Über Geld reden

„Wir müssen über Geld reden“ hieß neulich ein Artikel von Malte Welding in der FAZ, in dem er dann leider nicht so richtig über Geld redet. Aber mit der Überschrift hat er natürlich recht; über Geld reden ist zwar irgendwie verpönt, aber ich finde es wichtig. Und deswegen rede ich jetzt über Geld, mit ganz konkreten Zahlen. Und zwar über das Geld, das Übersetzer und Autoren verdienen. Ein befreundeter Autor erzählte neulich, Leute in seiner Umgebung würden davon ausgehen, dass er finanziell ausgesorgt habe, immerhin habe er ja jetzt schon vier Bücher veröffentlicht. Da besteht offenbar beträchtlicher Aufklärungsbedarf.

1. Übersetzer werden pro Seite bezahlt. In den allermeisten Fällen dürfte der Seitenpreis irgendwo zwischen 15,- und 20,- € liegen. Bei einem literarischen Hardcover in einem renommierten Verlag können es auch mal etwas mehr als 20,- € sein, bei Science Fiction in einem Nischenverlag oder im Jugendbuch auch mal weniger als 15,- €. Dass ein literarisches Hardcover gar nicht unbedingt schwerer zu übersetzen ist als literarisch unerhebliche Chick Lit, weiß jeder, spielt aber für die Vergütung keine Rolle.
Für Taschenbücher wird grundsätzlich weniger bezahlt als für Hardcover. Die Entscheidung, ob ein Buch als TB oder HC erscheint, ist oft eine haarscharfe, etwa bei gehobener Unterhaltung. Kommt zum Beispiel drauf an, wo gerade ein Programmplatz frei ist, oder was weiß ich worauf. Jeder weiß, dass der Schwierigkeitsgrad des Übersetzens überhaupt nichts damit zu tun hat, ob etwas zwischen Papier- oder Pappdeckel gepresst wird, trotzdem gibt es für Hardcover ein bisschen mehr Geld. Alles Verhandlungssache natürlich, wir verhandeln für jedes Buch neu und jeder Übersetzer bekommt andere Honorare. Aber „naja, erscheint ja nur im Taschenbuch“ ist ein häufig gehörtes Argument, da kann man dann keinen Euro mehr pro Seite bezahlen. Auch nicht -,50. Denn so sieht’s aus: oft genug diskutieren wir in Vertragsverhandlungen tatsächlich über -,50 mehr oder weniger pro Seite. Bei einem durchschnittlichen Roman von 400 Seiten, an dem man drei Monate sitzt, macht das 200,- € aus. Damit Ihr wisst, um was für Dimensionen es hier geht.
Zusätzlich zu diesem Grundhonorar bekommen wir Übersetzer eine Umsatzbeteiligung. Manchmal. Nicht immer. Verhandlungssache. Je nach Verlag liegen die Beteiligungsgrenzen bei einer Auflagenhöhe, die sowieso nicht zu erwarten ist, etwa bei 10.000 Exemplaren im HC, im TB auch schon mal bei 100.000 verkauften Exemplaren. Vor einer Weile gab es ein BGH-Urteil, das festlegte, 0,8% Beteiligung am Nettoladenpreis eines Hardcovers, und 0,4% im Taschenbuch, jeweils zu zahlen ab einer Schwelle von 5.000 verkauften Exemplaren, sei eine „angemessene Vergütung“.
Rechnen wir das doch mal aus: wenn ein Taschenbuch im Laden 8,99 € kostet, sind das Netto 8,36 €, und davon 0,4% sind 0,033 €. Drei Cent pro verkauftem TB gehen also an den Übersetzer, das bedeutet, pro 1.000 verkaufte Bücher bekommt er noch mal 33,- €. Yeah, wow. Bei 10.000 Büchern mach das schon 330 Euro! Im Hardcover sieht es schon deutlich besser aus, die kosten erstens das doppelte, zweitens bekommen wir dann doppelt so viele Prozente – aber Hardcover werden natürlich auch nicht so oft verkauft. Wenn sie überhaupt über 5.000 gehen, läuft es schon gut.
Im Übrigen sind das nur die Zahlen, die der BGH als „angemessen“ festgelegt hat – ob sich die Verlage daran halten, ist eine andere Frage. Viele tun es nicht. Und zwar nicht deswegen, weil sie nach oben abweichen würden.
Viele Kollegen (ich auch) rechnen im Jahresdurchschnitt mit ungefähr 100 übersetzten Seiten pro Monat. Bei einem durchschnittlichen Seitenpreis von, sagen wir, 18,- €, macht das monatliche Einnahmen von 1800,- €, plus ein bisschen Umsatzbeteiligung, wenn man Glück hat und gut verkäufliche Bücher übersetzt. Von diesen Einnahmen ziehen wir aber alles mögliche ab, Arbeitszimmer, Krankenkasse, Rentenversicherung, Fortbildung, Recherchen etc., und den Rest versteuern wir.

