Lyrikpostkarte

Ich bin natürlich nicht die einzige, die sich gerade um Lyrik bemüht – Anne Schüssler hat nämlich etwas ganz Tolles angefangen, sie bedichtet Postkarten. Das heißt, sie schreibt Gedichte über das, was vorne drauf ist, und verschickt die Karten dann. Die erste ging an Kiki, und die zweite habe ich bekommen! Hurra! Vielen Dank, Anne!
Vorne drauf ist, sehr schön passend zum lyrischen Thema der letzten Tage, Köhlers Schwein von Michael Sowa. Und gedichtet hat Anne natürlich Limericks, das wäre ja quasi gar nicht anders gegangen. Gleich drei Stück!

sowaschwein

I
Ein sportliches Ferkel aus Bergheim,
das wollte viel lieber ein Fisch sein.
Drum sprang es ins Wasser
doch wurd es nur nasser
und metamorphierte zum Schwimmschwein.

II
Eine ehrgeiz‘ge Sau aus Neuwilen,
der die Wettbewerbsregeln missfielen,
trainierte doch heiter,
schwamm schneller und weiter,
und träumt nachts von olympischen Spielen.

III
Ein Altbademeister aus Lahr,
der wusste nicht, wie ihm geschah,
als vom Einmeterbrett
sehr grazil und adrett
ein Schwein in den See sprang, echt wahr!

(Es spräche vermutlich rein gar nichts dagegen, wenn auch da noch jemand mitspielen wöllte. Wo ihr gerade so schön in Schwung seid und ich arbeiten muss.)

Auf besonderen Wunsch eines einzelnen Herrn

Ein Blogkommentator aus Hessen
wollt Anstand und Sitte vergessen,
die schmutzige Dichtung
war eher seine Richtung,
da warn Blogs wohl die rechten Adressen.

Gebt’s zu, Ihr anderen habt nur drauf gewartet, dass irgendwer es als erster sagt. Also dann: die Schweinkram-Limerick-Challenge. Dann legt mal los.

Zur Erinnerung: NicWest hat mal aufgeschrieben, wie ein Limerick geht. Reimschema aabba, drei Hebungen in den Zeilen 1, 2 und 5, und nur zwei Hebungen in den Zeilen 3 und 4. Alles klar?

HAM.LIT

hamlit_plakat_200Ach, das ist immer schön: HAM.LIT im Uebel und gefährlich. „HAM.LIT“ bedeutet, dass auf drei Bühnen im Halbstundentakt insgesamt fünfzehn Autoren lesen, und zwar – bei aller sonstigen Coolness – pünktlich. Anders würde es auch gar nicht gehen. „Uebel und gefährlich“ bedeutet, dass es stockduster ist und dadurch irgendwie kuschelig, obwohl wir uns im Bunker befinden. Und zwischendurch und hinterher gibt’s Musik.
Ansonsten ist das tatsächlich die literarische Großveranstaltung des Jahres, auf die sich alle schon lange vorher freuen, ich mich auch. Eine große Literaturparty, ein „man trifft sich“, und ich genieße es sehr, dass auch ich hier Leute kenne, und denke zum einemillionsten Mal in den letzten siebeneinhalb Jahren: Mann, wir haben mal in Coesfeld gewohnt. Was bin ich froh, dass wir jetzt hier sind. Fünfzehn tolle Autoren auf drei Bühnen in einem coolen Club. Und dann hole ich mir noch ein Alster und höre irgendwem zu.
Und zwar dieses Jahr Tilman Rammstedt, Donata Rigg, Kevin Kuhn, Sascha Reh, Friederike Gräff, Matthias Nawrat, Inger-Maria Mahlke und Daniela Chmelik. Teilweise bin ich mitten in der Lesung zu einer anderen Bühne gewechselt – mal deswegen, weil mich beide interessierten, mal eher, weil mich der erste langweilte. So eine richtig große Neuentdeckung war für mich dieses Jahr nicht dabei; aber auch keine Ausfälle, das war schon alles ganz schön gut. Ich habe allerdings mal wieder festgestellt, dass ich auf Lesungen gern unterhalten werden möchte. Ernsthafte Literatur lese ich lieber allein abends im Bett, aber auf Lesungen wird mir das schnell zu schwer, vor allem kann ich da nicht gut zuhören, meine Gedanken wandern immer schnell wo anders hin. Auf Lesungen lache ich lieber. Was bedeutet, am meisten Spaß hatte ich tatsächlich an Tilman Rammstedt, obwohl ich die Texte alle schon kannte, aber in den bin ich ja bekanntermaßen sowieso verliebt, das kam also nicht überraschend. Außerdem war er der erste, da war ich noch frisch.
Ansonsten: gute Texte gehört, nette Leute getroffen, Schwätzchen gehalten, Bierchen getrunken. Man sollte viel mehr solche Partys haben, solche „man sieht sich“-Veranstaltungen, ich liebe sowas. Mich ein bisschen treiben lassen, hier zuhören, da weghören, dort noch jemanden treffen, den ich auch viel zu lange nicht gesehen habe, das ist doch herrlich. Als ich nach Hamburg zog, gab es drei größere Lesereihen, Transit, Kaffee.Satz.Lesen und den Macht-Club. Sie sind ungefähr in dieser Reihenfolge verstorben, glaube ich, das ist sehr schade.
Für den 6. Februar 2014 schreibe ich jetzt schon „HAM.LIT“ in meinen Kalender und hoffe, Euch da alle zu sehen.

