Nass

Wir sind zu einer Landpartie eingeladen. Der Schwager des Geburtstagskinds hat ein Ferienhaus am Westensee bei Kiel, auf einem großen Grundstück direkt am See, es ist geplant, dass lauter Freunde mit lauter Kindern bei strahlendem Sonnenschein auf der Wiese herumlümmeln, essen und trinken und spielen und zwischendurch in den See springen.
Tatsächlich ist aber gar kein strahlender Sonnenschein, es regnet vielmehr, jedenfalls zwischendurch immer mal wieder, es weht ein frischer Wind, höchstens 15°C. Die Kinder tragen Gummistiefel und Matschhosen, die Erwachsenen Gummistiefel und Jeans, ich die neue Hose und ganz normale Schuhe, aber egal. Immerhin habe ich meinen Friesennerz dabei. Die Sätze „das reißt gleich noch auf“ und „da hinten wird’s schon heller“ mausern sich schnell zum Running Gag des Nachmittags. Wir kennen ungefähr niemanden (außer dem Geburtstagskind) und machen erstmal ein bisschen Konversation. Das Wetter. Ja, schade. Ist aber trotzdem schön. Wir stehen auf der überdachten Veranda, trinken Sekt, essen Sandwiches und gucken raus ins Grau.
Dem Schwager ist das Wetter einigermaßen egal. Er trägt eine Wachsjacke und Gummistiefel und ist die meiste Zeit mit den Kindern im Garten unterwegs, Würmer suchen, matschen, auf Bäume klettern, mit dem nassen Hund rumtoben. Und dann die Ansage: wir gehen angeln!
Ich gehe mit, ich würde gern für Sachenmachen mal angeln, darf man aber nicht, wenn man keinen Angelschein hat, man darf nicht mal mit einem Angelscheinbesitzer mitangeln, höchstens zugucken. Zugucken will ich dann jetzt schon mal, wenn auch nicht für Sachenmachen.
Der Westensee ist voller Barsche, sagt der Schwager, man braucht die Angel bloß reinzuhängen und sie rauszuziehen, das geht ruckzuck. Kann man den Kindern mal zeigen, wie das geht. Eigentlich möchte er nicht so gern, dass sie alle mit auf den Steg gehen, die ganzen kleinen Kinder; allerdings nicht, weil er fürchten würde, dass sie runterfallen, sondern eher, weil sie die Fische vertreiben. Aber natürlich stehen bald doch alle auf dem Steg, ich auch, die Kinder auch, ich habe keine Ahnung, wie viele es sind. Alle gucken auf den Schwager, der die Angel ins Wasser hält. Manche sehen im Wasser Fische, ich stehe im falschen Winkel, ich sehe keine. Da, zack!
Tatsächlich zieht der Schwager nach allerkürzester Zeit einen kleinen Barsch aus dem Wasser. Alle schauen auf die Angel, auf den zappelnden Fisch, der Schwager nimmt den Fisch vom Haken, da macht es laut PLATSCH, und dann geht alles ganz schnell. Das Kind neben mir steht da nicht mehr, sondern liegt im Wasser, es ist vielleicht drei Jahre alt und liegt mit dem Gesicht nach unten im See. Da fackelt man nicht lange, ich lege die Kamera auf den Steg, ziehe mir die schräghängende Handtasche übern Kopf und will gerade reinspringen, da macht es wieder PLATSCH, und der Schwager ist auch reingesprungen, ich will, schon im Sprung, doch auf dem Steg bleiben, springe also nur so halb, halb rutsche ich weg, schlage mir folglich gehörig das Knie am Steg an, und dann macht es zum dritten Mal PLATSCH, und ich bin ebenfalls drin, das Wasser ist ungefähr hüfttief. Die Handtasche habe ich nicht mehr rechtzeitig auf den Steg werfen können, ich habe sie noch in der Hand, über Wasser zwar, aber sie ist erstaunlich nass. Der Schwager fischt das Kind raus (stellt sich raus: war sein eigenes) und setzt es auf den Steg. Wohin der Fisch geflogen ist, weiß niemand mehr, ist auch egal, wir gehen zum Haus zurück, drei Leute klatschnass, aber Adrenalin hält erstmal warm. Ich habe ein paar Klamotten für den nächsten Tag dabei, allerdings keine zweite Hose.
Eine unbekannte Frau bietet mir ihre an, ich dusche erstmal heiß und verbringe den Rest des Abends dann in der zu engen geliehenen Hose. Beim Essen abends muss ich den Knopf aufmachen, ich fürchte, es ist trotzdem ein bisschen das Knopfloch ausgeleiert, oder war das vorher schon? Mein Knie wird erst dick, dann auf Handtellergröße blau, alles halb so wild, Kamera, Handy und Uhr sind ebenfalls gesund und munter, aber was mir wirklich ein bisschen unangenehm ist: In der Handtasche war ein Übersetzungsvertrag mit einem neuen Verlag. Beziehungsweise sogar beide Verträge, das hatte ich noch nie, normalerweise bekomme ich die Verträge in doppelter Ausfertigung, vom Verlag bereits unterschrieben, und schicke einen zurück – dieser neue Verlag hat sie ohne Unterschrift geschickt, ich soll zuerst unterschreiben, und sie schicken mir dann einen zurück. Ich wollte sie auf dem Weg an den See irgendwo in einen Briefkasten werfen und habe es natürlich vergessen. Jetzt sind die Verträge wellig und angeschmuddelt, und wenn ich jetzt beim Verlag sage, die Verträge sind leider nass geworden, weil ich in einen See gesprungen bin, um beinahe ein Kind zu retten – die halten mich doch für bekloppt.
Ich kann das nur als ersten Versuch betrachten, das war alles noch nicht dramatisch genug, sowas ist doch Dramatik für Anfänger. Nächstes Mal rette ich das Kind wirklich. Und mache die Verträge richtig nass. Dann bin ich eine Heldin und sie schicken mir ehrfürchtig neue. Möchte vielleicht jemand sein Kind für mich ins Wasser schubsen, damit ich mal richtig retten kann? Ich wär gerade in Schwung.

