Sieben

Von wegen verflixtes siebtes Jahr. „Is a blog“ hat heute Geburtstag, es wird sieben. Und das letzte Jahr war das Gegenteil von verflixt, es war der Hammer. Ich habe, weil ich schon Ähnliches gebloggt hatte, diese Kolumne bekommen, Sachen machen, die eigentlich gar keine Kolumne ist, und fast gleichzeitig kam Rowohlt an und wollte ein Buch machen. Und so habe ich im siebten Blogjahr vielleicht ein bisschen weniger hier gebloggt – hauptsächlich Buch“besprechungen“ (wobei ich da dieses Jahr auch nicht konsequent war, einige habe ich weggelassen) und Links und sowas, eher weniger lange Texte – aber dafür alle zwei Wochen etwas Tolles gemacht, viel wirklich großartiges Feedback bekommen, und am Ende des Jahres ein fertiges Buch abgegeben. Das ist pretty much der Wahnsinn, und ohne Blog wäre das alles nie im Leben nicht so gekommen.
Angefangen habe ich vor sieben Jahren bei blogg.de, da bin ich dann schon nach einem Monat weggegangen zu Antville, wo ich viele Jahre war. Bis dann hier die eigene Domain kam. In einem meiner allerersten Einträge, noch bei blogg.de, ging es um eine Party, und er endete so:

    Dann war noch einer da, der sich auch ziemlich betrunken hat, wenn auch aus anderen Gründen als ich, vermute ich, und der mich mindestens siebzehn Mal frug, ob ich auch Lehrerin sei. Und ob ich schreibe. Nein, tu ich nicht. Ob ich auch Songtexte schreibe. Nein, ich schreibe überhaupt nicht. Aber schreiben können wär doch toll. Ja, finde ich auch. Und ob ich nicht, wenn ich mal eine Kolumne habe, was darüber schreiben könnte, dass die Leute sich alle nicht trauen zu singen. Er sucht jemanden, der singen kann, aber traut sich ja keiner.
    WENN ICH MAL EINE KOLUMNE HABE?

Der Gedanke kam mir wirklich vollkommen absurd vor. Warum um alles in der Welt sollte ich jemals eine Kolumne haben? Wie kam der Typ darauf! Ich schrieb ja nicht mal! (Dass ich seit genau einer Woche ein Blog hatte, habe ich ihm nicht erzählt.)
Jedenfalls: Happy Birthday, Blog. Ich hab Dich ganz schön lieb. Und danke Euch allen, die Ihr treu herkommt, obwohl ich das klassische Bloggen in letzter Zeit ein bisschen vernachlässigt habe. Jedenfalls ist das so mein Gefühl. Vieles ist zu Twitter und Facebook abgewandert, irgendwelche kleinen Einfälle werden da ein bisschen blöd verschossen, statt hier für alle Ewigkeiten aufbewahrt zu bleiben … nun ja. Bevor ich pathetisch werde: Prost!

Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe

Inge Lohmark ist Biologielehrerin irgendwo in Brandenburg, wo die Leute wegziehen und die Schüler weniger werden. Ansonsten ist sie vor allem eins, nämlich verbittert. Durch und durch und zutiefst verbittert. Eine schreckliche Person, die ihre Schüler nicht leiden kann, ebensowenig wie sich selbst, und die total besessen ist von der Biologie und permanent und ausschließlich über Biologie nachdenkt und ihr Wissen rekapituliert.
Die deutsche Sprache, heißt es, lebt von ihren schönen Verben. „Das Verb ist die Seele des Satzes“, das habe ich gerade am Wochenende wieder gehört. Aber hier: Kaum Verben. Lauter Stummelsätze. Drei Wörter, auch mal fünf. Dann wieder ein Punkt. Kann man machen. Ist aber anstrengend. Und dann wieder Biologie. Keine Geschichte. Nur ein dezenter Ansatz zu einer Geschichte. Und der versandet.
Irgendwie beeindruckend, wie diese Verbitterung und diese Fixiertheit auf biologische Vorgänge rübergebracht werden; toll, einerseits, andererseits aber doch ziemlich anstrengend zu lesen. Und ich glaube, eine Geschichte hätte geholfen. Es muss ja nicht immer eine rasante Story sein – aber dagegen, dass wenigstens irgendwas passiert, wäre ja auch nichts einzuwenden. Eine einzige wirklich starke Szene gibt es, und die ist gerade mal eine Seite lang. Seite 218/219 von 222. Bisschen spät.
Ich warte gespannt darauf, was Anke dazu schreibt, sie fand es nämlich super, wie überhaupt fast alle anderen, von denen ich gehört habe. Hm. Vielleicht liegt’s an mir.

