„Irgendwo bellte ein Hund.“

Der vielleicht abgedroschenste Satz der Literaturgeschichte. Kommt in allen Genres und in den besten Familien vor, wie die taz hier so schön darlegt. Im Gegensatz, beispielsweise, zum ebenso abgedroschenen „Es war, als hätte jemand ein Licht in ihr angezündet“, das ist eindeutig eine Liebesschnulze oder Chick-Lit, und es ist Kitsch.
Aber der Satz mit dem Hund – wahlweise auch: „In der Ferne bellte ein Hund“ –, geht immer und überall, und er ist natürlich an sich erstmal kein Kitsch, sondern so voll atmosphärisch dicht und so, aber er ist halt abgedroschen wie sonst nur noch der kleine Prinz. Herr TWSchneider hat mir auf Facebook, weil ebendieser Satz in Jane Gardams Letzte Freunde steht, einen kleinen Seitenhieb verpasst, der mich jetzt schon seit gestern beschäftigt, denn es stellt sich ja in der Tat die Frage: Was macht denn die Übersetzerin, wenn im Original steht:

A lost dog barking out of sight.

Schreibt man da: „In weiter Ferne war das Bellen eines einsamen Hundes zu hören“, nur um nicht „Irgendwo bellte ein Hund“ zu schreiben? Ich meine: Nein. Denn da liest man ja laut und deutlich „die Übersetzerin wollte wohl nicht ‚Irgendwo bellte ein Hund‘ schreiben“ mit. Oder? Da muss man doch erst recht „Irgendwo bellte ein Hund“ schreiben und hoffen, dass jeder Leser kapiert, dass das ein Zitat ist oder eine Art Running Gag der Weltliteratur und nur ironisch gemeint sein kann. Das denke ich, und das hoffe ich, und ich hoffe außerdem, dass Jane Gardam einen solchen Satz auch nicht ganz ohne Augenzwinkern meinen kann. Gleichzeitig weiß ich genau, dass es als Scherz nicht funktioniert.
Es ist nämlich so: Im Pfau kommt der Satz „Irgendwo blökte ein Schaf“ vor. Den habe ich jetzt auf knapp 60 Lesungen vorgelesen, und es hat noch nie jemand gelacht. Einer von zwei Gags, die noch kein einziges Mal funktioniert haben. Und jetzt? Mal meinen eigenen Humor überdenken? Oder bei nächster Gelegenheit noch deutlicher werden, wie etwa Jo Lendle, der in „Was wir Liebe nennen“ schreibt:

In der Ferne bellte kein Hund.

Großartiger Satz, ich habe laut gelacht, aber es geht halt ein bisschen die Subtilität flöten. Oder gar die Subversivität. Ist es subversiv, einen Satz zu schreiben, der einfach überhaupt nicht (mehr) geht? Oder fällt das nur unter „Witze, die niemand kapiert“? Ich weiß es nicht.

Vor einer ähnlichen Frage steht man übrigens bei der Neuübersetzung von Klassikern. Was macht man mit ikonischen Sätzen? Was macht man, wenn man den kleinen Prinzen neu übersetzt, aus „man sieht nur mit dem Herzen gut usw“ – macht man das krampfhaft irgendwie anders? Oder lässt man es so, weil der Satz ja gut ist, wie er ist? Die einen so, die anderen so, klar. Keine Ahnung, was ich täte. Vermutlich würde ich es bei der etablierten Version belassen, denn irgendwann gilt so ein Satz ja als „richtig“.

Mal sehen, vielleicht kriege ich ja im nächsten Roman ein „Irgendwo schrie ein Pfau“ unter.

Neuerscheinung! Jane Gardam: Ein untadeliger Mann

Gardam_24924_mit_BS_MR1.inddFrisch erschienen: „Ein untadeliger Mann“ von Jane Gardam. So ein tolles Buch! Das bekommt in der Liste meiner Übersetzungen einen der obersten Lieblingsplätze. Vielleicht den obersten. Das Leseexemplar ist schon seit einigen Wochen da, die Buchhändler lieben es, die ersten Kritiker auch, und zwar vollkommen zu Recht. Ich sitze gerade an der Übersetzung des zweiten Bandes, der wird im Frühjahr erscheinen, und der dritte dann nächstes Jahr im Herbst.
Daniel Schreiber hat für das Leseexemplar ein Vorwort geschrieben, und weil er das viel besser kann als ich, soll er nun hier das Anpreisen übernehmen. Glaubt ihm ruhig, er ist ein kluger Mann. Lest Jane Gardam!
 
