Daniel Schreiber: Nüchtern

HB Schreiber_978-3-46-24650-8_MR.inddWow. Was für ein Buch. Ein Buch über Alkoholismus. Ich habe es gelesen, weil Daniel Schreiber ein Vorwort zu meiner demnächst erscheinenden Übersetzung geschrieben hat, und ich war so begeistert von diesem Vorwort, dass ich ihm erstens schnurstracks meine Facebookfreundschaft angetragen habe und meine Lektorin mir zweitens sagte, sie könne mir auch sein Buch schicken, das sei nämlich ebenfalls großartig.
So. Und damit habe ich mich jetzt quasi gerechtfertigt, warum ich ein Buch über Alkoholismus lese, denn ich will natürlich nicht, dass ihr denkt, ich hätte etwa ein Alkoholproblem. Ihr sollt nicht denken, dass ich zu viel trinke, und ihr sollt auch nicht denken, dass ich gar nicht trinke, denn trinken, das tut man doch, und zwar gerne, aber vernünftig und in Maßen, nicht wahr. Aber man trinkt, natürlich trinkt man, man genießt das ja, ein schönes Glas Wein zum Essen, Sekt zum Feiern, Bier zum Grillen und so weiter. Man gönnt sich was. Und wer nicht trinkt, ist entweder ein genussfeindlicher Spießer und verklemmter Spielverderber, oder, was vermutlich noch schlimmer ist: trockener Alkoholiker. Beides irgendwie verdächtig.
Das ist ein ziemliches Dilemma: dass die Gesellschaft – und jeder von sich selbst – erwartet, dass man trinkt, aber bitte nur so viel, wie es „Spaß“ macht und irgendwie vertretbar ist. Zum „Problem“ soll es bitteschön nicht werden. Nur: Je mehr man trinkt, desto mehr lernt das Gehirn das Trinken und wird krank. Dieses Paradoxon arbeitet Daniel Schreiber in seinem Buch sehr viel eloquenter heraus. Ebensowie die damit zusammenhängende Tatsache, dass es sich beim Alkoholismus um eine Krankheit handelt.

Von einer Gesellschaft, die sich kollektiv den Genuss eines Rauschmittels erlaubt, würde man eigentlich erwarten, dass sie nicht auf die Menschen herabschaut, die ein Problem mit dem Konsum dieser Droge haben und davon krank werden. Vielleicht kommen wir als Gesellschaft, wie bei unserem Verständnis von Krebs und Tuberkulose, irgendwann einmal tatsächlich an diesen Punkt. Doch zurzeit ist Alkoholismus bei uns immer noch eine der Krankheiten, für die man sich schämen muss. Was tragisch ist. Denn möchte man die Chance haben, diese Krankheit zu überleben, muss man als Erstes aufhören, sich dafür zu schämen, dass man sie hat. (S. 77)

Schreiber legt die Soziologie und die Neurologie des Trinkens dar, und und das tut er anhand seiner eigenen Trinkergeschichte. Diese eigene Geschichte ist aber nie Selbstzweck, sondern ausschließlich Mittel zum Zweck – Schreiber schont sich dabei nicht, macht sich aber auch nicht unnötig nackig, er bleibt immer sachlich. Was dem Buch natürlich ausgesprochen guttut. Gleichzeitig schafft er es, über Scham zu schreiben, ohne dass man sich fremdschämen muss; auch das geht nämlich durchaus sachlich. Überhaupt ist das alles sehr, sehr klug, hervorragend recherchiert, mutig, klar und glänzend geschrieben. Wirklich beeindruckend.
Als ich fertig war mit Lesen, fragte der lustige Mann: Und? Er sagt bestimmt, wir sind auch schon Alkoholiker, hm? Nein, tut er nicht. Schreiber sagt überhaupt nicht, was man ist oder nicht ist, was man tun oder lassen soll, wieviel man trinken „darf“ oder was „normal“ ist, oder wo womöglich irgendeine Grenze verläuft. Er stellt die Folgen des Trinkens dar, die irreversiblen Auswirkungen von Alkohol auf das Gehirn, die Entwicklung, die sich daraus unvermeidlich ergibt, ebenso wie diejenige, die sich schlimmstenfalls ergeben kann. Daran koppelt er aber weder Urteile noch Ratschläge. Das ist nämlich ein sehr, sehr kluges Buch, sagte ich das? Lest es ruhig. Freundlicherweise hat es auch nur 150 Seiten, das geht prima an zwei Abenden. Und hinterher ist man garantiert klüger.

