Anderswo – Das Feuilleton

- Heute mal ein ziemlich videolastiges Feuilleton. Aber erstmal ein offener Brief, und zwar vom Verein und Verlag „Viel & Mehr“ an andere Kinder- und Jugendbuchverlage. Es geht darum, mehr Vielfalt in Kinder- und Jugendbüchern zu zeigen.

- Ronja Larissa von Rönne in der Welt über Aufenthaltsstipendien für Schriftsteller. Diese Stipendien gehen oft über drei oder sechs Monate, in denen man 800 oder 1000 € / Monat bekommt und dafür halt in Pusemuckel festsitzt und dort das kulturelle Leben der Stadt bereichern soll. Also nur etwas für Menschen ohne Familie, aber sonst sind das teilweise schon nette Angebote. Mit Einschränkung halt. Sehr lustiger Text jedenfalls.

- Anfang Februar findet in Hamburg immer die Ham.Lit statt, das ist das Literaturevent des Jahres, mit 15 Autoren und drei Bands in drei Sälen des „Übel und Gefährlich“ (2013 habe ich hier darüber geschrieben). Es ist immer zu dunkel, man sieht die Hälfte der Leute nicht, aber es sind immer alle da, viel junges Volk, wenig Literaturhauspublikum, tatsächlich kommen Lektoren aus der halben Republik angereist, und es ist immer toll. So war es dieses Jahr:

Die Geste mit der Brille ist übrigens mit sofortiger Wirkung aus dem Repertoire gestrichen. Anders gesagt: Ich habe jetzt Gleitsichtgläser und bin somit offiziell alt.

- Brauchen Autoren Dämonen? Oder: Was passiert, wenn die Figuren ein Eigenleben entwickeln?

- Und zum Schluss wieder ein abrupter Themenwechsel: Love has no labels.

Was machen die da? Christiane Fröhlich und Metin Yaman führen Biografiegespräche

Was für ein tolles, tolles Projekt: Deutsche und Türkeistämmige erzählen einander ihr Leben. So simpel, so groß. Bitte lesen. Und miteinander reden. (Leider konnten wir nicht in die Räumlichkeiten, in denen das stattfindet, sodass wir uns Bilder von Fria Hagen bzw. von Gut Siggen ausleihen mussten und die Portraits im Café gemacht haben.)

Herrenhaus-Gut-Siggen-1200x583(Foto: Fria Hagen)

Amrum

Eigentlich wollten wir schon letztes Jahr nach Amrum. Aber alles, was wir im Internet an Ferienwohnungen fanden, sah so wenig hübsch aus, dass wir schließlich auf Eiderstedt landeten. Hier im Blog klagte ich über die allgemeine Unhübschheit der Amrumer Ferienwohnungen, und prompt bekam ich eine Mail mit Amrumempfehlungen von Elisabeth S.: Danke! Sehr! Hier sind wir nämlich nun und haben es zauberhaftestens.

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Ich bin natürlich nicht nur zum Spaß hier, sondern habe auch Arbeit dabei. Aber die geht ja bekanntlich sowieso besser, wenn man zwischendurch rausgeht. Heute allerdings hat das mit dem Arbeiten schon mal gleich nicht geklappt, denn gestern Abend haben wir noch in Hamburg in einen Geburtstag reingefeiert, und dann mussten wir nach weniger als vier Stunden Schlaf aufstehen (vor sechs! Halb sieben aus dem Haus!), weil um 9:40 schon die Fähre von Dagebüll aus ging. Also mussten wir, als wir hier ankamen, erstmal ein Schläfchen machen und dann raus. Das seht ihr sicher ein. Mit der Arbeit geht es dann morgen so richtig los. Ehrlich!

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Es gibt hier unfassbare Mengen von Sand. Dünenlandschafen, Strand, so breit, dass man, wenn man am Wassersaum ankommt, schon einen ordentlichen Marsch hinter sich hat.
Und immer wieder: wie wenig es braucht, um froh zu sein und loszulassen und auszuatmen. Wasser, Sand, Himmel. Wind im Gesicht und fifty shades of blue. Das reicht.

Anderswo – Das Feuilleton

- Die Berliner Buchhandlung ocelot, von allen geliebt und bejubelt, muss nun doch zumachen. Trotz Rettungsaktion im Winter. Das ist sehr traurig, und das findet Katy auch.

- Und Tilman Rammstedt hat es auch nicht leicht.

- Mit dem neu eingerichteten Buchhandlungspreis will Kulturstaatsministerin Monika Grütters „ein Zeichen für den Erhalt eines flächendeckenden Buchhändlernetzes setzen“. Und dafür nimmt sie eine ziemliche Menge Geld in die Hand.