 

Lesen Sie Jane Gardam!
Von Daniel Schreiber

Nur wenige Schriftsteller werden von ihren Lesern so leidenschaftlich verehrt wie die Britin Jane Gardam. Ihrer Mischung aus Leichtigkeit und Tiefgang wegen stellt die englischsprachige Literaturkritik sie regelmäßig in eine Reihe mit Katherine Mansfield und Alice Munro, mit Jane Austen und Charles Dickens. In den vergangenen 35 Jahren hat sie 32 Romane, Erzählungsbände und Kinderbücher geschrieben und große Literaturpreise gewonnen. Es ist geradezu verrückt, dass sie in Deutschland kaum jemand kennt. Mit der Veröffentlichung von Ein untadeliger Mann kann sie nun auch hier entdeckt werden.
Lesen Sie Jane Gardam! Ihre Bücher werden Ihnen eine Lektüreerfahrung schenken, die Sie aus Ihrer Jugend kennen und seither immer wieder gesucht haben: Sie sorgen dafür, dass man alles aus der Hand legt, seine Pläne für den Tag verwirft, seine Arbeit komplett vergisst. Sie ermöglichen eine Flucht, wie sie nur die Literatur bietet, hypnotisch und stilsicher, leichtfüßig und menschlich.
Als Jane Gardam 1928 geboren wurde, umspannte das Vereinigte Königreich noch ein Drittel des Erdballs und war das größte Imperium der Menschheitsgeschichte. »Das Empire ist das, worum sich viele meiner Bücher eigentlich drehen«, sagte die zurückgezogen lebende Schriftstellerin dem Guardian. »Als ich jung war, begann es sich aufzulösen. Das war ein völlig unglaublicher Vorgang. Vor allem für uns Kinder. Uns wurde noch beigebracht, dass wir in einem Reich leben, in dem die Sonne niemals untergeht.«
Ein untadeliger Mann ist Jane Gardams bekanntestes Buch und der Auftakt einer Trilogie, die den Niedergang des British Empire unmittelbar beschreibt. Im Zentrum steht die schwierige Liebesgeschichte zwischen dem selbstbeherrschten Anwalt Sir Edward Feathers, der mit seinen makellosen Anzügen, Einstecktüchern und Seidensocken wie aus der Zeit gefallen wirkt, und seiner gelassenen und klugen Ehefrau Betty, die Möbel entstaubt, chinesische Antiquitäten sammelt und Tulpen pflanzt, während um sie herum das Weltreich untergeht. Und dann ist da noch der schillernde Veneering, Feathers‘ Rivale – nicht nur in beruflicher Hinsicht. Gardam erzählt die Geschichte der drei Protagonisten aus der Perspektive von Sir Edward, der von seinen Kollegen einst Old Filth getauft wurde, weil er als Urheber des sardonischen Akronyms »Failed in London, Try Hong Kong« gilt.
Als wir ihn kennenlernen, lebt Filth im Ruhestand in Dorset an der Südwestküste Englands. Nach und nach setzt der Roman seine erstaunliche Lebensgeschichte zusammen: Die Geburt in der Kolonie British Malaya, die seine Mutter das Leben kostet. Der Vater, ein kriegstraumatisierter, alkoholkranker Regierungsbeamter, der seinen Sohn erst der Obhut einer Einheimischen überlässt und mit fünf Jahren einer sadistischen Pflegemutter in Wales, die den Jungen und die anderen Kinder misshandelt. Das Internat, wo er eine Ersatzfamilie findet. Seine Begegnung mit Queen Mary, der nur knapp überlebte Zweite Weltkrieg und seine Karriere als Anwalt für Baurecht in Hongkong, die ihn zu einem sehr wohlhabenden Mann macht. Ein Leben, das äußerlich so reich ist, innerlich aber oft arm bleibt.
Jane Gardam sind Männer wie Edward Feathers vertraut. David Gardam, ihr Mann, war als Rechtsanwalt viel in Singapur, Hongkong und Malaysia unterwegs und wie Old Filth ein Waise des Raj – eines jener Kinder britischer Kolonialbeamter in Indien und Südostasien, die, wie es die Tradition forderte, mit vier oder fünf Jahren »nach Hause« geschickt wurden, um eine englische Erziehung zu erhalten. In eine Heimat, die sie noch nie gesehen hatten, zu Pflegeeltern, die sie nicht kannten.
Ein untadeliger Mann umspannt fast ein ganzes Jahrhundert. Nuanciert und bildhaft porträtiert der Roman das Ende einer Ära – und das Ende der Generation, die diese Ära verkörperte. Sein besonderes Augenmerk liegt auf den Auswirkungen des Schicksals, in das Menschen durch historische und persönliche Umstände geworfen werden, und auf den Strategien, die sie entwickeln, um damit umzugehen. Strategien der Höflichkeit und Repression, Strategien einer formbewussten Haltung, mit der sich auch so unberechenbare innere Regungen wie Trauer und Begehren überdecken lassen.