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Liebes Café May,

es ist ja total schön, bei Euch gleich neben dem Hammer Park draußen zu sitzen, eine riesengroße Apfelschorle zu trinken und die Jogger vorbeilaufen zu sehen. Denn wer auch immer in Hamm oder Borgfelde läuft, tut das im Hammer Park, jedenfalls ist da immer ganz schön was los, und ein ziemlicher Teil dieser Läufer läuft direkt bei Euch vorbei, quasi mittenmang durch den Biergarten.
Einer dieser Jogger bin ich. Wenn ich bei Euch vorbeikomme, sehen die Apfelschorlen immer ganz schön verlockend aus. Es muss ja nicht mal eine Apfelschorle sein, ein Glas Leitungswasser täte es auch. Man schwitzt nämlich beim Joggen beträchtlich, da wäre so eine Wasserstation auf halbem Weg paradiesisch! Und warum eigentlich nicht? Das wäre doch vielleicht eine schöne Werbe-Idee: kostenlose Ausgabe von Leitungswasser an Jogger. Trinkwasserspender und Pappbecher vorne an die Straße stellen, da braucht man nicht mal groß Personal dazuzustellen, und wer vorbeijoggt, darf sich bedienen. Alle anderen natürlich nicht, wo kämen wir denn da hin. Die Kosten wären überschaubar, so ein Trinkwasserspender dürfte sich ja finanzieren lassen, handgemaltes Schild dran „Kostenlos für Jogger“, und Eure Beliebtheit im Viertel würde ins Unermessliche steigen.
Hm?
Diese Idee stellt Euch kostenlos zur Verfügung:
Eure Isa

Alle bekloppt

Cola gegen Diabetes. Wenn man bei KFC einen „Mega-Jug“ Zuckerwasser kauft – ich weiß nicht genau, wie groß der ist. Hier steht „half a gallon“, und in meinem Wörterbuch steht, ein gallon sei in den USA 3,79 liter. Half a gallon sind also knapp zwei Liter, kann das sein? In den USA kann das sein, dass man zum billigen Burger 2 Liter Cola trinkt, hm? – wenn man also bei KFC für 2,99 $ knapp zwei Liter Zuckerwasser kauft, spenden sie davon einen Dollar an die Diabetes-Forschung. „Help us find a cure!“
Diabetes 1 natürlich. Das ist was total anderes als die Diabetes 2, die man von dem Zeug bekommt. Deswegen ist das auch voll überhaupt gar nicht zynisch.

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Foodwatch verleiht wieder den „Goldenen Windbeutel“ für die schamloseste Werbelüge. Nominiert ist dieses Jahr unter anderem „nimm2“, im Video zur Windbeutelaktion sagt Foodwatch „das freut die Kinder“, dass da Vitamine drin sind. Storck behauptet jetzt, ihre Werbung richte sich gar nicht an Kinder. Is klar.

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Hamburg wird jetzt Fairtrade-Stadt. Das ist an sich natürlich begrüßenswert, auch wenn man das ein oder andere da sicher hinterfragen könnte. Um Fairtrade-Stadt zu sein, muss eine Stadt beispielsweise eine bestimmte Menge an Geschäften haben, die fair gehandelte Produkte anbieten. Ist in Hamburg kein Problem, denn Budni, Rossmann und Rewe haben sowas im Programm, da braucht man sich also nicht weiter drum zu kümmern. Zumindest nicht, um überhaupt erstmal dieses Siegel zu bekommen. Ob das Siegel nun tatsächlich etwas für den fairen Handel bringt oder eher gut fürs Image der Stadt ist, sei einmal dahingestellt, denn das Anliegen ist natürlich grundsätzlich ein Gutes. Fairen Handel setzt man nicht ruckzuck um, da fängt man eben an mit „gibt’s schon bei Budni“ und kann dann von da aus weitermachen.
Total bescheuert allerdings ist der Claim „Hamburg mal fair“. (Das ist ein Aktionsbündnis, das es schon länger gibt und das jetzt irgendwie in dieser Fairtrade-City-Sache aufgegangen ist oder so.) Hallo? Zur Abwechslung sind wir heute vielleicht mal fair, kaufen zwei Pfund fairen Kaffee fürs Gewissen, aber ab morgen machen wir wieder wie immer, ja? Ächz.
Was ich jetzt auf der Webseite nicht finden kann, aber gestern im Radio gehört habe: dass nämlich auch ein paar Restaurants auf den Zug aufspringen und jetzt fair gehandelte Gerichte mit Lebensmitteln aus Afrika anbieten, und zwar, Achtung, anschnallen: zwei Gerichte zum Preis von einem. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: fair gehandelt zum halben Preis.
Man kann gar nicht so oft mit dem Kopf gegen die Wand bollern, wie das doof ist.

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Und dann noch was, was nichts mit Essen zu tun hat: Burschenschafter streiten über „Ariernachweis“. Alle bekloppt.

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Laufen

Eingefangene Kommentare, Zurufe, Sprüche innerhalb einer halben Stunde: fünf*.

Davon von Männern: fünf.

Liebe laufende Männer, das interessiert mich wirklich: werdet Ihr auch dauernd kommentiert? Von Männern oder von Frauen?

*“Hopp-hopp-hopp!“, „Schöne Beine!“, „Eins-zwei-eins-zwei!“, „Jetzt aber schnell!“, „Hui!“

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