Vater: Und wie heißt die Mutter von der Emma*?
Sohn: Mama. Die heißt Mama.
Vater: Mama? Die heißt doch nicht Mama, das ist doch nicht ihr Name.
Sohn: Doch, die Mutter von der Emma heißt Mama.
Vater: Ja, für die Emma. Aber für dich doch nicht, wie hast Du denn zu ihr gesagt?
Sohn: (nicht verstanden)
Vater: (nicht verstanden)
Sohn: Dann heißt sie bestimmt Frau Hansen.
Vater: Frau Hansen? Wieso Frau Hansen, hat sie denn keinen Vornamen?
Pause
Sohn: Papa?
Vater: Ja?
Sohn: In Wirklichkeit weiß ich gar nicht, wie sie heißt.
*Gibt es eigentlich sowas wie einen Elternkonsens, Kinder erst in höherem Alter in die Geheimnisse des Genitivs einzuweihen? Und noch dazu Vornamen mit Artikeln zu versehen, wie es sonst nur in ein paar Dialekten gemacht wird? Oder anders gesagt: warum sagen fast alle Eltern kleiner Kinder „Die Mutter von der Emma“ statt ganz normal „Emmas Mutter“?
Wenn ich mal berühmt bin und einen dieser Fragebögen ausfüllen muss, die berühmte Leute manchmal ausfüllen müssen, dann werde ich die Frage „Welche Eigenschaft schätzen Sie an Menschen besonders?“ mit „Begeisterungsfähigkeit“ beantworten. Begeisterungsfähigkeit schätze ich nämlich wirklich sehr, und dabei ist mir fast egal, wofür jemand sich begeistert. Wenn jemand irgendetwas aus vollem Herzen super finden kann, dann nimmt es mich sofort für ihn ein.
Natürlich sind mir auch andere Eigenschaften wichtig, natürlich möchte ich auch, dass meine Freunde ehrlich sind und Humor haben, zum Beispiel. Aber wenn ich jemanden neu kennenlerne, ist das erste, was mir positiv auffällt, eben die Begeisterungsfähigkeit. Man bemerkt sie ja auch meistens ziemlich schnell, viel schneller als Ehrlichkeit oder Humor (wenn wir mal davon ausgehen, dass Humor nichts mit Witzemachen zu tun hat, sondern eine Lebenseinstellung ist). Begeisterungsfähigkeit merkt man meist in fünf Minuten. Genauso das Gegenteil: wenn jemand immer nur kritisch ist und an allem was zu mäkeln hat und immer alles nicht so richtig toll findet – anstrengend. Nörgelheinis. (weiterlesen …)
Mit Ihrer lockeren Zunge schießen Sie schnell und scharf. Würden Sie bei Ihrer Kritik aber manchmal nicht lieber in die Tiefe gehen?
Ich komme ja aus der Tiefe. Ich habe lange übersetzt und halte an dem Glaubensbekenntnis fest, dass der Übersetzer der genaueste Leser eines Textes ist. Mitunter liest er ihn sogar genauer als der Autor, da er den Text von außen betrachtet, aber mit dem Zwang, ihn in seinen eigenen Worten wiedergeben zu müssen.
Wunderbares Interview mit Denis Scheck im Cicero: Kein Sex in Entenhausen.

Beziehungsweise ein Beitrag des lustigen Mannes. Der Mann sieht sich allerdings nicht so gern im Internet und hat sich ein bisschen getarnt. (Wer nicht weiß, was #609060 ist, bitte selbst googeln. Es geht um „Menschen in normaler Oberbekleidung“ oder so ähnlich.)
Ich habe mich verliebt. In einen 85jährigen.
