Wir hätten mehr Sex gewollt

Als das mit dem Sex losging, wurde es nämlich wirklich lustig und sehr gut, da fielen die guten Sätze, da wurde laut gelacht, da war alles ganz prima. Nur leider fing das erst nach einer Stunde an, als man gerade darüber nachdenken wollte, ein kleines Nickerchen zu machen. Was jetzt ein bisschen böse war, aber ich war mit Maximilian im Theater, und mit ihm macht das Lästern immer so viel Spaß. In der ersten Stunde von „Ganzkörpereinsatz“ in den Hamburger Kammerspielen werden jedenfalls erstmal Figuren etabliert und Beziehungen geklärt, was man auch gut in zehn Minuten hätte abhandeln können, fanden wir. Die Beziehungskonstellation in diesem Stück und das Grundproblem sind nämlich wirklich großartig: Karen und Steve sind Hollywoodstars, nicht mehr ganz jung, nicht mehr ganz so gefragt wie früher. Beide könnten dringend einen Karrierekick gebrauchen. Der Regisseur, mit dem sie im Moment drehen, möchte nun, dass sie in der anstehenden Sexszene tatsächlich echten Sex vor der Kamera haben. Aus diesem Anlass treffen sie sich zu viert, mit ihren respektiven Partnerinnen, mit Karens Freundin Bev (Typ „Kampflesbe“) und Steves Frau Missy (Typ „junges, dummes Blondchen“), um zu besprechen, wie sie damit umgehen sollen. Was den beiden Schauspielern beim Dreh erlaubt sein soll und was nicht, und wie es den jeweiligen Partnerinnen damit geht. Dummerweise rücken Karen und Steve mit diesem Thema erst nach einer Stunde raus, als man von Karens Herumgestöckel auf den viel zu hohen Schuhen bereits einigermaßen genervt ist und zum hundertsten Mal gedacht hat „dann zieh sie halt verdammt noch mal endlich aus“. Was sie dann auch tut, man atmet erleichtert auf. Ja, ich verstehe das Bild mit den hohen Schuhen und dem Nicht-mehr-drauf-laufen-können, aber das war mir zu slapstickhaft. Ähnlich ging es mir mit dem Gerangel zwischen Bev und Steve – na klar ist das unterhaltsam, aber man hat es dann auch bald verstanden. Wobei das natürlich alles gar nicht schlecht ist, es klingt hier viel negativer als es soll. Aber es ging mir mit der ganzen ersten Hälfte des Stücks ähnlich wie mit Bühnenbild und Kostümen: Alles völlig okay, aber ein bisschen uninspiriert. So viele verschenkte Chancen bei so vielen großartigen Themen! Sex, lesbischer Kinderwunsch, Altwerden, Starsein, Karriereverlauf, künstlerische Verwirklichung und die verschwimmenden Grenzen zwischen all dem.
Und dann, als nach einer Stunde endlich der Anlass dieses Treffens ausgesprochen ist, als es also endlich ausdrücklich um Sex geht, wird alles anders, es wird hochkomisch, rasant, es fallen tolle Sätze, die ich mir alle nicht gemerkt habe, und man denkt: Ja! Mehr davon! Das hätte man alles noch viel mehr ausbreiten können! Ich habe keine Ahnung, ob das Stück halt so ist, oder ob das nur eine sonderbare Strichfassung war. Die Schauspieler können übrigens nichts dafür, die sind schon richtig. Und dann gibt es auch noch einen großartigen Showdown. (Spoiler gelöscht. Schade eigentlich. Aber ich hasse es selbst, wenn ich vorher zu viel weiß.)

