Frank Lachmann: Kann Spuren von Nüssen enthalten.

Verpackungsnonsens aus den Niederungen der deutschen Sprache. Von Zahnarztgattinnen empfohlen.

Hurra, schon wieder ein Bloggerbuch! Und zwar das Buch zum Blog Mindestens halbgar, in dem Frank Lachmann Bilder von Unfug auf Verpackungen sammelt. (Jedenfalls hauptsächlich Verpackungen, Ausnahmen bestätigen die Regel.) Sinnlose Grafiken, die veranschaulichen sollen, dass ein Shampoo die Haarstruktur kräftigt, Joghurt auf Frucht „ohne Frucht“, so Zeug halt. Manches davon ist ganz schön lustig, sowohl der Mann als auch ich haben mehrfach laut gelacht. Einer meiner Favoriten sind die „Gemüsenuggets mit Geflügelfleisch nach Art einer Frikadelle“. Und passt auf, jetzt kommt der Knaller: von mir ist auch ein Bild drin! Also keins, wo ich drauf bin, sondern eins, das ich gemacht habe. Ebenfalls super das Testimonial von Sarah Kuttner, die über dieses Buch sagt (ich zitiere den Volltext): „Tihihi. Lustig!“

Und: es sieht nicht nur super aus, sondern hat auch noch eine Prägung. Man kann die Nüsse quasi fühlen. Verrückt! [Wortspiel mit „nuts“ bitte selbst ausdenken.]

Frank Lachmann: Kann Spuren von Nüssen enthalten. 122 Seiten. Piper Taschenbuch, 8,99 €

Wirsingquiche

1 Wirsing (ist ein bisschen zu viel. Sagen wir: 2/3 – 3/4 Wirsing)
2-3 Frühlingszwiebeln
Butter
Öl
3 Eier
200 ml Milch
100 g Käse, gerieben
Salz
Pfeffer
Muskat
Blätterteig

Backofen auf 170 °C vorheizen.
Butter und Öl im Topf erhitzen. Frühlingszwiebeln schneiden und rein, andere Zwiebel geht bestimmt auch. Wirsing in Streifen schneiden und dazugeben. Ordentlich anbraten, kann ruhig ein bisschen braun werden. Schluck Wasser dazu, Deckel drauf, garen. Mit Pfeffer, Salz und Muskat würzen.
Springform mit fertigem Blätterteig auskleiden. Mit der Gabel mehrfach einstechen. Es könnte eine gute Idee sein, den Blätterteig schon mal ohne alles kurz vorzubacken. Bei mir war der Boden jetzt nämlich eher Matsch als Blätter-.
Eier, Milch, geriebenen Käse, Salz, Pfeffer und Muskat verklappern. Den etwas abgekühlten Wirsing dazugeben und alles auf den Blätterteig schütten.
Etwa 35 Minuten backen.

Yeah, Baby, yeah.

NACHTRAG: Geht auch mit Mangold. Ich platz gleich.

Tante Isas kleine Deutschstunde: beide / die beiden

Es fällt mir in letzter Zeit dauernd auf, und zwar vor allem in journalistischen Texten: geht der Unterschied zwischen „beide“ und „die beiden“ verloren? Oder ist der einfach unklar? Es ist nämlich so:
„Die beiden“ heißt, dass zwei Dinge in einer Beziehung stehen bzw. zusammengehören. „Beide“ heißt: sowohl der eine als auch der andere. Konkret: Zwei Männer sind aus dem Gefängnis ausgebrochen. Wenn es heißt: „Die beiden sind auf der Flucht“, kann man davon ausgehen, dass sie gemeinsam auf der Flucht sind. „Beide sind auf der Flucht“ heißt hingegen, dass sowohl der eine auf der Flucht ist als auch der andere. Einer ist nämlich schon in Südamerika, der andere hat es nur bis Oer-Erkenschwick geschafft. Womöglich kannten sie sich gar nicht und sind aus unterschiedlichen Gefängnissen geflohen.
In letzter Zeit gelesen: „Beide Höfe sind mit 110 bis 120 Milchkühen ungefähr gleich groß.“ Das zieht mir die Schuhe aus, denn gemeint ist natürlich: „Die beiden Höfe sind gleich groß, denn sie haben etwa gleich viele Kühe.“ So, wie es da steht, heißt es: der eine Hof ist gleich groß, und der andere ist auch gleich groß. Was wenig Sinn ergibt.
Das zweite Beispiel: „Beide Mannschaften haben schon zweimal gegeneinander gespielt.“ Ach ja? Die eine Mannschaft hat schon zweimal gegeneinander gespielt, und die andere hat auch schon zweimal gegeneinander gespielt? Eher nicht. Vielmehr haben „die beiden“ zweimal gegeneinander gespielt. Die eine gegen die andere.

Katerina Poladjan: In einer Nacht, woanders

Der Roman beginnt so:
Der Flug hat drei Stunden Verspätung, ich rechne nicht mehr damit, noch zu fliegen. Ich solle kommen, schnell kommen. Sonst würde das Haus verkauft, stand in dem Brief, und das könne ja nicht sein, es sei doch meine Kindheit. Was wissen die über meine Kindheit, habe ich gedacht und nicht geantwortet. Es ist ein Haus. Es ist Holz, Stein und Glas. Weiter nichts, habe ich gedacht. Es ist der Garten mit den albernen Birken und ein Teich, in dem eins meiner Kaninchen ertrunken ist. Dann, einige Tage nach dem Brief, der Anruf von Pjotr. Pjotr, der mit dem Hängeauge. Kommst du? Ich hörte, wie seine Stimme zitterte, und sagte ja.

