Die Bücherfragenliste

Ein Gespen Stöckchen geht um im Bloggerland: die Bücherfragenliste. Nun schreibe ich hier ohnehin über alle Bücher, die ich lese, und einen Teil dieser Fragen kann ich gar nicht beantworten, aber sei’s drum. I‘ll do my very best. Und verlinke dann, wenn ich etwas beantwortet habe, jeweils hier den entsprechenden Eintrag.

Tag 1 – Das Buch, das du zurzeit liest
Tag 2 – Das Buch, das du als nächstes lesen willst
Tag 3 – Dein Lieblingsbuch
Tag 4 – Dein Hassbuch
Tag 5 – Ein Buch, das du immer und immer wieder lesen könntest
Tag 6 – Ein Buch, das du nur einmal lesen kannst (egal, ob du es hasst oder nicht)
Tag 7 (vormittags) – Ein Buch, das dich an jemanden erinnert
Tag 7 (nachmittags) – Ein Buch, das dich an jemanden erinnert
Tag 8 – Ein Buch, das dich an einen Ort erinnert
Tag 9 – Das erste Buch, das du je gelesen hast
Tag 10 – Ein Buch von deinem Lieblingsautor
Tag 11 – Ein Buch, das du mal geliebt hast, aber jetzt hasst
Tag 12 – Ein Buch, das du von jemandem empfohlen bekommen hast
Tag 13 – Ein Buch, bei dem du nur lachen kannst
Tag 14 – Ein Buch aus deiner Kindheit
Tag 15 – Das 4. Buch in deinem Regal v.l.
Tag 16 – Das 9. Buch in deinem Regal v.r.
Tag 17 – Augen zu und irgendein Buch aus dem Regal nehmen
Tag 18 – Das Buch mit dem schönsten Cover, das du besitzt
Tag 19 – Ein Buch, das du schon immer lesen wolltest
Tag 20 – Das beste Buch, das du während der Schulzeit als Lektüre gelesen hast
Sonderausgabe: Von der Schule, Büchern und dem Erwachsenwerden
Tag 21 – Das blödeste Buch, das du während der Schulzeit als Lektüre gelesen hast
Tag 22 – Das Buch in deinem Regal, das die meisten Seiten hat
Tag 23 – Das Buch in deinem Regal, das die wenigsten Seiten hat
Tag 24 – Ein Buch, von dem niemand gedacht hätte, dass du es gelesen hast
Tag 25 – Ein Buch, bei dem die Hauptperson dich ziemlich gut beschreibt
Tag 26 – Ein Buch, aus dem du deinen Kindern vorlesen würdest
Tag 27 – Ein Buch, dessen Hauptperson dein „Ideal“ ist
Tag 28 – Zum Glück wurde dieses Buch verfilmt!
Tag 29 – Warum zur Hölle wurde dieses Buch verfilmt?
Tag 30 – Warum zur Hölle wurde dieses Buch noch nicht verfilmt?
Tag 31 – Das Buch, das du am häufigsten verschenkt hast

Weitere Teilnehmerinnen: e13Kiki, Kaltmamsell, Sopran, Creezy, Hammwanich, Franzi, Anke, Adelhaid, Helga Birnstiel, Maike Hank, Li, Elvira Veselinovic, Desideria, Verdaustig, Margaret Marks.

JETZT NEU! Ein Mann, ein Mann! Zwei Männer! Nämlich Formschub und Jannis.

