Film: Tschick

Das hätte bis vor Kurzem auch noch niemand geglaubt, dass das hier zum Filmblog verkommt. Jedenfalls: Ich war schon wieder im Kino. Tschick ist endlich verfilmt, und die Erwartungen sind natürlich riesig. Wahrscheinlich gar nicht so einfach, einen so aufgeladenen Stoff zu verfilmen. Lars Hubrich als Drehbuchautor und Fatih Akin als Regisseur haben es gewagt, und das Ergebnis ist großartig.

Die Geschichte ist bekannt? Maik Klingenberg stammt aus reichem Hause, sein Vater verdient viel Geld, seine geliebte Mutter hat ein Alkoholproblem. Zu Beginn der Sommerferien geht die Mutter mal wieder auf die Beautyfarm (also in die Entzugsklinik), der Vater fährt mit seiner Sekretärin auf, ähm, Geschäftsreise. Maik ist allein zu Hause, und in seiner Klasse ein Außenseiter. Außer ihm ist nur noch der andere Außenseiter, Tschick, nicht zur Party der Klassenschönheit Tatjana eingeladen. Und dann „leiht“ sich Tschick ein Auto aus – die Jungs sind 14 –, und damit fahren sie los, in die Walachei, wo Tschicks Großvater lebt. Ich mochte im Buch die Dialoge so gern, und die sind auch hier toll. Dieses hochkomische, total ernsthafte Austauschen von jugendlichem Halbwissen, das muss man erstmal hinkriegen. Die Walachei ist ein super Thema dafür, und das funktioniert im Film genauso schön wie im Buch.
Überhaupt ist die Wahl der Protagonisten perfekt, Maik (Tristan Göbel) und Tschick (Anand Batbileg) sind wundervoll besetzt, Tschick mit dieser unmöglichen Frisur und den Hawaiihemden, Maik in der Wohlstandverwahrlosung, großartig. Und am allerliebsten mag ich, wie sie beide am Anfang des Films diese pubertäre Grundgereiztheit haben, genervt und negativ und alles scheiße, und wie sich dann, als sie losfahren, langsam ihre Gesichtszüge entspannen und sie immer gelöster werden. Und gerade in der Hinsicht wird der Film dem Buch wirklich gerecht: Man hat nicht das Gefühl, dass die beiden „rebellieren“ müssen, gegen alles sind, die böse Jugend von heute etc. Sie müssen einfach nur raus. Selbständig werden, mit dem Leben anfangen. Und das funktioniert auch gut, natürlich tun sie das ein oder andere Verbotene, aber nicht aus bösem Willen, sondern weil sie auf der Suche sind.
Was ich erstmal nicht ganz verstanden habe, ist die Isa (Nicole Mercedes Müller), und warum sie am Anfang so rumbrüllt. Entweder, sie hat Angst, dann würde sie sich verstecken, sie ist ja weit genug weg, und die Jungs haben sie noch gar nicht bemerkt. Oder sie will die beiden verjagen, dann würde sie näher rangehen und sie erschrecken, statt aus so weiter Entfernung Schimpfwörter zu brüllen. Aber vielleicht muss man angeknackste Jugendliche auch gar nicht verstehen, und dann wird ja sowieso alles gut mit Isa, und Maik entpuppt sich als überraschend talentierter Friseur. Und überhaupt, was dann zwischen Maik und Isa passiert, ist wieder ganz und gar zauberhaft, und bei aller Überzeugtheit, nie wieder 14 sein zu wollen: Als sie am Steg sitzen, möchte man das vielleicht doch noch mal.

Ich habe tatsächlich vergessen, wie das Buch ausging, und mein Exemplar verliehen. Das Ende des Films jedenfalls lässt einen zwar ein bisschen in der Luft hängen, aber auch das ist genau richtig. Dringende Empfehlung!

Im Bett mit …

Vor ein paar Wochen hat Katrin Bedot mich für ihre Reihe „in bed withinterviewt. Bei der Gelegenheit habe ich ihr Simone Buchholz ans Herz gelegt – und jetzt sollte tatsächlich Simone interviewt werden, und Katrin fand, an ihrer Stelle könnte ich doch das Interview führen. Und dann hat sie uns gleich noch zusammen ein Erste-Sätze-Quiz machen lassen, bei dem wir kläglich versagt haben.

(Vorspann auf Englisch, dann geh’s aber auf Deutsch weiter.)

Film: Toni Erdmann

Jajaja, den haben natürlich alle schon gesehen. Ich jetzt auch! Mit Maximilian. Allerdings hatte ich etwas falsche Vorstellungen, aus irgendeinem Grund habe ich mit einem lustigen Film gerechnet. Und ja, er ist auch lustig. Aber vor allem ist er herzzerreißend, und das meine ich vollkommen unironisch. Es zerreißt einem das Herz.
Winfried Conradi ist ein schrecklich einsamer Mensch. Er ist Musiklehrer, sein letzter Klavierschüler kündigt, seine Mutter ist steinalt, sein Hund ebenfalls, die Tochter macht Karriere in einer Unternehmensberatung, für die sie zur Zeit in Rumänien arbeitet. Sie trägt dunkelblaue Hosenanzüge, telefoniert pausenlos und träumt davon, bei McKinsey zu arbeiten. Winfried Conradi versucht verzweifelt, sich mit Scherzartikeln und albernen Verkleidungen aus der Einsamkeit herauszuwitzeln; das klappt natürlich nicht so recht und führt beim Zuschauer dauernd zu leichtem Fremdschämen.
In einem besonders einsamen Moment fliegt er kurzentschlossen nach Bukarest und besucht seine Tochter. Unangekündigt. Das läuft natürlich auch nicht besonders gut, also reist er ab, und an seiner Stelle taucht „Toni Erdmann“ auf, denn Winfried will seine Tochter, die ihm irgendwie entglitten ist, zurückerobern. Als Vater hat er das nicht geschafft, also versucht er es in dieser Rolle und schreckt dabei vor keiner Peinlichkeit zurück. Wie Peter Simonischek es schafft, die ganze Zeit haarscharf an der Kante zum echten Verrücktwerden entlangzubalancieren, das ist umwerfend. Und noch umwerfender ist Sandra Hüller als seine Tochter Ines. Auch sie balanciert den ganzen Film über an verschiedenen Kanten entlang: Etwa an der Kante zwischen Scham über ihren Vater und ihrer Liebe zu ihm. Zwischen eiskalter Karrierefrau und Verletztlichkeit. Zwischen professionell und privat, zwischen Selbstsicherheit und Zweifel, zwischen den Rollen, die sie spielt, und denen, die sie gern spielen würde, zwischen Angespanntheit und Souveränität. Und wer nicht heult, wenn sie singt (weil ihr Vater sie dazu zwingt), der hat kein Herz.