Daniel Schreiber: Nüchtern. 150 Seiten. Hanser Berlin, 16,90 €
Auch als E-Book, 12,99 €

Indiebookday

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Der Indiebookday war eine hervorragende Gelegenheit, endlich das neue Ladenbüro von mairisch und devilduckrecords zu besuchen. Immerhin stammt die ganze Idee zum Indiebookday von den mairischs, wir waren also in the very heart of indiebookday, bei About songs and books in der Schwenkestraße, wo großartige Leute großartige Bücher machen und verkaufen, andere großartige Leute großartige Platten (nehme ich an; ich kenne weder die Leute, noch die Platten, aber sie sehen auch toll aus), und wo Siebdrucke von Grace Helly an der Wand hängen, die man am liebsten alle sofort haben möchte, und wo überhaupt alles schön und cool ist. Und Saft und Kekse gab es auch, und Stevan und seine Frau waren da, und Peter Reichenbach von mairisch sowieso, und überhaupt: alles so, wie es soll. Ich bin mit drei Büchern wieder rausgekommen und sehr glücklich.

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Morgen ist Indiebookday!

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Indiebookday geht so:
Geht am 21.03.2015 in einen Buchladen Eurer Wahl (gerne einen unabhängigen) und kauft Euch ein Buch aus einem unabhängigen/kleinen/Indie-Verlag. Was Indie-Verlage sind, wird z.B. im Blog von Wibke Ladwig erklärt.

Danach postet Ihr in Euren Blogs und in den sozialen Netzwerken (Facebook, Twitter, Google+, instagram) ein Foto des Covers, des Buches, oder von Euch selbst mit dem Buch. Hashtag #Indiebookday.

Mehr gibts bei beim Klick auf das Logo. Weitersagen!

Ernest van der Kwast (Andreas Ecke): Fünf Viertelstunden bis zum Meer

Neulich bekam ich überraschend eine Einladung vom mare-Verlag. „Oh“, sagte der lustige Mann, „für den berühmten mare-Abend?“ Er war durchaus neidisch, und ich hatte keine Ahnung, was „der berühmte mare-Abend“ überhaupt ist.
„Der berühmte mare-Abend“ ist eine Veranstaltung für Buchhändler und Journalisten. Und zu Recht berühmt! Zwei Autoren waren persönlich da und lasen jeweils ein kleines Stück aus ihren Büchern, nämlich Ulrike Draesner und Ernest van der Kwast. Außerdem war Axel Milberg da und las aus zwei anderen Büchern, zwei Übersetzungen. Programmleiterin Katja Scholtz stellte im Schnelldurchlauf vier weitere Bücher vor, und das machte sie dermaßen pointiert und kompetent und begeistert, dass man die Bücher sofort alle lesen wollte. Und auch noch alles mit Eins-A-Übersetzerwürdigung. Das Programm dauerte ca. eine Stunde, dann gab es guten Wein, gutes Essen, gute Gespräche, und am Ende bekam man noch eine Tüte mit ein paar Büchern und der Vorschau und einem mare-Magazin mit nach Hause und hatte einen wirklich schönen, informativen, anregenden und leckeren Abend.