Wolf Erlbruch: Ente, Tod und Tulpe

Eines Tages merkt die Ente, dass sie nicht allein ist: der Tod ist bei ihr. Er folgt ihr auf Schritt und Tritt, er behauptet sogar, schon ihr ganzes Leben bei ihr zu sein. Die Ente bekommt erstmal einen gehörigen Schreck. Aber dann spricht sie mit dem Tod, er erklärt ihr, wer er ist, und es stellt sich heraus: eigentlich ist er ganz nett. Er kommt auch nicht, um sie tot zu machen, denn „dafür sorgt schon das Leben“. Die beiden tun zusammen Entendinge, sie schwimmen, wärmen sich nachts und unterhalten sich darüber, wie die Ente sich das Totsein vorstellt. Und sie machen noch etwas Aufregendes. Und schließlich endet es, wie es enden muss, wenn der Tod einen schon eine Weile begleitet. Aber irgendwie ist das nicht mehr so schlimm.
Das Buch gibt keine Antworten und stellt keine Behauptungen auf, es folgt keiner Religion und fabuliert nicht irgendwelche Tröstlichkeiten herbei. Wir wissen hinterher immer noch nicht, ob die Ente in einen Entenhimmel kommt oder was mit ihr passiert. Aber der Tod ist der Ente zu einem Freund geworden, er ist die ganze Zeit bei ihr, er begleitet sie, spricht mit ihr, er hat sogar Humor, und am Ende schenkt er ihr seine Tulpe – die außer im Titel übrigens ausschließlich auf einigen Bildern auftaucht. Im Text wird sie kein einziges Mal erwähnt. Und die Bilder von Wolf Erlbruch sind mal wieder, wie die Bilder von Wolf Erlbruch eben sind: schlicht und wunderschön und irgendwie berührend. Weil der Tod, so schrecklich er aussieht, etwas so Liebevolles und Freundliches hat und so würdevoll mit dem Tod der Ente umgeht. Und weil auch auf den Bildern gar nicht viel mehr passiert, als dass die Ente und der Tod langsam Freunde werden. Was für ein wunderbares, wunderbares Buch.
(Was allerdings fehlt, sind Freunde und Familie der Ente, die kommen nicht vor. Ob sie sich auch mit dem Tod anfreunden können bleibt dahingestellt.)

Wolf Erlbruch: Ente, Tod und Tulpe. Kunstmann, gebunden.
Große Ausgabe: 30×24 cm, 14,90 €
Kleine Ausgabe: 15×13 cm, 9,90 €

Heinz Janisch / Wolf Erlbruch: Der König und das Meer


 
„Ich bin der König“, sagte der König.
Das Meer rauschte eine Antwort.
„Ich weiß“, sagte der König.
Er wurde still und nachdenklich.
„Ich weiß“, murmelte er.
Dann hörte er lange dem Rauschen zu.

 
 
Und so geht es dem kleinen König immer wieder. Er ist der König, er hat zu bestimmen, alles muss nach seiner Pfeife tanzen und ihn bewundern – allerdings lassen Meer, Wind, Baum, Eichhörnchen und Hund sich davon nicht beeindrucken. Und da der kleine König nicht doof ist, sieht er das auch meistens ein. Überhaupt geht er staunend durch die Welt, und dabei geht ihm in 21 Kürzestgeschichten so allerhand auf. Zum Beispiel über Bücher und Bleistifte und Trompeten, und das ist alles sehr knapp, sehr leise und weise, erzählerisch ebenso wie optisch. Denn die Geschichten sind nicht nur für sich zauberhaft, sondern außerdem auch noch von Wolf Erlbruch illustriert. Wie immer ganz reduziert, eher gedeckte Farben, eine Mischung aus Aufgeklebtem (Karopapier, Schnittmusterbögen, Notenblätter), Zeichnung, Wachsmalstift, allem möglichen. Wunderschön.
Ich werde mir jetzt einfach nach und nach das Erlbruch’sche Gesamtwerk anschaffen und zusammenwünschen. Ich fürchte, das ist ziemlich umfangreich, da müsst Ihr dann durch.

Heinz Janisch / Wolf Erlbruch: Der König und das Meer. 21 Kürzestgeschichten. Sanssouci, 48 Seiten, 10,- €

Emily Gravett: Little Mouse’s Big Book of Fears

Die kleine Maus hat ganz schön viel Angst. Beziehungsweise viele Ängste. Angst vor Wasser (Hydrophobia) und Angst vor Vögeln (Ornithophobia) und Angst, sich zu verlaufen (Whereamiophobia). Und für jede dieser Ängste gibt Emily Gravett der kleinen Maus eine ganze Seite Platz, auf dem diese Angst illustriert ist, manchmal sind auch Dinge eingeklebt, zum Beispiel gegen die Angst vorm Verlaufen eine Landkarte der Isle of Fright. Und auf jeder Seite ist außerdem noch genügend Platz für Notizen über eigene Ängste.
Und am Ende hat natürlich auch noch jemand Angst vor der kleinen Maus. Die vor lauter Angst übrigens das Buch ein bisschen angeknabbert hat, keine Seite ist unbeschädigt. Aber das kann man ja auch verstehen, wenn sie immer so viel Angst hat.