Ceterum censeo, dass ich öfter ins Theater gehen möchte. Ich brauche am Anfang immer eine Weile, bis ich mich an diese eigenartige Theatersprechweise gewöhnt habe, immer wieder kommt es mir in der ersten Viertelstunde affig vor, das muss man doch durch Übung ablegen können. Danach geht es dann ja auch, dann habe ich mich wieder reingehört. Und dann ist so ein Theater ja wirklich eine dolle Sache. Da stehen echt Leute vorne und spielen einem eine Geschichte vor, das ist doch der Hammer, sowas muss man doch viel öfter sehen wollen.

Ganzkörpereinsatz. Eine Komödie von Neil LaBute. Deutsch von Frank Heibert. Hamburger Kammerspiele. Regie: Kai Wessel. Mit Patrick Heyn, Julia Koschitz, Joanna Kitzl, Stella Roberts

PS: Danke an Maximilian für die Überschrift.

Susann Pásztor: Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster

Aufstehen und das Fenster öffnen: Das tut man, wenn derjenige gestorben ist, an dessen Bett man sitzt. Man öffnet das Fenster, damit seine Seele hinauskann. Fred ist eigentlich gar nicht der Typ für sowas, er ist ein eher trockener, um nicht zu sagen: langweiliger Beamter, außerdem alleinerziehender Vater des 13jährigen Phil. Und jetzt hat Fred eine Ausbildung zum Sterbebegleiter gemacht und begleitet als erste Karla, die Bauchspeicheldrüsenkrebs hat. Sie kommt eigentlich gut selbst zurecht und möchte sich bestimmt nicht betüddeln lassen, dafür ist sie viel zu stark und eigensinnig. Was man von Fred nicht behaupten kann. Aber natürlich braucht Karla trotzdem zunehmend Hilfe. Fred versemmelt es zunächst gründlich, wegen der Sache mit „gut gemeint“ und „gut gemacht“; Phil und Karlas Hausmeisternachbar sorgen schließlich dafür, dass er noch eine zweite Chance bekommt.
Das ist die Geschichte, und sie endet natürlich, wie eine Sterbebegleitung enden muss. Was allerdings nicht heißt, dass das ein trauriges Buch wäre, denn hey: Das ist Susann Pásztor, und deswegen kann man ruhig ein Buch über das Sterben lesen, auch wenn man in der glücklichen Situation ist, dass man sich selbst noch gar nicht mit dem Thema beschäftigen musste. Sie geht auf die bestmögliche Weise pragmatisch mit diesem großen Thema um und schreibt auf der Grundlage eines wunderbaren Humors; die Sorte, die eine Lebenseinstellung ist, nicht die, die Witze macht. Das zeigt sich zum Beispiel in einem feinen Gespür für skurrile Situationen, in denen sie ihre Figuren aber niemals bloßstellt oder sich über sie lustig macht. Es gibt da zum Beispiel eine Supervisionsgruppe für Sterbebegleiter, in der Fred und seine Kollegen sich über ihre Erlebnisse austauschen und einander Rat und Stütze sind. Es darf aber immer nur derjenige sprechen, der den Redestein hat. Natürlich ist das grotesk, und es wäre an der Stelle sehr einfach gewesen, es auf die Spitze zu treiben und die Figuren zu verspotten. Ebenso wie es anderswo einfach gewesen wäre, auf die Tränendrüse zu drücken, aber das tut sie alles nicht. Man liest dieses Buch und weiß, dass die Autorin ein großes, warmes Herz hat. Für alle. Und eine zupackende Seele. Und dann möchte man ein Glas Wein mit ihr trinken oder fünf.

Susann Pásztor: Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster. KiWi, 20,00 €

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Hier ein Interview, das ich zum Erscheinen ihres letzten Buches mit Susann Pasztor geführt habe.