KwastMeerUnd zu Hause habe ich dann gleich das Buch von Ernest van der Kwast gelesen. Der Autor hatte persönlich daraus vorgelesen, auf Deutsch, und er hat natürlich einen niederländischen Akzent. Rrrrrr. Außerdem war die Stelle, die er vorgelesen hat, so charmant, dass ich gleich weiterlesen wollte, da streiten sich nämlich Giovanna und ihre Schwester um den einzigen Badeanzug, den sie haben. Der Badeanzug zerreißt in der Mitte, und Giovanna geht folglich im Zweiteiler an den Strand. Und das im Jahr 1945 – ein Jahr, bevor der Bikini erfunden wurde – am Stiefelabsatz von Italien. Am Strand liegt der junge Ezio, sieht sie aus dem Meer steigen und ist bezaubert. Er fasst sich ein Herz, spricht sie an, macht ihr einen spontanen Heiratsantrag, den sie nicht beantwortet, und sie verbringen einen leidenschaftlichen Sommer miteinander. Als sie auf seinen zweiten Antrag auch nicht reagiert, geht Ezio vor lauter Kummer fort. Er geht so weit weg, wie es nur geht, bis nach Südtirol, und wird Apfelpflücker. Sechzig Jahre später bekommt er einen Brief von Giovanna.
Ein schmales Büchlein, 95 Seiten, und ach Gott, was ist das alles schön und traurig und anrührend, und dann möchte man die beiden zwischendurch schütteln, damit sie zur Besinnung kommen. Annemarie Stoltenberg schreibt, das sei „haarscharf am Kitsch entlang gesegelt“ und das stimmt, aber es ist eben dran entlang und nicht mittendrin, und hinterher ist einem ganz warm und man wird ganz melancholisch. So eine schöne Liebesgeschichte. (Und Plausibilität wird eh überschätzt.) Wer einfach mal etwas fürs Herz möchte: Hier bitteschön. Es ist einfach zu schön. Und übersetzt ist es von Andreas Ecke, der auch schon Gerbrand Bakker so wundervoll übersetzt hat und von dem ich bedenkenlos alles kaufen würde, weil er nämlich einen Ton treffen kann.

Ernest van der Kwast (Andreas Ecke): Fünf Viertelstunden bis zum Meer. mare, 95 Seiten, 18,00 €

Neuerscheinung: Jasper Fforde, Die letzte Drachentöterin

Es begab sich aber vor einer Zeit, genauer gesagt: vor viereinhalb Jahren, dass mich ein Lektor anrief, den ich flüchtig kannte. Er lese mein Blog, sagte er, und er habe da ein Buch zu übersetzen, von dem er meint, es müsse was für mich sein, es handle sich um ein Jugendbuch mit Zauberei und so. Mein lieber freundlicher Mensch, dachte ich, wenn Du mein Blog läsest, könntest Du wissen, dass Jugendbücher mit Zauberei ungefähr das letzte sind, was mich literarisch interessiert. Aber es war der Eichborn-Verlag, für den ich noch nicht gearbeitet hatte, und der nette Lektor, für den ich noch nicht gearbeitet, von dem ich aber nur Gutes gehört hatte, und es war Jasper Fforde. Also sagte ich: Schick mal, ich guck mal rein. Nicht glaubend, dass das wirklich was für mich sein könnte.

7a1821a42699626fUnd dann habe ich beim Übersetzen dauernd gelacht und mich gefreut und mich immer mehr für dieses Buch begeistert. Das ist eine wirklich tolle Geschichte, und wo besagter Lektor auf jeden Fall goldrichtig lag: Genau mein Humor. Es geht um Jennifer Strange, die die Zaubereiagentur Kazam leitet, in der die Zauberer auch alle wohnen. Die Zauberei geht insgesamt in unserer heutigen modernen Welt ja stark zurück, man braucht sie kaum noch, wir haben ja die moderne Technik, aber es ist auch so, dass die Kraft der Magie einfach insgesamt stark gesunken ist. Einstmals mächtige Zauberer können nur noch irgendwas, etwa eine Tüte Chips zum Platzen bringen, ohne sie anzufassen, aber das nutzt halt niemandem etwas. Oder: Es gibt bei Kazam zwei Leute, die Teppiche fliegen können. Das Luftfahrtministerium hat aber aus Sicherheitsgründen die Personenbeförderung mit Teppichen untersagt, sodass den beiden Teppichfliegern jetzt nichts anderes übrig bleibt, als Pizza auszuliefern.
Und so weiter. Ganz, ganz großer Spaß. Und ziemlich klug noch dazu.
Ich habe das also mit großer Begeisterung übersetzt, habe abgegeben, als eine der letzten noch Geld vom insolventen Verlag bekommen, und dann war Eichborn pleite. Und es dauerte und dauerte, bis sie schließlich von Lübbe übernommen wurden, und dann dauerte es nochmal, und jetzt, nicht mal vier Jahre nachdem ich abgegeben habe, ist es also endlich da, beim Lübbe-Jugendbuchableger „one“.
Warnung: Es handelt sich um den ersten Band einer Trilogie. Da kommt also noch was nach. (Allerdings nicht von mir übersetzt.)

Jasper Fforde: Die letzte Drachentöterin. Lübbe one, 252 Seiten, 14,99 €.
Als E-Book 11,99 €.