Jane Gardam ist erst spät zur Literatur gestoßen. Aufgewachsen in Yorkshire im Norden Englands, hatte Gardam zwar schon als Kind Geschichten geschrieben und sie im Kamin ihres Zimmers versteckt. Ihre Eltern zeigten jedoch wenig Interesse an ihren literarischen Ambitionen. Mit 17 erhielt sie ein Stipendium für das Bedford College in London, wo sie ihren Mann kennenlernte. Sie heirateten 1954, und bis auf kleinere Redaktions- und Bibliotheksarbeiten konzentrierte sich Gardam auf die Erziehung ihrer Kinder. »Ich konnte erst schreiben, als auch mein jüngster Sohn zur Schule ging«, erzählt sie der New York Times. »Ich habe gleich am Morgen des ersten Schultags angefangen und seitdem nicht mehr aufgehört. Ohne zu schreiben, hätte ich mich gelangweilt oder wäre untreu geworden, vielleicht beides, und meine Kinder wären furchtbar überbehütet gewesen.« Zunächst schrieb Gardam Kinderbücher. Ihr erster Erzählungsband, Black Faces, White Faces, der in Jamaika spielte, erschien 1974.
Aller zeitgeschichtlichen und schweren Stoffe zum Trotz war Gardams Stil von Anfang an modern. Ihre Sprache erinnert an kühles, sanft perlendes Mineralwasser – so klar ist sie und frisch. Menschen werden geboren und sterben, Kriege beginnen und enden, exotische Krankheiten sorgen für Unglück, die Geographie ganzer Kontinente verändert sich – und doch strahlt Gardams Stil sie durchgehend aus, jene Tschechow’sche Leichtigkeit. Es gelingt ihr, den Leser glauben zu machen, dass das, was auf der Buchseite steht, wirklich so passiert ist. Jede Figur, die sie beschreibt, wird vor dem inneren Auge zu einem lebendigen Menschen.
Hinzu kommt eine erzählerische Kunstfertigkeit, die singulär ist. Auf nicht weniger als fünf Zeitebenen erzählt Gardam die Geschichte von Filth, Betty und Veneering. Sie gehen ineinander über und lösen sich für den Leser fast unmerklich ab. Wie Gardam alle diese narrativen Fäden in der Hand hält, ist ungeheuer kunstvoll – und erscheint dabei völlig anstrengungslos. Wie bei einem Origamikunstwerk passt sie Kante auf Kante und faltet Ecke auf Ecke, ohne dass ersichtlich wird, in welche Richtung sie den Leser führt. Bis am Ende ein präzises und exotisches Meisterwerk vor einem steht.
Seit 1987 lebt Jane Gardam in Sandwich, einer malerischen Kleinstadt an der Südostküste Großbritanniens, zwei Zugstunden von London entfernt. Das historische Backsteinhaus, in dem sie wohnt, ist von einem Blumengarten mit Rosenbüschen und Buchsbaumhecken gesäumt. 2010 starb ihr Mann, seitdem lebt sie allein und verbringt den Großteil ihrer Zeit mit Schreiben und Besuchen bei Kindern und Enkelkindern in Dorset, Oxford und Boston. Sie blickt auf fast neun Jahrzehnte Leben zurück. Und was sie sagt, wenn sie sich in seltenen Interviews zu ihren Büchern äußert, ist von einer großen Gelassenheit und von ebenso großer Freundlichkeit geprägt.
Vielleicht muss man das Glück haben, so alt zu werden, um dem Leben mit einer solchen Haltung begegnen zu können. Ein untadeliger Mann ist nicht zuletzt ein Roman über das Alter, über das Gefühl einer Lebensphase, in der ein Mensch mehr Vergangenheit als Zukunft besitzt. Es ist ein Roman über die letzten Szenen des letzten Aktes, nicht nur eine Meditation über das Lieben, sondern eben auch eine über das Sterben und das, was es mit uns macht. Als Betty stirbt, bricht der betagte Filth trotz aller Warnungen seiner Haushälterin und seines Gärtners zu einer Reise durch England auf, um den Spuren seiner späten Kindheit und frühen Jugend zu folgen. Er gesteht es sich erst nicht ein, doch ihn treiben nicht nur die Trauer an und das vage Gefühl, nicht mehr viel Zeit zu haben, sondern auch schreckliche Erfahrungen, die viele Jahrzehnte zurückliegen und über die er nie sprechen konnte. Und so begreift der Leser, dass Filth – zu Deutsch: Schmutz – mehr war als ein Witz, dass Eddie Feathers sich tatsächlich lange zutiefst schmutzig gefühlt haben muss.
Lesen Sie Jane Gardam! Ihr Blick auf das Leben ist gnadenlos und liebevoll zugleich. Nur wenige Schriftsteller sind imstande, die Unsicherheiten und Selbsttäuschungen, die Verwirrungen und Verblendungen der Menschen des zurückliegenden Jahrhunderts so souverän auszuleuchten wie sie. Menschen, die ein oder zwei Weltkriege miterlebten, den Zusammenbruch aller bestehenden Ordnungen, und die sich dennoch verliebten, Karrieren hatten, Familien gründeten und Gemeinschaften aufbauten. Wenn Jane Gardam eine Botschaft hat, dann die, dass das, worauf es im Leben letztlich wirklich ankommt, Freundlichkeit und Empathie sind, Gemeinschaft und innere Integrität. Das ist nicht neu. Aber auf eine so berührende Art und Weise wie in Gardams Romanen hat man diese Botschaft noch nie gelesen.