Gestern Abend war er in Hamburg und hat seine Autobiografie vorgestellt. Ein Mann, der quasi alle großen Gestalten des 20. Jahrhunderts kennengelernt hat. Der mit Marlon Brando, Tony Curtis und Walter Matthau zusammen die Schauspielschule von Erwin Piscator besucht hat; der mit Bobby Kennedy und mit Martin Luther King befreundet war und Sätze sagt wie: „Jemand wie Dr. King ist mir nicht mehr begegnet, bis ich Nelson Mandela kennenlernte“; der bei seinem ersten Auftritt als Sänger von Max Roach und Charlie Parker begleitet wurde; der Miriam Makeba und Nana Mouskouri und Bob Dylan in ihrer Anfangszeit unterstützt hat; der in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung sehr aktiv mitgearbeitet hat; und der außerdem wunderbare Musik macht und seit Jahrzehnten ein Weltstar ist.
So alte Männer neigen ja oft dazu, ein bisschen selbstgefällig zu werden und hauptsächlich zu erzählen, was für ein toller Hecht sie sind. Was bei diesem Herrn sogar gestimmt hätte. Er ist ein so dermaßen toller Hecht, dass das Publikum aufsteht, als er den Saal betritt. Das finde ich erstmal ein bisschen übertrieben, standing ovations, ohne dass er auch nur ein Wort gesagt hätte. Das liegt aber nur daran, dass ich eigentlich gar nichts über den Mann weiß, ich weiß nur, dass er tolle Musik macht. So tolle Musik, dass wir sogar eine ganze CD von ihm besitzen, eine „Best of“ oder „Greatest Hits“ oder so, und die hören wir auch ganz regelmäßig, nämlich ungefähr einmal im Jahr in einer Sommerlaune.
Der alte Mann bleibt auf dem Weg zu seinem Platz auf der Bühne stehen und sieht ins Publikum. Er geht mit einem Gehstock, aber unglaublich aufrecht, er sieht das Publikum an und lächelt; ich weiß immer noch nichts über ihn, aber ich sehe diesen aufrechten alten Mann da stehen und lächeln und denke: wow. Harry Belafonte. Drei Meter vor mir. Und dann stehe ich auch auf.
Harry Belafonte singt an diesem Abend nicht. Er singt überhaupt nicht mehr, und das ist ebenso schade wie verständlich, der Mann ist 85. Er ist hier, um seine Autobiografie vorzustellen. Und das tut er mit einem Charme und einer Ausstrahlung, dass zwei Stunden lang alle an seinen Lippen hängen, obwohl der Abend auf Englisch abläuft. Er spricht langsam und deutlich, man versteht ihn gut, und er ist außerdem sehr strukturiert und konzentriert – alles nicht selbstverständlich in dem Alter. Und ungeheuer beeindruckend.
Zwischendurch liest Christian Brückner zwei- oder dreimal ein Stück aus der deutschen Übersetzung. Und da passiert es – ich habe überlegt, ob ich das hier rauslasse und es in einen eigenen Eintrag packe, weil es so gar nicht zu meiner sonstigen Begeisterung für diesen Abend und diesen Mann passt. Aber es gehört ja doch irgendwie hierher. Jedenfalls liest Christian Brückner also, Harry Belafonte hört ganz gebannt zu, obwohl er kein Wort versteht, und fragt Brückner, als er fertig ist: Wow, wer hat das denn geschrieben? Klang toll. Und dann witzeln die drei – Brückner, Belafonte und Moderator Christoph Amend –, haha, ja, wer hat das denn wohl geschrieben, Herr Belafonte? Aber nicht einer der drei kommt auf die Idee, dann doch mal zu sagen, von wem es denn nun ist, denn der deutsche Text ist ja in der Tat nicht von Belafonte (sondern von Kristian Lutze, Silvia Morawetz und Werner Schmitz), und dass das jetzt genau der Moment wäre, in dem man die Urheber der deutschen Fassung nennt. Sie werden auch zu keinem anderen Zeitpunkt des Abends genannt, ebensowenig wie Belafontes Co-Autor. Das regt mich uff, Entschuldigung, Berufskrankheit. Aber ist doch wahr!
