Christina Viragh …

… schreibt über ihre Arbeit an der Übersetzung von Péter Nádas‘ opus magnum „Parallelgeschichten“ (1700 Seiten):

    Ich musste mir mein Interesse für den Roman bewahren, Interesse im starken Sinn, des Dabeiseins, und das ging nur, wenn ich mich nicht von ihm besetzen ließ. Musste ihm ein möglichst intensives, von ihm unabhängiges Leben entgegenstellen, oder besser, mich von dem Intensiven, das auf mich zukam, einnehmen lassen. Und es kam seltsamerweise einiges auf mich zu. Vielleicht auch nicht seltsamerweise, vielleicht ist es so, wenn man sich über eine lange Zeit auf etwas konzentriert, dass ein Intensives das andere ruft.

Toller Artikel! Und zwar hier.

Nochmal Suna

Letzte Woche war ich auf einer Beerdigung in meinem Heimatdorf. Der Vater meiner ältesten Schulfreundin ist gestorben; also niemand, der mir im Alltag fehlen wird, aber jemand, der doch irgendwie auch zu meinem Leben gehört hat. Ich kannte ihn, seit ich sechs Jahre alt war, seine Tochter war jahrelang meine beste Freundin („erstbeste Freundin“), und sie ist die einzige, die mir aus der Schulzeit geblieben ist. Manchmal telefonieren wir zwei Jahre lang nicht miteinander – aber wenn, dann nicht unter drei Stunden. Und es ist immer gleich wieder eine Nähe da.
Mein Heimatdorf ist vier Zugstunden entfernt, ich hatte also viel Zeit zum Lesen. Suna habe ich gelesen. Eine Familiengeschichte; eine Mutter erzählt ihrem Kind die Geschichte ihrer Vorfahren. Auf eine unglaublich innige und zu Herzen gehende Weise.
Dann war die Beerdigung, auf der natürlich ebenfalls Geschichten erzählt wurden. Geschichten, die mit „weißt Du noch“ anfingen. Ich weiß noch, dass der verstorbene Vater seinem Sohn die Beinamen „Erwin Cäsar Tütenfrosch“ gegeben hat, einfach so aus Quatsch. Er war ein großer Quatschmacher, der Vater. Auf der Traueranzeige steht hinter dem Vornamen des Sohnes die Abkürzung „E.C.“, und ich glaube kurz, womöglich heißt er wirklich Erwin Cäsar, und nur ich habe das für Quatsch gehalten. Erwin Cäsar ist ein Adoptivkind, vielleicht hieß er ja schon so, bevor er in die Familie meiner Freundin kam. Erwin Cäsar war außerdem lange Jahre der beste Freund meines jüngsten Bruders. Ich habe nachgefragt, er heißt nicht wirklich Erwin Cäsar, sie haben die Initialen nur als Hommage an den Humor des Vaters mit auf die Trauerkarte geschrieben. Den Tütenfrosch haben sie weggelassen, der wäre dann doch zu dicke gewesen.
Ich habe auch eine Adoptivschwester. Sie führt einen häuslichen Pflegedienst in unserem Dorf und hat den Vater meiner Freundin gepflegt. Nicht sehr lange, aber die paar Tage vor seinem Tod. Er hatte sich gewünscht, dass sie ihn pflegt. Er kannte sie seit dem Tag, an dem sie in unsere Familie kam.
Auf dem Rückweg wieder Suna gelesen. Suna ist auch ein Adoptivkind. Vier Stunden auf der Rückfahrt war ich, von der Trauerfeier schon gehörig emotionalisiert, vollkommen gefangen von diesem Buch und der Familiengeschichte. Dann kam ich nach Hause und habe Maximilians Geschichtsstunde mit seinem großen Sohn gelesen und noch mal Tränen vergossen, nicht die ersten an diesem Tag. Abends im Bett Suna ausgelesen. Und am nächsten Morgen versucht, eine Rezension zu schreiben, in der vielleicht meine Aufgewühltheit rübergekommen ist, ich dem Buch aber bestimmt nicht gerecht geworden bin.
Inzwischen ist eine Woche vergangen, ich habe längst anderes gelesen. Aber an Suna denke ich immer noch. An die Beerdigung und an die Familie meiner Freundin natürlich auch. Vielleicht ist es ganz in Ordnung, wenn sich in meiner Erinnerung das Buch mit der Beerdigung verknüpft, auch wenn die Geschichten gar nichts miteinander zu tun haben.
Maximilian hat das Buch jetzt ebenfalls besprochen. Wir sind uns nicht besonders oft einig, was Bücher betrifft. Diesmal schon. Wer noch überlegt, ob er Suna lesen soll, der lese bitte Maximilians Besprechung. Und dann Suna. Unbedingt. Wirklich.

(Noch eine Besprechung bei der Textzicke.)

Glückwunsch!

Oh mein Gott! Wie toll ist das denn! KATY! Herzlichen Glückwunsch! Champagner und Konfetti!

*rumhüpf*

Meine Freundin Katy Derbyshire hat den German Embassy Award for Translators gewonnen! Der Preis wird alljährlich von der deutschen Botschaft und dem Goethe-Institut London vergeben und ist einer der wenigen Übersetzerpreise, bei denen sichergestellt ist, dass die Juroren nicht unbemerkt und unbewusst die Qualität des Originals mitbewerten: alle Teilnehmer übersetzen nämlich denselben Textauszug. Dieses Jahr ein Stück aus Wolf Wondratscheks Das Geschenk. Original und Katys Übersetzung kann man auf der Website zum Preis runterladen.
Liebe Katy, ich freu mich wie verrückt für Dich. So! toll! Abgeknutscht wirst Du dann in Leipzig. Jippie!

Wegwerfreport

Eigentlich wäre Sonntag der Tag für den Wegwerfbericht gewesen, ich hatte mir vorgenommen, wöchentlich Rechenschaft abzulegen. Total vergessen, weil irgendwie die ganze letzte Woche eher zum Wegwerfen war. Hat also nicht jeden Tag geklappt, aber hier kommt immerhin ein bisschen was:

Montag: Strumpfhose (Laufmasche, Müll)
Dienstag: Provisorien aus drei Zähnen und Kronen von drei weiteren. Zweieinhalb Stunden, ganz großer Spaß.
Mittwoch und Donnerstag: unterwegs gewesen.
Freitag: Papier- und Zeitschriftenstapel unterm Nachttisch aussortiert (Papiermüll)
Samstag: Ähnlichen Stapel im Wohnzimmer aussortiert (Papiermüll)
Sonntag: Virtuelles Wegwerfen: Vorwort zum Sachenmachenbuch gelöscht. Weil es Mist war. Dann neu geschrieben. Neuer Schrott muss rein.