Daniel Schreiber, 1977 geboren, ist freier Autor und schreibt u.a. in der Zeit, dem Philosophie Magazin, der Weltkunst und der taz. Er lebt in Berlin. 2015 erschien sein Buch Nüchtern bei Hanser Berlin.

Jane Gardam (Isabel Bogdan): Ein untadeliger Mann. Hanser Berlin, 345 Seiten, 22,90 €.
Als E-Book 16,99 €.

Übersetzerbarke an Elke Schmitter

Verband deutschsprachiger Übersetzer literarischer und wissenschaftlicher Werke e.V. / Bundessparte Übersetzer im Verband deutscher Schriftsteller (VS) in ver.di. PRESSEMITTEILUNG

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Übersetzerbarke 2015 an Elke Schmitter
Die Übersetzerbarke des Verbands deutschsprachiger Literaturübersetzer geht 2015 an die Literaturkritikerin und Autorin Elke Schmitter. Die Barke ist ein undotierter Preis in Form eines jährlich eigens neugeschaffenen Kunstwerks und zeichnet Persönlichkeiten des literarischen Lebens aus, die sich für die Sache der Literaturübersetzer stark machen.
Elke Schmitters offener und präziser Blick auf die Weltliteratur nimmt Themen, Komposition und sprachliche Gestaltung der von ihr besprochenen Werke wahr; überdies gehört sie zu den besonderen Literaturkennern, die im Falle übersetzter Werke mitreflektieren und ebenso floskelfrei-anschaulich wie kritisch beschreiben können, wie der Text ins Deutsche gebracht wurde. Ihre diesbezügliche Sprachsensibilität stellt sie seit Jahren auch bei Vorträgen zum Thema Übersetzen sowie durch ihre Mitgliedschaft in der Stipendienjury des Deutschen Übersetzerfonds unter Beweis.
Ob als Feuilletonistin für die taz, Die Zeit und die Süddeutsche Zeitung oder seit 2001 als Kulturredakteurin beim Spiegel – seit mehr als zwanzig Jahren demonstriert Elke Schmitter mit großer Differenziertheit und Selbstverständlichkeit, dass die Betrachtung des übersetzerischen Schaffens zur Literaturkritik gehört und diese weiterbringt.
Für ihr konstruktives und inspirierendes Wirken wird sie am 14. Oktober auf der Frankfurter Buchmesse im Zentrum für Literatur, Politik und Übersetzung „Weltempfang“ mit der Übersetzerbarke 2015 ausgezeichnet.
Die unabhängige Jury, bestehend aus Christiane Buchner, Frank Heibert und Tobias Scheffel, und der gesamte VdÜ gratulieren Elke Schmitter ganz herzlich!