Für jemanden, der nicht unter Phobien leidet, ist das sehr schön, die Illustrationen sind großartig, und kleine Gags wie die Whereamiophobia machen es erst recht charmant. Wer allerdings ohnehin schon unter ernsthaften Phobien leidet oder als Kind einfach mal Angst vor diesem oder jenem hat – ich weiß nicht. Keine Ahnung, wie man dann reagiert. Das Buch macht sich nicht über Ängste lustig, das nicht. Aber ist es tröstlich zu wissen, dass es noch andere Ängste gibt? Ist es tröstlich zu wissen, dass man selbst nicht alle Ängste hat, sondern nur ein paar? Will das Buch vielleicht gar nicht tröstlich sein? Bringt es einen womöglich auf Gedanken, wovor man sich sonst noch alles fürchten könnte? Ich habe keine Ahnung, glücklicherweise. Für mich ist das ein sehr schönes und liebevoll gemachtes Buch. Ob es für Kinder oder Phobiker geeignet ist, weiß ich nicht.

Englisch:
Emily Gravett: Little Mouse’s Big Book of Fears. Palgrave Macmillan, Taschenbuch, 8,99 €
Simon & Schuster Children’s Publishing, gebunden, 14,99 €

Deutsch:
Emily Gravett (Uwe-Michael Gutzschhahn): Mein Buch vom Angsthaben. Sauerländer, gebunden, 19,90 €

Louise Carpenter: Ida und Louise

Die Schwestern Ida und Louise Cook werden Anfang des 20. Jahrhunderts in einfachen Verhältnissen in England geboren. Beide werden Sekretärinnen und leben fast ihr ganzes Leben lang zusammen in ihrem Elternhaus. Eines Tages im jungen Erwachsenenalter hören sie zufällig im Radio eine Opernarie, sie begeistern sich und werden zu großen Opernfans. Zwei Jahre lang sparen sie jeden Cent, gehen zu Fuß, statt den Bus zu nehmen und so weiter, um sich eine Reise nach New York an die Met leisten zu können. Dort knüpfen sie erste Kontakte zu den Größen der Opernwelt, und als sie heimkommen, schreibt eine der beiden, Ida, einen Artikel über diese Reise. Nachdem dieser Artikel gut ankommt, wagt sie sich an einen Liebesroman, der noch viel besser ankommt, und so bringen weitere Liebesromane den Schwestern ein Einkommen, das ihnen weitere Opernreisen erlaubt. Louise arbeitet weiterhin als Sekretärin, Ida schreibt, und übers Wochenende fahren sie nach Deutschland und Österreich, besuchen Opern und knüpfen Kontakte in die entsprechenden Künstlerkreise. Und erfahren so langsam, was in Deutschland in den Dreißigerjahren mit den Juden passiert. Juden dürfen, wenn sie aus Deutschland ausreisen, nichts mitnehmen. Also schaffen Ida und Louise Wertgegenstände aus Deutschland raus. Sie stecken sich echte Brillantbroschen an ihre billigen Kaufhauspullover mit Glasknöpfen, die kein Zollbeamter für echt hält. Sie bringen englische Textiletiketten mit und nähen sie in deutsche Pelzmäntel, die sie auf der Heimreise tragen. Die Menschen selbst dürfen zwar ausreisen, brauchen aber, um in England einreisen zu dürfen, eine Bürgschaft. Auch die geben ihnen Ida und Louise. Mindestens 29 Menschen retten sie auf diese Weise das Leben, ganz genau lässt es sich nicht mehr nachvollziehen.
Die englische Journalistin Louise Carpenter hat die Geschichte von Ida und Louise nun entdeckt, noch ein bisschen recherchiert und nachgeforscht und ihre Reportage dann zunächst in der Zeitschrift Granta veröffentlicht. Miriam Mandelkow hat sie für den Dörlemann-Verlag ins Deutsche übersetzt. Faszinierende Geschichte, sehr beeindruckend, gerade weil es eine so „kleine“ Geschichte ist. Zwei einfache Frauen, die man sich auch im jungen Alter irgendwie schon als alte Jungfern vorstellt, verschrobene Damen, deren Hobby zur Obsession wird, und die schließlich Großes leisten – fast wie nebenbei, so liest es sich jedenfalls in Carpenters Bericht. Ein ganz erstaunliches Büchlein. Es steht im Regal zwischen Truman Capote und John LeCarré, der vielleicht eher unter L gehört, wenn ich jetzt so drüber nachdenke – dann steht rechts also Lewis Carroll.

Louise Carpenter (Miriam Mandelkow): Ida und Louise. 126 Seiten. Dörlemann-Verlag, 16,90 €.

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