- Deutschlandradio Kultur hat mit Moshe Kahn gesprochen, der mit seiner Übersetzung von „Horcynus Orca“ von Stefano D‘Arrigo für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist.

- Nina George liebt ihren Verleger. Aber braucht sie ihn noch?

- Kleiner Exkurs zu einem völlig anderen Thema: Stefanie beantwortet die typischen Fragen, die sich um das Thema ranken, dass sie früher ein Mann war. Das ist wirklich gut gemacht und sehr sympathisch: Ich bin Stefanie.

- In ein ordentliches Feuilleton würden natürlich mindestens fünf Raddatz-Links gehören. Aber die habt ihr eh alle schon gelesen, wenn sie Euch interessieren, nicht wahr?

- Stattdessen gratuliere ich lieber noch einem großen, alten Mann zum Geburtstag: Happy 88th Birthday, Harry Belafonte! Live long and prosper!

(Wer den Film „Sing your Song“ noch nicht kennt: Angucken!)

Ernest van der Kwast (Andreas Ecke): Fünf Viertelstunden bis zum Meer

Neulich bekam ich überraschend eine Einladung vom mare-Verlag. „Oh“, sagte der lustige Mann, „für den berühmten mare-Abend?“ Er war durchaus neidisch, und ich hatte keine Ahnung, was „der berühmte mare-Abend“ überhaupt ist.
„Der berühmte mare-Abend“ ist eine Veranstaltung für Buchhändler und Journalisten. Und zu Recht berühmt! Zwei Autoren waren persönlich da und lasen jeweils ein kleines Stück aus ihren Büchern, nämlich Ulrike Draesner und Ernest van der Kwast. Außerdem war Axel Milberg da und las aus zwei anderen Büchern, zwei Übersetzungen. Programmleiterin Katja Scholtz stellte im Schnelldurchlauf vier weitere Bücher vor, und das machte sie dermaßen pointiert und kompetent und begeistert, dass man die Bücher sofort alle lesen wollte. Und auch noch alles mit Eins-A-Übersetzerwürdigung. Das Programm dauerte ca. eine Stunde, dann gab es guten Wein, gutes Essen, gute Gespräche, und am Ende bekam man noch eine Tüte mit ein paar Büchern und der Vorschau und einem mare-Magazin mit nach Hause und hatte einen wirklich schönen, informativen, anregenden und leckeren Abend.

KwastMeerUnd zu Hause habe ich dann gleich das Buch von Ernest van der Kwast gelesen. Der Autor hatte persönlich daraus vorgelesen, auf Deutsch, und er hat natürlich einen niederländischen Akzent. Rrrrrr. Außerdem war die Stelle, die er vorgelesen hat, so charmant, dass ich gleich weiterlesen wollte, da streiten sich nämlich Giovanna und ihre Schwester um den einzigen Badeanzug, den sie haben. Der Badeanzug zerreißt in der Mitte, und Giovanna geht folglich im Zweiteiler an den Strand. Und das im Jahr 1945 – ein Jahr, bevor der Bikini erfunden wurde – am Stiefelabsatz von Italien. Am Strand liegt der junge Ezio, sieht sie aus dem Meer steigen und ist bezaubert. Er fasst sich ein Herz, spricht sie an, macht ihr einen spontanen Heiratsantrag, den sie nicht beantwortet, und sie verbringen einen leidenschaftlichen Sommer miteinander. Als sie auf seinen zweiten Antrag auch nicht reagiert, geht Ezio vor lauter Kummer fort. Er geht so weit weg, wie es nur geht, bis nach Südtirol, und wird Apfelpflücker. Sechzig Jahre später bekommt er einen Brief von Giovanna.
Ein schmales Büchlein, 95 Seiten, und ach Gott, was ist das alles schön und traurig und anrührend, und dann möchte man die beiden zwischendurch schütteln, damit sie zur Besinnung kommen. Annemarie Stoltenberg schreibt, das sei „haarscharf am Kitsch entlang gesegelt“ und das stimmt, aber es ist eben dran entlang und nicht mittendrin, und hinterher ist einem ganz warm und man wird ganz melancholisch. So eine schöne Liebesgeschichte. (Und Plausibilität wird eh überschätzt.) Wer einfach mal etwas fürs Herz möchte: Hier bitteschön. Es ist einfach zu schön. Und übersetzt ist es von Andreas Ecke, der auch schon Gerbrand Bakker so wundervoll übersetzt hat und von dem ich bedenkenlos alles kaufen würde, weil er nämlich einen Ton treffen kann.

Ernest van der Kwast (Andreas Ecke): Fünf Viertelstunden bis zum Meer. mare, 95 Seiten, 18,00 €