Interview mit Denis Scheck

Mit Ihrer lockeren Zunge schießen Sie schnell und scharf. Würden Sie bei Ihrer Kritik aber manchmal nicht lieber in die Tiefe gehen?
Ich komme ja aus der Tiefe. Ich habe lange übersetzt und halte an dem Glaubensbekenntnis fest, dass der Übersetzer der genaueste Leser eines Textes ist. Mitunter liest er ihn sogar genauer als der Autor, da er den Text von außen betrachtet, aber mit dem Zwang, ihn in seinen eigenen Worten wiedergeben zu müssen.

Wunderbares Interview mit Denis Scheck im Cicero: Kein Sex in Entenhausen.

Arbeit

Vor zehn Tagen habe ich hier versprochen, dass es letzte Woche weitergehen würde. Tja.
Es ist ja so: wenn ich viel zu tun habe, habe ich im Laufe der letzten Jahre festgestellt, dann blogge ich mehr. Sogar mehr richtige Texte, ich blogge quasi sogar besser, wenn ich viel zu tun habe, weil ich zwischendurch, als Entspannung zwischen der Übersetzungsarbeit, eigene kleine Sachen schreibe. Wenn ich aber nicht einfach nur viel, sondern grotesk viel Arbeit habe, dann blogge ich nicht, scheint’s. Es ist so viel, dass ich mir schon alberne kleine Belohnungsdingse ausdenke, so einen Quatsch wie: am Ende der Seite eine Waschmaschine anstellen, am Ende der nächsten Wäsche aufhängen, am Ende des Kapitels laufen gehen. Jaja, Waschmaschine Anstellen als Belohnung! Naja, als „Du bleibst jetzt hier sitzen, bis die Seite fertig ist“. Laufen muss sein, ich habe langsam wieder angefangen und laufe etwa 35 Minuten, um den Rücken zu lockern und draußen zu sein und Bewegung zu haben. Wird dann bestimmt bald wieder mehr, wenn ich weiter so konsequent bin. Und dann nehme ich mir vor, jeden Tag zweimal rauszugehen. Einmal Laufen, einmal Spazieren, wenigstens eine Runde um den Block. Briefkasten gilt nicht. Einkaufen vielleicht.
Ich übersetze ein tolles Buch, zusammen mit einer Kollegin, denn es sind 600 Seiten, die Mitte September fertig sein müssen. Und dann soll das bitteschön ein Bestseller werden und uns reich machen, und zwar am besten genauso sofort wie wir sofort übersetzen, denn wir werden dann Masseure und Personal Trainer und sowas für unsere Rücken brauchen, oder wenigstens einen sechswöchigen Urlaub in der Karibik. Was man halt als Übersetzer so macht *hust*.
Bis dahin – keine Ahnung. Vielleicht kommen mir ab morgen lauter lustige kleine Blogideen, die keine Arbeit machen. Kann aber auch sein, dass es hier einfach mal eine Weile etwas stiller wird. Oder Ihr lest solange einfach mein Buch. Wer noch ein signiertes Exemplar haben möchte: so geht’s.
Ansonsten nehme ich noch bis Mitte September Anfeuerungsrufe entgegen. Danke.

Duzen und Siezen

Aus der Reihe „Isa beantwortet Fragen zum Übersetzen“, diesmal eine Frage von Violine:

Worüber ich mich schon öfter gewundert habe, ist, wie man entscheidet, ob eine Person im Roman mit “Sie” oder mit “Du” angesprochen wird. Und wie einem dann als Übersetzer klar wird, dass die Beziehung schon so weit gediehen ist im Verlaufe des Romans, dass zwei sich dann irgendwann duzen können.

