Shortlist zum Preis der Leipziger Buchmesse

Da sind die Nominierungen für den Preis der Leipziger Buchmesse! Nämlich

in der Belletristik:

Per Leo: Flut und Boden. Roman einer Familie

Katja Petrowskaja: Vielleicht Esther

Fabian Hischmann: Am Ende schmeißen wir mit Gold

Martin Mosebach: Das Blutbuchenfest

Saša Stanišić: Vor dem Fest
 
 
Bei den Übersetzungen:

Paul Berf mit Karl Ove Knausgård (Norwegisch): Spielen

Robin Detje mit William T. Vollmann (Englisch): Europe Central

Ursula Gräfe mit Haruki Murakami (Japanisch): Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

Hinrich Schmidt-Henkel mit Denis Diderot (Französisch): Jacques der Fatalist und sein Herr

Ernest Wichner mit Varujan Vosganian (Rumänisch): Buch des Flüsterns
 
 
Im Sachbuch:

Diedrich Diederichsen: Über Pop-Musik

Jürgen Kaube: Max Weber: Ein Leben zwischen den Epochen

Helmut Lethen: Der Schatten des Fotografen

Barbara Vinken: Angezogen: Das Geheimnis der Mode

Willemsen, Roger: Das Hohe Haus: Ein Jahr im Parlament
 
 
Das klingt natürlich mal wieder alles spannend. Allerdings: In allen drei Kategorien sind vier Männer und eine Frau nominiert. Irrer Zufall.

Sehr geehrter Herr Scholz,

ich wohne in der Wohlwillstraße auf Sankt Pauli. Mit meinem Mann und unserem fünfjährigen Sohn. Wenn ich aus dem Fenster sehe, sehe ich normalerweise buntes, manchmal wildes, aber immer liebenswertes Leben auf der Straße. Wenn ich zurzeit aus dem Fenster sehe, sehe ich, wie mein Viertel zu Klump gehauen wird. Wie unsere Straße jeden Abend von Leuten als Kulisse für ihre Katz-und-Maus-Spielchen missbraucht wird, sobald unsere Kinder im Bett liegen – falsch, manchmal warten sie nicht mal so lange: Ein Freund meines Sohnes bekam vor ein paar Tagen einen Böller vor die Füße geschmissen, einfach, weil er gerade da war. Der Junge ist fünf.
Was fünfjährige Jungs wissen, offensichtlich ganz im Gegensatz zu denen, die hier im Moment aufeinanderprallen: Wenn keiner nachgibt, hört der Streit nicht auf. Das ist eine essentielle Erkenntnis, daraus entsteht Zivilisation. Bei jungen Männern mit erhöhtem Testosteronstand kommt das aber oft schwer an.
SBuchholz2_Gerald von ForisGestern Abend habe ich versucht, mit ein paar von denen zu reden. Sie können sich vielleicht vorstellen, dass das Gelächter groß war. Auf beiden Seiten. Ich glaube, sowohl die martialisch verpackten Polizisten auf unseren Straßen als auch manche der allabendlichen Demonstranten haben gerade – pardon – verdammt dicke Eier in der Hose. Da wird keiner freiwillig nachgeben.
Aber: Was soll das dann werden? Wo soll das hinführen? Soll das jetzt so weitergehen? Und wie lange noch? Bis einer heult? Soll es das sein, wofür Hamburg steht: Wuchermieten, Helmpflicht für alle und enttäuschte Gesichter?
Diese Stadt hat eine Menge Probleme. Es ist kompliziert. Ich habe keine Lösungsvorschläge, es ist auch nicht mein Job, die zu haben (es ist Ihrer). Ich weiß nur: Gewalt ist ein ganz mieser Trick, der nicht funktioniert.

Herr Scholz, Sie sind mein Bürgermeister. Sie sind der, dem ich glauben und vertrauen möchte. Sie sind der, der mir eine Stimme geben sollte. Warum sind Sie so still? Warum ducken Sie sich auf so merkwürdige Art weg? Verstecken Sie sich etwa hinter Herrn Neumann?
Finden Sie, dass das ein gutes Versteck ist? Falls Sie nur nicht wissen, was Sie sagen sollen, kann ja mal passieren, habe ich einen heißen Tipp für Sie: Es ist gerade nicht die Zeit für Gesetze. Es ist Zeit für Größe. Für politisches Gefühl. Für drei bis fünf Fingerspitzen. Geschichtsbuch aufschlagen und mehr Willy wagen, Herr Scholz!

Bitte verzichten Sie darauf, meinen Brief von einem Ihrer Pressesprecher beantworten zu lassen. Ich brauche keine Antwort von Ihnen. Ich erwarte, dass Sie Format zeigen.

Mit verstörten Grüßen aus der Gefahreninsel
Simone Buchholz

Erschienen heute in der Hamburger Morgenpost. Kommt jetzt einen Hauch zu spät, denn gestern wurden die letzten „Gefahreninseln“ aufgehoben. Trotzdem: die Lage bleibt weiterhin kompliziert, und jemand muss als erster aufhören mit der Gewalt, ganz wie bei den Fünfjährigen.

(Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von Simone Buchholz.)

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