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VdÜ Pressestelle
c/o Maria Hummitzsch / Nadine Püschel

presse@literaturuebersetzer.de – http://www.literaturuebersetzer.de

Warum es so wichtig ist, die Übersetzer zu nennen

Warum liest man ein Buch? Sicher aus ganz unterschiedlichen Gründen. Vereinfacht könnte man sagen: die zwei Hauptgründe, aus denen man ein Buch mag und liest (oder nicht mag und nicht liest), sind

1. die Geschichte und
2. die Sprache.

Für die meisten Leser dürfte beides eine Rolle spielen, in unterschiedlicher Gewichtung, je nach Buch; je anspruchsvoller die Literatur ist, desto mehr Wert legt man möglicherweise auf die Sprache. Wenn die Geschichte gut genug erzählt ist, wenn die sprachliche Gestaltung etwas Besonderes ist, dann kann der Plot auch ein schlichtes „boy meets girl“ sein, es ist trotzdem ein tolles Buch. Und umgekehrt: die beste Story nutzt nichts, wenn sie grauenhaft erzählt ist, wenn die Sprache nicht stimmt, wenn sie holprig ist und vor Fehlern strotzt.
Das ist der Grund, warum man als Leser zunächst mal wissen möchte, von wem ein Buch überhaupt stammt. Wir wollen wissen, wie der Autor heißt, denn möglicherweise kennen wir ihn, und dann ahnen wir schon, ob uns die Geschichte interessieren wird und uns die Sprache zusagt. Zumindest bei deutschen Autorinnen. Wenn das Buch aber eine Übersetzung ist, dann sagt mir der Autorenname vielleicht etwas über die zu erwartende Geschichte – aber um eine erste Ahnung zu bekommen, ob das Buch mir sprachlich zusagen könnte, muss ich wissen, wer es übersetzt hat. Möglicherweise sagt der Name des Autors einem überhaupt nichts, man weiß aber, dass die Übersetzerin oft tolle Bücher übersetzt, und dass sie das gut macht; dann guckt man es sich vielleicht an. Wenn man die Autorin toll findet, aber sieht, dass die Übersetzung von jemandem stammt, von dem man wenig hält, lässt man es. Man mag jetzt sagen, ich sei da ein Spezialfall, weil ich selbst Übersetzerin bin. Das glaube ich aber nicht. Auch meine nichtübersetzenden Freunde lesen Bücher – zumindest teilweise – der Sprache wegen. Und was mich angeht: Ich habe schon oft genug Bücher *nicht* gekauft, weil sie von bestimmten KollegInnen übersetzt wurden (deren Namen ich hier selbstverständlich nicht nenne, weil es eben Kollegen sind). Und umgekehrt: Krimis zum Beispiel interessieren mich überhaupt nicht, aber wenn „Wolf Haas“ draufsteht, kaufe ich sie. Ausschließlich wegen der Sprache, die Handlung ist mir komplett wurscht.

