oktober 2012 um 22:16 Uhr [Link]

    „Physiologie des Geschmacks.“ Habe ich mal gekauft, weil einer meiner Autoren daraus zitiert hat. Hab’s aber nicht gelesen, nur die betreffenden Zitate rausgesucht, und, ähm, ich sachmaso: steht auf der Prioritätenliste eher weiter unten.

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