Die Grundgeschichte ist also erstmal nichts Neues: eine junge oder mittelalte Frau fährt ins Haus ihrer Kindheit zurück, um es zu verkaufen oder zu entrümpeln oder beides, erinnert sich dabei zurück und entdeckt außerdem womöglich noch ein Familiengeheimnis. Kennt man schon, aber das heißt natürlich gar nichts.

In diesem Fall lebt Mascha, Ende 30, schon seit sie 10 Jahre alt ist in Berlin, und fährt nun nach langer Zeit zum ersten Mal wieder nach Russland, nach Bykovo im Speckgürtel von Moskau, um das Haus ihrer verstorbenen Großmutter zu verkaufen. Und erinnert sich und kommt langsam hinter ein Familiengeheimnis. Wobei ich, ehrlich gesagt, nicht mal ganz sicher bin, ob ich das Ende wirklich richtig verstanden habe – denn zum einen habe ich das Buch so gern gelesen, dass ich es gestern Nacht noch auslesen musste, obwohl ich eigentlich schon zu müde und nicht mehr richtig aufnahmefähig war, und zum anderen ist der Stil etwas verwirrend (und deswegen umso toller): die wörtliche Rede hat keine Anführungszeichen, sodass man oft genug gar nicht weiß, ob gerade jemand etwas sagt oder ob Mascha sich etwas denkt, etwas Plausibles, was wahrscheinlich stimmt, oder ob sie sich etwas ausdenkt, ihre Phantasie mit ihr durchgeht, oder ob sie sich einbildet oder sich vorstellt, dass jemand jetzt etwas sagen würde. Das verwirrt im Einzelfall manchmal ein bisschen; meist klärt es sich, und vor allem ergibt es am Ende ein vollkommen stimmiges Bild. So funktioniert die Erinnerung und funktioniert das Schlüsseziehen ja: dass man manchmal selbst nicht mehr weiß, was einem jemand erzählt hat, was man sich selbst gedacht hat und was vielleicht gar nicht stimmt. Oder anders stimmt.
Das zweite Thema neben dem Aufarbeiten der verdrängten Familiengeschichte ist die Heimatlosigkeit von Einwanderern. Mascha ist als Kind in Berlin überhaupt nicht zu Hause, als erwachsene Frau irgendwie immer noch nicht so ganz. Und dann fährt sie nach Russland und ist dort erst recht nicht zu Hause.
Tolles, tolles Buch! Lesen!

Katerina Poladjan bekommt einen Regalplatz zwischen Edgar Allen Poe und John Preston.

Katerina Poladjan: In einer Nacht, woanders. Rowohlt, 176 Seiten. 16,95 €
E-Book: 14,99 €

Daniel Glattauer: Ewig Dein

Ich mochte ja Daniel Glattauers „Gut gegen Nordwind“ und „Alle sieben Wellen“ ziemlich gern. Schöne Liebesgeschichte per E-Mail.
Neulich gesehen, dass Glattauer was Neues hat, „Ewig Dein“, schlimmer Titel, und der Klappentext las sich auch nicht so verlockend, fand ich: „Im Supermarkt lernt Judith, Mitte dreißig und Single, Hannes kennen. Kurz darauf taucht er in dem edlen kleinen Lampengeschäft auf, das Judith, unterstützt von ihrem Lehrmädchen Bianca, führt. Hannes, Architekt, ledig und in den besten Jahren, ist nicht nur der Traum aller Schwiegermütter – auch Judiths Freunde sind restlos begeistert. Am Anfang empfindet Judith die Liebe, die er ihr entgegenbringt, als Genuss. Doch schon bald fühlt sie sich durch seine intensive Zuwendung erdrückt und eingesperrt. All ihre Versuche, ihn wieder aus ihrem Leben zu kriegen, scheitern – er verfolgt sie sogar bis in ihre Träume …“
Nun ja. Hat mich nicht so richtig verlockt. (Wenn so ein Text schon mit drei Pünktchen endet!)

Dann lag in der Buchhandlung zufällig so ein kleines Heftchen mit einer Leseprobe. Habe ich eingesteckt, gelesen und dann doch ziemlich nett gefunden. Wenn der Ausdruck „guilty pleasure“ nicht so ein ausgesprochen grauenvoller wäre, könnte man ihn womöglich benutzen. Also das E-Book gekauft. Und siehe: das ist durchaus nicht nur so ein lustiger Frauenroman. Sondern gruselt einen zwischendrin. Das fand ich gut. Dann wird aber irgendwie immer dicker aufgetragen, meiner Meinung nach zu dick, und die „Auflösung“ am Ende ist dann eine echte Räuberpistole. Nicht so richtig meins. Aber hey: ich habe es in kürzester Zeit ausgelesen, es ist durchaus spannend und auch witzig und gut geschrieben, nur die eigentliche Story ist mir am Ende irgendwie zu konstruiert. Fazit: kann man gut machen, liest sich wunderbar so nebenbei weg. Muss man aber auch nicht so wahnsinnig dringend.

Daniel Glattauer: Ewig Dein. 208 Seiten. Deuticke, 17,90 €.
E-Book 13,99 €
Hörbuch, gelesen von Andrea Sawatzki, 19,99 €