Und so fand ich die beiden Vorgängerbücher:
Ein fabelhafter Lügner
Die einen sagen Liebe, die anderen sagen nichts

Service für Google-Suchende

Folgende Suchanfragen landeten in letzter Zeit bei mir, und weil dies ein kundenorientiertes Serviceblog ist, antworte ich natürlich gern.

eier gucken aus der hose
Ist ja auch bald Ostern.

mein mann muß rock tragen
Wer zwingt ihn denn dazu? Ich finde ja, jeder soll tragen dürfen, was er möchte. In meinem Fall sind das zum Beispiel auch meist Röcke. Da gucken dann auch keine Eier raus.

braille selber machen
Ich kann Brei selber machen. Entschuldigung, der hat sich so aufgedrängt. Für Braille gibt es spezielle Drucker.

ketten die dir anzeigen wie du drauf bist
Wenn ich Ketten brauche, um zu wissen, wie ich drauf bin, habe ich ein ernsthaftes Problem.

isabel bogdan vermögen
Holla! Kaum haste ’n Bestseller geschrieben. Ja, ich habe mit dem Pfau ganz gut verdient, wenn man ansonsten ein Übersetzereinkommen gewohnt ist. Wenn ich die Summe auf zwei Jahre umrechne, kommt ungefähr ein Lehrergehalt dabei heraus. Was sehr schön ist, es geht mir wirklich gut – aber mein „Vermögen“ zu googeln, geht doch, gelinde gesagt, ein winziges bisschen an der Realität vorbei. Und wenn man es auf ein Arbeitsleben umlegt … So ein Bestseller ist eine feine Sache, geht aber auch schnell vorbei. Jedenfalls ist es nichts, worauf man sich finanziell für die nächsten Jahre ausruhen könnte, wenn man einen ansonsten prekär bezahlten Beruf hat.

wirsingquiche jack the ripper
Die Wirsingquiche ist hier. Allerdings eher Mutter Beimer als Jack the Ripper.

wozu braucht man figurale intelligenz
Zum Einparken.

mit wie vielen jahren ist man als zahnarzt tätig
Das kommt drauf an, wie alt man ist.

Anderswo: Das Feuilleton

Trump kann den Ruf eines guten Übersetzers völlig ruinieren, denn er widerspricht sich innerhalb kürzester Zeit immer wieder, sodass die Zuhörer denken müssen: ‚Was redet der Übersetzer da für einen Blödsinn?‘ […] Er ist total spontan assoziativ, völlig unberechenbar. Da muss man beim Übersetzen höllisch aufpassen.

Trumps Simultandolmetscher Norbert Heikamp im Spiegel

– Keine Angst, mehr Trump kommt nicht. Aber ein bisschen gepflegte schlechte Laune kommt noch: Max Goldt wird zu Sven Regener, vong Grummeligkeit her. In der ZEIT.

– Und hier ein Gespräch mit Dumont-Verlegerin Sabine Cramer im Börsenblatt des Buchhandels.

– Die wundervolle Judith Liere hat Paul Auster zu Hause besucht. War nicht nur nett. (Blendle)

– Nanu, schon wieder ein Gespräch, zur Abwechslung eins im Audioformat: Kristof Magnusson im Gespräch mit Ulrike Sárkány im Miniaturwunderland. Über Island, das Schreiben und das Übersetzen.

– Und noch ein Audiofile: Ein Gespräch mit Catharina Junk auf Radio Bremen über ihren wirklich großartigen Roman Auf Null, den ihr bitte alle lesen wollt.

– Heike-Melba Fendel sinniert im Tagesspiegel über Romane, Filme, Interviews, Gefühle, Fiktion und die Wahrheit. Ich möchte jetzt ihren Roman lesen.

– Engineering the perfect pop up. Wow.

Was liest du?

„Was liest du“ ist die Lesecommunity der Buchhandlungen Osiander und Mayersche. Sie suchen zusammen die „Buchlieblinge 2016″, die Community-Mitglieder konnten ihre Vorschläge einreichen, und der Pfau ist nominiert! Bis 12. Februar kann man jetzt über die letzten 10 Titel abstimmen. Wenn man möchte. (Das hört dann übrigens demnächst auch wieder auf.)

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