Nora Gomringer meets Wortart Ensemble

Lyrik ist ja immer so eine Sache. Für mich ist Lyrik ja sowas wie Pralinen. Also: schwierig.
Und jetzt bin ich letzte Woche mehr oder weniger zufällig bei Nora Gomringer im Hamburger Literaturhaus gelandet, wo sie zusammen mit dem Wortart Ensemble auftrat. Und wenn selbstgelesene Lyrik schon schwierig ist, dann sind Dichterlesungen noch eine Nummer schwieriger – oft genug bin ich schon nach einem halben Gedicht nicht mehr bei der Sache. Meine drei Begleiter – der lustige Mann, Maximilian und Ina – sagen, es geht ihnen genauso.
Aber an diesem Abend kommt Nora Gomringer, und dann kommt das Wortart Ensemble, und wir sitzen anderthalb Stunden am Stück vorne auf der Stuhlkante und hören gebannt zu und sind hinterher erstmal sprachlos. Anders gesagt: wow. Alles.
Keine Ahnung, wie Nora Gomringers Gedichte sind, wenn man sie selbst liest. Aber wenn sie sie vorliest, dann … schon die falsche Vokabel. Das ist kein Vorlesen, das ist ein Vortrag, das ist Deklamieren im allerbesten Sinne, es ist, als hätte sie nebenbei auch noch eine Schauspielausbildung, und es ist, nun ja, wahrscheinlich ist es genau das: sie steht hinter jedem Wort, das sie geschrieben hat. Nora Gomringer hat etwas zu sagen. Sie liest vor, sie schreit und flüstert und raunt, sie plaudert und freut sich und lacht und weint fast, und zwischendurch singt sie sogar, und das Publikum hängt ihr an den Lippen und ist durch und durch fasziniert und mucksmäuschenstill, außer wenn es lachen muss.
Zwischendurch singt das Wortart Ensemble – fünf erstaunlich junge Leute aus Dresden, drei Frauen und zwei Männer, die auf ihre Weise Lyrik vertonen und a capella singen. Gedichte von Mascha Kaléko und Wolf Wondratschek und Nora Gomringer. Und da bekommt jedes Gedicht einen eigenen Sound, der aber gleichzeitig der eigene Sound des Wortart Ensembles ist, und dieses Ensemble ist unfassbar großartig. Rhythmisch und harmonisch ist das alles höchst anspruchsvoll, und sie singen so wunderbar, so überzeugt und so überzeugend, und so voller Wärme und Begeisterung für das, was sie da tun, dass mir zwischendurch kurz das Wasser in die Augen steigt, weil das alles so unglaublich großartig ist. Und sich so toll mit Nora Gomringer ergänzt, die teilweise ein paar Töne mitsingt, teilweise reinspricht, die meiste Zeit aber nur zuhört und genauso gebannt ist wie der Rest des Publikums – aber sie und das Ensemble sind schon eine Weile lang zusammen unterwegs, sie kennt das alles schon, aber das macht nichts, man merkt ihr an, wie begeistert sie immer noch von der Arbeit dieses Ensembles mit ihren Texten ist.
Und inhaltlich – kein Marzipan. Nora Gomringers Gedichte sind nun wirklich alles andere als platt oder oberflächlich, aber sie haben eben auch nicht dieses Bedeutungsschwangere, dieses demonstrativ Tiefsinnige, dieses „seht her, wie klug und intellektuell und voller Schmerz ich bin“, das so viele Gedichte haben. Sondern sie haben ganz viel Herz und Hirn und Humor, und vor allem, und das ist ja immer das allerwichtigste an Lyrik: der Rhythmus. Der Rhythmus! Boah, wow, der Rhythmus.
Und als wäre das nicht alles schon großartig genug, erzählt sie zwischendurch auch noch die zauberhaftesten Dichter-Dönchen, die ich je gehört habe. Von der Abiturientin, die sie anrief, weil der Deutschlehrer mit ihrer Interpretation von Das Herz nicht einverstanden war, und die sich jetzt Rückendeckung von der Dichterin selbst holte. Oder von dem Gynäkologen, der ihr Gedicht Bilderbuchuterus in seiner Praxis unter die Decke geschrieben hat. Ich schätze, ich bin jetzt ein bisschen in Nora Gomringer verliebt. Was für eine Frau.