2. Bei Autoren funktioniert das Vergütungsprinzip anders. Autoren bekommen kein Seitenhonorar, sondern eine Umsatzbeteiligung vom ersten Exemplar an. Und damit sie trotzdem von irgendetwas leben können, bekommen sie einen sogenannten „Vorschuss“ auf die zu erwartende Beteiligung. Ein Autor erhält also erstmal 5.000,- € oder 50.000 €, je nachdem wie berühmt er ist oder wie gut er (oder sein Agent) verhandelt oder welchen Absatz der Verlag erwartet. Dieser Vorschuss wird mit der Beteiligung verrechnet, das heißt, erstmal muss man den Vorschuss über die Verkäufe sozusagen wieder einspielen, und wenn dann noch mehr Bücher verkauft werden, bekommt man, was darüber hinausgeht. Wenn das Buch den Vorschuss über die Verkäufe nicht wieder reinholt, es sich also schlechter verkauft, als der Verlag erwartet hat, muss man den Vorschuss allerdings auch nicht zurückzahlen. Man nennt das: verrechenbar, aber nicht rückzahlbar.
Was ich gar nicht wusste, gerade erst gesehen habe: Der Schriftstellerverband (der zu ver.di gehört) hat sich mit einigen Verlagen auf eine Vergütungsregel geeinigt (leider nicht verlinkbar: auf der Verdi-Webseite nach „Vergütungsregel Belletristik“ suchen). Darin soll die Beteiligung bei Taschenbüchern bei 5%, bei Hardcovern bei 10% vom Nettoladenpreis liegen.
Rechenbeispiel: ein Taschenbuch kostet 8,99 €, das sind netto 8,36 €. Davon 5% sind 0,41 €, die der Autor an Beteiligung pro verkauftem Buch bekommt. Bei 1.000 verkauften Büchern erhält er also 410 €, bei 10.000 Exemplaren 4.100 €.
Im Hardcover: Ladenpreis 18,90 €, das sind netto 17,50 €. Davon 10% sind 1,75 €. Das ist ja schon ein anderer Schnack als die 40 Cent im Taschenbuch. Pro 1.000 verkaufte Bücher bekommt die Autorin also 1750,- €, bei 10.000 Exemplaren 17.500 €. Klingt schon besser, das ist mehr als viermal so viel wie im Taschenbuch. 10.000 Exemplare im Hardcover zu verkaufen, muss man aber auch erstmal schaffen; realistisch dürfte das für die wenigsten Bücher sein.
Wieviel Zeit man braucht, um einen Roman zu schreiben, ist sicher höchst unterschiedlich. Manche brauchen fünf Jahre, manche vielleicht nur ein halbes Jahr. Es mag eine Milchmädchenrechnung sein, aber wenn man mal davon ausgeht, dass man für einen anspruchsvolleren Roman länger braucht, der dann aber weniger gelesen wird … nun ja. Wenn man es schafft, in einem Jahr einen Roman zu schreiben, der für wert befunden wird, im Hardcover zu erscheinen, und der sich dann auch noch 10.000 mal verkauft: Chapeau. Dann hat man wirklich was erreicht. Und damit in einem Jahr 17.500 € – nein, nicht verdient. Eingenommen. Davon bezahlt man, siehe oben, Arbeitszimmer, Computer, womöglich Recherchereisen, Kranken- und Rentenversicherung und so weiter und versteuert den Rest. Wenn das Buch dummerweise als Taschenbuch erschienen ist, und sich ebenfalls 10.000 mal verkauft, sind es nur 4.100 € – da hat man wahrscheinlich schon ein bisschen mehr Vorschuss bekommen. Vielleicht irgendwas zwischen 5.000 und 10.000 €.