Aber dann zwinge ich mich dazu, mich wieder abzuregen. Denn ansonsten ist der Mann wirklich umwerfend. Man bekommt den Eindruck, dass Körperhaltung und geistige Haltung miteinander einhergehen, und dass Harry Belafonte einfach ein aufrechter Mensch ist. Ja, ich weiß, wie groß das klingt. Außerdem ist er auch noch klug und charmant und hat einen guten Humor, ach, und übrigens sieht er auch noch sensationell aus. Und dieses Lächeln! Und dann spricht er über Liebe und Moral, über Moral in der Politik und über Gerechtigkeit. Die großen Themen, und Themen, bei denen normalerweise gleich meine Kitschalarmglocken schrillen würden, aber nicht bei Harry Belafonte, denn alles, was er sagt, wirkt: aufrecht. Und aufrichtig. Und durchdacht, und als hätte er danach gelebt, 85 Jahre lang. Und außerdem sagt er kein Wort zuviel.
Hinzu kommen ein paar kleine Gesten. Als Harry Belafonte darauf hinweist, wie wunderbar er Christian Brückner findet. Oder als seine Frau vorgestellt wird, die in der ersten Reihe sitzt, und das Publikum ihr applaudiert, und er ihr mitapplaudiert. Oder dass er, als drei junge MusikerInnen ihm überraschend zwei Lieder singen, darauf besteht, dass sie zu ihm kommen, dass er aufsteht, um sich bei ihnen zu bedanken, und ein paar Sätze mit ihnen wechselt. Dass er zum Schlussapplaus ebenfalls aufsteht, um sich für den Applaus zu bedanken.
Das wirkt alles nicht wie falsche Bescheidenheit oder gespielte Demut oder sonst ein Theater, sondern wie echte Freundlichkeit und Dankbarkeit ohne Übertreibung. Bisher mochte ich nur die Musik ganz gerne, aber jetzt weiß ich, wie sehr Harry Belafonte sich für Gerechtigkeit und Bürgerrechte engagiert hat. Die Geschichten, die er erzählt, kommen aus einer ganz anderen Welt; Rassentrennung, die ganz reale Gefahr durch den Ku Klux Klan, mein Gott, das ist doch total irre. Es steht im Buch, und er sagt es: dass er zornig ist, und dass der Zorn auf die Ungerechtigkeiten der Welt sein Handeln angetrieben hat. Zu spüren ist von diesem Zorn allerdings nichts. Zu spüren sind Freundlichkeit und Güte und eine Art Grund-Vergnügtheit. Und ein funkelnd humorvoller, klarer Verstand. Ein ebenso berührender wie inspirierender Abend.
Nachhören kann man den Abend am Ostersonntag Abend um 20.00 Uhr im NDR-Radio.
Joachim Mischke vom Abendblatt hat Belafonte nachmittags schon interviewt. (Bezahlschranke umgehen: „So und nicht anders, ein Leben lang“ googeln.) Meine Lieblingssätze aus dem Artikel:
„Die Jahrhundert-Persönlichkeit sagt genau so lange nichts, wie es braucht, um am liebsten von ihm adoptiert zu werden und Nachhilfeunterricht zum Thema Coolness zu erflehen.“
Und „einen jüngeren 85jährigen muss man sehr lange suchen.“
Ja. Und ja. Was für ein Mann.
Harry Belafonte, Michael Shnayerson (Kristian Lutze, Silvia Morawetz und Werner Schmitz): My Song. Die Autobiographie. Kiepenheuer und Witsch, 24,99 €
E-Book 21,99 €
Und im April kommt der Film Sing your Song in die Kinos. Will ich sehen!
Noch eine schöne Geschichte: Herr Paulsen hat ihn mal getroffen.
NACHTRAG: Benjamin Hüllenkremer war auch da und hat Fotos gemacht. Ich finde, auf den Bildern sieht man schon, was ich meine.