Tja. Vor der Frage stehen wir Englischübersetzer natürlich andauernd, oft mehrfach in einem einzigen Buch. In manchen Fällen ist es offensichtlich – wenn zwei Leute miteinander verheiratet sind, wird man sich kaum fragen, ob die beiden sich nun duzen oder siezen sollen (jedenfalls wenn das Buch heute spielt), oder unter Kindern oder guten Freunden usw. Natürlich duzen die sich. Ebenso eindeutig ist, dass ein Chef und seine Angestellten sich siezen, dass Schüler ihre Lehrer siezen und so weiter.
Schwierig wird es da, wo Leute sich zu Beginn des Buches überhaupt erst kennenlernen. Und zwar vielleicht weder auf einer Studentenparty (wo sie sich duzen), noch beruflich (wo sie sich siezen) sondern eher bei einer mittelförmlicheren Gelegenheit – duzen die sich? Da fängt man dann an zu überlegen. Wie alt sind die Figuren, wie förmlich ist der Anlass oder die Situation, in welchem Verhältnis stehen sie zueinander (womöglich noch in gar keinem), was für Typen sind die beiden überhaupt, und so weiter. Das ist einer der Gründe, warum es gut ist, das Buch vorher ganz zu lesen: weil man dann weiß, wie die Protagonisten ticken, man kennt die Figuren viel besser und solche Grundsatzentscheidungen fallen deutlich leichter.
Angenommen, man hat beschlossen, dass zwei Leute sich erstmal siezen, weil beispielsweise er der Chef ist und sie seine Angestellte (hey, ich habe eine Menge leichte Frauenunterhaltung übersetzt), aber dann verlieben sie sich ineinander und landen erst im Bett und dann beim Happy End mit Hochzeit und allem – da muss man irgendwo einen Übergang vom „Sie“ zu „Du“ finden, ohne expressis verbis reinzuschreiben „Wollen wir uns nicht duzen?“. Das geht schon deswegen nicht, weil der Leser ja weiß, dass er eine Übersetzung aus dem Englischen liest, und man ihm das damit nochmal so richtig unter die Nase reibt. Denn da merkt jeder sofort, dass das im Original nicht so gestanden haben kann.
Eine wunderbar platte Faustregel für den Übergang lautet: Duzen ab Kuss. [EDIT: Spätestens. Helga merkt unten an, dass man niemanden küsst, den man siezt. Also besser vorher den Wechsel schaffen!] Nach dem ersten Kuss ist Siezen nicht mehr plausibel. Umso mehr, wenn der Kuss gleich zum Sex führt. Da kann man dann auch einen relativ abrupten Wechsel reinbringen, auch in einer Szene, die viel wörtliche Rede hat: Siezen, Kuss, duzen. Fertig. Sieht auch jeder Leser ein.
Aber manchmal muss man den Wechsel anders hinkriegen, es führt ja nicht jede Beziehung zwischen zwei Menschen gleich ins Bett, aber doch eindeutig so weit, dass sie sich irgendwann duzen. Ich versuche dann im Allgemeinen, eine Stelle zu finden, wo die beiden einander über möglichst viele Seiten nicht direkt ansprechen. Idealerweise liegt ein ganzes Kapitel dazwischen, in dem es um etwas völlig anderes geht, und der Leser hat sozusagen erspürt, dass die beiden sich jetzt schon besser kennen und merkt vielleicht gar nicht, dass sie sich plötzlich duzen. Zwei-drei Mal habe ich Leser gefragt, ob sie gemerkt haben, dass da ein Übergang war, und da waren sie immer ganz überrascht. Haben sie nämlich nicht. („Jetzt, wo Du’s sagst.“)

Ein noch weitergehendes Problem haben Übersetzer (und Autoren) historischer Romane, wo Leute sich möglicherweise Erzen oder Ihrzen. („Hat er das Gold gestohlen?“ – „Natürlich nicht, was denkt Ihr denn von mir?“) Da muss man einfach historisch Bescheid wissen, welche Anredeformen zu welcher Zeit für welche Arten von Beziehungen galten. Ich kenne mich da überhaupt nicht aus, aber da gibt es natürlich Bücher drüber. (Z.B. Von Erlaucht bis Spektabilis oder Duzen, Siezen, Titulieren.)

Und ein ganz besonderes Spezialproblem haben Schwedischübersetzer. Im Schwedischen gibt es ebenfalls Du und Sie, die Schweden haben aber irgendwann beschlossen, das „Sie“ nicht mehr zu benutzen, und seither duzen sich dort alle. Soll man das jetzt als „Du“ übersetzen (denn immerhin ist es im Original ein eindeutiges „Du“), und das sozusagen als Lokalkolorit, als eben typisch Schwedisch betrachten – oder übersetzt man im Sinne der sogenannten „Wirkungsäquivalenz“, also so, dass es hier genauso wirkt wie dort, sprich: wenn ein Sie in unseren Ohren eben „normaler“ wäre, dann übersetzt man das Schwedische „Du“ in ein deutsches „Sie“? Ich habe dazu keine rechte Meinung, sehe beide Entscheidungen ein.

Fundstück

„Der Literaturübersetzer übt einen der schwierigsten Berufe der Welt aus. Er muss ein Gelehrter sein, ein Spieler, ein Sportler, ein Künstler und ein Drahtseiltänzer. Es ist wirklich ganz außergewöhnlich, wenn ein- und dieselbe Person all diese Professionen zugleich ausführen kann. Es ist eine große Leistung. Es ist Arbeit. Es ist anstrengend. Es ist auf jeden Fall wertvoll, für einen Autor, für einen Leser — und für das Leben überhaupt.“
(Jean Échenoz, übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel)

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