Und ihr müsst jetzt leider kurz stark sein: der Auftritt im Hamburger Literaturhaus war der letzte der gemeinsamen Reise. Aber sowohl Nora Gomringer als auch das Wortart Ensemble treten natürlich weiterhin auf: hier sind Noras Termine und hier die des Wortart Ensembles. Geht da hin, wenn es geht. Ehrlich.

Für mich ist Lyrik sowas wie Pralinen

Für mich ist Lyrik sowas wie Pralinen.
Sie kommen hübsch verpackt daher,
im Leinenband mit Lesebändchen,
goldgeprägtem Pappkarton.
Für mich ist Lyrik sowas wie Pralinen.
Man staunt sie erstmal eine Weile an.
Und dann probiert man eine.

Vielleicht zergeht sie auf der Zunge,
überrascht mit ganz speziellen Noten,
die sich erst nach und nach entfalten,
sie ist vielleicht ein wenig bitter
und vielleicht ein wenig süß
und vielleicht ein wenig herb,
man genießt das, man entdeckt, man staunt.
(Außer es ist überraschend Marzipan drin, dann ist es natürlich Mist.)

Für mich ist Lyrik sowas wie Pralinen.
Die erste war womöglich gut
womöglich sogar wundervoll
womöglich auch nur ganz okay,
und man isst noch eine.
Doch bei der zweiten Schokokugel
schmeckt man schon nicht mehr ganz so gründlich hin,
da entgehen einem schon die feineren Nuancen.
Aber lecker ist es immer noch.
Für mich ist Lyrik sowas wie Pralinen.

Die dritte isst man dann noch schneller,
und ab der vierten ist es Völlerei,
da verschleimt die klebrigsüße Schokolade
einem schon den Kopf.
Bei der achten spätestens wird einem schlecht,
und man weiß genau:
man hätte einfach nur die eine essen sollen,
denn die war wirklich gut.
Die achte war das sicher auch,
der achten tut man schrecklich Unrecht,
das hat sie nicht verdient.
Für mich ist Lyrik sowas wie Pralinen.

Ich möchte sie in ganz, ganz kleinen Häppchen.*
Und Marzipan geht gar nicht,
das tut ja nur so tiefsinnig und edel,
in Wahrheit ist es plumpe Augenwischerei,
süß und klebrig und igitt,
da hilft auch dunkle Schokolade drumherum nichts.
Geht mir weg mit eurem Marzipan,
Bedeutungshuberei macht mich allergisch.
Für mich ist Lyrik sowas wie Pralinen.

[*Außer sie ist von Nora Gomringer und wird mir von ihr vorgelesen. Aber dazu später mehr.]