Nachbemerkung: Bestseller entstehen in den wenigsten Fällen dadurch, dass ein Buch besonders gut ist und sich das herumspricht. Meistens werden sie gemacht, von den Marketingabteilungen der Verlage. Und den Satz „Schreib / übersetz doch mal Harry Potter“, den haben wir alle schon gehört. Ungefähr siebzehnmillionen Mal. Ja, es gibt reiche Autoren. Das sind aber die Ausnahmen. Der große Rest hangelt sich mit Stipendien, Ehepartnern und/oder sogenannten Brotjobs durch. Und das hat nichts damit zu tun, dass das keine guten Autoren wären.

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Super: Falk ist Kulturredakteur und spricht auch über Geld. Womöglich schlägt das ja noch Wellen. Denn ich finde, er hat recht, wenn er sagt: Ich glaube, dass dieses “Über Geld spricht man nicht” zur Entsolidarisierung beiträgt: Wer nicht über Geld spricht, der baut einen Popanz auf, eine Wertigkeit, nach der Geld mehr ist als eine Entlohnung für geleistete Arbeit. Ist es aber nicht. Wir sollten alle mehr über Geld sprechen.

Neuerscheinung: Mädchen in Weiß

Klappentext: „Sie sind böse, rollen mit den Augen, trinken gern ein Glas zu viel, legen sich ins Bett und tun so, als ob sie schlafen. Isabella, Lauren und Mary gehen Wochenende für Wochenende auf Hochzeiten – Mädchen in Weiß, Krabbencocktails, verunglückte Reden, zu große Tortenstücke, zu kleine Canapés und pinke Servietten inklusive. Alle um sie herum scheinen plötzlich zu heiraten, nur die drei wissen nicht, ob sie sich für ein Leben mit Mann, Baby, Golden Retriever und Picknickkorb entscheiden sollen. Ein paar kleinere Fragen wollen vorher beantwortet werden: Isabella überlegt, ob sie sich wirklich dazu berufen fühlt, ihrem Boss jeden Morgen einen Muffin zu holen. Lauren kämpft dagegen an, sich auf einen Barmann einzulassen, der nicht mal ihren Namen buchstabieren kann. Und Mary lernt einen Typen kennen, der seine Mutter so sehr liebt, dass da wenig Platz für eine Beziehung ist. Jennifer Closes hinreißendes Debüt erzählt von den Ups und Downs, dem Herzschmerz und dem Hangover dreier junger, kluger, komischer Frauen und unendlich vielen Hochzeitsfesten, die sie gemeinsam überstehen. Ein komisches, tolles, gescheites Buch über Anfänge und Freundschaften, die alles überdauern.“

Tatsächlich geht es ein bisschen weniger ums Heiraten als Klappentext und Cover vermuten lassen. Ich mag das Cover aber sehr, ebenso wie das Buch: es geht um eine Gruppe von Frauen zwischen 20 und 30 Jahren, die ihren Platz im Leben suchen. Sie heiraten oder auch nicht, finden einen Beruf oder auch nicht, sind damit glücklich oder auch nicht. Heiraten ist nur eins der Themen, und vielleicht sind die Blumen ein bisschen welk, und vielleicht sieht man das Gesicht dahinter gar nicht, und vielleicht ist auch das Kleidchen ein bisschen kurz. Und so ist nämlich das ganze Buch: lakonisch, witzig, sparsam ausgestattet. Inhaltlich jetzt, da gibt es keinen überflüssigen Firlefanz, sondern es wird sehr reduziert und lapidar erzählt, manchmal geradezu schnoddrig. Man kann es ebensogut als Sammlung von Kurzgeschichten lesen wie als Roman; jedes Kapitel funktioniert einzeln wunderbar, aber alle sind so miteinander verwoben, dass sich doch ein Gesamtbild dieser Gruppe von Freundinnen ergibt.
In der haptischen Ausstattung hingegen ist es durchaus nicht sparsam, sondern ist gebunden, mit Schutzumschlag, und hat ein Lesebändchen *hach*. In leuchtendem Pink.
Ganz großer Spaß und ein wirklich schönes Buch, ich habe das sehr gerne übersetzt.

[Ich habe ja immer verkündet, wenn ich mal ein Buch schröbe, dann nur unter der Bedingung, dass es ein Lesebändchen bekommt. Das habe ich allerdings nur so lange gesagt, wie ich fest überzeugt war, dass eh klar ist, dass ich niemals ein Buch schreiben werde. Jenun.]

„Ein Buch aus der Perspektive von Carrie Bradshaws jüngeren, smarteren Schwestern.“ (Vanity Fair)

Jennifer Close (Isabel Bogdan): Mädchen in Weiß. Berlin-Verlag, 336 Seiten, 19,90 €
E-Book 18,99 €

Buchpremiere!

