Autorenstimme des Monats

„Wenn ein Buch veröffentlicht wird, müsste es eigentlich vorher übersetzt werden, das wäre dann ein richtiges Lektorat. Denn weder Autor noch Verlags-Lektor nehmen so wie ein Übersetzer jedes einzelne Wort in die Hand und machen sich Gedanken darüber, ob es passt. Für mich ist die Zusammenarbeit mit Übersetzern immer ein Geschenk, schon weil ich so vieles über die Möglichkeiten wie die Begrenzungen des Deutschen erfahre, die mir zuvor nicht bewusst waren, es auch gar nicht sein konnten – und ich erlebe mit, wie aus „meinem“ Buch dann „unser“ Buch wird.“

Ingo Schulze

(Aus dem VdÜ-Pressenewsletter.)

Autorenstimme des Monats

„Jede noch so kritische Frage eines Übersetzers ist Ausdruck von Respekt – nur in der Hinterfragung liegt die Erfahrung von Sprache, die Möglichkeit zur Bildung jenseits der Einbildung: zur gegenseitigen Aus- und Fortbildung, daraus wächst manchmal innige Freundschaft. Es gibt wohl keinen genaueren Leser als den Übersetzer, der durch seine Zweifel jedes Luftloch eines Textes aufspürt. Wäre da nicht das Herr-Diener-Gefälle und die Unzulänglichkeit jeder Analogie, so würde ich den Schriftsteller gern als Don Quichotte und seinen Übersetzer als Sancho Pansa bezeichnen. In Wirklichkeit aber hat der Übersetzer mit seinem Werk in seiner Sprache eine weit größere Macht: er kann einem Text Eleganz verleihen, er kann ihn ebenso zerstören.“
Julia Franck

(Aus dem VdÜ-Pressenewsletter.)

Autorenstimme des Monats

„Führt man im Englischen jemanden in die Irre, schickt man ihn nicht auf den Holz-, sondern auf den Gartenweg: lead someone down the garden path. Übersetzen wird für mich immer mehr zu einem solchen Gartengehen, und zwar im zweifachen Sinne. Einerseits kommt es mir darauf an, mit und neben dem Originalgedicht zu spazieren, das heißt sein Laufen, Schreiten, Springen wichtiger zu nehmen als sein Sagen, Rätseln, Rufen. Ich meine damit nicht objektiv zählbare Verse und Füße (aber auch), sondern den rhythmisch-gestischen Abdruck, den eine Zeile mit ihrem Auf und Ab, ihren Kadenzen, in meinem Körper hinterlässt. Going for a walk with an English poem heißt für mich zum Beispiel: Versuche so oft wie möglich, die Endstellung des Verbs zu verhindern! Das macht mich zuweilen ganz kirre. Als würde Mark Twain höchst persönlich in meinem Nacken keuchen. („Deutsche Bücher sind recht einfach zu lesen, wenn man sie vor einen Spiegel hält oder sich auf den Kopf stellt, um die Konstruktion herumzudrehen.“) Dass Mark Twain mir nicht im Nacken sitzt, sondern keucht, hat mit dem zweiten interessanten Aspekt des Gartengehens zu tun, nämlich mit der Irre, oder mit breathing down my neck, also damit, dass hier etwas vermischt wurde, was beim Übersetzen normalerweise säuberlich getrennt wird, nämlich verschiedene Sprachen, Ausdrucksweisen etc. Heimlich träume ich davon, das Ideal einer sauberen, reinen usw. Übersetzung hinter mir zu lassen und stattdessen dort, wo gar nichts mehr und alles geht, mit einer „Unreinheit“ zu spielen, die in meinen Gedichten schon länger um sich greift. Dirty Bird Translation. Translantisches. Eine Unreinheit, die nicht so sehr auf Nichtkönnen beruht (denn können muss man, um die besseren Fehler zu machen), sondern auf Nichttrennenkönnen. Die Lust, das fremde Material in der Zielsprache poetisch wirksam werden zu lassen, wie ein sanftes Gift/gift. Vielleicht ist Unreinheit nur ein anderes Wort für das, was Édouard Glissant meinte, als er schrieb: Übersetzung ist „eine wahrhaft kreolisierende Operation“: „Eine Spur in die Sprachen legen heißt, eine Spur ins Unvorhersehbare unserer nun gemeinsamen Lebensbedingungen legen.“ Unvorhersehbar, denn diese Art des Spazierengehens bringt es mit sich, dass man zuweilen nicht mehr weiß, auf welcher Seite des Gartenwegs man steht.“

Uljana Wolf

(Aus dem VdÜ-Pressenewsletter)

Hieronymustag

Heute ist der Tag des heiligen Hieronymus, des Schutzpatrons der Übersetzer. Happy Hieronymustag, everybody! Congratulations und so, wir sind super. Zur Feier des Tages habe ich hier eine kleine übersetzerische Herausforderung – statt Blumen, sozusagen.

Telefon!

Der Lieblingsbuchhandlungsbuchhändler ist dran. Er moderiert unsere Lesung heute Abend, wir besprechen letzte Dinge. „Und dann“, sagt er, „dann will ich auf jeden Fall über das Übersetzen was sagen, und über Übersetzer. Das kann auch ruhig ein bisschen pathetisch werden. Ich gucke hier gerade so an unseren Regalen entlang, und, mal ehrlich: ohne Euch gäb’s das hier alles gar nicht. Ohne Euch wären wir nichts.“

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