Liebes Café May,

es ist ja total schön, bei Euch gleich neben dem Hammer Park draußen zu sitzen, eine riesengroße Apfelschorle zu trinken und die Jogger vorbeilaufen zu sehen. Denn wer auch immer in Hamm oder Borgfelde läuft, tut das im Hammer Park, jedenfalls ist da immer ganz schön was los, und ein ziemlicher Teil dieser Läufer läuft direkt bei Euch vorbei, quasi mittenmang durch den Biergarten.
Einer dieser Jogger bin ich. Wenn ich bei Euch vorbeikomme, sehen die Apfelschorlen immer ganz schön verlockend aus. Es muss ja nicht mal eine Apfelschorle sein, ein Glas Leitungswasser täte es auch. Man schwitzt nämlich beim Joggen beträchtlich, da wäre so eine Wasserstation auf halbem Weg paradiesisch! Und warum eigentlich nicht? Das wäre doch vielleicht eine schöne Werbe-Idee: kostenlose Ausgabe von Leitungswasser an Jogger. Trinkwasserspender und Pappbecher vorne an die Straße stellen, da braucht man nicht mal groß Personal dazuzustellen, und wer vorbeijoggt, darf sich bedienen. Alle anderen natürlich nicht, wo kämen wir denn da hin. Die Kosten wären überschaubar, so ein Trinkwasserspender dürfte sich ja finanzieren lassen, handgemaltes Schild dran „Kostenlos für Jogger“, und Eure Beliebtheit im Viertel würde ins Unermessliche steigen.
Hm?
Diese Idee stellt Euch kostenlos zur Verfügung:
Eure Isa

Michela Murgia (Julika Brandestini): Accabadora

Die sechsjährige Maria ist das vierte Kind einer bitterarmen Witwe. Eines Tages taucht Bonaria Urrai auf, eine ältere, reichere Frau aus dem Dorf, und nimmt Maria als fill’e anima bei sich auf, als „Tochter des Herzens“. Eine Art Adoption. Dieses Vorgehen ist in dem sardischen Dorf in den sechziger Jahren nicht mehr ganz so üblich, die restlichen Dorfbewohner tuscheln eine Weile, aber dann gewöhnt man sich daran. Maria und Bonaria leben fortan wie Mutter und Tochter zusammen. Maria hat ein eigenes Bett, sogar ein eigenes Zimmer. Und sie kann die Schule besuchen, viel länger als die meisten anderen Kinder, sie ist eine gute Schülerin und geht gern hin. Zwischendurch besucht sie ihre ursprüngliche Familie, hilft bei Festen, hilft auch gern bei der Familie ihres Freundes Andría bei der Weinlese mit. Nachts wird Bonaria Urrai manchmal aus dem Haus geholt und verschwindet für ein paar Stunden; Maria lernt schnell, nicht danach zu fragen, was in diesen Nächten geschieht.
So langsam bekommt der Leser aber eine Ahnung, was da geschieht. Und irgendwann passiert ein größeres Unglück, in dessen Folge auch Maria Dinge erfährt, die sie lieber nicht gewusst hätte.
Erzählt wird das alles aus einer gewissen Distanz, sehr unprätentiös, zwischendurch ist es trotzdem richtig spannend. Und sowieso faszinierend, wie tief die Dorfbewohner noch in den sechziger Jahren in ihrem Glauben und ihrem Aberglauben verwurzelt sind, teilweise kommt einem diese Kultur geradezu archaisch vor. Und dann auch wieder ganz modern. Sehr beeindruckendes Buch, dessen eigentliches Thema ich hier nicht verrate. Denn es kommt erst relativ spät wirklich zutage, und ihr sollt es bitte alle lesen: wundervolles Buch.

Michela Murgia bekommt einen Regalplatz zwischen Murasaki und Musil.

Michela Murgia (Julika Brandestini): Accabadora. 170 Seiten. Gebunden: Wagenbach, 17,90 €
Taschenbuch: dtv, 8,90 €

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Alle bekloppt

Cola gegen Diabetes. Wenn man bei KFC einen „Mega-Jug“ Zuckerwasser kauft – ich weiß nicht genau, wie groß der ist. Hier steht „half a gallon“, und in meinem Wörterbuch steht, ein gallon sei in den USA 3,79 liter. Half a gallon sind also knapp zwei Liter, kann das sein? In den USA kann das sein, dass man zum billigen Burger 2 Liter Cola trinkt, hm? – wenn man also bei KFC für 2,99 $ knapp zwei Liter Zuckerwasser kauft, spenden sie davon einen Dollar an die Diabetes-Forschung. „Help us find a cure!“
Diabetes 1 natürlich. Das ist was total anderes als die Diabetes 2, die man von dem Zeug bekommt. Deswegen ist das auch voll überhaupt gar nicht zynisch.

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Foodwatch verleiht wieder den „Goldenen Windbeutel“ für die schamloseste Werbelüge. Nominiert ist dieses Jahr unter anderem „nimm2“, im Video zur Windbeutelaktion sagt Foodwatch „das freut die Kinder“, dass da Vitamine drin sind. Storck behauptet jetzt, ihre Werbung richte sich gar nicht an Kinder. Is klar.

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Hamburg wird jetzt Fairtrade-Stadt. Das ist an sich natürlich begrüßenswert, auch wenn man das ein oder andere da sicher hinterfragen könnte. Um Fairtrade-Stadt zu sein, muss eine Stadt beispielsweise eine bestimmte Menge an Geschäften haben, die fair gehandelte Produkte anbieten. Ist in Hamburg kein Problem, denn Budni, Rossmann und Rewe haben sowas im Programm, da braucht man sich also nicht weiter drum zu kümmern. Zumindest nicht, um überhaupt erstmal dieses Siegel zu bekommen. Ob das Siegel nun tatsächlich etwas für den fairen Handel bringt oder eher gut fürs Image der Stadt ist, sei einmal dahingestellt, denn das Anliegen ist natürlich grundsätzlich ein Gutes. Fairen Handel setzt man nicht ruckzuck um, da fängt man eben an mit „gibt’s schon bei Budni“ und kann dann von da aus weitermachen.
Total bescheuert allerdings ist der Claim „Hamburg mal fair“. (Das ist ein Aktionsbündnis, das es schon länger gibt und das jetzt irgendwie in dieser Fairtrade-City-Sache aufgegangen ist oder so.) Hallo? Zur Abwechslung sind wir heute vielleicht mal fair, kaufen zwei Pfund fairen Kaffee fürs Gewissen, aber ab morgen machen wir wieder wie immer, ja? Ächz.
Was ich jetzt auf der Webseite nicht finden kann, aber gestern im Radio gehört habe: dass nämlich auch ein paar Restaurants auf den Zug aufspringen und jetzt fair gehandelte Gerichte mit Lebensmitteln aus Afrika anbieten, und zwar, Achtung, anschnallen: zwei Gerichte zum Preis von einem. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: fair gehandelt zum halben Preis.
Man kann gar nicht so oft mit dem Kopf gegen die Wand bollern, wie das doof ist.

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Und dann noch was, was nichts mit Essen zu tun hat: Burschenschafter streiten über „Ariernachweis“. Alle bekloppt.

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