Jippie! Hier kommt gleich das nächste „save the date“. Es sind zwar noch acht Wochen bis dahin, aber es ist schon offiziell: Pünktlich zum Erscheinen des Buches gibt es am Montag, dem 2. Juli um 19.30 Uhr eine Buchpremierenfeier in der Buchhandlung stories! im Falkenriedquartier in Hamburg-Eppendorf / Hoheluft. Ich werde ein bisschen was lesen, aber nicht zu viel, und ein Glas Wein gibt’s auch.

Zur Buchpremiere sind alle herzlich eingeladen. Die Plätze sind allerdings begrenzt, bitte meldet Euch unbedingt frühzeitig direkt bei stories! an, entweder per Mail an info@stories-hamburg.de oder telefonisch unter 040 - 4327 5943. Ich freue mich über alle, die kommen, und außerdem brauche ich Euch zum Händchenhalten.
 

 
„Mal ehrlich: wie oft denkt man, ‚eigentlich könnte ich’, ‚macht bestimmt Spaß’ oder ‚würde ich auch gerne mal’? Und dabei bleibt es dann. Schlimmstenfalls deswegen, weil man noch so ein albernes kleines ‚Aber’ hinterhergedacht hat: ‚Aber dafür bin ich zu alt / zu jung / zu cool / zu uncool’. Oder einfach: ‚Aber nicht jetzt’. Und dann macht man es nie.“
Isabel Bogdan macht es. Sie macht all die Sachen, die so aussehen, als würden sie Spaß machen. Oder die sie interessieren. Sie blamiert sich im Rhönrad, wohnt der Schlachtung eines Schweins bei, staunt auf einer Esoterikmesse, spielt Ping-Pong mit Punks, besichtigt einen Darm, schlüpft in eine Fett-weg-Hose und schüttelt ihr Haar beim Heavy Metal-Festival in Wacken. Klingt nach einem großen Spaß? Ist es auch. Insgesamt 43 mal. Und wenn Sie das alles gelesen haben, wollen Sie plötzlich selbst Sachen machen. Wetten?

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Presse, Blogger etc.: Falls jemand berichten möchte, kann ich Cover- und Autorenfoto natürlich auch noch in größerer Auflösung schicken. Wegen Rezensionsexemplaren bitte direkt beim Verlag nachfragen (Dana Kristin Funck).
Ich lasse mich auch gern für weitere Lesungen in anderen Städten buchen und bin überhaupt für Quatsch zu haben.

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Das neue offizielle Autorenfoto hat Klaus Friese gemacht.

Montag, 2. Juli 2012, 19.30 Uhr
Buchhandlung stories!
Straßenbahnring 17
20251 Hamburg
Telefon: 040 – 4327 5943

E-Mail: info@stories-hamburg.de

Namen und Anreden

Weiter unten in den Kommentaren fragt Christiane:

    Wie verhält sich das denn in einer Übersetzung mit den Anreden und den Namen?
    Ist es wirklich so (wie ich gerade den Eindruck habe), dass sich nach dem Handlungsort die Anreden bestimmen? In England heißen dann also die Herren Mister und in Frankreich Monsieur? Oder kann es auch mal sein, dass in England ein „Herr“ herumläuft und handelt? Wovon hängt so etwas ab?
    Und wer bestimmt, ob Eigennamen übersetzt oder beibehalten werden? Der Übersetzer oder der Autor?

