Hieronymustag

Am 30. September ist der Tag des heiligen Hieronymus, des Schutzpatrons der Übersetzer. Aus diesem Anlass gehen immer viele Übersetzer raus, in Buchhandlungen, Kneipen, Literaturhäuser und anderswo hin, lesen, stellen den Beruf des Übersetzers vor und sprechen über Literatur und übers Übersetzen. Dies hier sind die Veranstaltungen  in Hamburg (dieses Jahr mal ohne mich), weitere Lesungen gibt es in Berlin, Bremen, Bremerhaven, Frankfurt/Main, Freiburg, Köln, Leipzig, Saarbrücken, Wien und Zürich. Ein beeindruckendes Programm, finde ich, eine Übersicht findet sich hier. auf der Webseite der Literaturübersetzer, wo man irgendeinen Trick kennen muss, um die Seite direkt zu verlinken, jedenfalls: unter Aktuell -> Internationaler Übersetzertag -> Übersicht. (Zu Hilfe, Markus!)

16. September 2011 | 19.30 Uhr

Übersetzerlesung und Gespräch
Buchhandlung stories!, Straßenbahnring 17
Es lesen:
Susanne Höbel aus Thomas Wolfe, Die Party bei den Jacks (Manesse Verlag 2011).
Brigitte Jakobeit aus Jonathan Evison, Alles über Lulu (Kiepenheuer und Witsch 2011).
Moderation: Miriam Mandelkow

Eintritt 5 Euro

26. September 2011 | 20 Uhr

Übersetzer packen aus: Neuerscheinungen
Buchhandlung Christiansen, Bahrenfelder Straße 79
Es lesen:
Annette Kopetzki aus Pier Paolo Pasolini, Afrika, letzte Hoffnung (Corso 2011).
Miriam Mandelkow aus Lorraine Adams, Crash (Arche 2011).
Eva Profousová aus Martin Smaus, Mach mal Feuer, Kleine (dtv premium 2011).
Eintritt 5 Euro, erm. 3 Euro

27. September 2011 | 19 Uhr

Erfundene und echte Dialekte in Übersetzungen
Bücherstube Fuhlsbüttel, Hummelsbütteler Landstr. 8
Annette Kopetzki erzählt von der Vielfalt italienischer Dialekte unter anderem anhand der historischen Romane von Monaldi & Sorti, Die Zweifel des Salaí (Kindler 2008) und Die Entdeckung des Salaí (Kindler 2009).
Eintritt 5 Euro

28. September 2011 | 20 Uhr

Wahre Gefühle, traumhafte Liebe, sinnliche Erotik
Hasenschaukel, Silbersackstr. 17
Inka Marter, Jutta Nickel und Nicole Selmer lesen aus zeitgenössischer Kitschliteratur.

28. September 2011 | 20 Uhr

Britische Charakterköpfe
Buchhandlung Quotes, Waitzstr. 19
Ingo Herzke stellt seinen Autor Alan Bennet vor und liest aus Die souveräne Leserin, (Wagenbach 2008), Ein Kräcker unterm Kanapee (Wagenbach 2010) und Miss Fozzard findet ihre Füße (Wagenbach 2011).

29. September | 20 Uhr

Resto del mundo – Rest der Welt. Argentinischer Fußball vorgelesen
Weinbar Sankt Pauli, Neuer Kamp 19
Andreas Löhrer und Inka Marter lesen aus Diego Maradona, El Diego. Mein Leben (Droemer 2001), Jorge Valdano, Über Fußball (Bombus Media 2006) und der zweisprachigen Anthologie argentinischer und deutscher Autoren: Resto del mundo – Rest der Welt (Buenos Aires: Eloísa Cartonera 2010).

30. September 2011 | 19.30 Uhr

Katastrophen: eine nach der anderen. Lesung und Party zum internationalen Übersetzertag
Kulturhaus III&70 – Salon, Schulterblatt 73
Flugzeugabstürze und umstürzende Elefanten, Stürze von Klippen oder Kirchentreppen, der schlimmste Hurrikan der Geschichte und Mord: Am Namenstag des Heiligen Hieronymus – Schutzpatron der Übersetzer – präsentieren zehn Literaturübersetzer witzige und tragische, aber immer katastrophale Ausschnitte aus ihrer Arbeit. Im Anschluss gibt es Tanzmusik!
Eintritt 3 Euro

Alan Bennett (Ingo Herzke): Vatertage

Irgendwie habe ich gerade ein Leseloch, ich hab das Gefühl, schon ewig nichts mehr gelesen zu haben, wie kommt das denn? Tst. Jetzt geht es aber wieder los, und Alan Bennett geht ja sowieso immer. Von Alan Bennett war ich schon dreimal sehr, sehr begeistert (Die souveräne Leserin, Così fan tutte, Handauflegen), jetzt also der vierte: Vatertage. Diesmal nicht eine durchgehende Geschichte, sondern zwei Texte: eine Geschichte und ein nicht-fiktionaler, erzählender Text über Bennetts Eltern.

Die Geschichte, „Vater, Vater, lichterloh“, fängt so an:

Jedesmal, wenn Midgley seinen Vater umgebracht hatte, war der Tod ganz leicht gewesen. Er war schnell, schmerz- und kampflos gestorben. Im Rückblick musste MIdgley zugeben, dass er seinem Vater nicht einmal mit diesen Todesphantasien gerecht geworden war. Es sah ihm gar nicht ähnlich, so zu sterben. Und er tat es auch nicht.