Es muss ja gar nicht jede Buchbesprechung auch eine fundierte und ausführliche Übersetzungskritik enthalten. Manchmal bietet sich das gar nicht an. Aber sobald ein Rezensent über die Sprache eines Buchs schreibt, muss er doch auch darauf hinweisen, dass es sich nicht um die Sprache des Autors handelt, sondern um die seiner Übersetzerin. Und dann muss er den Leser seiner Kritik wissen lassen, über wessen Sprache er da gerade schreibt. Und auch, wenn er nichts über die Sprache sagt, gehört der Hinweis auf die Übersetzerin zumindest ins Kleingedruckte, unten drunter, wo noch mal Autor, Titel, Verlag, Preis etc. genannt werden.
Aber nicht nur in Kritiken gehören die Übersetzer genannt. Sondern beispielsweise auch in Werbemaßnahmen von Verlagen, und das gilt bis in kleine Facebookeinträge – da liest man verblüffend häufig so etwas wie „jetzt endlich bei uns auf Deutsch erschienen“, als wäre die deutsche Version vom Himmel gefallen (oder um mich selbst zu zitieren: „Uns ist eine Übersetzung erschienen, Hallaluja!“). Eine Leserin, die sich für die sprachliche Gestaltung eines literarischen Werks interessiert, möchte da doch die wichtigste Angabe dazuhaben, nämlich: von wem sie denn nun stammt, die sprachliche Gestaltung. Weil das für jemanden, der die Sprache liebt, eines der wichtigsten Kauf- oder Nichtkaufargumente ist. Viel wichtiger als Preis oder Seitenzahl oder ISBN. Es nervt kolossal, wenn man bei jedem Hinweis auf ein Buch in Blogs oder den sozialen Netzwerken erstmal selbst rauskriegen muss, wer es denn übersetzt hat, um entscheiden zu können, ob man das Buch sofort kaufen oder vielleicht nur auf dem Schirm behalten oder gleich abhaken will.

Jeder Käufer eines Hörbuchs möchte wissen, wessen Stimme er hören wird. Ein Käufer klassischer Musik wählt nach Interpret aus. Genauso möchte die Leserin eines Buchs wissen, wessen Stimme sie lesen wird.

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Ach ja, FUN FACT zum Schluss: Der Übersetzer ist der Urheber der deutschen Fassung. Kein Dienstleister, der mal eben inches in Zentimeter umrechnet, das Ergebnis abliefert und dann nichts weiter damit zu tun hat. Und dass wir Urheber sind, bedeutet unter anderem, dass wir bei jedem Zitat genannt werden müssen. Ich sehe schon, das schreibt Ihr Euch jetzt alle schön hinter die Ohren, ne?

Neuerscheinung: Jonathan Evison, „Umweg nach Hause“

9783462046595Inzwischen habe ich knapp 50 Bücher übersetzt, und ich gestehe: ich habe durchaus nicht alle meine Kinder gleich lieb. Ich würde auch keine Top-Three vergeben wollen, aber dieses hier nimmt eindeutig einen der Spitzenplätze ein. Was für ein Buch! Wahnsinnig tragisch und genauso komisch, derb und berührend, man lacht und man schluckt. Und bevor ich jetzt vollends unsachlich werde, lasse ich lieber Jonathan Evison selbst etwas über die Hintergründe zu diesem Roman berichten (von mir übersetzt, gebloggt mit freundlicher Genehmigung von KiWi).

Liebe Leute, kauft dieses Buch, lest es, verschenkt es, verleiht es, bringt es unters Volk.
Übrigens wird es auch gerade prominent verfilmt. Ich hoffe, es wird ein großer Erfolg; nicht, weil ich dann reich würde, sondern weil es so toll ist.