Ich fange mal hinten an: Eigennamen werden nicht übersetzt. Niemand käme auf die Idee, aus Harry Potter einen Harald Töpfer zu machen, und aus Jacques Meunier wird kein Jakob Müller.
Das ist erstmal die Regel, und von Regeln gibt es Ausnahmen. Etwa bei Städtenamen: Milano zum Beispiel würde ich durchaus zu Mailand machen, und Roma zu Rom. Aber Tokyo natürlich nicht zu „Hauptstadt im Osten“, und Monastir nicht zu Münster. Das sind einfach Gepflogenheiten, man macht es nach Üblichkeit. Eine Dauerfrage, vor der Englischübersetzer immer wieder stehen, sind zum Beispiel die durchnummerierten Straßennamen in New York: 42nd Street oder 42. Straße? Das bespreche ich dann meistens mit dem Lektorat. Ich persönlich finde, auch das ist ein Eigenname und gehört nicht übersetzt.
Ebenfalls mit dem Lektorat besprechen würde ich sogenannte „sprechende Namen“. Die kommen wahrscheinlich besonders häufig in Kinder- und Jugendbüchern und in Fantasy vor – beides Genres, mit denen ich noch kaum zu tun hatte. Auch da würde ich annehmen, dass Übersetzer und Lektor sich beraten, notfalls vielleicht sogar mit dem Autor. Und sie werden bei der Entscheidung sicher auch die Zielgruppe bedenken. Bei Büchern für kleine Kinder dürfte es wenig sinnvoll sein, sprechende Namen in der Fremdsprache stehenzulassen. Überhaupt: wenn die Ausgangssprache eine andere als Englisch ist, wird man sie wahrscheinlich eher übersetzen. Wenn die Ausgangssprache Englisch ist und man davon ausgehen kann, dass es von der Zielgruppe größtenteils verstanden wird, wird man so etwas eher auf Englisch stehenlassen.
Bei Harry Potter zum Beispiel wurden ein paar Namen anfangs übersetzt, später hat man das wieder rückgängig gemacht. Ich weiß nicht genau, warum, aber es wird Gründe gegeben haben, das auch in den ersten Bänden in Folgeauflagen wieder zurückzukorrigieren.
Es ist ein weites Feld und wird von einem Buch zum anderen, und manchmal von einer Figur zur anderen entschieden. Und die Entscheidung trifft der Übersetzer entweder erstmal allein oder zusammen mit dem Lektor.

Ein anderes Thema ist die Anrede. Ich glaube, da gibt es einfach Modeerscheinungen: Früher hat man versucht, ausländische Bücher so weit wie möglich hierher zu holen und „Herr Smith“ übersetzt, heute lässt man eher mehr „Fremdheit“ oder Lokalkolorit drin. „Herrn Smith“ gibt es nicht mehr. Ich glaube, nicht mal im Kinderbuch. Man schreibt heute eher Monsieur Dupont und Señora Garcìa. Wahrscheinlich sogar Tanaka-san, und nicht Frau Tanaka. Obwohl? Da bin ich schon nicht so sicher. Wahrscheinlich hat es immer damit zu tun, wieviel Fremdheit man dem Leser zumuten möchte. Bei einer Übersetzung aus dem Japanischen ist schon von allein relativ viel „fremd“, vielleicht würde man doch „Frau Tanaka“ sagen. England und die USA sind uns viel vertrauter, da kann viel mehr im Original stehenbleiben. „Mom“ und „Dad“ zum Beispiel auch. Man lässt die kleine CeeCee aus Savannah heute einfach nicht mehr „Mutti“ sagen. Möglich, dass das eine reine Modefrage ist und man das in 20 Jahren wieder tut. Glaube ich aber nicht.
Ich sollte wohl noch mehr Übersetzungen aus anderen Sprachen lesen, denn ich weiß es gerade wirklich nicht – in Übersetzungen aus dem Japanischen werden die Mütter wahrscheinlich nicht Okâsan gerufen, oder? Sondern? Mama?
Auch so eine Sache sind ja beispielsweise die Dienstgrade bei der Polizei (ein immer wieder gern genommenes Problem von Krimiübersetzern). Die lassen sich ganz schlecht übersetzen, denn die Systeme sind ja in den unterschiedlichen Ländern ganz unterschiedlich. Kann man einen Constable nun mit Wachtmeister übersetzen? Hat man früher gemacht, heute nicht mehr, heute bleiben die Dienstgrade auf Englisch stehen. Kennt man ja auch aus dem Fernsehen. Allerdings gilt auch das wieder nur für das Englische – in einem chinesischen, hebräischen oder arabischen Buch ist das wahrscheinlich eher schlecht, weil damit hier niemand etwas anfangen kann. Ich habe keine Ahnung, wie sowas dann gelöst wird.

Soll heißen: es gibt keine festen Regeln. Es ist, wie alles Übersetzen, immer ein Abwägen von Fürs und Widers, eine Geschmackssache auch, eine Modefrage teilweise, ein Bedenken der Zielgruppe, eine Gratwanderung. Und es wird bestimmt immer jemanden geben, der die getroffene Entscheidung dann falsch findet und durchaus gute Gründe dafür hat.

[Viel zu lange nicht übers Übersetzen geschrieben! Tst. Wenn Ihr Fragen habt, immer gern her damit.]