Midgley ist Lehrer, verheiratet, ein Sohn. Eines Tages erreicht ihn in der Schule ein Anruf, dass sein Vater im Krankenhaus liegt, er hatte einen Schlaganfall und liegt im Koma. Möglicherweise wird er die Nacht nicht überleben. Midgley fährt hin und hält Wache; der Vater überlebt die Nacht und noch ein paar Nächte mehr, und Midgley sitzt an seinem Bett oder draußen im Flur. Andere Verwandte kommen und gehen. Und wer das Ende nicht vorher wissen will, der lese keinen Klappentext, denn dann kommt es doch recht überraschend. Wie ich das hasse, wenn der Klappentext ausplaudert, was auf den letzten zwei Seiten passiert! Argh.
Der zweite Text dreht sich um Bennetts Eltern. Er heißt „Mr. Bennett, Sen.“, obwohl es genauso um die Mutter geht. Und mir ist nicht so ganz klar, was der Text soll, oder was ich damit anfangen soll. Gut geschrieben ist er, natürlich, ist ja Bennett (bzw. Herzke). Aber. Weiß auch nicht, vielleicht hatte ich einfach mit etwas Fiktionalem gerechnet und wollte keine Autobiografie lesen.
Insgesamt ist das nicht mein Lieblingsbennett. Die erste Geschichte ist natürlich toll, aber auch sie ist – bis auf einige nahezu Loriot-artige Dialoge – irgendwie anders als die anderen Bennetts, viel weniger ironisch und witzig. Dabei durchaus nicht humorlos, aber sie hat irgendwie so eine Grund-Traurigkeit. Was auch sehr schön ist.
Allen, die Bennett nicht kennen, lege ich die anderen drei Bücher dringend ans Herz. Dieses hier ist auch sehr schön, keine Frage, aber ich hatte eben ein bisschen was anderes erwartet. Was meiner Bennett-Liebe aber keinen Abbruch tut, ich habe noch die „Lady im Lieferwagen“ hier liegen und zwei weitere auf meinen Wunschzettel gesetzt. Bennett wohnt im Regal immer noch zwischen Benn und Bergengrün.

Alan Bennett (Ingo Herzke): Vatertage. Wagenbach, gebunden (und zwar in rotes Leinen, sehr schön, wie alle Bennetts), 14,90 €

Tagebuchbloggen

Ich war beim Schuster, beim Schneider und bei der Reinigung. Ich war bei Budni und habe ein paar Sachen eingekauft. Ich habe einen Blogeintrag über den netten Schneider geschrieben. Ich habe die letzten Reste vom Buffet von Freitag weggeworfen, ich habe Brotteig angesetzt und einen Möhrenkuchen gebacken. Ich habe den Weißkohl aus der Gemüsekiste von letzter Woche blanchiert und eingefroren. Ich habe Wäsche gewaschen und aufgehängt. Ich habe den Möhrenkuchen mit Kuvertüre überzogen. Der Gemüsemän kam, ich habe frisches Obst und Gemüse und Milch und Kartoffeln und Zwiebeln und so weiter in Kisten, Körbe und Kühlschrank sortiert. Ich habe ein bisschen Kompott gekocht. Ich habe Mangold-Risotto gekocht. Den restlichen Mangold habe ich ebenfalls blanchiert und eingefroren. Dann habe ich das Chaos in der Küche beseitigt, habe mich in die Badewanne gelegt und gelesen. Zuletzt habe ich Saft gekocht.
Man könnte es einen Hausfrauentag nennen, aber die Wahrheit ist: ich habe nur Anlauf genommen. Für eine Menge Arbeit. Uiuiui.

Schneiderei

An einer Hose hat sich eine Naht gelöst, vielleicht sechs oder acht Zentimeter sind plötzlich offen. Ich stehe vor der Änderungsschneiderei und sehe zweierlei: erstens ist gerade Mittagspause, das entnehme ich dem Schild mit den Öffnungszeiten an der Tür, zweitens sitzt aber ein älterer Herr drin und näht. Ich fasse probehalber an die Tür, sie ist offen. Ich weiß, Sie haben gerade Mittagspause, sage ich. Nein, nein, kommen Sie rein, sagt er.
Ich zeige die offene Naht. Ist das alles? Ja. Wann ich die Hose denn abholen möchte, fragt der Herr. Freitag, schlage ich vor, denn da sind meine Schuhe beim Schuster gegenüber fertig. Nein, sagt er, das ist ja fast gar keine Arbeit, geht schnell, wann ich denn wiederkomme. Ich sage, dass ich am Freitag sowieso wieder hier bin. Er sagt: nein, ich soll in zehn Minuten wiederkommen, das lohne sich ja nicht, dafür einen Abholzettel auszufüllen und so weiter. Zehn Minuten.
Okay, sage ich. Ich schlendere ein bisschen auf und ab, kaufe mir ein Croissant und gehe dann wieder hin. Die Hose ist fertig.
Ich hole mein Portemonnaie raus, nein, nein, meine Dame, sagt der alte Herr, das sei ja ganz schnell gegangen, ich bräuchte das nicht zu bezahlen. Doch, sage ich, natürlich will ich das bezahlen – nein, meine Dame, sagt er kategorisch, war ganz schnell, und setzt sich wieder an seine Nähmaschine. Ich lege ihm ein paar Münzen hin, bedanke mich – nein, ich danke Ihnen!, sagt er. Tschüss, meine Dame.

Ich halte überhaupt nichts von Pauschalurteilen über ganze Völker und Nationen. Aber ich neige doch sehr zu der Annahme, dass ein deutschstämmiger Schneider in der Mittagspause die Tür abgeschlossen, bis Freitag gebraucht und fünf Euro gewollt hätte.