Judith Schalansky wohnt im Regal zwischen Marjane Satrapi und Bernhard Schlink.

Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe. 222 Seiten. Suhrkamp, 21,90 €.
Hörbuch: 19,99 €, Download 13,99 €
E-Book: 18,99 €

Sachen machen

Ist ja nicht immer spektakulär, manchmal mache ich auch total normale Sachen: ich war Fußball gucken. Am Millerntorstadion natürlich, wo denn sonst. Und habe St. Pauli gegen Eintracht Frankfurt spielen sehen; Eintracht Frankfurt habe ich schon mal gesehen, vor 20 Jahren in Tokyo. Hihi. Bitte das Logo anklicken:

Arbeit

Was einem auch passieren kann: da ist man mit einer Übersetzung quasi fertig und schickt ein paar Tage vor der Abgabe noch drei letzte Fragen an den Autor. Der Autor antwortet, dass diese Fragen doch eigentlich geklärt seien, es gebe ja inzwischen eine neue Version seines Buchs, ob ich die nicht bekommen hätte? Er hänge mir die neuste Fassung noch mal an, die Änderungen in Rot markiert.
Ich mache das Dokument auf und kriege die Motten: auf jeder Seite Rot. Rufe also im Verlag an und sage: hey, ich bin quasi fertig. Nur habt Ihr mir nicht gesagt, dass ich nicht die aktuelle Version als Vorlage habe. Kann man auch nicht ahnen, denn ich hatte erstens ein fertiges, in GB bereits erschienenes Buch als Vorlage – die Änderungen wurden jetzt für die Taschenbuchausgabe in GB und die amerikanische Ausgabe vorgenommen, weil das ganze als Trilogie angelegt ist – und zweitens war der deutsche Verlag kurz vor pleite und die Mitarbeiter suchten sich einer nach dem anderen neue Jobs, da war also viel Wechsel. Da kann sowas schon mal untergehen.
Die in dem Moment für mich zuständige Lektorin sagte also: lass den Stift fallen, schick mir, was Du hast, und schick vor allem eine Rechnung, ich habe keine Ahnung, wie lange wir überhaupt noch zahlen können.
Habe ich gemacht, habe mein Geld bekommen und dann die Daumen gedrückt, dass der Verlag es irgendwie schafft. (Und meine Übersetzung mit ihm.) Das war letztes Jahr im Frühjahr.
Im Spätherbst wurde der Verlag endlich von einem anderen gekauft, und es kann weitergehen. Jetzt soll es doch bald erschienen, ich möge bitte einen Kostenvoranschlag für die Mehrarbeit machen. Ich sauge mir irgendeine Zahl aus den Fingern, keine Ahnung, wie lange ich dafür brauche, und nu sitz ich hier. Die Änderungen im Original sind zwar rot gekennzeichnet – aber natürlich nur da, wo etwas hinzugefügt oder verändert wurde. Wo etwas gestrichen wurde, steht einfach nur nichts, und das bedeutet: ich muss tatsächlich nochmal Satz für Satz meine fast ein Jahr alte Übersetzung mit dem neuen Original vergleichen. Und ich sag Euch: das macht echt keinen Spaß. Aber zum Glück ist es ein tolles Buch, das immer noch Spaß macht. Machen würde. Wenn es nicht so lästig wäre. Seufz.