Also: Unbedingt angucken! Sensationeller Film. Es wird übrigens alles ganz unaufgeregt erzählt. Keine spektakulären Kamerafahrten oder Schnitte, nicht dauernd Musik, kein Schischi. Nur diese Menschen, die man im echten Leben vermutlich nur schwer ertragen könnte, aber einfach lieben muss. Was für ein Film!

Buch und Regie: Maren Ade.

Glück auf.

Johannes Korten ist tot.

Hannes war in meinem Internet, seit ich im Internet bin. Er bloggte anfangs über Jazz, das interessierte mich nicht besonders, aber am Rande meiner Wahrnehmung war er immer da. Dann kamen Twitter und Facebook, und er war präsent, es ging längst nicht mehr nur um Jazz. Hannes war Markencoach und Social-Media-Mensch der GLS-Bank und war mit Leidenschaft bei der Sache; nicht zuletzt ihm ist es zu verdanken, dass mein Geld jetzt dort ist. Er hat die Anliegen der Bank mit jeder Faser seines Lebens geatmet, ihm lag daran, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen, und das hat er gemacht, nicht nur durch seine Arbeit bei der GLS, sondern auch durch Aktionen wie Ein Buch für Kai oder eine Spendenaktion für die Familie eines verstorbenen Freundes. Hannes war es, mit dem ich korrespondierte, als ich eine Zeitlang GLS-Werbung im Blog hatte, und Hannes war es, der uns für wasmachendieda Starthilfe gab, indem er auch dort GLS-Werbung schaltete. In einem Blog, das es noch gar nicht gab; nur, weil er uns kannte und vertraute. Die Zusammenarbeit mit ihm war schnell, unkompliziert, kompetent: Wollen wir? – Klar, machen wir, zackzack. Am Tag, als wasmachendieda online ging, war Hannes zufällig in Hamburg, zur TEDx-Konferenz. Wir haben zusammen Vorträge gehört und gleichzeitig die Statistik des neuen Projekts im Auge gehabt, und am Ende die Nachmittagsvorträge geschwänzt und lieber angestoßen. Hannes hat uns zur Bloggerlesung in der Bank nach Bochum eingeladen. Am nächsten Tag haben wir ihn für wasmachendieda interviewt.
Hannes war immer da, Hannes gehörte zum Internet. Er war einer von den Guten, von denen, die nachdachten und anpackten. Wenn wir uns gesehen haben, kam er mir vor wie jemand, der in sich ruhte. Im Internet konnte man in letzter Zeit ahnen, dass es ihm nicht sehr gut ging.

Hannes hinterlässt zwei Kinder, den Junior und das Mademoisellchen, die er sehr geliebt hat, das hat man immer deutlich gespürt. Ich wünsche den beiden und ihrer Mutter und wer auch immer noch an Familie da sein mag, für die kommende Zeit … ach, ich weiß es doch auch nicht. Es ist furchtbar, und ich habe keine Worte. Freunde wünsche ich ihnen, die sie da durchtragen. Und robuste Seelen, die nicht daran zerbrechen.

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Hannes schreibt:

Wenn ich einen letzten Wunsch hätte, dann wäre es der hier: Schaut in jeder Situation gemeinsam nach vorn. Seid achtsam mit euch selbst und dann aufeinander. Macht die Welt im Großen wie im Kleinen wieder zu einem guten Ort. Lebt den Gedanken, dass das gemeinsam im Miteinander möglich ist, weiter. Das wäre mir ein letzter Trost. Vielleicht bekommt mein Dasein dann doch noch einen Sinn.

Hannes, Dein Dasein hatte einen Sinn, immer, für alle, die dich kannten. Die Vorstellung, dass es für Dich keinen mehr hatte, bricht mir das Herz. Die Welt ist ein bisschen ärmer geworden. Ich wünsche Dir so sehr, dass Du Frieden gefunden hast. Glück auf.

Das Feuilleton (etwas selbstreferenziell)

- Die wundervolle Gisela Steinhauer war bei mir, und wir haben eine Stunde geredet und sehr viel Spaß gehabt. Hier auf WDR5 im Tischgespräch.

- Die taz über mich. In einem ganzseitigen Artikel, ein wirklich wundervolles Portrait mit der besten Bildunterschrift ever. Danke, Hanna Klimpe!

- Die Welt bringt ein ebenso riesiges und ebenso wunderbares Portrait über Bov Bjerg. Von Klaus Ungerer.

- Die ZEIT über Hildegard Schwarz, 84jährige Sylter Buchhändlerin.

- Hatice Akyün in der ZEIT über den Duisburger Bücherbus.

- Ha! Lesen macht jetzt nicht mehr nur schön und klug, sondern auch noch nett.

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