Jonathan Evison: Lücken schließen

An dem Wochenende, als meine Schwester sechzehn wurde, fuhr sie mit ein paar Freunden nach Lucerne Valley in der Mojavewüste. In den zwei Wochen davor war diese Fahrt bei uns zu Hause Tischgespräch gewesen. Mein Vater war der Meinung, sie sei doch ein vernünftiges Kind, habe gute Noten, füttere ihre Haustiere zuverlässig und sei immer pünktlich zu Hause, also könne man ihr die Reise wohl erlauben. Meine Mutter hielt das für keine gute Idee. Sie traute den anderen Jugendlichen nicht. Sie waren eine wilde Meute.
Meine Schwester machte die Reise. Sie kehrte nicht zurück. Sie kam bei einem grauenvollen Autounfall ums Leben, als sie gerade sechzehn wurde. Der Unfall, dessen genauer Hergang nie zufriedenstellend geklärt wurde, zerriss unsere Familie. Meine Eltern ließen sich nach fünfundzwanzig Jahren Ehe scheiden. Ich verlor meine wichtigste Bezugsperson. Mein ältester Bruder hat zwei Jahre lang fürchterlich gelitten, und es hat ihn grundlegend verändert. Meine Familie spürt den Schock bis heute. Ich habe immer noch eine schwesterförmige Lücke im Herzen. Nach ein paar Bier lamentiert mein Bruder heute noch darüber, dass er ihr noch sieben Dollar schuldete, als der Unfall passierte. Die sieben Dollar waren ein Streitpunkt gewesen, der irgendwie mit dem Verkauf eines Zehn-Gang-Rads zusammenhing. Sie stritten sich heftig über das Geld, bis zu dem Tag, an dem sie losfuhr. Mein Bruder ist jetzt siebenundfünfzig und versucht immer noch, seine Schuld zu begleichen.
Es gibt Lücken in unserem Leben, die nicht geschlossen werden können – nicht vollständig, niemals. Aber wir haben keine andere Wahl, als es zu versuchen. Wir müssen weitermachen, im Angesicht schrecklicher Verluste, vernichtender Schuldgefühle und überwältigender Hoffnungslosigkeit. Aufgeben wäre der Tod. Mit dieser Einstellung lebe ich, seit ich fünf Jahre alt bin.
Ben Benjamin ist eine Figur, die wirklich alles verloren hat – seine Frau, seine Familie, sein Zuhause, seinen Lebensunterhalt. Gebrochen, pleite, vernichtet und ohne jede Hoffnung, nur noch ein Schatten seiner selbst. Fast zehn Jahre lang war er Hausmann und Vater, die Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt sind an ihm vorbeigegangen. Ben hat nicht viele Möglichkeiten und besucht einen Abendkurs über 28 Stunden mit dem Titel „Grundlagen der häuslichen Pflege“. Im überheizten Keller der Abundant Life Foursquare Church lernt er, wie man Katheter einführt, ohne sich strafbar zu machen. Er lernt, wie man sich professionell verhält, Grenzen zieht und einhält und wie man physischen und psychischen Abstand zum Patienten wahrt. Er lernt, dass häusliche Pflege auch nur ein Job ist.
Aber als er die Pflege des tyrannischen neunzehnjährigen Trev übernimmt, der unter einer fortgeschrittenen Muskeldystrophie vom Typ Duchenne leidet, stellt er fest, dass die zahllosen Eselsbrücken und Checklisten aus dem Kurs ihn nicht wirklich darauf vorbereitet haben, sich um einen sturen, verängstigten, sexuell frustrierten Heranwachsenden zu kümmern, der mit der gesamten Welt hadert.
Als ich anfing, diesen Roman zu schreiben, habe ich mir keine Roadstory vorgestellt. Ich wollte nie eine Roadstory schreiben – ich habe mich sogar gegen die Idee gesträubt. Aber die Figuren haben mich auf die Straße geschickt. Sie ließen mir keine Wahl, sie haben mich strampelnd und schreiend auf die Straße gezerrt. Es kam mir vor, als würden Ben und Trev ewig in Bens Van herumfahren, aber nie irgendwo ankommen. Sie steckten beide fest. Der Van musste sie irgendwo hinbringen. Und mich auch, nehme ich an. Denn das hat der Roman getan. Umweg nach Hause ist eine Geschichte des vollständigen Zusammenbruchs und schließlich der Wiederherstellung. Die desaströse Reise wird am Ende durch fünf Bundesstaaten geführt haben und eine Geburt, zwei Festnahmen, einen Moment des Kannibalismus, einen Sandsturm, einen Hagelsturm, mehrere Shitstorms und ein sechshundert Meilen währendes Katz-und-Maus-Spiel mit einem mysteriösen Skylark beinhalten.
Gepäck wird mitgenommen.
Herzen werden gewonnen und verloren.
Fehler werden verziehen.
Zukünfte werden begonnen.
Dieses Buch war eine emotionale Katharsis für seinen Autor. Ich habe es geschrieben, weil ich musste. Weil meine Schwester sich vor neununddreißig Jahren auf die Reise gemacht hat und nicht zurückgekommen ist. Und weil meine Familie immer noch nicht geheilt ist. Der Roman handelt von der Notwendigkeit, sich in diesen Van zu setzen, weil man keine andere Wahl hat, als sich einen Ruck zu geben und weiterzufahren, trotz aller grauenhaften Überraschungen immer weiterzufahren. Es geht um die Menschen und die Dinge, die man auf dem Weg zurück ins Menschsein einsammelt. Und am Ende ist Umweg nach Hause für mich der Van, in dem ich meine Schwester endlich nach Hause bringe.

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Jonathan Evison: Umweg nach Hause. Kiepenheuer und Witsch, 384 Seiten, 19,99 €
Auch als E-Book, 17,99 € (Affiliate-Links zur Buchhandlung Osiander)

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